Datenrecherche So ist die Situation der Jugendämter in Sachsen-Anhalt

Nach dem Tod eines Kleinkindes in Querfurt kritisieren Anwohner die Arbeit des Jugendamts. Ein Papier des Landtags dokumentiert die Arbeit der Jugendämter in den einzelnen Landkreisen. MDR SACHSEN-ANHALT hat die Zahlen ausgewertet.

Schulkinder stehen hinter einer Tafel, die ihre Oberköper verdeckt. Stattdessen befinden sich auf der Tafel gezeichnete Umrisse der Oberkörper. Einer der Umrisse ist grün ausgemalt.
Nicht alle Kinder haben es gut zu Hause. Aufgabe der Jugendämter ist es, die Kinder zu schützen und die Eltern zu unterstützen (Symbolbild). Bildrechte: IMAGO

"Hätte das Jugendamt nicht früher eingreifen müssen?" Eine Frage, die immer wieder aufkommt, wenn kleinen Kindern in ihren Familien Leid geschieht. Die Landesregierung von Sachsen-Anhalt hat im Sommer 2019 nach einer Großen Anfrage der Linksfraktion eine freiwillige Auskunft bei den Jugendämtern in den einzelnen Landkreisen abgefragt. Herausgekommen ist ein 83-seitiges Papier, das Erkenntnisse über die Situation in den Jugendämtern gibt.

Die Situation im Land

Durch den Bericht ist es möglich, teilweise einzeln auf die 14 Landkreise und kreisfreien Städte in Sachsen-Anhalt zu blicken. Wenn man sich die Verfahren in den Jugendämtern aus dem Jahr 2018 anschaut, steht die Landeshauptstadt Magdeburg mit 556 Verfahren deutlich an erster Stelle, was die gesamte Anzahl der Verfahren betrifft. Die wenigsten Verfahren gab es dem Bericht zu Folge im Jerichower Land. Dort werden für das Jahr 2018 gerade einmal 40 Verfahren bestätigt.

Betrachtet man allerdings die Verfahren pro 100.000 Einwohner, gibt es die meisten Fälle nicht mehr in Magdeburg, sondern in Mansfeld-Südharz mit 255,4 pro 100.000 Einwohner.

Was zählt zu den erfassten Verfahren?


  • akute und latente Kindeswohlgefährdung
  • Vernachlässigung
  • körperliche Misshandlung
  • psychische Misshandlung
  • sexuelle Gewalt
  • Hilfebedarf ohne Kindeswohlgefährdung
  • Vorgänge ohne weiteren Hilfebedarf

Wann liegt eine Kindeswohlgefährdung vor?

Wenn das leibliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes bedroht ist. Dabei müssen nicht unbedingt die Eltern schuld sein. Wenn sie allerdings nicht in der Lage sind, etwas dagegen zu tun, muss das Jugendamt eingreifen.

Was ist eine Inobhutnahme?

Bei einer Inobhutnahme wird ein Kind oder ein Jugendlicher in einer akuten Notsituation, durch das Jugendamt vorläufig an einem anderen Ort untergebracht. Die Dauer ist von Fall zu Fall unterschiedlich und hängt von der jeweiligen Situation ab.

Der Trend: Steigende Verfahrenszahlen

Zwischen 2012 und 2018 ist die Zahl der Verfahren in Jugendämtern um fast 50 Prozent angestiegen. Im Burgenlandkreis hat sich die Zahl über die Jahre sogar fast verachtfacht. Auch die Entwicklung bei den Fällen, bei denen eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, ist über die Jahre leicht angestiegen – mit einem deutlichen Höhepunkt im Jahr 2017.

Laut Statistischem Bundesamt geht parallel dazu auch die Anzahl der Inobhutnahmen von Kindern in Sachsen-Anhalt deutlich nach oben: Waren es 2012 noch 147, so sind es im Jahr 2018 mit 290 Inobhutnahmen schon fast doppelt so viele gewesen.

Es ist schwer abzuwägen, ob die Zahlen steigen, weil es tatsächlich mehr Fälle gibt, oder ob durch die verstärkte Arbeit der Jugendämter und durch aufmerksame Mitmenschen einfach nur mehr Fälle gemeldet und so auch aufgedeckt werden.

Über 20 verschiedene Berufe in Jugendämtern

Blickt man auf die arbeitenden Fachkräfte in den Jugendämtern, fehlt ein einheitliches Muster: Mehr als 20 verschiedene fachliche Ausbildungen haben die verschiedenen Mitarbeiter in den Landkreisen Sachsen-Anhalts. Bundesweit gibt es keine verbindliche Vorgaben oder Empfehlungen zur Stellenbesetzung in Jugendämtern.

Auch in Sachsen-Anhalt ist die Liste gut durchgemischt: Vom Diplom-Sozialpädagogen in Halle über staatlich anerkannte Erzieher im Harz bis hin zum Psychologen in Mansfeld-Südharz. Ein einheitliches Profil über alle Jugendämter hinweg gibt es nicht. Fortbildungen in verschiedenen Bereichen werden allerdings in allen Landkreisen organisiert.

Wenn man die steigenden Verfahren berücksichtigt, darf man in diesem Zuge auch den dadurch enstehenden Mehraufwand für die Fachkräfte nicht außer Acht lassen. So arbeitete im Landkreis Harz eine Fachkraft bei der Erziehungshilfe im Sommer 2019 gleichzeitig an 40 Fällen. Im Landkreis Salzwedel dagegen kam eine Fachkraft bei Aufgaben in der Erziehungshilfe und in Sachen zum Schutze des Kindeswohls auf 68 parallele Fälle.

Die Arbeitsbedingungen der Fachkräfte in den Jugendämtern sind zudem nicht immer optimal. Nach Angaben der Stadt Dessau-Roßlau waren Schwangerschaftsvertretung, Überlastung und persönlich empfundene Ungleichbehandlung die drei häufigsten Gründe seit 2015 für einen Personalwechsel im "Allgemeinen Sozialen Dienst". In einigen Landkreisen, wie beispielsweise im Landkreis Stendal, hatte es von 2015 bis 2018 gar keine Personalwechsel im "Allgemeinen Sozialen Dienst" gegeben.

Viele anonyme Meldungen

In der Antwort der Landesregierung auf die Große Anfrage wird auch auf die Meldungen der Fälle eingegangen. Im Jahr 2018 haben demnach mehr als 650 Personen die Gefahr für ein Kind anonym gemeldet. Seit 2012 ist die Zahl deutlich angestiegen. Vor allem bei Meldungen durch die Schule oder die Polizei, Gerichte und durch die Staatsanwaltschaft sind die Meldungen in dem Zeitraum zwischen 2012 und 2018 enorm angestiegen. Aber auch einige Nachbarn, Bekannte und Verwandte nehmen Anteil am Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen und melden Fälle bei Verdacht.

Aufmerksamkeit für Projekte

Die Jugendämter im Land haben verschiedene Projekte ins Leben gerufen. In Magdeburg ist zum Beispiel eine Koorperation mit dem ansässigen Jobcenter entstanden. Auch werden in der Landeshauptstadt Broschüren zum Thema Kinderschutz verteilt. In Wittenberg wurde im Jahr 2016 eine Kinderschutzfachstelle im Jugendamt geschaffen.

Internetseiten zu den Projekten oder Auftritte in Sozialen Medien liegen der Landesregierung zufolge längst noch nicht überall vor. Im Altmarkkreis Salzwedel gibt es neben Zeitungsartikeln auch Flyer, Broschüren und andere Werbemittel – eine Internetseite gibt es nicht. Anders ist dies zum Beispiel im Saalekreis, wo es neben Infoveranstaltungen auch Internetseiten für die verschiedenen Projekte gibt.

Über den Autor Kevin Poweska arbeitet trimedial im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT. Aktuell ist er im sechsten Semester seines Bachelor-Studiengangs Journalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Während seines Studiums absolvierte er bereits ein Praktikum bei der Braunschweiger Zeitung.

In seiner Freizeit ist er gerne sportlich aktiv: Seine Hauptambitionen liegen in den Sportarten Basketball, Tennis und Fußball - aber auch da probiert er sich gerne immer wieder neu aus. Zudem ist er journalistisch sportlich voll dabei: Kevin Poweska führt einen Blog zu den Deutschen Tennisherren und steht dabei mit den Spielern für Postgame-Interviews in regem Kontakt.

Quelle: MDR/pow

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 17. Juli 2020 | 17:00 Uhr

2 Kommentare

Herr Mann am 23.07.2020

Womit mein subjektiver Eindruck bestätigt ist. Das Jugendamt Mansfeld Südharz ist in seinen Entscheidungen und Vorgehen einzigartig. Siehe den Fall Ronya und weitere wie auch mein Fall. Selbst mit nachweisbaren Lügen und sachlichen Fehlern vor dem Familiengericht kommen Mitarbeiter straflos davon. Selbst Teamleiter wie bei mir drohen ganz unverhohlen und es hat keine Konsequenzen. Auf dem Rücken der Kinder werden Konflikte ausgetragen.
Ich rate jedem davon ab aus diesem Amt Pflegekinder aufzunehmen so traurig das auch sein mag.

jackblack am 23.07.2020

Schuld ist nicht das Jugendamt sondern die E L T E R N !!!!!!!

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