Landwirtschaft und Nachhaltigkeit Weniger Pflanzenschutzmittel: Sachsen-Anhalts Landwirte kritisieren EU-Vorhaben

Stephan Schulz
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Gegen die Pläne der EU-Kommission, Pflanzenschutzmittel zu verbieten, regt sich heftiger Widerstand. Landwirte beklagen, dass in Frankreich nur die Nationalparks betroffen sein werden, während in Deutschland ein Pflanzenschutz-Verbot für alle Schutzgebiete kommen könnte.

Bauer sprüht Pestizid auf Gemüse
Sachsen-Anhalts Bauern und Landwirte kritisieren die Pläne der EU-Kommission, Pflanzenschutzmittel teilweise komplett zu verbieten. (Symbolbild) Bildrechte: Colourbox.de

Die EU-Kommission will den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bis 2030 um mehr als die Hälfte reduzieren. In besonders sensiblen Gebieten soll der Einsatz von Chemie komplett verboten werden. Doch was ist ein sensibles Gebiet? Während Frankreich ausschließlich seine Nationalparks als sogenannte Gebietskulisse für ein generelles Pflanzenschutzmittelverbot in Brüssel angemeldet hat, ging das Bundesumweltministerium noch einen Schritt weiter.

"Die deutsche Gebietskulisse umfasst alle Schutzgebiete, angefangen von den Landschaftsschutzgebieten über die Vogelschutzgebiete bis hin zu den Nationalparks", sagt Olaf Feuerborn, CDU-Landtagsabgeordneter und Präsident des Bauernverbandes Sachsen-Anhalt. "Wenn alle diese Schutzgebiete nicht mehr für eine intensive landwirtschaftliche Produktion genutzt werden können, bekommen wir ein Nahrungsmittelproblem in Deutschland." Feuerborn steht mit seiner Kritik nicht alleine da. Das EU-Vorhaben, auch in Landschaftsschutzgebieten den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu verbieten, wird von Landwirten in ganz Deutschland abgelehnt.

Reduzierung nicht um jeden Preis

Martin Breun zum Beispiel, Betreiber eines mittelständischen Saatzucht-Unternehmens, züchtet in Morgenrot bei Quedlinburg verschiedene Getreidesorten, die Pflanzenschädlingen und den sich verändernden Klimabedingungen standhalten sollen. Er ist zwar auch dafür, dass der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduziert wird, aber nicht um jeden Preis. In diesem Jahr hat er in seinem Zuchtgarten zum ersten Mal in seinem Leben einen Befall seiner Getreidepflanzen mit Schwarzrost gesehen.

"Schwarzrost ist ein Pilz, der Weizen, Gerste, Hafer und Roggen befällt und ganze Ernten zerstören kann", sagt Breun. "Der Pilz ist mit dem Saharastaub nach Deutschland gelangt, was mir zeigt, dass es ganz ohne Pflanzenschutzmittel doch nicht geht." Der Landwirt rechnet mit Ertragseinbrüchen weit über 50 Prozent für die konventionelle Landwirtschaft in Deutschland, wenn für Landschaftsschutzgebiete tatsächlich ein generelles Pflanzenschutzmittelverbot kommen sollte.

Konzerne wollen Chemie nicht reduzieren

"Die Konsequenz wird sein, dass Landwirte sich kein Saatgut mehr leisten können und dann sterben auch die letzten mittelständischen Saatzuchtunternehmen in Deutschland." Tatsächlich ist Deutschland neben Frankreich das letzte Land, in dem auch kleine Betriebe noch neue Sorten züchten. „Die Pflanzenzüchtung ist weltweit in der Hand von großen Chemiekonzernen", sagt Breun. "Diese Großunternehmen haben kein Interesse daran, Chemie zu verhindern, im Gegenteil: Sie leben davon, Chemie zu verkaufen."

Breun wünscht sich von der Politik mehr Augenmaß und vor allem mehr Weitblick. "Wenn der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in Landschaftsschutzgebieten wirklich verboten wird, leiden nicht nur die Landwirte selbst, auch die letzten Pflanzenzüchter in Deutschland werden pleitegehen, obwohl wir doch eigentlich das Schwert für die Agrarwende sind, weil wir Getreidepflanzen züchten, die mit weniger Pflanzenschutz auskommen."

Große Flächen wären betroffen

Das EU-Vorhaben, in allen Schutzgebieten in Deutschland auf Pflanzenschutzmittel zu verzichten, hätte nach Ansicht von Saatzüchter Breun auch gravierende Auswirkungen auf den Ökolandbau. "Die Biobauern setzen Kupferpräparate und Pheromone ein, damit sie keinen Schädlingsbefall bekommen. Das soll alles verboten werden." Der Deutsche Bauernverband geht davon aus, dass rund fünf Millionen Hektar von einem Pflanzenschutzmittelverbot betroffen wären.

Das ist in etwa die Hälfte der landwirtschaftlichen Produktionsfläche in ganz Deutschland. "Wenn wir dadurch dann auch noch zusätzlich Schädlinge produzieren, die die verbliebenen intensiv bewirtschafteten Getreidefelder befallen, bekommen wir ein echtes Problem", sagt Olaf Feuerborn, der Präsident des Bauernverbandes Sachsen-Anhalt. "Das wäre ein K.-o.-Kriterium für die Ernährungssicherung. Das dürfen und können wir nicht akzeptieren."

Nutzen für Naturschutz

Beim Bund für Umwelt- und Naturschutz in Sachsen-Anhalt, kurz BUND, kennt man die Befürchtungen der Saatgutzüchter und Landwirte. "Sicher werden die Äcker weniger Erträge haben, wenn keine Pflanzenschutzmittel mehr zum Einsatz kommen", sagt der Landesgeschäftsführer des Umweltverbandes, Christian Kunz. "Wir dürfen aber nicht vergessen, dass beispielsweise nur 20 Prozent des Weizens im Brot landet. Der Rest wird vor allem an Tiere verfüttert. Wenn wir die intensive Tierhaltung einschränken würden, könnten wir also deutlich mehr Grundnahrungsmittel produzieren. Fleisch gehört nicht zu den Grundnahrungsmitteln, es ist ein Luxusgut und das ist auch in Ordnung so."

Doch beim Thema "Pflanzenschutzmittelverbot" gehen die Meinungen innerhalb der Umweltverbände auseinander. Jörg Brämer zum Beispiel setzt sich für die Interessen des Naturschutzbundes, kurz NABU, in Sachsen-Anhalt ein. Er hält es für keine kluge Idee, Pflanzenschutzmittel in Landschaftsschutzgebieten zu verbieten. "Wir haben in den vergangenen Jahren viele Landschaftsschutzgebiete ausgewiesen, um eine Bebauung in diesen Gebieten zu verhindern.

Die Landwirte hatten nichts dagegen, weil ihnen zugesichert wurde, dass die landwirtschaftliche Bewirtschaftung nicht eingeschränkt wird. "Wenn die geplante Pflanzenschutzverordnung von EU und Bund tatsächlich kommen sollte, würde das den Landwirten zeigen, dass sie sich auf Zusagen der Politik nicht verlassen können. Ich halte das für nicht zielführend."

Bundesweite Kritik an Plänen

Tatsächlich regt sich unter den Landwirten heftiger Protest und das nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern bundesweit. Olaf Feuerborn, der Präsident des Bauernverbandes in Sachsen-Anhalt, sieht den Bund in der Pflicht, seine Vorschlagsliste zum Verbot von Pflanzenschutzmitteln bei der EU-Kommission in Brüssel zurückzuziehen. "Wir dürfen die Versorgungssicherheit in Deutschland nicht weiter einschränken", sagt er. "Die Landwirte brauchen eine Anbauperspektive und wir alle brauchen mehr regionale Lebensmittel, insbesondere bei Obst und Gemüse." Dieses Ziel erreicht man nach Ansicht von Feuerborn aber nicht mit einem generellen Pflanzenschutzmittelverbot.

MDR (Stephan Schulz, Hannes Leonard)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 23. September 2022 | 12:00 Uhr

2 Kommentare

Eulenspiegel vor 1 Wochen

„Die Pflanzenzüchtung ist weltweit in der Hand von großen Chemiekonzernen", sagt Breun. "Diese Großunternehmen haben kein Interesse daran, Chemie zu verhindern, im Gegenteil: Sie leben davon, Chemie zu verkaufen."
Ich denke genau da ist das Problem. Die Konzerne wollen weiter das Tonnenweise Gift in die Landschaft gesprüht wird. Das da durch ein Massensterben von Vögeln und Insekten ausgelöst wird ist für diese Konzerne unwichtig. Um nur einen Punkt zu nennen.

Ein Dorfjunge vor 1 Wochen

Hier nun der EU den schwarzen Peter zuzuschieben ist schon recht kurz gesprungen, denn es war ja nicht die EU gewesen welche die Schutzgebiete und deren Status in Deutschland festgelegt hat.
Andere Länder haben ja Wege gefunden den Einsatz von Pestiziden zu begrenzen ohne die Landwirtschaft massiv zu benachteiligen. Dieser Weg steht auch Deutschland und auch der deutschen Landwirtschaft frei.

Also hier nun wieder gegen die EU auszuteilen hat schon Geschmäckle.
Die Bundesregierung, aber auch die einzelnen Bundesländer (wo S-A derzeit den Vorsitz der Agrarministerkonferenz inne hat) haben es selbst in der Hand hier zusammen mit der Landwirtschaft und den Naturschutzverbänden zu einer Lösung zu kommen, die EU und andere Mitgliedsstaaten haben Lösungswege aufgezeigt.

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