Podcast "Digital leben" So geht Glücklichsein im Digitalen

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Hass, Pöbeleien, Geschimpfe und Gereiztheit – das ist gerade der Eindruck, den wir vom Internet haben. Digital-Frust macht unglücklich. Das ist keine allzu neue Erkenntnis. Aber wie können Internet, digitale Technologien und Geräte vielleicht glücklich machen? "Digital leben" hat mit Expertinnen und Experten aus Sachsen-Anhalt gesprochen.

Digital leben

Gäste im Podcast: Harald von Bose und Andre Döring. Hosts: Marcel Roth und Stephan Schulz
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Selten hat eine Podcast-Folge so viel Eindruck auf mich gemacht. Zum Ende dieses blöden Jahres haben wir uns der Frage gestellt, ob Digitales eher glücklich oder unglücklich macht. Darüber haben wir mit vielen Menschen gesprochen: einem Psychologie-Professor der Uni Halle, einem Professor der Hochschule Harz, der ein Buch über Glücksorte im Harz geschrieben hat, eine Magdeburgerin, die in ihrem Podcast über einen selbstbestimmten und achtsamen Alltag spricht. Außerdem dabei: Ein Mann, der die langweiligsten Geschichten der Welt schreibt und ein Experte, der trotz allem positiv in die Zukunft schaut.

So glücklich sind Sachsen-Anhalter

Der Glücksatlas der Deutschen Post hat 2020 eine Überraschung geliefert: Die Sachsen-Anhalter sind die glücklichsten Ostdeutschen. Im Bundesländervergleich stehen sie auf Platz sechs – damit steht erstmals ein ostdeutsches Bundesland vor einem westdeutschen.

MDRfragt, das Meinungsbarometer des MDR, hat im September gefragt, was die Menschen in Mitteldeutschland glücklich macht. Die Top 5: Gesundheit, Familie, eigenes Zuhause, Liebe/Partnerschaft und Geld. Erst dann folgen Arbeit, Hobbies und Reisen. Drei Viertel der mdrFRAGT-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer sind zudem überzeugt, dass ein jede/r seines/ihres Glückes Schmied ist, vorausgesetzt man bringt eine positive Einstellung mit. Bei den 16- bis 30-Jährigen sagen drei Viertel sie sind glücklich. Bei Mitteldeutschen, die älter als 65 Jahre sind, sind es sogar 89 Prozent.

Und das Internet? Macht das glücklich oder unglücklich? So pauschal beantwortet das niemand. Aber MDRfragt hat auch herausgefunden: Drei Viertel der Internetnutzer sehen in den Sozialen Medien zu viel Hass und zu viel Werbung. Ein Drittel wurde schon einmal angefeindet. Die Mehrheit wünscht sich eine Klarnamenpflicht und härtere Strafen für Fake News. Der Großteil der Nutzerinnen und Nutzer liest mit, nur eine Minderheit kommentiert.

Trotzdem: Kaum jemand der Befragten will Soziale Medien abschaffen. Drei Viertel lehnen das ab. Aber machen Soziale Medien glücklich? Oder besser: Wie können sie uns glücklicher machen? Kurze Antwort: Mit dem richtigen Umgang.

Prof. René Proyer
Professor René Proyer Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Unsere Erkenntnisse aus der neuen Podcastfolge von "digital leben":

Professor René Proyers Fachgebiet an der Uni Halle ist positive Psychologie. Sie zielt – im Gegensatz zur klassischen Psychologe – nicht auf Menschen mit Beeinträchtigungen, sondern auf Menschen, die ihr Wohlbefinden verbessern wollen. Und Proyer sagt: "Natürlich sind es dieselben Dinge, die uns im realen Leben glücklich oder unglücklich machen, die uns auch im Internet glücklich oder unglücklich machen." Sich im Internet mit Dingen zu umgeben, die weniger positive Emotionen bereiten, also beispielsweise Angst oder Sorgen machen, wirke sich auch auf unsere Befindlichkeit aus.

Ein grauhaariger Mann steht vor einer Glasscheibe.
André Niedostadek Bildrechte: MDR/ André Niedostadek

All das setzt natürlich voraus, dass wir wissen, was uns gut tut.

Erkenntnis 1: Reflektiere und werde glücklicher

Proyer sagt, wir können im Internet auch nach Dingen suchen, die uns Freude machen. Wie wäre es mit Katzenvideos?

Maria Anna Schwarzberg ist Podcasterin aus Magdeburg. Ihr Podcast heißt "Vollkommen Unperfekt". Ihr großes Ziel dabei ist, dass ihre Hörerinnen und Hörer mit 80 Jahren auf ihr Leben zurückblicken und sagen: Es war schön.

Maria warnt vor allem davor, sich abends gestresst und geschafft auf die Couch zu werfen, das Handy zu zücken und ziel- und endlos durch soziale Medien zu scrollen. In diesem Moment seien wir besonders verletzlich und würden Menschen sehen, die Fotos aus ihrem Urlaub, von ihrem Boot oder neuem Partner posten. Dabei sehen wir ja dort nicht das ganze Leben dieser Menschen, sondern nur das, was sie zeigen wollen: ihre Erfolge und Dinge, die sie glücklich machen.

Eine Frau fasst sich ans Haar.
Maria Anna Schwarzberg Bildrechte: MDR/ Maria Anna Schwarzberg

Erkenntnis 2: Mach deine Zufriedenheit nicht vom Verhalten anderer abhängig

Sie sagt: "Dann sitzen wir da, und es prasselt einfach auf uns ein, und wir vergleichen uns und werden unglücklich".

Auch das Warten und Hoffen auf Likes, Sternchen, gehobene Daumen oder irgendeine Art von Zustimmung und Zuspruch fällt unter diese Erkenntnis. "Wenn die eigene Zufriedenheit davon abhängig ist, ob ich irgendwelche Likes bekomme, dann läuft etwas falsch, sagt André Niedostadek. Das kann aus einem einfachen Grund schnell passieren: "Wir verstehen unser Kommunikationsverhalten immer als Reaktion auf den anderen. Wir fühlen uns immer getrieben, auf den anderen zu reagieren." Es mache auf Dauer tatsächlich unglücklich, wenn wir nur noch reagieren und nicht mehr selbstständig agieren. Sein Rat: Nicht immer automatisch reagieren, wenn eine Nachricht kommt.

Erkenntnis 3: Lass andere auch mal auflaufen

Niedostadek ist eigentlich Jurist, hat das Buch "Glücksorte im Harz" geschrieben und bringt seinen Studierenden an der Hochschule Harz auch Digitalkompetenz und Selbstmanagement bei. Auch für das Thema Konfliktmediation kann er sich begeistern.

Er sagt auch: Menschen brauchen soziale Beziehungen.

Erkenntnis 4: Soziale Beziehungen machen glücklich

Und um Beziehung zu pflegen, gibt es im digitalen Raum genug Möglichkeiten. Auch abseits von Sozialen Medien. Die E-Mail – das älteste "Internet-Medium" – ist zunächst nichts anderes als ein persönlicher, elektronischer Brief. Heute verbinden Videokonferenzen und Messengerdienste Familien und Freunde über Kontinente. Mittlerweile kann man online auch zusammen Filme schauen oder ein Quiz oder andere Spiele spielen.

Und für all das können wir uns ganz bewusst entscheiden. Und haben so unser Glück im Digitalen auch selbst in der Hand.

Erkenntnis 5: Glück kann auch Kopfsache sein

Rene Proyer sagt: "Unser Wohlbefinden setzt sich aus unserem Erlebten zusammen aber auch aus der Bewertung unserer Lebenszufriedenheit." Und auf letzteres haben wir einen Einfluss. Wir wissen zum Beispiel, dass Streit zu zum Leben dazu gehört. Aber genauso wissen wir, dass man sich wieder versöhnen kann. "Wenn wir uns mitmehr positiven Dingen umgeben, haben wir eine größere Chance auf ein höheres Wohlbefinden."

Und auch das geht im Digitalen: Noch mehr Katzenbilder und nur ein oder zwei Mal am Tag Nachrichten. Dazu müssen wir uns Zeit nehmen und auch die Zeit haben.

Selbst über ihre Zeit bestimmen können – das kann Podcasterin Maria Anna Schwarzberg. "Und ich weiß, dass das ein Luxus ist."

Erkenntnis 6: Digital macht orts- und zeitunabhängig und glücklich

Einen Job wie ihren gäbe es ohne digitale Technologien gar nicht. Softwareentwickler, Blogger, Youtuber, Webdesigner und sogar Headhunter – sie alle können überall auf der Welt arbeiten, zu Zeiten, die sie vielleicht selbst bestimmen. Eine Freiheit im Arbeiten, wie sie ohne das Internet nicht möglich war. Viele ländliche Regionen begreifen das jetzt auch als ihre Chance. Und die Digital-Arbeiter und -Arbeiterinnen sind mit ihrem Lebensentwurf zufrieden.

Und erstaunlicherweise sind es auch Menschen aus der Technologiebranche, die man oft von Achtsamkeit, Yoga und Meditation sprechen hört. Auf Tech-Events finden sich Yoga-Kurse statt oder es gibt Meditationsräume.

Erkenntnis 7 Geh spazieren, meditiere, sei achtsam

Natürlich gibt es dazu auch entsprechende digitale Angebote. Apps zum Meditieren, Apps zum Einschlafen, Apps, die ans trinken oder ans Schlafen erinnern. Ithar Adel zum Beispiel arbeitet für 7minds, einer Firma, die eine Meditations-App und von der Krankenkasse bezahlte Achtsamkeitskurse anbietet. Adel schreibt für die App zum Beispiel Geschichten, die beim Einschlafen helfen sollen.

Zum Meditations- und Yoga-Trend in der Tech-Branche sagt er: "Ich glaube, das ist ein sehr moderner Impuls und macht auch in einem klassischen Arbeitskontext Sinn." Die Tech-Branche sei sehr progressiv und zukunftsorientiert. "Achtsamkeit führt zu zufriedeneren und entspannteren Mitarbeitern und sorgt letztendlich für ein besseres Miteinander und höhere Produktivität."

Mit Meditation lässt sich auch von der Arbeit abschalten. Das ist gerade für Digital-Arbeiter wichtig, die von Zuhause arbeiten und keine räumliche Trennung zwischen Beruf und Privatleben haben – eine Erfahrung, die 2020 viele Menschen im Home-Office machen mussten.

Erkenntnis 8 Trenne strikt zwischen Beruflichem und Privatem

So wie es zwischen Beruflichem und Privatem eine räumliche Trennung gibt, so sollte auch eine digitale Trennung geben, meint Podcasterin Maria Anne Schwarzberg. "Ich habe mir viel damit beschäftigt, was ich über mich preisgeben möchte. Denn es hat mich schon immer gegruselt, alles ohne zu Überlegen ins Internet zu schreien."

Als Podcasterin, die auch einen Instagram-Konto mit 20.000 Abonnenten hat, gibt sie auch viel Privates preis. "Für mich ist die Trennlinie immer die Frage, würde ich das auch dem Kassierer an der Kasse zeigen oder erzählen oder einer Bekannten, die ich im Baumarkt treffe." Schwarzberg zeigt zum Beispiel nie das Gesicht ihrer einjährigen Tochter. "Ich möchte sie auch nicht zum Mittelpunkt meiner Arbeit machen. Aber sie kann sichtbar sein." Das Gleiche gelte für ihren Mann, mit dem sie ja auch durch Magdeburg schlendere. "Und deswegen ist es auch okay für mich, dass ich ihn ab und an zeige, aber auch der soll nicht Hauptthema sein."

Was macht uns glücklich? 44 min
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Erkenntnis 9: Setze deine eigene Stärken viel bewusster ein

Ein praktischer Tipp von Psychologe Proyer: Man solle im echten und im digitalen Leben die eigenen Stärken bewusst einsetzen. "Wenn Sie ein humorvoller Mensch sind, sich am Arbeitsplatz aber zurückhalten, könnten sie versuchen, den Humor auch dort einfließen zu lassen." Wer ein dankbarer Mensch ist, könne das auch auf ungewöhnliche Weise zeigen.

Viele Menschen könnten in ihrem Alltag auch mehr Verspieltheit zulassen: "Überraschen Sie ihren Partner, tun Sie etwas Unerwartetes, brechen Sie Routinen, machen Sie Dinge, die vielleicht ein bisschen ungewöhnlich sind." Gerade das bringe in der Corona-Zeit Abwechslung, Freude und neue Impulse.

Dann versuchen wir das einmal.

Erkenntnis 10: Iss auch mal ein Stück Schokolade

Wenn Sie jetzt innerlich geschmunzelt haben, ist das schon ein guter Anfang für heute. Und ein gutes Ende für diesen langen Text. Danke fürs Durchhalten!

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
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Über den Autor Marcel Roth arbeitet seit 2008 als Redakteur und Reporter bei MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir. Nach seinem Abitur hat der gebürtige Magdeburger Zivildienst im Behindertenwohnheim gemacht, in Bochum studiert, in England unterrichtet und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Anschließend arbeitete er für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er über Sprachassistenten und Virtual Reality, über Künstliche Intelligenz, Breitbandausbau, Fake News und IT-Angriffe. Außerdem ist er Gastgeber des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Digital leben". E-Mail: digitalleben@mdr.de

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Quelle: MDR/mar

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 14. Dezember 2020 | 11:40 Uhr

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