Podcast "Digital leben" Was die Cyberagentur in Halle machen will

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
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Seit dem Sommer hat die Cyberagentur in Halle ihre Arbeit aufgenommen. Noch mit einer sehr kleinen Mannschaft – dafür aber umso größeren Plänen. Der Chef der Cyberagentur, Christoph Igel, spricht bei MDR SACHSEN-ANHALT zum ersten Mal in einem deutschen Podcast über das Vorhaben. Die wichtigsten Antworten.

Chef der Cyberagentur in Halle Prof. Christoph Igel 58 min
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MDR SACHSEN-ANHALT: Welche Probleme der Menschheit will die Cyberagentur eigentlich lösen?

Christoph Igel: Vielleicht müssen wir der Menschheit erst einmal erklären, dass wir Probleme haben. Damit sage ich noch nicht, dass wir die Probleme verstanden haben, geschweige denn, dass wir die Antworten kennen. Andererseits haben wir teilweise ganz alltägliche Probleme, auf die wir schnellstmöglich Antworten finden müssen.

Welche denn zum Beispiel?

Wir gehen jeden Tag mit Hochtechnologie um, wenn wir unser Smartphone benutzen. Wir vertrauen ihnen unsere intimsten Geheimnisse an. Und selbstverständlich denkt jeder, wir können dem vertrauen. Es ist eine Glaubensfrage, ob Hardware und Software sicher und ohne Fehler sind, Dritte nicht auf Daten zugreifen, unsere Identität stehlen oder die Technologie gegen uns verwenden. Für die innere Sicherheit ist das natürlich ein Riesenthema.

Prof. Dr. Christoph Igel

Ein Mann in Hemd und Jackett
Prof. Christoph Igel, Chef der Cyberagentur in Halle: "Wir entwickeln keine Waffen" Bildrechte: Jörg Riethausen

Igel ist 1968 geboren, hat in Saarbrücken, Geschichte, Politik, Sport und Pädagogik studiert. Seine Doktorarbeit hat er über die Bedeutung von Kognitionen beim technologiebasierten, motorischen Lernen geschrieben. An der Uni Münster hat er sich zu Potenzialen und Mehrwerten von E-Learning für die strategische Entwicklung von Hochschulen und Wissenschaftsdisziplinen in Europa habilitiert. Er hat an einer Uni in Shanghai und an der TU Chemnitz gelehrt. Zuletzt hat er den Standort des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Berlin geleitet. Seit er 18 Jahre als ist, ist er Reservist bei der Bundeswehr.

Nur ist Vertrauen kein technisches Thema. Ist es trotzdem eines für die Cyberagentur?

Cybersicherheit ist nicht nur etwas für Techies und Informatiker. Sie hat ganz viel mit Verhaltensweisen zu tun, mit Denkprozessen, mit psychologischen Effekten. Es geht auch um schwere organisierte Kriminalität im Darknet und Fragen von volkswirtschaftlicher Natur. Und zum Beispiel auch um juristische Fragen: Wenn wir gehackt wurden und jemanden identifiziert haben, können wir Repressionen vornehmen und völkerrechtlich oder strafrechtlich verfolgen? Ein Thema, das die Psychologen ganz besonders interessiert, ist die resiliente Gesellschaft. Wie erschaffen wir Widerstandsfähigkeit innerhalb der Gesellschaft? Wer einmal gehackt wurde, der nimmt sein Smartphone am nächsten Morgen anders in die Hand. Da sieht die Frage des Vertrauens plötzlich ganz anders aus.

Wird die Cyberagentur nur Innovationen für den Staatsapparat entwickeln lassen oder auch welche, die die Privatsphäre der Bürger schützen?

Bei der inneren Cybersicherheit stellen wir uns natürlich die Frage, was können wir tun, um den einzelnen Bürger zu schützen. Das geht von vom Datenschutz bis hin zur Sicherheit von Daten und Geräten in Krankenhäusern. Also ja, wir beschäftigen uns auch mit dem Thema der inneren Sicherheit. Und dort stehen unter anderem auch gesellschaftliche Belange im Vordergrund.

Der lange Weg zur Cyberagentur im Raum Leipzig-Halle

  • August 2018: Das Bundeskabinett beschließt die Gründung einer Cyberagentur, die als GmbH gemeinsam von Bundesverteidigungs- und Bundesinnenministerium getragen werden soll.
  • September 2018: Die Leiterin des Aufbaustabs im Verteidigungsministerium sagt, die Agentur soll noch 2018 gegründet werden.
  • Januar 2019: Bundesverteidigungsministerin von der Leyen und Bundesinnenminister Seehofer verkünden in Berlin, dass der Standort der Cyberagentur der Raum Halle/Leipzig werden soll.
  • Februar 2019: Die Leiterin des Aufbaustabs sagt MDR SACHSEN-ANHALT, um Fachkräfte anzulocken und marktgerecht zu bezahlen, sei für einen Teil der 100 Mitarbeiter eine Ausnahmeregel mit dem Finanzministerium vereinbart worden.
  • Juni 2019: Der Haushaltsausschuss des Bundestages und der Bundesrechnungshof erhalten 112 Seiten, in denen das Verteidigungsministerium Finanzrahmen, Ziele und Aufbau der Cyberagentur darlegt.
  • Juni 2019: Der Bundesrechnungshof stellt die Agentur infrage, kritisiert, dass es keine Erfolgskontrolle gibt, dass das Bundesinnenministerium sich finanziell nicht paritätisch beteiligt, fragt, wie hochqualifiziertes Personal angelockt werden soll und empfiehlt, die Cyberagentur als siebenjähriges Pilotprojekt anzulegen.
  • Juli 2019: Auf dem Flughafen Leipzig/Halle verkünden Bundesinnenminister Seehofer, das Verteidigungsministerium und die Ministerpräsidenten von Sachsen und Sachsen-Anhalt, dass die Agentur in Halle gegründet werden und später auf den Flughafen Leipzig/Halle ziehen soll.
  • Juni 2019: Der stellvertretende Vorsitzende des Haushaltsausschusses im Bundestag, Dennis Rohde (SPD), kritisiert, dass keinerlei parlamentarische Kontrolle der GmbH vorgesehen ist.
  • November 2019: Nachdem die Cyberagentur immer wieder von der Tagesordnung des Haushaltsausschusses gestrichen wurde, einigen sich Vertreter der Regierungsfraktionen auf eine Lösung.
  • 14. November 2019: Erst in der letzten Sitzung für den Haushaltsplan 2019, der sogenannten Bereinigungssitzung, kommt die Cyberagentur auf die Tagesordnung – die Gelder werden unter strengen Auflagen freigegeben.
  • Ende 2019: Der Vertrag mit einem ersten Geschäftsführer kommt nicht zustande.
  • Mai 2020: Das Bundeskabinett bestätigt Christoph Igel als Forschungsdirektor. Ein zweiter Geschäftsführer soll noch benannt werden.
  • Am 11. Juni 2020 wird der Gründungsvertrag unterschrieben.
  • Am 15. Juni 2020 nimmt die Agentur an ihrem ersten Standort im Süden Halles ihre Arbeit auf.
  • Am 11. August 2020 informieren das Bundesinnen- und das Verteidigungsministerium offiziell über den Start der Agentur.

Was müssen Wissenschaftler beispielsweise aus Sachsen-Anhalt denn tun, um mit Ihnen in Kontakt zu kommen? Wie sieht die beste Bewerbung aus?

Momentan müssen wir überhaupt erst einmal Sorge dafür tragen, uns in der wissenschaftlichen Forschungslandschaft bekannt zu machen. Und wenn wir den Kontakt aufnehmen, was in der Tat momentan in Masse geschieht, ist unsere erste Frage immer: Haben Sie Ideen? Ideen, wie wir die innerer und äußere Cybersicherheit zukunftsweisend gestalten können?

Und dafür haben Sie ziemlich viel Geld.

Wo ich herkomme, würde man sagen, einen ganzen Batzen. Das sind bis 2023 rund 350 Millionen Euro, die uns aus dem Bundeshaushalt zur Verfügung stehen. Momentan frage ich mich, ob es uns gelingt, dass dieser Batzen abschmilzt. Denn es wird zwar viel darüber geredet, dass wir sicherer sein müssen und dass wir Forscher und Forscherinnen brauchen, um mit ihnen zusammenzuarbeiten. Aber wer sich nüchtern die deutsche Forschungslandkarte dazu anschaut sieht: So viele sind es gar nicht.

Auch Sachsen-Anhalt tauchte da bislang nicht auf.

Sachsen-Anhalt und auch Sachsen nicht. Aber die beiden Bundesländer liegen nicht außerhalb des Durchschnitts in Deutschland. Es gibt sehr gut ausgeprägte Zentren im Norden, im Süden und im Südwesten. Und es gibt Bereiche, wo man neue Dinge aufbauen und stimulieren muss. Aber die Anzahl kompetenter Wissensträger in diesem Segment, die bereit sind, mit uns zukunftsweisend Forschung zu machen, ist überschaubar.

Können die Unis hierzulande von der Cyberagentur profitieren?

Ja, es gibt zwei Perspektiven: anwendungsorientierte Forschung in der Cybersicherheit. Ich hatte eben das Beispiel im Bereich der Kliniken. Es kann aber auch Grundlagenforschung sein, die vielleicht fünf bis zehn Jahre braucht, um überhaupt zu ersten Erkenntnissen zu kommen.

Lässt sich denn nachvollziehen, an wen die Agentur Aufträge vergibt?

Wir unterliegen als Cyberagentur der permanenten Kontrolle des Deutschen Bundestages und der entsprechenden Ausschüsse. Das war dem Parlament und unseren Gesellschaftern, also Bundesverteidigungs- und Bundesinnenministerium, von Beginn an sehr wichtig.

Vierteljährlich muss die Agentur dem Haushaltsausschuss des Bundestag berichten. Können wir Bürger den Bericht lesen?

Das ist eine gute Frage. Das müsste ich selbst noch einmal klären, ob Sie als Bürger das können. Aber Ihre Abgeordneten in den entsprechenden Gremien können es definitiv. Es kann sicherlich sein, dass bestimmte Segmente, eingestufte Themen, die dem Geheimschutz unterliegen, nicht transparent sind. Aber in Masse sind die Dinge zugänglich.

Mit einem kaufmännischen Geschäftsführer und einem Referenten sind Sie derzeit zu dritt in der Agentur. Welche Positionen gibt es noch?

Wir müssen genau schauen, welche Forschungsfragen sind spannend und wie können wir diese angehen. Wenn wir uns zum Beispiel mit Zukunftsfragen der Kryptografie beschäftigen, brauche ich in der Agentur auch Topleute, die wissen, wie Kryptografie geht und die Forschungsmanagement und Innovationsmanagement gestalten können und wollen.

Schaubild mit vielen Kästen, die die Institutionen zur Cybersicherheit in der EU, der Bundesrepublik und den einzelnen deutschen Bundesländern darstellt.
Bildrechte: Stiftung Neue Verantwortung / CC-BY-SA 4.0

In Deutschland gibt es eine ganze Menge Institutionen, die sich mit ähnlichen Dingen wie Ihre Agentur befassen: Zum Beispiel ZITIS, SprinD, BSI und des Forschungszentrum Cyberdefence CODE an Bundeswehr Uni. Wie unterscheidet sich die Agentur eigentlich von anderen staatlichen Institutionen in diesem Bereich?

Sie können sie auch noch das CISPA in Saarbrücken und ATHENE in Darmstadt dazu nehmen. Und die KI-Forschungszentren des Bundesforschungsministeriums könnten Sie auch dazu nehmen, denn auch da könnte man fragen, ob dort Grundlagenforschung geschieht, die potenziell auch für die Cybersicherheit relevant werden kann. Worauf will ich hinaus? Die Beschreibung ist sicherlich zutreffend. Aber es suggeriert, als hätten wir zu viel Forschung, als wüssten wir zu viel, als hätten wir nichts Besseres zu tun, als jeden Euro zweimal auszugeben, obwohl wir es schon längst finanziert haben. Ich will nicht wissenschaftstheoretisch argumentieren, dass wiederholte Forschung vielleicht vernünftig ist und dass eine Forschungsfrage für den Rest des Lebens beantwortet ist. Ich kann aus meiner Perspektive sagen: Wir haben nicht zu viel Forschung in der Cybersicherheit. Wir haben zu wenig in Deutschland. Es ist doch deutlich geworden, dass wir uns in Abhängigkeiten befinden. Deshalb brauchen wir ein Netzwerk von Akteuren in Deutschland, das noch wachsen muss. Wir brauchen viel mehr Forschung, viel mehr Aufklärung. Wir müssen stärker in Gesellschaft und Sicherheitskräfte hineinwirken, damit mehr geschieht in diesem Thema.

Gibt es denn Kontakt zwischen all diesen Institutionen?

Aber selbstverständlich gibt es diese Zusammenarbeit. Vielleicht ist das nicht alles unbedingt transparent nachvollziehbar. Und natürlich stimmen wir mit dem BSI und ZITIS ab. Ich war in den vergangenen zwei Monaten bei all diesen Entitäten, um Gespräche zu führen. Aber nicht, um zu sagen, das ist dein Töpfchen und das ist mein Töpfchen, sondern um uns einheitlich der Frage zu stellen, wie können wir die Bundesrepublik helfen und nach voran bringen.

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
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Über den Autor: Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben". E-Mail: digitalleben@mdr.de

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 29. September 2020 | 07:30 Uhr

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