Streit in Wittenberg Kirchenrat lässt Verbleib von Schmähplastik weiter offen

Bei Beratungen am Dienstagabend hat der Gemeindekirchenrat noch keine Entscheidung über den Verbleib des Schmähreliefs an der Stadtkirche Wittenberg getroffen. Ein Expertengremium hatte im Juli empfohlen, die Plastik abzunehmen und in einem geschützen Raum zu zeigen. Oberbürgermeister Zugehör spricht sich allerdings gegen eine Entfernung aus.

Die Schmähplastik an der Südostecke der Stadtkirche von Wittenberg.
Nach wie vor ist nicht klar, was mit dem als "Judensau" bekannt gewordenen Relief an der Wittenberger Stadtkirche geschieht. Bildrechte: dpa

In Wittenberg ist das künftige Schicksal eines antisemitischen Reliefs an der Stadtkirche weiter nicht geklärt. Der Gemeindekirchenrat hat am Dienstagabend noch keine Entscheidung zum Verbleib der Schmähplastik getroffen. Der Vorsitzende des Rats, Jörg Bielig, sagte, es habe ein erster Meinungsaustausch nach der Empfehlung des Expertenbeirats Ende Juli stattgefunden. Demnach sollte das Relief abgenommen und künftig in einem geschützten Raum gezeigt werden. Eine Festlegung des Gemeindekirchenrats auf eine Empfehlung habe es bisher nicht gegeben, erklärte Bielig.

Man darf den Fokus nicht nur allein auf das Schandmahl richten.

Torsten Zugehör, Oberbürgermeister von Wittenberg

Zuvor hatte sich Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) gegen eine Entfernung der Schmähplastik, auf der Juden verunglimpft werden, ausgesprochen. Er stellte sich damit gegen die Empfehlung des Expertenbeirats. Zugehör sagte MDR SACHSEN-ANHALT, er verstehe nicht, warum es jetzt auf einmal eine 180-Grad-Wende gebe. "Man darf den Fokus nicht nur allein auf das Schandmahl richten. Deswegen sehe ich überhaupt keinen Anlass derzeit, das dort zu entfernen und halte es persönlich auch für einen Fehler", erklärte der Oberbürgermeister.

Weitere Beratungen in der kommenden Woche

Auch der Direktor der Luthermuseen in Sachsen-Anhalt, Stefan Rhein, spricht sich gegen eine Abnahme des judenfeindlichen Reliefs aus. "Es ist Teil der städtischen aber auch Teil der deutschen Geschichte und sollte als offene Wunde kommentiert erhalten bleiben", sagte Rhein MDR SACHSEN-ANHALT. "Und wenn es im Museum entsorgt wird, besteht die Gefahr, dass es auch entsorgt wird aus dem Gedächtnis der Menschen."

Über das weitere Vorgehen des Gemeindekirchenrats soll nach Angaben des Vorsitzenden Bielig in der kommenden Sitzung beraten werden. "Wir müssen uns zunächst verständigen, wie wir mit dem Thema strukturiert umgehen wollen." Bielig verwies bei den Empfehlungen des Expertenbeirats darauf, dass die Gemeinde und der Kirchenrat auf einige Punkte keinen Einfluss hätten.

Textentwurf für neuen Aufsteller beschlossen

Ein Beschluss fiel jedoch am Dienstag: Der Gemeindekirchenrat stimmte laut Bielig einem neuen Textentwurf für einen neuen Aufsteller der Stätte der Mahnung zu. Mit der neuen Texttafel will sich die Kirche unmissverständlich von der Plastik distanzieren. Im Erklärtext werde erstmals das jüdische Volk um Vergebung gebeten, hieß es. Die Gemeinde positioniere sich damit eindeutig gegen Antijudaismus und Antisemitismus.

Derzeit stellen eine 1988 vor der Kirche eingelassene Bodenplatte und eine Stele mit Erläuterungen die antisemitische Plastik in einen distanzierenden Kontext.

BGH urteilt: Relief darf bleiben

Im Juli hatte die Entscheidung des Expertenbeirats für Aufsehen gesorgt. Der Beirat schlug vor, die Schmähplastik von der Stadtkirche entfernen zu lassen. Dem Vorschlag vorausgegangen waren zwei Jahre lange Beratungen des zwölfköpfigen Gremiums.

Juristisch betrachtet hat die Wittenberger Stadtkirchengemeinde seit dem Urteil des Bundesgerichtshofes im Juni ohnehin keinen Druck mehr. Der BGH hatte im Juni entschieden, dass das Relief nicht von der Wittenberger Stadtkirche entfernt werden muss und damit die Klage eines Mitglieds der jüdischen Gemeinschaft abgewiesen. Durch die Bodenplatte und den Schrägaufsteller unterhalb des Reliefs sei das Schandmal in ein Mahnmal umgewandelt worden.

MDR (André Damm, Felix Fahnert), epd, dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 29. August 2022 | 17:00 Uhr

5 Kommentare

Denkschnecke vor 21 Wochen

Diese Parallele ist jetzt aber mit Verlaub sehr weit hergeholt. Viel naheliegender finde ich die unübersehbare Intoleranz gegenüber Mitbürgern, die in anderen Kulturen großgeworden sind.
(Und ich erinnere mich nicht, dass der Staat oder sonst jemand mit der entsprechenden Autorität mich persönlich gebeten hätte, mich beim Thema Ukraine für oder gegen Diplomatie zu entscheiden. Aber vielleicht habe ich die entsprechende Benachrichtigung im Briefkasten übersehen?)

Harka2 vor 21 Wochen

Nein, beschäftigt euch mit ihr und lernt aus den Fehlern. Denn wie schon George Santayana völlig zu richtig erkannte: "Wer aus der Geschichte nicht lernt, ist dazu verdammt sie zu wiederholen"

Shantuma vor 21 Wochen

Ich bin weiterhin dafür, dass dieser Schmähplatik erhalten bleibt und auch weiterhin dort verbleibt, als Zeichen der Mahnung. Denn die Geschichtsvergessenheit nimmt ja wieder deutlich zu, wie man an der Kriegsbegeisterung sieht.

Obwohl 77% der Deutschen sich ja nun für Diplomatie beim Thema Ukraine entschieden haben.

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