Stadtkirche Wittenberg Antisemitische Schmähplastik muss laut BGH nicht entfernt werden

Das antisemitische Schmähplastik an der Stadtkirche Wittenberg darf bleiben. Der Bundesgerichtshof hat am Dienstag das Urteil über die als "Judensau" bekannt gewordene Plastik verkündet.

Antisemitisches Relief, sogenannte Judensau-Skulptur an der evangelischen Stadtkirche in Wittenberg, an der einst Martin Luther predigte
Die Schmähplastik, die als "Judensau" bekannt wurde, wird laut BGH-Urteil durch eine Bodenplatte und einen Aufsteller ausreichend eingeordnet. Bildrechte: imago images/Winfried Rothermel

Der Bundesgerichtshof hat sein Urteil zur antisemitischen Schmähplastik an der Stadtkirche Wittenberg gesprochen: Das als "Judensau" bekannt gewordene Relief darf hängen bleiben.

"Judensau" muss nicht entfernt werden

Der Vorsitzende Richter des VI. Zivilsenats, Stephan Seiters, sagte zur Begründung, der Kläger könne nicht die Entfernung verlangen, weil es an einer "gegenwärtigen Rechtsverletzung" fehle. Dieser ursprünglich rechtsverletzende Zustand sei durch eine Bodenplatte und einen Aufsteller der Stadtkirche Wittenberg, die die mittelalterliche Plastik inhaltlich einordnen, beseitigt worden.

Hören Sie hier den Radio-Beitrag zum Urteil bei MDR SACHSEN-ANHALT:

Dadurch habe sich die Kirche bei einer Gesamtbetrachtung erfolgreich vom Inhalt des Reliefs distanziert. Bereits im Mai hatte Seiters gesagt, dass das Relief für sich betrachtet "in Stein gemeißelter Antisemitismus" sei.

Stadtkirche Wittenberg
Die Bodenplatte sowie ein Aufsteller in der Nähe des Reliefs sollen die Schmähplastik einordnen. Bildrechte: dpa

Wittenberger OB erleichtert über Entscheidung

Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör hat erleichtert auf das Urteil zum umstrittenen "Judensau"-Relief an der Stadtkirche reagiert. Er sagte MDR AKTUELL, er sei froh, dass der Bundesgerichtshof diese Rechtsauffassung festgestellt habe.

Zugehör betonte, dass es wichtig sei, dass das Schmäh-Relief nicht ganz unkommentiert dort stehe. Deshalb gebe es auch eine erklärende Stele, ein Kunstwerk und eine gepflanzte Zeder - all das müsse im Kontext betrachtet werden. Zugehör schloss nicht aus, dass es hierzu noch eine Verbesserung geben könnte. Man sollte hier weiter im Gespräch bleiben - das sei die richtige Botschaft.

Reaktionen vom Zentralrat der Juden und von evangelischen Kirche

Der Zentralrat der Juden in Deutschland erklärte, das Urteil sei nachvollziehbar. Man habe sich jedoch eine deutlichere Positionierung des Bundesgerichtshofs gewünscht. Als Reaktion auf das Urteil regt die evangelische Kirche eine Neugestaltung des Ortes an. Landesbischof Kramer sagte, die gegenwärtige Informationstafel und die Bodenplatte genügten nicht mehr, um die judenfeindliche Schmähplastik zu brechen. Die Landeskirche werde die Weiterentwicklung des Gedenkortes nach Kräften unterstützen.

Kläger hatte in Dessau-Roßlau gegen antisemitische Schmähplastik demonstriert und dann geklagt

Der Kläger gegen das antisemitisches Relief an der Stadtkirche Wittenberg, Michael Dietrich Düllmann, kritisierte das Urteil des Bundesgerichtshofs. Das Gericht begründete die Entscheidung damit, dass sich die Kirche durch den Erklärtext ausreichend vom Inhalt der Plastik distanziert hat. Das Schandmal sei zu einem Mahnmal umgewandelt worden. Kläger Düllmann sagte MDR AKTUELL, ein Mahnmal könne das Relief nur in einem Museum sein. Solange die "Judensau" an einer Kirche sei, sei sie Teil kirchlicher Verkündigung.

Als Jude sieht Düllmann Judentum diffamiert

Der Kläger hatte im Mai gesagt, er wolle den "ganzen juristischen Weg ausschöpfen" und im Zweifel auch vor das Bundesverfassungsgericht und den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen. Er hatte die Abnahme des Sandstein-Reliefs verlangt, weil er dadurch das Judentum und sich selbst diffamiert sieht.

Düllmann kommt aus Bonn. Er hatte vor einigen Jahren in Wittenberg an einer Demonstration gegen die Plastik demonstriert und anschließend dagegen geklagt. Einen juristischen Hintergrund hat der Mann nicht. Er ist nach eigenen Angaben 1978 zum Judentum konvertiert.

Was zeigt die antisemitische Schmähplastik?

Das Sandstein-Relief wurde um 1300 an der Süd-Fassade der Stadtkirche Wittenberg angebracht. Es zeigt eine Sau, an deren Zitzen Menschen saugen, die Juden darstellen sollen. Ein Rabbiner blickt dem Tier unter den Schwanz. Schweine gelten im Judentum als unrein.

Ähnliche Spott-Plastiken finden sich an rund 30 evangelischen und katholischen Kirchen und Kathedralen im deutsch geprägten Kulturraum. Zum Teil verzerren sie Zusammenhänge und bedienen Stereotype. "Hier spielen Elemente herein, die man später vom Antisemitismus kennt und woran man sieht, dass der Anti-Judaismus des Mittelalters und der Kirche auch eine ganz wichtige Quelle für den rassistischen Antisemitismus der Neuzeit gewesen ist", erklärte Kunsthistoriker Matthias Demel im Gespräch mit dem Deutschlandfunk.

Wieso wurden diese Bilder angefertigt?

Mit solchen Darstellungen sollten Juden im Mittelalter unter anderem davon abgeschreckt werden, sich in der jeweiligen Stadt niederzulassen. Hintergrund ist der Anti-Judaismus der christlichen Kirchen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Grenze zum Antisemitismus fließend ist. Ab dem 16. Jahrhundert waren die christlichen Theologien "durchgängig anti-judaistisch und auch judenfeindlich" erklärte Jürgen Wilhelm, der Vorsitzende der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V., im Interview mit dem Domradio des Erzbistums Köln

Welche Verbindung der "Judensau" wird zu Martin Luther gesehen?

Über der Wittenberger "Judensau" prangt wohl seit 1570 zusätzlich der Schriftzug "Rabini Schem HaMphoras". Schem HaMphoras steht für den im Judentum unaussprechlichen heiligen Namen Gottes.

Die Ergänzung wird mit einer Schrift von Reformator Martin Luther (1483-1546) in Verbindung gebracht, der in Wittenberg wirkte und vor allem in seinem Spätwerk gegen Juden hetzte. Der Schriftzug ist vermutlich von Luthers anti-jüdischer Schrift "Vom Schem HaMphoras und vom Geschlecht Christi" von 1543 inspiriert.

Wie wird das Relief in Wittenberg eingeordnet?

Die Stadtkirchengemeinde ließ 1988 eine Bodenplatte unterhalb des Reliefs anbringen. Ihre Inschrift nimmt Bezug auf den Völkermord an den Juden im Dritten Reich, die Plastik selbst findet jedoch keine Erwähnung.

Auf der Gedenktafel steht: "Gottes eigentlicher Name, der geschmähte Schem HaMphoras, den die Juden vor den Christen fast unsagbar heilig hielten, starb in sechs Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen."

Durch Gedenkveranstaltungen und Führungen hat sich laut der Gemeinde eine rege Erinnerungskultur entwickelt.

Gemeinde in Wittenberg will weiter an Distanzierung arbeiten

Der Pfarrer der Stadtkirche Wittenberg, Alexander Garth, kündigte nach dem Urteil an, die Gemeinde werde weiter an der Distanzierung arbeiten. Er bezeichnete die Plastik als "Schandmal, das den jahrhundertelangen christlich motivierten Anti-Judaismus" symbolisiere. Garth sagte weiter: "Wir müssen hier als Christen eine klare Botschaft gegenüber dem jüdischen Volk geben. Wir müssen etwas dagegensetzen, das lauter spricht als dieses Schandmal."

Das Oberlandesgericht Naumburg hatte zuvor bereits entschieden, dass das Relief nicht entfernt werden muss. Zum einen, weil es in ein Gedenk-Bild eingebunden ist. Zum anderen, weil es keine Beleidigung sei und das Persönlichkeitsrecht des Klägers nicht verletze.

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epd, dpa, MDR (Julia Heundorf)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 14. Juni 2022 | 10:30 Uhr

93 Kommentare

dimehl vor 8 Wochen

Warum meinen Sie, Menschen mit weißer Hautfarbe seien pauschal "widerlich" ?
Warum sollten sich Menschen mit weißer Hautfarbe pauschal "demütig" zeigen ? Ich kann dafür keine Gründe erkennen. Ich ahne, was Sie meinen. Aber: unter der doch allgemein immer wieder postulierten Prämisse, das alle Menschen gleich sind, muss doch auch gelten, das Jene, die Opfer wurden, unter anderen geschichtlichen Entwicklungen vielleicht Täter geworden wären, die sich wie Jene verhalten hätten, die tatsächlich Täter wurden. Alle Menschen gleich heist eben auch: alle Menschen potentiell gleich schlecht.

Thommi Tulpe vor 8 Wochen

Es hat auch niemand Grund, die Geschichte infrage zu stellen.
Wer halbwegs gebildet ist, weiß Gutes vom weniger Guten unserer Geschichte zu trennen, Geschichte zu beurteilen. Für jeden anderen gibt es unter anderem die Hinweistafel an der Kirche.

Gernot vor 8 Wochen

Jetzt einmal unabhängig von diesem besagten Relief. Warum haben gerade wir Deutsche so viele Probleme mit unserer Geschichte? Ich möchte mit dieser Frage auch nicht das " Dritte Reich" und den Holocaust verklären oder gar entschuldigen- für mich der schlimmste Bestandteil unserer 2000jährigen Geschichte, welchen wir auch immer mahnend im Gedächtnis behalten müssen.
Aber inzwischen bleibt doch keine Epoche mit ihren handelnden Personen ausgenommen, welche nachträglich in die Kritik gerät und gelöscht werden sollte.
Die Geschichte kann niemand ungeschehen machen. Sie verklären, war noch nie eine gute Lösung. Zu ihr stehen , sich mit ihr auseinander zusetzen und aus Fehlern lernen wäre wohl der richtige Weg. Andere Völker können und tun es auch...... warum wir nicht?

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