Podcast "Digital leben" Soll die Bundeswehr Drohnen bewaffnen?

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Die Bundeswehr möchte zum Beispiel in Afghanistan Drohnen mit kleinen, präzisen Waffen ausstatten. Das Vorhaben wird seit Mai diskutiert. Das sagen die Sachsen-Anhalter dazu, die im Verteidigungsausschuss des Bundestags sitzen.

Es sind einfache Fragen, die kaum einfach zu beantworten sind: Sollen deutsche Soldaten oder Soldatinnen unbemannte Drohnen steuern, die bewaffnet sind? Sollen die Drohnen gar selbständig fliegen und selbst entscheiden, wann sie feuern?

Es ist ein pragmatischer Umgang, den Daniel Sülberg, der Chef des Nationalen DLR-Drohnenerprobungszentrums in Cochstedt zu dem Thema pflegt: "Ich habe nicht ohne Grund Zivildienst gemacht, aber es gehört dazu." In Cochstedt gehe es ausschließlich um zivile Einsatzzwecke von Drohnen. Dazu können zwar auch Auftraggeber wie Polizeibehörden, Feuerwehr oder THW – also Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben – gehören, aber eine militärische Forschung an Drohnen gehöre nicht dazu.

Was sind Drohnen?

Die Bezeichnung Drohne stammt ursprünglich aus dem Militär. In der zivilen Luftfahrt wird deshalb offiziell von unbemannten Luftfahrtsystemen gesprochen. Häufig wird die englische Abkürzung UAC – unmanned aircraft systems – verwendet. Es darf also keine menschliche Besatzung an Bord einer Drohne sein, sie wird autark von einem Computer oder per Fernsteuerung betrieben und navigiert. Schon in den 1960er Jahren hat das US-Militär mit Drohne experimentiert. Heute ist die kleinste Drohne so groß wie ein Zwei-Euro-Stück. Die größten können Spannweiten wie Passagierflugzeuge haben, mehr als 600 Kilogramm wiegen und mehr als 15 Kilometer hoch fliegen. Und es soll sogar Drohnen mit Hyperschall-Geschwindigkeit geben.

Meinung des Verteidigungsministeriums

Dass über den Einsatz von bewaffneten Drohnen derzeit häufiger geredet wird, liegt auch am Bundesverteidigungsministerium. Klar: Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und die Bundeswehr-Führung sprechen sich schon länger für bewaffnete Drohnen aus. Im Mai haben sie eine große "Drohnen-Debatte" angestoßen.

US Kampfdrohne MQ-1 Predator fliegt über einer Wüstengegend.
Die US-Luftwaffe setzt schon längst Kampfdrohnen ein. Zum Beispiel eine solche MQ-1. Auf dem Foto fliegt sie in der Nähe des Southern California Logistics Airport in Victorville, Kalifornien. Bildrechte: dpa

Meinung von Experten

In einer ersten Expertenanhörung erklärt zum Beispiel Oberstleutnant Jan Smekal seine Meinung zu bewaffneten Drohnen, die sich nach seinen Afghanistan-Einsatz deutlich verändert hat: "Ich hätte niemals meiner Mutter erklären können, ich gehe in einen Einsatz mit einer bewaffneten Drohne. Zwei Jahre später habe ich genau anders argumentiert und setze mich dafür ein, dass sie bewaffnet werden." Dazu zeigt er mehrere Videos, in denen die Bundeswehr per Kamera Entführungen und Morde beobachtet, ohne eingreifen zu können.

Meinung der Politiker in Sachsen-Anhalt

Nur so einfach wie sich Bundeswehr und Verteidigungsministerin die Argumentation machen – so einfach ist sie nicht. Vor allem beim Koalitionspartner SPD sind die Vorbehalte groß. Was halten Sachsen-Anhalts Politiker von bewaffneten Drohnen? MDR SACHSEN-ANHALT hat die drei sachsen-anhaltischen Bundestagsabgeordneten, die im Verteidigungsausschuss sitzen, nach ihrer Meinung gefragt:

Matthias Höhn, der für die Linke den Wahlkreis Altmark im Bundestag vertritt, lehnt eine Bewaffnung von Drohnen klar ab. Er verweist auf die USA, die seit langem bewaffnete Drohnen zum Teil völkerrechtswidrig nutzen würden. Über weite Entfernungen per Knopfdruck den Tod in andere Länder zu bringen – das sollte die Bundesrepublik nicht tun.

Anders sieht es Marcus Faber, der für die FDP im Wahlkreis Altmark im Bundestag sitzt. Er fordert, dass die Bundeswehr schnellstmöglich bewaffnete Drohnen anschafft und hat das auch im Bundestag gefordert. Für Faber gibt es keinen Unterschied, ob ein Pilot eine bewaffnete Drohne, einen Kampfhubschrauber oder einen Kampfjet zum Schutz von Soldatinnen und Soldaten steuert. Wenn sie angegriffen werden, dürfe eine Drohne nicht nur beobachten.

Katrin Budde, die für die SPD den Wahlkreis Mansfeld im Bundestag vertritt, fällt eine Entscheidung schwer. Künstliche Intelligenz in bewaffneten Drohnen – wie sie das US-amerikanische Militär einsetzt – lehnt sie ab. Ob Drohnen allerdings grundsätzlich bewaffnet werden sollen – das kann sie noch nicht mit Ja oder Nein beantworten.

Meinung von Ethikern

Auch Ethiker beschäftigen sich mittlerweile mit der Frage. Sie wollen vor allem das große Ganze im Blick haben und nicht beurteilen, ob bewaffnete Drohnen in einzelnen militärischen Operationen ethisch vertretbar sind. Im Interview mit der Tagesschau sagt zum Beispiel Bernhard Koch, Vize-Direktor des Instituts für Theologie und Frieden, es sei eigenartig, wenn zwischen der Gewaltauslösung und der Gewaltauswirkung eine enorme Distanz ist.

Außerdem stellt er die Frage "Sind Drohen nicht so eine Art Einstiegsdroge in immer weitere Digitalisierungsschritte?" Es sei unklar, ob überhaupt ein Mensch über Leben und Tod bei bewaffneten Drohnen entscheide, wenn die Daten für diese Entscheidung technisch gefiltert seien. Und Koch wirft schließlich die Frage auf, was die militärischen Partner der Bundeswehr in einem Konflikt einfordern würden und inwieweit sich Deutschland dem entziehen könne.

Drohnenerprobungszentrum Cochstedt

Daniel Sülberg vom Drohnenerprobungszentrum in Cochstedt stellt jedenfalls fest: "Man kann sich als Luftfahrer der militärischen Anwendung nicht verweigern". Schließlich sei der Begriff "Drohne" maßgeblich vom Militär geprägt. Das DLR habe grundsätzlich eine wehrtechnische Förderquote zu erfüllen – allerdings nicht speziell im Bereich unbemannte Luftfahrtsysteme. Es sei auch gut Systeme kennen, verstehen und betreiben zu können. "Eine Expertise aufzubauen ist gut, bevor man hinterher gelackmeiert ist", meint Sülberg.

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
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Über den Autor: Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben". E-Mail: digitalleben@mdr.de

Drei Menschen schauen in die Kamera, drei Bilder zusammengeschnitten 66 min
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MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Fr 21.08.2020 17:52Uhr 66:12 min

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Quelle: MDR/mar

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 21. August 2020 | 17:52 Uhr

2 Kommentare

Mediator vor 35 Wochen

Es macht in meinen Augen schlicht und ergreifend keinen Sinn Drohnen mit einer gewissen Ausdauer im Zielgebiet nicht zu bewaffnen. Diese Drohnen überwachen häufig die Marschwege deutscher Konvois, und sind Augenzeuge wenn ein Hinterhalt gelegt wird oder ein Konvoi angegriffen wird. Ausgestattet mit Raketen wären diese Drohnen in der Lage die Bedrohung auszuschalten, bevor überhaupt ein Angriff erfolgt, bzw. würden im Gefecht den bedrängten Truppen den Vorteil der Feuerunterstützung bringen.

Oft sind in solchen Situationen weder Artilleriekräfte oder Luftfahrzeuge mit entsprechender Bewaffnung in Reichweite. Wenn doch, dann ist der Anforderungsweg langwierig, da es erst die Hühnerleiter rauf und runter gehen muss. Ein Konvoi der mit einer eigenen Drohne über eine weitreichende eigene Aufklärung und eigene Feuerunterstützung verfügt wäre ein echter Fortschritt.

PS: Der Befehl und die Voraussetzungen für einen Waffeneinsatz sind bei einer Drohne auch nicht anders als bei einem Jet.

SGDHarzer66 vor 35 Wochen

Wenn es die USA anordnen wird es gemacht - ganz einfach. Oder glaubt einer, das unsere schwächliche Regierung ein Mitspracherecht hat? Na also.
Guten Tag.

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