Umstrittenes Relief Israelische Wissenschaftler für Verbleib der Schmähplastik an Stadtkirche in Wittenberg

Nach intensiven Debatten um den Verbleib der Schmähplastik, haben sich nun auch zahlreiche israelische Wissenschaftler geäußert. Das Relief sei eine wichtige Erinnerung an die Vergangenheit. Im Herbst soll es eine neue Infotafel geben.

Schmähplastik Judensau auf der Südostseite der Stadtkirche St. Marien in Wittenberg
Die mittelalterliche Schmähplastik "Judensau" an der Wittenberger Stadtkirche ist schon länger in der Diskussion. Bildrechte: IMAGO / Rolf Walter

Das antisemitische Relief an der Fassade der Stadtkirche St. Marien in Wittenberg hat internationale Reaktionen ausgelöst. Mehr als 50 Wissenschaftler israelischer Universitäten, darunter zahlreiche Kunst- und Kulturhistoriker, haben sich gegen eine Abnahme ausgesprochen. Am Mittwoch hatte den Wittenberger Gemeindekirchenrat ein auf Englisch verfasster offener Brief erreicht.

Darin heißt es, Antisemitismus lasse sich nicht durch einen Bildersturm stoppen. Die Präsenz der sogenannten Judensau im öffentlichen Raum sei eine wichtige Erinnerung an die Vergangenheit. Würde man sie entfernen, bedeute das auch, die Gräueltaten des Antisemitismus zu beseitigen und die Konsequenzen der Vergangenheit zu leugnen.

Schmähplastik Judensau auf der Südostseite der Stadtkirche St. Marien in der Lutherstadt Wittenberg Aus der Südseite der Stadtkirche St. Marien in der Lutherstadt Wittenberg wurde Ende des 13. Jahrhunderts die Schmähplastik Judensau angebracht. Sie war Ausdruck der allgemein zu dieser Zeit verbreiteten Judenverfolgung, die in mehreren Jahrhunderten in einem Aufenthaltsverbot der Juden in Sachsen mündete. Unterhalb des Reliefs eine 1988 eingelassene Bodenplatte als Mahnmal der Judenverfolgung.
An der Stadtkirche in Wittenberg gibt es neben einem Mahnmal bereits eine Infotafel zur Einordnung des antisemitischen Reliefs. Bildrechte: imago images/Rolf Walter

Gemeinde kündigt neue Infotafel an

Die Wissenschaftler schlugen vor, die Informationen an der Gedenkstätte weiterzuentwickeln. Der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, Jörg Bielig, hat für den Herbst bereits eine neue Infotafel zu dem Relief angekündigt. In den Texten werde sich die Evangelische Kirche klar von Judenhass distanzieren und auch um Vergebung bitten.

Ähnliche Reliefs auch in Brandenburg und Regensburg

Das Sandsteinrelief wurde um 1300 an der Südfassade der Stadtkirche angebracht. Es zeigt eine Sau, an deren Zitzen sich Menschen laben, die Juden darstellen sollen. Ein Rabbiner blickt dem Tier unter den Schwanz und in den After. Schweine gelten im Judentum als unrein. Ähnliche Reliefs finden sich auch am oder im Kölner und Regensburger Dom und am Dom in Brandenburg.

epd, MDR (André Damm, Annekathrin Queck)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 07. September 2022 | 13:30 Uhr

15 Kommentare

hansfriederleistner vor 21 Wochen

Hier zeigt sich klar wie kleinkariert viele Deutsche denken. Da gibt es doch noch mehr Beispiele. Es ist kein Wunder, wenn uns in aller Welt kein Mensch mehr für weltoffen hält.

Harka2 vor 21 Wochen

@Saxe
Ja, aber nur in seinem Namen. Er ist kein gewählter Vertreter aller betroffener. Darf ich daran erinnern, dass ein Herr Höcke auch lieber kein Mahnmal zum Holocaust in Berlin hätte, die große Mehrheit im Lande das aber ganz anders sieht?

Harka2 vor 21 Wochen

Die Plastik ist ohne jeden Zweifel ein äußerst häßlicher Teil der deutschen Geschichte, aber es ist nun mal deutsche Geschichte und wir sollten daraus lernen.

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