Kleiner Vogel, großer Ärger Neuntöter steht Straßenneubau in Wittenberg im Weg

MDR-Reporter André Damm
Bildrechte: André Damm

Seit 15 Jahren kämpfen die Einwohner im Wittenberger Ortsteil Reinsdorf um einen Straßenneubau. Die Planungen gestalteten sich schwierig, da die neue Trasse durch ein Biotop führt. Dazu haben sich die Baukosten verfünffacht. Und jetzt ist auch noch ein geschützter Neuntöter aufgetaucht. Der Vogel hat das Potenzial dazu, das gesamte Projekt zu stoppen.

Neuntöter
Der Neuntöter lebt dort, wo die neue Straße in Reinsdorf verlaufen soll. Damit könnte er das Neubauprojekt stoppen. Bildrechte: dpa

Durch den beschaulichen Wittenberger Ortsteil Reinsdorf rollt immer viel Verkehr. Denn die Landstraße führt zur Autobahn 9, in der Gegenrichtung geht es in die Lutherstadt Wittenberg oder ins Industriegebiet nach Piesteritz. Anwohner in Reinsdorf sind über die Verkehrsbelastung nicht glücklich.

Vor allem die enge Kreuzung am Hotel "Stadt Brandenburg" bereitet Sorgen. Deshalb wird schon seit Jahren ein Straßenbauprojekt geplant. Doch das kommt einfach nicht voran – und das hat neuerdings auch mit einem kleinen Vogel zu tun.

Es geht um den Neuntöter. Er ist etwas kleiner als ein Star und bekannt dafür, dass er seine Beutetiere wie Insekten, Spinnen und Kleinsäuger auf Dornen aufspießt. Der Vogel mit der Neun im Namen steht nicht auf der Roten Liste, genießt aber einen artenschutzrechtlichen Schutzstatus. Und das sorgt für neue Komplikationen bei einem alten Bauvorhaben.

Denn bereits 2006 haben die Planungen für den Neubau einer sogenannten Stichstraße begonnen. Die 200 Meter lange Piste führt direkt über eine grüne Wiese – auf der Linie vom Reinsdorfer Strandbad bis zum Fahrzeugbauer Feldbinder. Es geht nur um wenige Hundert Meter, sagt Ortsbürgermeister Reinhardt Rauschning.

Der Bereich wurde nie bebaut. Das städtische Grundstück wurde immer freigelassen, um bei Bedarf eine Verbindungsstraße bauen zu können.

Reinhardt Rauschning, Ortsbürgermeister von Reinsdorf

Kein Radweg, zu enger Fußweg

Ein schwares Auto mit Anhänger biegt auf einer Kreuzung
Kein Radweg, ein enger Fußweg und viel Verkehr: Diese Kreuzung in Reinsdorf ist gefährlich. Bildrechte: MDR/André Damm

Dass Bedarf besteht, ist augenscheinlich. Denn die Kreuzung am Hotel ist eng und unübersichtlich. Hier gibt es keinen Radweg und nur einen kümmerlichen Fußweg, der zudem reparaturbedürftig ist. Und an der Kreuzung ist immer viel Betrieb. Anwohner schildern, dass hier unentwegt eine Blechlawine entlang rollt: schwere Lastwagen, viele Autos.

Dabei befindet sich gleich um die Ecke das große Schulzentrum Reinsdorf, bestehend aus Grund- und Sekundarschule sowie einer Kindertagesstätte. Eltern sorgen sich, dass Kinder auf dem Schulweg verunglücken. Auch der Familienvater Pierre Kaden, der die benachbarte Fleisch- und Wurstwarenmanufaktur leitet, ist genervt vom Verkehrsaufkommen.

Bei uns gegenüber führt der Weg hoch zur Schule. Das ist verkehrstechnisch eine Hauptschlagader. Eine Stichstraße würde die Situation entschärfen. Es ist schon ein Wunder, dass bis jetzt noch nichts passiert ist.

Pierre Kaden, Chef einer Fleisch- und Wurstwarenmanufaktur

Kosten für den Neubau explodieren

Torsten Zugehör
Torsten Zugehör (parteilos) ist Oberbürgermeister von Wittenberg. Bildrechte: MDR/André Damm

Tatsächlich verweist die Stadtverwaltung Wittenberg darauf, dass es sich bei der Reinsdorfer Kreuzung um keinen Unfallschwerpunkt handelt. Ohnehin ist die Verwaltung alles andere als überzeugt von dem Straßenbau-Projekt. Laut Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) entstünden durch die Stichstraße nur neue Probleme. Aber er sagt auch, dass er sich natürlich an den Beschluss des Stadtrates aus dem Jahr 2018 halten werde. Damals ist das Bauprojekt befürwortet worden.

Eine grüne Wiese
Direkt über diese Wiese soll die neue Stichstraße in Reinsdorf führen. Bildrechte: MDR/André Damm

Allerdings spricht gegen den Straßenbau eine gewaltige Kostenexplosion. Bei Planungsbeginn vor 15 Jahren sollte der Ausbau der 200 Meter langen Strecke 600.000 Euro kosten. Inzwischen beziffert die Stadt Wittenberg die Ausgaben auf 2,4 Millionen Euro. Somit haben sich die Ausgaben, auch wegen ständiger Neuplanungen, vervierfacht.

Artenschutz vs. Bauprojekte

  • Immer wieder stehen sich Bauprojekte und Arten- oder Naturschutz gegenseitig im Weg.
  • 2016 sollten wegen Bauarbeiten am Industriepark Mitteldeutschland bei Sangerhausen 40 Feldhamster umgesiedelt werden. Nach einer Klage des BUND wurde das Vorhaben gestoppt.
  • Auch die Dresdner Waldschlösschenbrücke beschäftigte jahrelang die Justiz. Naturschutzverbände hatten öfter gegen den Brückenbau im Unesco-Welterbe Dresdner Elbtal geklagt – ohne Erfolg.

Tierschutz kann teuer werden

Dass es sich bei dem künftigen Straßenbaugelände auch um ein Neuntöter-Habitat handeln soll, ist jetzt ein zusätzliches Hindernis. Die Tierschutzauflagen könnten mit zusätzlichen 300.000 Euro zu Buche schlagen. Außerdem müsste die Stadtverwaltung gegenüber der Oberen Naturschutzbehörde nachweisen, dass der Bau der Stichstraße unbedingt notwendig.

Laut Ortsbürgermeister Rauschning ist das Mammutprojekt mal wieder ins Stocken geraten. Der kleine Vogel hat das Potenzial dazu, das gesamte Projekt weiter in die Länge zu ziehen, fürchtet der Kommunalpolitiker.

MDR/André Damm, Fabienne von der Eltz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 20. August 2021 | 06:30 Uhr

3 Kommentare

Basil Disco vor 22 Wochen

zwei Dinge sind es jedes Mal, die solche Berichte zu einem Ärgernis machen:
1. geht es hier nicht um Tierschutz, sondern um Naturschutz. Kein Tierschutz findet in den Schweineställen Deutschlands statt, kein Naturschutz hingegen bei den Infrastrukturplänen.

2. werden grundsätzlich die Nachweise geschützter Tierarten angezweifelt wie auch hier: "Da es sich ... um ein Neuntöter-Habitat handeln soll". Das unterstellt eine unsichere Datenlage, mehr so eine Vermutung, als wenn sich die beauftragten Gutachter so etwas ausdenken würden. Was soll das?

DanielSBK vor 22 Wochen

Ist doch auch egal!

Der Vogel war zuerst da!! Und von daher muss das halt hinten anstehen.

Richtig so!

Das gleiche gilt auch für Feldhamster oder Wolf.

Germinator aus dem schoenen Erzgebirge vor 22 Wochen

Wenn den kleinen der Falke entdeckt, auch schade drum.

Der beste Schutz wäre Käfighaltung.

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