"Galerie" in Jessen Kunst in der Tankstelle

Zwischen Wasserflaschen, Gummibärchen und Benzinduft hängt in einer Tankstelle in Jessen jetzt Kunst. Der Maler erreicht so etwa 2.000 Menschen täglich und damit mehr, als in eine Galerie kämen. Nach knapp einem Jahr Ausstellungsverbot hatte er die Idee.

Gemälde hängen in einem Tankstellen-Verkaufsraum
Künstler wären keine Künstler, wenn sie vor Kreativität nicht nur so sprühen würden. Und das nicht nur bei ihren Werken, sondern auch, wenn es um den Ausstellungsort geht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vorbei an den Zapfsäulen, durch die Schiebetür, noch der Griff zum Schokoriegel und dann schnell bezahlen – doch was hängt denn da – eine Frau, die gerade hereingekommen ist, sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Ich finde das gut, so eine Tankstellengalerie, gefällt mir sehr". Und ihr Begleiter ergänzt "Ist immer offen!".

Ein Mann mit Brille und Mund-Nasen-Schutz
Martin Dinda präsentiert seine Werke, vorbei an allen corona-bedingten Verboten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Knapp ein Jahr hat Maler Martin Dinda nicht mehr ausstellen dürfen. Derweil kam ihm die Idee zur Ausstellung "Kunst am Limit", die er in dem kleinen Verkaufsraum der Jessener Tankstelle zeigt. 13 Werke passen hier hinein. "Ich als Künstler möchte meine Kunst verkaufen", sagte Dinda MDR SACHSEN-ANHALT. "Ich komme hier an diesen Ort, um mich zu zeigen und vielleicht den ein oder anderen Besucher zu erreichen, der sonst nicht in eine Kunstgalerie geht, aber hier diesen Überraschungseffekt mitbekommt." Täglich kommen etwa 2.000 Kunden in die Tankstelle. Natürlich vorrangig zum Tanken, aber dennoch sind das deutlich mehr Besucher, als es in einer klassischen Ausstellung geben würde.

Flyer von "Dinda Kunstfehler"
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Künstler Martin Dinda Die Bilder des 1989 in Leipzig geborenen Künstlers stammen aus dem Atelier Kunstfehler in Jessen. Sie sind abstrakt, bunt und eigensinnig. Die Werke entstehen in verschiedenen Techniken, mal mit Sumpfkalk gemalt und mal mit Kaffee, meistens aber mit Acrylfarbe. Der gelernte Ergotherapeut ist in Sachen Malerei Autodidakt und verdient sich damit ein gutes Zubrot – wenn Kunstausstellungen nicht gerade wegen Corona untersagt sind.

Der Tankstellen-Besitzer kennt den Künstler seit der Jugend. "In der harten Zeit möchte ich ihm eine Chance geben, seine Bilder auszustellen, weil es auch wichtig ist, dass die Kunst aufrechterhalten wird", sagte Christoph Pötzsch. Ein Bild kostet zwischen 200 und 450 Euro, der Preis ist auf den Fußboden geklebt.  Selbst wenn er kein Bild verkaufen würde, ist Maler Martin Dinda froh, endlich wieder auszustellen.

Ein Gemälde steht hinter Absperrband
Auf dem Boden befinden sich Aufkleber mit dem jeweiligen Preis des Werks. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Reaktion der Autofahrer auf ihn und seine Idee ist immer wieder gut. Eine junge Frau erzählt: "Das hat echt was und ich würde es selber nicht anders machen. Gerade in Coronazeiten ist es so, dass jeder irgendwie weiterkommen möchte, aber man auf der Stelle geht, weil man nicht darf". Noch vier Wochen hängen die Werke in der Tankstelle. Und sie zeigen: Künstler sind nicht nur kreativ bei ihren Werken, sondern auch, wenn es um den Ausstellungsort geht.

Das Gegenteil von diesem Konzept ist aktuell in Magdeburg zu sehen:

Forum Gestaltung Kunst "Not for sale" in Magdeburg

Im November, pünktlich zum Lockdown, eröffnete in Magdeburg die Ausstellung "Not for sale". Zahlreiche Künstler aus ganz Deutschland sind vertreten, allerdings hat außer ihnen bis heute noch niemand die Räume betreten.

Ein renovierungsbedürftiges Gebäude mit einem Ausstellungsplakat.
Im Forum Gestaltung in Magdeburg gibt es zurzeit eine ungewöhnliche Ausstellung. "Not for sale" heißt sie, also "Nicht zu verkaufen". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein renovierungsbedürftiges Gebäude mit einem Ausstellungsplakat.
Im Forum Gestaltung in Magdeburg gibt es zurzeit eine ungewöhnliche Ausstellung. "Not for sale" heißt sie, also "Nicht zu verkaufen". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Mann mit Brille und Mütze in einer Galerie.
Sie war die Idee eines mutigen Kurators – Norbert Eisold. Er hat mehr als 40 Künstler versammelt, die etwas Unverkäufliches oder für sie besonders Emotionales einbrachten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine Frau mit grauem Haar und Schaltuch.
Jeder durfte zwei frei ausgesuchte Vorschläge einbringen. Darunter die Malerin Annett Groschopp. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine abstrakte Figur.
Ihre Werke und die der anderen Künstler sollten seit November letzten Jahres für Besucher zu sehen sein. Da kam der Lockdown. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine leere Galerie mit Kunst, aber ohne Besucher.
Nun symbolisiert die Ausstellung die Unverfügbarkeit öffentlicher Kunst. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Mann mit Brille und Winterjacke in einer Galerie
Fotograf Hans-Wulf Kunze hat die Geschichte eines verstorbenen Hilfbedürftigen aufgearbeitet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Schädel.
Bis Ende März gibt es noch Hoffnung auf Öffnung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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MDR/Anja Nititzki,Luise Kotulla

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 17. Februar 2021 | 19:00 Uhr

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