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Digitale Ausstattung an Schulen: Vor allem Lehrer nutzen sie nicht. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/Fotostand

Digitale Ausstattung in Sachsen-AnhaltNotebooks und Tablets werden an vielen Schulen nicht genutzt

von Marcel Roth, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 24. Mai 2022, 14:30 Uhr

Mehr als 28 Millionen Euro hat Sachsen-Anhalt aus dem Digitalpakt für Laptops oder Tablets für Schülerinnen und Schüler und Lehrerinnen und Lehrer ausgegeben. Davon wurden fast 50.000 Geräte gekauft. Ob sie auch eingesetzt werden? Das hat MDR SACHSEN-ANHALT alle Landkreise, Städte und Gemeinden gefragt. Die Recherche zeigt: Viele Geräte sind nicht im Einsatz und mitunter scheitert Technik auch an Zuständigkeiten.

Sachsen-Anhalts Landesregierung hat keinen vollständigen Überblick, wie Computer, Tablet oder Laptop an den Schulen im Land eingesetzt werden. Das Bildungsministerium weiß, dass es 15 Millionen Euro für 30.000 Geräte für Schülerinnen und Schüler und 13 Millionen Euro für 18.000 Geräte für Lehrerinnen und Lehrer ausgegeben hat. Diese Tablets, Notebooks oder Convertibles wurden nämlich im Zuge des Digitalpaktes beschafft – einer Vereinbarung, die Bund und Länder in der Corona-Krise geschlossen hatten.

Aber Sachsen-Anhalts Bildungsministerium weiß nicht, wie viele dieser Geräte tatsächlich benutzt werden: Auf die Frage, wie viele aktive Nutzer dieser Geräte es an den Schulen gibt, ist die offizielle Antwort: "Es erfolgt keine statistische Erfassung".

Sachsen-Anhalts Landesregierung weiß also mindestens vier Dinge nicht:

  • ob die 28 Millionen Euro gut angelegt sind,
  • ob Schülerinnen und Schüler die Geräte nutzen,
  • ob ihre eigenen Landesbeschäftigten, die Lehrerinnen und Lehrer, ihre Dienstgeräte nutzen und
  • welche Software Lehrerinnen und Lehrer auf ihren Dienstgeräten nutzen.

Und eine Nachfrage bei den Landkreisen und Gemeinden hat ergeben, dass viele der Geräte nicht eingesetzt werden oder sinnvoll benutzt werden können.

Zeichen für Konzeptlosigkeit

Für Expertinnen und Experten, die sich um IT-Sicherheit und um die Architektur von IT-Systemen kümmern, ist das ein Offenbarungseid.

"Das Ganze folgt einer gewissen Konzeptlosigkeit", sagt IT-Verbandschef Marco Langhof. "Es gab keine konkrete Zielstellung, außer: Das Geld muss raus." Bis heute fehle es an einer Strategie, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen.

Um einen besseren Einblick zu bekommen, hat MDR SACHSEN-ANHALT alle Landkreise, kreisfreien Städte und Kommunen per E-Mail befragt. Alle Landkreise und die drei kreisfreien Städte haben geantwortet – von den mehr als 200 Gemeinden haben 54 bis zum 11. Mai geantwortet. Zu 30.000 von den neuen 48.000 Geräten, die das Bildungsministerium nennt, sind dadurch Informationen verfügbar.

So viele Computer gibt es für Schülerinnen und Schüler

Das Ergebnis der Recherche: Die Schulträger in diesen Landkreisen und Gemeinden haben vor allem bei den Geräten für die Schülerinnen und Schüler einen Überblick, weil sie in diesen Fällen die Technik betreuen.

Computer an Schulen: komplizierte Zuständigkeiten

Computer und Schulen sind ein komplexes Thema. Das liegt im Bildungssystem und den dort festgelegten Zuständigkeiten. So sind Ausstattung und "Inhalt" in staatlichen Schulen grundsätzlich quasi getrennt: Für den "Inhalt", für Lehrer, Lehrpläne und Fortbildungen ist Sachen-Anhalts Bildungsministerium zuständig, für die Ausstattung, für Haus, Breitbandanschluss und Computer sind die Schulträger zuständig. Schulträger sind je nach Schulform Landkreise oder Kommunen: Für Grundschulen sind die Kommunen verantwortlich, für alle anderen Schulen die Landkreise. Die drei kreisfreien Städte Dessau-Roßlau, Halle und Magdeburg sind Schulträger aller Schulen in ihren Städten.

Allerdings sind Kommunen, Landkreise und kreisfreie Städte bei Computern nur für die der Schülerinnen und Schüler zuständig – für die Computer der Lehrerinnen und Lehrer fühlt sich die Landesregierung verantwortlich. Freien Träger können Ausstattung und "Inhalt" ziemlich eigenverantwortlich organisieren.

Weil für die Computer in Schulen verschiedene Behörden zuständig sind, ist ein detaillierter Überblick schwieriger. Außerdem wird es für Schulträger komplexer, je mehr Schulen sie betreuen: So hat zum Beispiel die Verbandsgemeinde Vorharz für ihre drei Grundschulen elf iPads – die Stadt Stendal hat für ihre sechs Grundschulen 460 iPads und Windows-Notebooks.

Bei Landkreisen und kreisfreien Städten geht die Anzahl der Computer sogar in die Tausende: Der Landkreis Jerichower Land hat 701 iPad und weitere 1.000 Endgeräte; der Altmarkkreis Salzwedel hat 1.600 Windows-Laptop und iPads. Und die kreisfreien Städte Halle und Magdeburg sowie der Landkreis Harz kümmern sich jeweils um mehr als 4.000 PCs, Laptops und Tablets. In Magdeburg sind es insgesamt sogar 8.500 Geräte.

Auffallend aber ist: Bei den Geräten für Schülerinnen und Schüler wissen die Schulträger deutlich besser Bescheid als bei den Geräten für die Lehrerinnen und Lehrer.

So viele Computer gibt es für Lehrerinnen und Lehrer

Von den 67 Schulträgern, die auf die Fragen von MDR SACHSEN-ANHALT geantwortet haben, können 23 nicht beantworten, wie viele Computer die Lehrer an ihren Schulen haben. Sechs Schulträger sagen allgemein, jeder Lehrer hätte ein Gerät, 38 können konkrete Zahlen nennen.

Beispiele für Lehrer-Geräte an Grundschulen

  • Stadt Falkenstein: keine
  • Stadt Wernigerode: 14
  • Stadt Bismark: 31
  • Schönebeck: jeweils 45
  • Stadt Stendal: 97

Beispiele für Lehrer-Geräte an weiterführenden Schulen

  • Landkreis Stendal: mindestens 500
  • Landkreis Börde: 779
  • Saalekreis: 921
  • Stadt Halle: etwa 2.000

So nutzen Lehrer ihre Computer

Weil die Lehrer-Geräte dem Land und nicht den Schulträgern gehören, können nur einige Schulträger sagen, ob Lehrer die Computer auch nutzen. Und einige Antworten offenbaren, dass viele Geräte für Lehrerinnen und Lehrer vermutlich noch nicht einmal ausgepackt sind.

Einige Beispiele, wie Lehrer-Geräte genutzt werden:

  • In Barleben wird keines der 45 Lehrer-Geräten benutzt.
  • In Staßfurt werden 38 der 42 Lehrer-Geräten nicht benutzt.
  • In Köthen werden 24 der 43 Lehrer-Geräten nicht benutzt.

Die Stadt Schönebeck schreibt, von 45 Windows-10-Laptops wird "ein erheblicher Teil nicht benutzt". In Wanzleben werden die 35 Laptops "nur vereinzelt" genutzt. Der Landkreis Harz schätzt, dass nur die Hälfte der Lehrer-Gerät wirklich genutzt wird. 30 Schulträger können grundsätzlich nicht sagen, wie viele Lehrer ihre Geräte nutzen.

So nutzen Schülerinnen und Schüler ihre Computer

Bei den Geräten für Schülerinnen und Schüler wissen nur sechs Schulträger nicht, inwieweit die Geräte genutzt werden – 61 haben eine Antwort. Aber auch von den Schüler-Geräten werden viele nicht genutzt.

Einige Beispiele, wie Schüler-Geräte an Grundschulen genutzt werden:

  • In der Gemeinde Sülzetal wird von den 120 Schüler-Geräten keines genutzt, weil "die Serverlandschaft erst aufgesetzt wird."
  • In Barleben werden 330 von 450 Geräten in Barleben nicht genutzt, "der Rest ist in Arbeit".
  • In Ballenstedt werden 119 von 120 Geräten nicht genutzt.
  • In der Gemeinde Elsteraue wird von den 25 iPads keines genutzt.
  • In Gräfenhainichen werden 47 von 127 Windows-10-Notebooks nicht genutzt.
  • In Barby werden 30 von 60 Windows-Covertibles nicht genutzt.

Die Gründe dafür können sehr unterschiedlich sein: Zum einen müssen die Geräte eingerichtet werden – läuft das händisch ab, braucht das Zeit, je nachdem, wie viele Menschen in den IT-Abteilungen der Schulträger sich darum kümmern können. Zum anderen können Geräte auch nicht genutzt werden, weil es immer noch keinen Internetanschluss oder ein WLAN-Netz an Schulen gibt.

Einen sehr genauen Überblick hat Osterburg in der Altmark: von den 147 iPads, PCs und Windows-Notebooks an den zwei Schulen können 24 nicht genutzt werden, weil die WLAN-Stärke in der Schule nicht ausreicht; zwei der Geräte werden gerade repariert. Auch die Stadt Blankenburg schreibt von ihren 84 Windows-10-Tablets, von denen aber 64 nicht in der Schule genutzt werden können, weil das WLAN nicht ausreicht oder die Internetverbindung zu langsam ist.

So viele Menschen kümmern sich um die Computer

Ein paar oder ein paar Tausend Geräte an Schulen: Die IT-Abteilungen von Kommunen, Städten und Landkreisen müssen sich um all diese Geräte kümmern, sie einrichten und warten. Das geht sicher schneller, je größer eine IT-Abteilung ist. Deshalb hat MDR SACHSEN-ANHALT auch nach der Größe der IT-Abteilungen der Schulträger gefragt. Fünf Gemeinden schreiben, dass sie keine eigene IT-Abteilung haben und externe Dienstleister diese Aufgaben übernehmen. 23 Gemeinden haben einen, zwölf Gemeinden zwei Mitarbeiter.

In den meisten IT-Abteilungen der öffentlichen Verwaltungen ist die Schul-IT allerdings nur eine von vielen Aufgaben. Und kann sich auch nur ein Teil der Beschäftigen für die IT an Schulen kümmern: In der Lutherstadt Wittenberg sind es von sieben Stellen 1,75, in Staßfurt eine halbe von sieben Stellen. Halebrstadt hat insgesamt neun IT-Mitarbeiter. Deutlich besser ausgestattet sind die Landkreise: Der Salzlandkreis hat zum Beispiel 40 IT-Mitarbeiter. Im Landkreis Stendal gibt es 19,5 Stellen in der IT-Abteilung, 5,5 davon kümmern sich um die Schul-IT.

Weitere Beispiele: Um die Schul-IT kümmern sich...

  • im Altmarkkreis Salzwedel, im Landkreis Börde, im Landkreis Jerichower Land und im Landkreis Mansfeld-Südharz jeweils zwei
  • im Landkreis Anhalt-Bitterfeld vier
  • in Dessau-Roßlau und in Halle fünf
  • im Landkreis Wittenberg und im Burgenlandkreis jeweils sechs
  • im Landkreis Harz acht und
  • im Saalekreis und in Magdeburg jeweils zwölf Mitarbeitende.

Die Verbandsgemeinde Egelner Mulde weist zum Beispiel darauf hin, dass ihr einziger IT-Mitarbeiter sich um alle Rechner in den fünf Verbandsgemeinden und bei den acht freiwilligen Feuerwehren kümmern muss.

An den Schulen in Sachsen-Anhalt kommen Endgeräten für Schüler und Lehrer also sehr unterschiedlich zum Einsatz. Ein Grund dafür: die sehr unterschiedliche Ausstattung der IT-Abteilungen in Gemeinden, Städten und Landkreisen.

Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Über den AutorMarcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau und IT-Angriffe. Er ist Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben". E-Mail: digitalleben@mdr.de

Mehr zum Thema: Digitales aus Sachsen-Anhalt

MDR (Marcel Roth)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 24. Mai 2022 | 12:00 Uhr

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