Tradition statt Trend Wittenberger kaufen seit 25 Jahren gemeinsam ein

Porträtaufnahme von MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Jana Müller
Bildrechte: Jana Müller

Sich zusammentun, größere Mengen Lebensmittel günstiger einkaufen – so werden selbst Bio-Lebensmittel erschwinglich. In Zeiten, in denen Nachhaltigkeit großgeschrieben wird, scheint das eine tolle Idee. In Wittenberg ist sie schon längst Realität. Seit mittlerweile 25 Jahren gibt es hier die Einkaufsgemeinschaft.

Ein grauhaariger Mann im Wollpullover steht hinter einem Tresen. Darauf eine alte Marktwaage. Im Hintergrund ein altes, prall gefülltes Küchenbuffet.
Michael Schicketanz hinter dem Tresen im kleinen Laden der Einkaufsgemeinschaft Bildrechte: MDR/Jana Müller

  • Jeder und jede kann bei der Einkaufsgemeinschaft in Wittenberg mitmachen.
  • Gemeinsame Großeinkäufe sparen Geld, auch bei biologisch angebauten und regionalen Produkten.
  • Mit der Corona-Pandemie hat die Gemeinschaft Zuwachs bekommen.

"Meine Frau hat gesagt, wir brauchen keine neuen Mitkäufer", scherzt Michael Schicketanz. Er lacht und ergänzt: "Dann müssen wir das System noch mal anpassen. Aber natürlich kann sich jeder bei uns melden. Wir erklären dann, wie die Einkaufsgemeinschaft funktioniert und wie man mitmachen kann. Dazu kann man einfach hier in der Verteilstelle vorbeikommen."

 Ein dunkles Holztor mit der Aufschrift "Wabe", daneben ein Aufsteller, der für die Einkaufsgemeinschaft wirbt.
Hinter diesem unscheinbaren Tor in der Wittenberger Innenstadt werden die Lebensmittel verteilt. Bildrechte: MDR/ Jana Müller

Die Verteilstelle der Wittenberger Einkaufsgemeinschaft, liegt vis-à-vis des Lutherhauses, direkt in der Innenstadt – und doch irgendwie versteckt in einem Seiteneingang der Feuergasse. Ein braunes Tor, dahinter ein kleiner Raum, eingerichtet wie ein kleiner Krämerladen mit einem Verkaufstresen, altem Küchenbuffet und Regalen. Auf denen stehen Reste von früheren Bestellungen, haltbare Lebensmittel, die nach und nach verkauft werden. Richtig voll ist es hier nur an zwei Tagen im Monat.

Aller zwei Wochen ordert meine Frau die Lebensmittel beim Bio-Großhändler und Direkt-Vermarktern, und dann ist es hier richtig voll. Dann stehen hier drei, vier Paletten mit Obst, Gemüse, Brot, Kaffee, Getränken, allem möglichen, und dann fangen wir an zu verteilen.

Michael Schicketanz, Einkaufsgemeinschaft Wittenberg

Gemeinschaftseinkauf spart Geld

Denn einen Großteil der Lebensmittel haben die Mitglieder der Einkaufsgemeinschaft im Vorfeld verbindlich bestellt. Apfelsaft aus Aschersleben, frische Eier aus Rackith oder fair gehandelten Schoko-Aufstrich gibt es hier zu einem Preis, den man im Supermarkt nicht bekommt, erklärt Michael Schicketanz. So könne es sich jeder leisten, regional, ökologisch und nachhaltig einzukaufen.

Ein kleiner Raum, vollgestellt mit Kisten und Stiegen voller Obst, Gemüse, Getränken und anderen Dingen.
Aller zwei Wochen stapeln sich die Lebensmittel der Einkaufsgemeinschaft im kleinen "Laden". Bildrechte: Michael Schicketanz

Idee wurde vor 25 Jahren geboren

Die Idee zur Gemeinschaft hatten Michael Schicketanz, seine Frau Kerstin und einige Mitstreiter schon vor 25 Jahren. Am Anfang habe man sich die Aufgaben geteilt, jeder war mal dran mit bestellen oder abrechnen. Doch je mehr Menschen mitmachten, desto komplizierter wurde es. "Sie können sich vorstellen, wenn man eine Riesen-Liste hat und jeder vielleicht einmal im Jahr die Abrechnung macht – ehe der sich da reingefuchst hat. Der braucht ewig." Einer, der den Hut aufhat, musste her.

Kerstin Schicketanz war es dann, die Anfang der 2000er Jahre ein Gewerbe anmeldete und seitdem die Bestellungen und Abrechnungen organisiert. Die Mitglieder der Einkaufsgemeinschaft zahlen eine jährliche Servicegebühr, kommen dafür aber in den Genuss günstiger ökologischer Produkte.

Corona-Pandemie brachte Schub in die Gemeinschaft

Bio, regional, nachhaltig? Das klingt nach einem Trend. Und tatsächlich konnte die Wittenberger Einkaufsgemeinschaft im vergangenen Jahr viele Mitkäufer dazu gewinnen, sagt Michael Schicketanz. Mit Nachhaltigkeit hatte das aber gar nicht so viel zu tun.

Durch Corona sind noch mal mehr Leute dazugekommen. Viele, die einfach nicht mehr einkaufen gehen wollten. Die sagen: 'Ich will nicht in den Laden und mich da vielleicht anstecken.'

Michael Schicketanz, Einkaufsgemeinschaft Wittenberg

Bei der Wittenberger Einkaufsgemeinschaft war das kein Problem, hier wurden am Abholtag Zeitfenster vergeben, erklärt Schicketanz: "Die Einkäufer hatten dann eine Viertelstunde Zeit, ihre Bestellung abzuholen und waren dann hier tatsächlich mit mir alleine."

Besonders interessant ist die Einkaufsgemeinschaft für junge Familien, sagt Schicketanz. Die blieben dann oft jahrelang Mitglied der Einkaufsgemeinschaft. Von den mehr als 30 Einkäufern in Wittenberg seien einige schon seit über 20 Jahren dabei.

Porträtaufnahme von MDR SACHSEN-ANHALT-Reporterin Jana Müller
Bildrechte: Jana Müller

Über die Autorin Jana Müller, groß geworden in Gräfenhainichen, arbeitet seit 2018 bei MDR SACHSEN-ANHALT im Regionalstudio Dessau.

Schon während ihres Studiums an der Martin-Luther-Universität in Halle machte Jana Müller erste Radio-Erfahrungen, danach zog es sie aber erst einmal zum Fernsehen. Für Regionalfernsehsender in Dessau-Roßlau und Bitterfeld-Wolfen war Jana Müller als Redakteurin, Moderatorin aber auch als Kamerafrau unterwegs in Anhalt und Wittenberg. Und da treibt sie sich nun auch für MDR SACHSEN-ANHALT herum.

MDR/Jana Müller

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | MDR SACHSEN-ANHALT | 12. November 2021 | 13:10 Uhr

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