Tierschutz Neue Hundeverordnung: Polizei prüft Polizeihunde-Ausbildung

MDR-Reporter André Damm
Bildrechte: André Damm

Seit Januar gilt eine neue Hundeverordnung in Deutschland. Diese schreibt unter anderem vor, dass Stachelhalsbänder und andere schmerzhafte Mittel nicht mehr genutzt werden dürfen, um Hunde zu erziehen. Hundetrainer begrüßen die strengeren Regeln, doch bei der Polizei stellen sich Fragen zur Ausbildung der Polizeidiensthunde.

Polizeihunde
Polizeihunde in Sachsen-Anhalt werden seit Beginn des Jahres nicht mehr mit Stachelhalsbändern ausgebildet. Bildrechte: privat

Antje Rettig ist Hunde-Trainerin. Sie betreibt am Wolfswinkel im Wittenberger Ortsteil Köpnick die Hundeschule "Just for Fun". Und wie der Name schon sagt, sollen die Vierbeiner bei ihr Spaß haben, spielerisch erzogen werden. "Der Hund ist doch mein Kamerad, da ist Gewalt grundsätzlich das falsche Mittel", sagt Rettig. Lob und kleine Belohnungen würden völlig ausreichen, zumal die meisten Hunde darauf aus seien, ihrem Herrchen oder Frauen zu gefallen.

Diese natürliche Vertrauensbasis dürfe durch schmerzhafte Methoden nicht zerstört werden, glaubt Rettig. Ein Stachelhalsband für einen Familienhund "geht gar nicht". Deshalb sollte vieles in der neuen Hundeverordnung für jeden sorgsamen Hundehalter bereits selbstverständlich sein.

Das steht in der neuen Hundeverordnung

Die Bundesregierung hat mehrere Änderungen in der Hundeverordnung vorgenommen, die am 1. Januar 2022 in Kraft getreten sind. Die Regeln sollen das Leben der Hunde angenehmer gestalten und gehen mehr auf tierische Bedürfnisse ein.

  • Schmerzhafte Halsbänder wie Stachelhalsbänder wurden als tierschutzwidrig eingestuft und müssen sofort abgenommen werden.
  • Die Zwingerhaltung bleibt erlaubt. Die Fläche muss jedoch eine Mindestgröße haben, die sich an der Widerristhöhe des Hundes orientiert. Im Zwinger muss außerdem eine Hütte stehen, die den Hund vor Regen, Sonne und Wind schützt.
  • Das Anketten von Hunden ist grundsätzlich verboten. Hier gibt es aber Ausnahmeregelungen.
  • Züchter müssen laut neuer Verordnung ihre Welpen intensiver betreuen. Bis zu einem Alter von 20 Wochen müssen Welpen pro Tag mindestens vier Stunden Kontakt zu einer Bezugsperson haben. Welpen, die jünger als acht Wochen sind, dürfen nur in Begleitung ihrer Mutter über längere Strecken transportiert werden. Hundetransporte dürfen maximal viereinhalb Stunden dauern und sind bei mehr als 30 Grad Außentemperatur verboten.
  • Verstöße gegen die Tierschutz-Hundeverordnung können als Ordnungswidrigkeiten bis hin zu Straftaten geahndet werden. Die Bußgelder und Strafen variieren von Bundesland zu Bundesland: Geldbußen von mehreren  tausend Euro, ein Hundehaltungsverbot oder sogar eine Freiheitsstrafe sind möglich.

Doch das war im Alltag bisher eher nicht so. Auf einigen Hundeplätzen kamen durchaus rustikale Ausbildungsmethoden zur Anwendung, um schnellere Erziehungserfolge zu erzielen. Befolgte der Vierbeiner die Kommandos nicht, sorgte ein Ruck am Stachelhalsband dafür, dass ihm die Luft wegblieb. Auch Halsbänder, die Stromstöße verabreichen, wurden eingesetzt. Die bewusst schmerzhaften Ausbildungsmethoden sollten dazu beitragen, dass der Hund aus seinen Fehlern lernt und sie nicht wiederholt.

Hundetrainerin: Stachelhalsband ist Tierquälerei

Polizeihunde
Antje Rettig ist Hundetrainerin in Wittenberg. Bildrechte: privat

Die Wittenberger Hundetrainerin Antje Rettig spricht da von Tierquälerei. Stachelhalsbänder und Co. könnten nicht die Mittel der Wahl sein. Gleichzeitig räumt sie ein, dass man körperlich starken Hunden etwas entgegensetzen müsse. "Sie müssen ihre Grenzen aufgezeigt bekommen und am Ende wissen, wer das Sagen hat – und der befindet sich am anderen Ende der Leine." Auch bei robusten Tieren sei aber mit positiven Anreizen mehr zu erreichen.

Davon gehen prinzipiell auch die professionellen Hundetrainer der Polizei aus, die ebenfalls viel mit Leckereien arbeiten. In Pretzsch im Landkreis Wittenberg befindet sich die Diensthundeführer-Schule von Sachsen-Anhalt. Aktuell verfügt das Land über 82 Beamte auf vier Pfoten. Vor allem belgische und deutsche Schäferhunde, die kräftig und blitzschnell sind, werden zu Schutzhunden ausgebildet, aber auch zu Rauschgift- und Sprengstoffspürhunden qualifiziert.

Wie die Polizei in anderen Bundesländern mit dem Problem umgeht

Rheinland-Pfalz: Bei der Ausbildung von Schutzhunden wurden in der Vergangenheit in bestimmten Situationen sogenannte Korrekturhalsbänder eingesetzt. Sie kommen in Rheinland-Pfalz bereits länger nicht mehr zum Einsatz. Unsicherheit besteht hinsichtlich der Formulierung "andere für die Hunde schmerzhafte Mittel". Aus Sicht der Gewerkschaft der Polizei Rheinland-Pfalz ist es ratsam, Lösungen zu entwickeln, welche eine rechtskonforme Ausbildung, Erziehung und Training der Schutzhunde ermöglichen.

Niedersachsen: Niedersachsen will mit einer Bundesratsinitiative eine Ausnahmeregelung von der neuen Tierschutz-Hundeverordnung für Diensthunde erreichen. Die Polizei sieht ihre Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Dieser Vorstoß wird von der Deutschen Polizeigewerkschaft Niedersachsen unterstützt. Sollten bestimmte Hilfsmittel verboten bleiben, komme die Polizei in einigen Bundesländern an die Grenzen der Handlungsfähigkeit des Diensthundewesens, hieß es von der Gewerkschaft.

Berlin: Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) fordert, dass die neue bundesweite Tierschutz-Hundeverordnung in Bezug auf die Ausbildung und das Training von Polizeihunden überarbeitet wird. Sie betonte, dass die neue Verordnung keine Auslegungssache sein dürfe. In einer Mitteilung des Senats heißt es, dass derzeit geprüft werde, wie die Ausbildung der Schutzhunde im Rahmen der geltenden Rechtslage gestaltet werden könne. Außerdem wolle der Senat "Übergangsregelungen erlassen". Laut Spranger sind die Schutzhunde für die Berliner Polizei "unverzichtbar" für die tägliche Arbeit "und damit zum Schutz der Bevölkerung" unerlässlich. Sie fordere deshalb Klarheit darüber, wie die Ausbildung der Hunde auch in Zukunft möglich sei.

Absoluten Gehorsam und eine gewisse Schärfe müssen die Hunde mitbringen. Außerdem müssen sie stressresistent sein, da es besondere Einsatzsituationen geben kann. Zum Beispiel, wenn geschossen wird, wenn sie selbst angegriffen werden oder wenn sie in Gefahr geraten.

Alternative Ausbildungsmethoden auf dem Prüfstand

Ein Polizeihund.
Polizeihunde dürfen nicht mehr mit Stachelhalsbändern ausgebildet werden. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/Rolf Kremming

Karina Wessel von der Polizeiinspektion Zentrale Dienste Sachsen-Anhalt teilte dazu mit, dass Polizeidiensthunde extremen Widrigkeiten trotzen müssten und dass daher das "kurzzeitige, punktuelle Setzen aversiver Reize in der Schutzhundausbildung" notwendig sei. Gleichzeitig bestätigte die Polizeibeamtin, dass "die Aus- und Fortbildung der Schutzhunde mit einem Stachelhalsband zum 1. Januar 2022 eingestellt wurde".

Doch wie geht es nun weiter? Da ist die Polizei Sachsen-Anhalt noch in der Findungsphase. Derzeit wird geprüft, ob es alternative Ausbildungsmethoden gibt, um dauerhaft bei der Hundeausbildung auf Stachelhalsbänder und andere schmerzhafte Mittel verzichten zu können.

In Niedersachsen hat das Innenministerium eine Ausnahmegenehmigung beantragt – so weit will man in Sachsen-Anhalt noch nicht gehen.

MDR (André Damm)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 17. Februar 2022 | 17:00 Uhr

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