Wegen Gasumlage SKW Stickstoffwerke Piesteritz drohen mit Betriebsstopp

Durch die Gasumlage entstehen für die SKW Stickstoffwerke in Wittenberg-Piesteritz nach eigenen Angaben 30 Millionen Euro Mehrkosten pro Monat. Weil die Werke diese Summe nicht stemmen könnten, drohen sie nun mit einem Horrorszenario. Das Unternehmen will den Betrieb im Oktober stoppen, sollten keine Hilfe kommen. Das Land sieht den Bund in der Pflicht. Politiker aus Wittenberg und Umgebung forderten dringend Unterstützung.

Stickstoffwerke Piesteritz
Die SKW Stickstoffwerke in Piesteritz benötigen große Mengen Erdgas für die Produktion – die Gasumlage wird deshalb teuer für das Unternehmen. (Archivbild) Bildrechte: IMAGO / Steinach

Die SKW Stickstoffwerke in Wittenberg-Piesteritz drohen mit einem vorläufigen Betriebsstopp ab Oktober. Unternehmenssprecher Christopher Profitlich sagte MDR SACHSEN-ANHALT, Grund seien der hohe Gaspreis und die Gasumlage. Das Unternehmen müsse monatlich 30 Millionen Euro Gasumlage zahlen. Das sei finanziell nicht zu stemmen.

Kurzarbeit ab Oktober?

Die Gaspreise hätten ein aberwitziges Niveau erreicht. Ein Ende der Preisspirale sei nicht in Sicht. Das Unternehmen, das 860 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt, fordert nun ein Umdenken des Bundes. SKW-Sprecher Profitlich sagte, energieintensive Unternehmen müssten von der Gasumlage befreit werden. Zudem müsse der Gaspreis gedeckelt werden, wie es in anderen europäischen Ländern möglich sei. Spanien und Portugal hatten beispielsweise im Mai beschlossen, den Gaspreis für Stromerzeugung zeitweise zu deckeln.

Profitlich zufolge wird aktuell nicht produziert. Das habe aber technische Gründe. Müsse man die Gasumlage wie geplant zahlen, lohne es sich wirtschaftlich nicht, die Anlagen wieder hochzufahren. Dann werde man ab Oktober einen Großteil der 860 Beschäftigten in Kurzarbeit schicken. Die Werke hatten bereits im Dezember 2021 wegen hoher Gaspreise eine Ammoniakanlage vorübergehend stillgelegt.

Haseloff fordert Hilfe vom Bund

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sagte MDR SACHSEN-ANHALT, Unternehmen wie SKW dürften durch die Gasumlage nicht in den Ruin getrieben werden. Wenigstens für einen Teil der Produktion müsse eine Subventionierung oder eine Ausnahme von der Gasumlage durch den Bund erfolgen, damit die Produktion mit allen Ketten, die daran hingen, wieder aufgenommen werden könne.

Ähnliches müsse für die Chemieparks Leuna und Bitterfeld-Wolfen gelten. SKW sei nur ein Beispiel für Groß-Gasverbraucher, die in verschiedene Bereiche hinein systemrelevant seien.

Ausfall hätte dramatische Folgen für Region

Ein Ausfall der Stickstoffwerke Piesteritz hätte unmittelbare Folgen für die Region. Landrat Christian Tylsch (CDU) sagte MDR SACHSEN-ANHALT am Mittwoch, die Stickstoffwerke seien einer der größten Gewerbesteuerzahler im Landkreis. Über die Kreisumlage komme auch Geld beim Landkreis an, mit dem man unter anderen die Kreismusik- und die Kreisabendschule finanziere.

Wenn dieses Unternehmen wegbräche, müsste man sich im Landkreis echte Strukturfragen stellen. Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) sagte MDR SACHSEN-ANHALT, von einem möglichen Ausfall sei der ganze Agro-Chemiepark mit seinen rund 1.700 Mitarbeitern betroffen. "Das wäre natürlich eine fatale Entwicklung für die Stadt und die ganze Region, die sich über 30 Jahre versucht hat, zu entwickeln. Die würde natürlich deutlich zurückgeworfen werden."

Das wäre natürlich eine fatale Entwicklung für die Stadt und die ganze Region, die sich über 30 Jahre versucht hat, zu entwickeln. Die würde natürlich deutlich zurückgeworfen werden.

Torsten Zugehör (parteilos) Oberbürgermeister Wittenberg

Sowohl Landrat Tylsch als auch Oberbürgermeister Zugehör haben nach eigenen Angaben Protestbriefe an Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) geschickt.

Erdgas wichtiger Grundstoff für SKW

Die SKW Stickstoffwerke in Wittenberg-Piesteritz verwenden enorme Mengen Erdgas, um Düngemittel und das für Dieselfahrzeuge notwendige Entstickungsmittel Ad Blue herzustellen. Auch Harnstoff wird dort produziert, der in der gesamten chemischen Industrie und Verwendung findet.

Am Montag war bekannt geworden, dass die Gasumlage ab Oktober etwa 2,4 Cent pro Kilowattstunde betragen wird. Die Umlage soll die erhöhten Kosten ausgleichen, die Gasimporteure haben, seitdem sie weniger Gas aus Russland und mehr teureres Gas aus anderen Ländern beziehen.

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MDR (André Damm, Maren Wilczek, Hannes Leonard)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 17. August 2022 | 07:00 Uhr

79 Kommentare

Eulenspiegel vor 7 Wochen

Hallo Lumberjack
Also für mich gibt es diese Einteilung guter Krieg, böser Krieg nicht.
Aber wie sieht es da bei ihnen aus?
Sie versuchen ja immer von diese Krieg des Herrn Putin abzulenken.
Und darum noch mal in der Ukraine gibt es nur eine Kriegspartei und das ist Putin. Auch wenn ihnen das nicht passt.

Thommi Tulpe vor 7 Wochen

Lumberjack. Wer hat uns im letzten Jahrtausend Gaslieferungen ohne nachvollziehbaren Grund um 80 Prozent gedrosselt? Ich denke, man kann damalige mit heutigen Kriegen (und zum Glück führen wir "nur" einen Wirtschaftskrieg!) nur dahingehend auf "eine Stufe stellen", dass die "kleine" Frau/ der "kleine" Mann immer ins Verderben geschickt wird. Sicher leiden auch Teile der Wirtschaft. Aber in jedem Krieg gibt es auch Wirtschaftsbereiche, welche durch Kriege sehr viel mehr Gewinn als die wirtschaftlichen Verlierer an Verlust machen.
Würde ein Krieg nicht zumindest für manchen "lohnen", würde man keinen führen. Nur naiv logisch gedacht.

Thommi Tulpe vor 7 Wochen

Vita vivet
Wir als "poplige Normalbürger" täten besser daran, Realitäten auch als diese zu akzeptieren. Unabhängig davon, wie dieser Wirtschaftskrieg angefangen hat und wer Schuld an diesem hat: Es bleibt für uns einzig die Tatsache, dass es diesen Krieg gibt. Den Einfluss auf unser aller tagtägliches Leben spüren wir. Es nützt in der Misere absolut nichts, nach Schuldigen zu suchen, immer wieder "Hätte, wäre, könnte"-Fragen zu stellen. Auch Kopfschütteln nützt wenig bis nichts.
So Sie Lösungsvorschläge haben: Ich denke, dass die uns Regierenden für konstruktive Vorschläge dankbar wäre. Zumindest ist das weitaus vernünftiger als nur zu jammern!

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