Digitalisierung in der Medizin Hausarzt aus Teutschenthal: Elektronische Patientenakte ist ein Monstrum

MDR SACHSEN-ANHALT-Autor Hannes Leonard steht im Profil vor einer Wand
Bildrechte: MDR/Hannes Leonard

Versicherte der gesetzlichen Krankenkassen können seit Anfang 2021 die elektronische Patientenakte nutzen. Darin können beispielsweise medizinische Befunde gespeichert und auch geteilt werden. Allerdings kritisieren Mediziner die Umsetzung. Für sie sei die E-Akte nur schwer nutzbar.

Ein Facharzt zeigt auf eine elektronischen Patientenakte, die ein E-Rezept zeigt.
Die elektronische Patientenakte soll den Austausch von Befunden, Untersuchungs- und Laborergebnissen deutlich vereinfachen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Die Idee ist gut: Alle Untersuchungsergebnisse, Befunde oder Laborergebnisse eines Patienten werden an einem Ort gespeichert, auf den dann alle Zugriff haben, die das brauchen. Das war der Plan bei der Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) im vergangenen Jahr.

Neben Befunden, Arztbriefen und Röntgenbildern können dort auch der Impfausweis, der Mutterpass, das gelbe Untersuchungsheft für Kinder und das Zahn-Bonusheft gespeichert werden. Dann sollen Versicherte bei einem Krankenkassenwechsel auch ihre digitalen Daten mitnehmen können. Was sie speichern wollen und was nicht, entscheiden nur die Patienten selbst.

Die elektronische Patientenakte... ... ist das größte Digitalisierungsprojekt des deutschen Gesundheitswesens.

Gesundheitsdaten wie Arztbefunde und Röntgenbilder können Versicherte nun auch digital speichern und abrufen - per Smartphone oder am heimischen Rechner.

Seit 2021 haben alle gesetzlichen Versicherten einen Anspruch auf eine elektronische Patientenakte. Ansprechpartner sind die Krankenkassen, die ihren 73 Millionen Versicherten entsprechende Zugänge einrichten müssen.

Allerdings hakt es im Alltag gewaltig, sagt Allgemeinmediziner Thomas Dörrer im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT. Er hat seine Hausarztpraxis in Teutschenthal im Süden Sachsen-Anhalts.

Ein Mensch, der es nicht gewohnt ist, mit Tablet, Smartphone oder Computer umzugehen, wird mit der ePA nicht klarkommen.

Thomas Dörrer Hausarzt aus Teutschenthal

Dazu kommen ganz praktische Probleme. Gerade Ärzten auf dem flachen Land würde oft die nötige digitale Infrastruktur fehlen, um ordentlich mit der E-Akte arbeiten zu können. "Ich bin hier nur über 4-G-Mobilfunk mit dem Internet verbunden. Damit können Sie keine elektronische Patientenakte befüllen", erläutert Dörrer.

Handhabung für Ärzte unpraktisch

Dazu käme, dass die E-Akte für die Ärzte nur schlecht zu handhaben ist, erklärt Dörrer. Beispielsweise fehle es an einer guten Suchfunktion. "Es gibt in der der ePA keine Möglichkeit für uns Ärzte, ganz konkrete Untersuchungsergebnisse zu recherchieren."

Wieso überhaupt eine digitale Patientenakte?

Zum Beispiel, um unnötige Mehrfachuntersuchungen zu vermeiden, weil man Daten zu eingenommenen Medikamenten oder früheren Behandlungen beim Termin in der Praxis nicht parat hat. Dabei soll die ePA nach und nach mehr können. Außerdem soll so der Informationsfluss zwischen verschiedenen Ärzten und den Patienten vereinfacht werden.

Wie läuft die Einführung?

Die Einführung der elektronischen Patientenakte verläuft schrittweise. Seit Januar 2021 haben alle Versicherten Anspruch darauf, eine ePA-App von der Kasse zu bekommen. Mit Inhalten füllen konnten sie die vorerst nur selber. Zum 1. Juli 2021 wurden alle Ärzte, Physiotherapeuten und Zahnärzte zudem verpflichtet, sich an die ePA anzubinden und die Technologie zu unterstützen. Das soll auch weitgehend geschehen sein.

Was sagen Kassen und Verbraucherschützer?

Die gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) setzen auf eine breite Nutzung der neuen Möglichkeiten. "Die elektronische Patientenakte ist ein Meilenstein auf dem Weg, die Digitalisierung für eine bessere Versorgung zu nutzen", sagt die Chefin des GKV-Spitzenverbands, Doris Pfeiffer. Auch die Verbraucherzentralen sehen große Chancen, die Versorgung digital zu verbessern und stärker am Patientenbedarf auszurichten.

Ein weiteres Problem: Die vielen Einstellmöglichkeiten innerhalb der ePA bereite gerade ungeübten Menschen Probleme. "Patienten können für jedes Laborergebnis entscheiden, welcher Arzt das sehen darf", erläutert Dörrer. Das war eine Forderung von Datenschützern, die eine solche Funktion vehement gefordert hatten.

Der vielfältigen Einstellungsmöglichkeiten der E-Akte kritisiert auch die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt (KSVA). "Im Ergebnis der verständlichen Datenschutzbestrebungen kann sich der behandelnde Arzt nicht darauf verlassen, dass die ePA des Patienten vollständig ist und ihm bei der Behandlung fundiert und sicher weiterhilft", teilt die KSVA auf Nachfrage von MDR SACHSEN-ANHALT mit.

Ärzten fehle die Zeit zum Befüllen der Akte

Im Arbeitsalltag fehle den Ärzten aber auch schlicht die Zeit, Fragen zur ePA zu beantworten oder gemeinsam mit Patienten die E-Akte zu befüllen. "Die ePA, so wie sie jetzt ist, ist ein zeitliches Monstrum, die uns unseren Workflow in der Praxis komplett kaputtmacht", sagt Dörrer.

Ich habe pro Patient sieben Minuten Zeit für die Behandlung. Da habe ich nicht zwanzig Minuten Zeit, mich um eine ePA zu kümmern.

Thomas Dörrer Hausarzt aus Teutschenthal
Antrag auf Elektronische Gesundheitsakte
Die Krankenkassen müssen ihren Versicherten einen Zugang zur elektronischen Patientenakte einrichten. (Symbolbild) Bildrechte: mago images / Jochen Tack

Grundsätzlich ist Dörrer aber von Nutzen der ePA überzeugt. "Wenn ich eingeben könnte, ich brauche das letzte Echo – das wäre super." Gleichzeitig plädiert er dafür, der elektronischen Patientenakte viel mehr Zeit zu geben. Sie habe eine Chance, von den Menschen angenommen zu werden.

Die Generationen müssen wachsen: Die Ärzte-Generation, die damit arbeiten lernt und die Patientengeneration, die sie befüllt. Diejenigen, die sie jetzt schon nutzen, sind eigentlich die, die sie nicht brauchen. Aber die befüllen sie über die Jahre und irgendwann werden die auch chronisch krank und dann liegen alle Daten digital vor.

Thomas Dörrer Hausarzt aus Teutschenthal

Fakt ist auch, momentan spielt die elektronische Patientenakte in der ambulanten Versorgung keine große Rolle, stellt Dörrer fest. "Angenommen wird dieses Angebot im Moment noch sehr wenig." Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt nutzen derzeit bundesweit rund 500.000 Versicherte die ePA.

MDR (Hannes Leonard), dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 11. August 2022 | 17:30 Uhr

3 Kommentare

Der Pegauer vor 8 Wochen

Deutschland und Digitalisierung - Witz komm raus, Du bist umzingelt.
In dem Maße, wie die Digitalisierung voranschreitet, werden immer mehr öffentliche Aufgaben aus den Amtstuben in die privaten Wohnzimmer verlagert. Tablet, PC, Laptop, Drucker, WLAN-Router, Providervertrag für den Internetanschluss, kostet alles Geld, dass sich die öffentliche Verwaltung spart. Schneller und besser geht’s dadurch auch nicht.

OOOO vor 8 Wochen

Wer hätte vermutet es gäbe weniger Bürokratie für Ärzte u. mehr Zeit für Patienten?

jackblack vor 8 Wochen

Wie immer- was anordnen, was die Arbeit KOMPLIZIERTER macht- eben D-land.

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