Ein Mann steht vor einem Motorrad. 32 min
Zum Sehen: Risiko Motorrad: Der Tod fährt mit. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Biker Risiko Motorrad: Der Tod fährt immer mit

06. Juni 2024, 09:27 Uhr

Motorradfahren bedeutet: keine Airbags, keine Knautschzone. Leidenschaft und Gefahr fahren immer mit. Der MDR hat für exactly Menschen mit verschiedenem Bezug zum Motorrad begleitet. Darunter: Die Motorrad-Rocker "Rededge", der Motorrad-Influencer "Blackout", eine motorradfahrende Grundschullehrerin, eine Mutter, die ihren Sohn bei einen Motorrad-Unfall verloren hat, und eine Staffel der Polizei.

Benjamin Braun
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Die Sonne scheint und die Vögel zwitschern an diesem Frühsommertag. Die Schulglocke schrillt, für heute ist der Unterricht vorbei. Vor der Grundschule in Wernigerode fällt direkt das große Motorrad auf, das vor dem Eingang steht. Seine Besitzerin heißt Sarah, eine Grundschullehrerin, die mit allen Klischees bricht. Eine Lehrerin, die gleichzeitig auch Bikerin ist: Das ist für Sarahs Schüler nach wie vor eine Sensation, ganz schön cool.

Bikerin
Grundschul-Lehrerin Sarah kann beim Motorradfahren abschalten. Bildrechte: Copyright Ansager & Schnipselmann

Für Sarah bedeutet das Motorradfahren eine Auszeit. Bei ihrem Beruf steht sie viel unter Stress, sowohl während der regulären Arbeitszeit als auch in ihrer Freizeit. Das Gedankenkarussell bleibt selten stehen. "Wenn ich mich aufs Motorrad setze, dann hört das einfach auf. Also dann sind alle Gedanken auf der Straße und bei einem selbst irgendwie. Das hilft mir wirklich, meinen Alltag besser zu meistern.", erzählt Sarah. Aber sie räumt auch ein: "Ich fühle mich manchmal schon sehr untergeordnet auf der Straße und man muss halt immer für alle mitdenken". Besonders wenn Sarah durch die Stadt cruist, denn da sind Motorräder besonders gefährdet.

Unfallstatistik 2022

Die Statistik des Bundesverkehrsministeriums zeigt, dass mehr als die Hälfte aller Motorradunfälle – 57 Prozent – im Ort passieren, wenn die Biker abbiegen wollen oder eine andere Straße kreuzen. 40 Prozent der Motorrad-Unfälle geschehen auf Landstraßen, meistens verlieren die Biker die Kontrolle über ihre Maschine, ohne dass andere Verkehrsteilnehmer beteiligt sind. Die restlichen drei Prozent passieren auf Autobahnen. Besonders häufig sind junge Menschen in Unfälle verwickelt. In der Statistik von 2022 waren die Unterfünfundzwanzigjährigen an einem Drittel aller Unfälle beteiligt, sie sind aber auch mehr unterwegs als die Älteren.

Freundschaft auf zwei Rädern

Trotz der Gefahren beim Motorradfahren: Manche verschreiben ihr Leben dem Bike und dem Gemeinschaftsgefühl, das durch die Motorradleidenschaft entstehen kann. Bei der Fahrgemeinschaft "Rededge" fahren sie größtenteils Harley-Davidson-Motorräder, tragen Lederkutte: Das Motorrad als Lifestyle.

Bernd und Fahrgemeinschaft "Rededge"
Für Bernd Stellmacher von der Fahrgemeinschaft "Rededge" bedeutet das gemeinsame Fahren alles. Bildrechte: Copyright Ansager & Schnipselmann

Präsident Bernd Stellmacher erzählt, was "Rededge" ihm bedeutet. "Alles. Das ist meine Familie und wir helfen uns gegenseitig. Es ist eine richtige Freundschaft entstanden. Wir sagen, wir sind Brüder und so leben wir das auch." Auch in dieser Gemeinschaft fährt die Todesgefahr immer mit: "Im Schnitt sind wir dreimal im Jahr auf Beerdigungen."

Ein Blick in die Gemeinschaft

Der Verstorbenen gedenkt die gesamte Motorrad-Community regelmäßig. In Ellrich, in Thüringen, knattert Pfarrer Jochen Lenz auf dem Motorrad in die Kirche St. Johannis. Hier steigt heute ein sogenannter "Biker-Gottesdienst", organisiert von der Polizei.

Pfarrer Jochen Lenz
In Motorradgottesdiensten wird auch verstorbener Fahrer gedacht. Bildrechte: Copyright Ansager & Schnipselmann

Die Kirche ist rappelvoll, gemeinsam gedenken die Biker hier ihrer verstorbenen Mitfahrer. Die ganz besondere Stimmung hebt diesen Gottesdienst von anderen ab, Pfarrer Ellrich resümiert: "Da fragt Dich keiner: Biste Doktor, biste Bäcker oder was bist Du? Sondern Du sitzt auf dem Motorrad und Du gehörst dazu."

Tot nach Verkehrsunfall: Wenn jede Hilfe zu spät kommt

Katrin gehört zu einer Zweckgemeinschaft, zu der keine Mama und kein Papa gehören möchte. Zu den Eltern, die ein Kind durch einen Motorrad-Unfall verloren haben. Ihr 19-jähriger Sohn Adrian-Nick kehrt von einem kurzen Ausflug am Herrentag 2022 nicht mehr zurück. Er kommt in einer Kurve von der Fahrbahn ab, prallt gegen einen Baum und stirbt: "Dieser Tag trennt mein Leben in zwei Hälften. Seitdem ist nichts mehr, wie es war!", erzählt Katrin.

Der tödliche Unfall ihres Sohnes sieht zunächst wie ein klarer Fall von Übermut und Leichtsinn aus. Bei genauerem Hinsehen wird klar, Adrian erfüllt keineswegs das Klischee des jungen Rasers. "Dass einer, der so verantwortungsvoll gefahren ist, wie Adrian-Nick, einfach tödlich verunglückt, das kann ich einfach nicht begreifen", erklärt die trauernde Mutter. Sie fährt selbst leidenschaftlich gern Motorrad. Doch über diesem Hobby liegt durch den Tod ihres Sohnes nun für immer ein Schatten.

Der Einfluss von Social Media durch Influencer wie Blackout

Wie kann man jungen Bikern dabei helfen, die Gefahr auf dem Motorrad korrekt einzuschätzen? Diese Frage beschäftigt Sören Aulbach, alias Blackout, einen der größten Motorradinfluencer Deutschlands. Er spricht offen über die Gefahren und die Anziehungskraft, die Social Media auf junge Fahrer auswirkt.

Influencer "blackout"
Der Motorrad-Influencer "Blackout" auf seinem Motorrad. Bildrechte: Copyright Ansager & Schnipselmann

"Das ist grundsätzlich der Auslöser von dem Ganzen, weil es abgefeiert wird, je extremer das wird." Er selbst bekam schon früh einen Weckruf von der Polizei: Frühmorgens stand sie bei ihm vor der Tür. "Die haben signalisiert: Wir sehen Dich und Deine Videos, halte Dich besser an die Regeln." Heute fährt Sören verantwortungsbewusst in seinen Videos und versucht, seine Community ebenfalls dazu zu bewegen.

Kontrolle und Prävention durch Polizeiarbeit

Wer ebenfalls versucht, Biker zur Vorsicht zu bringen, ist die Polizei. Bei der Verkehrskontrolle an der Rappbode-Talsperre im Harz arbeiten die Landespolizeien von Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Thüringen eng zusammen. Im Jahr 2023 verstarben allein auf den Straßen des Harzes insgesamt elf Motorradfahrer.

Verkehrspolizist im Interview
Sebastian Fabich spricht über die Gefahren der Motorräder. Bildrechte: Copyright Ansager & Schnipselmann

Polizeioberkommissar Sebastian Fabich fährt selbst bei der Motorradstaffel Sachsen-Anhalt und sieht die Gefahr ganz klar für die Motorradfahrenden selbst: "Man ist einfach schlecht geschützt, man hat keine Knautschzone oder eine Karosserie. Das darf man bei allem Adrenalin einfach nicht vergessen!"

Bei ihrem länderübergreifenden Kontrolltag entdeckt die Polizei bei 15 Motorrädern Beanstandungen, zieht zugedröhnte Biker aus dem Verkehr. Motorradfahren bleibt ein gefährliches Hobby. Die Faszination für die Freiheit auf zwei Rädern bleibt aber auch ungebrochen. Dennoch muss man sich bewusst sein: Der Tod fährt immer mit.

MDR (Benjamin Braun, Pauline Büddecker, Leonard Schubert) | Zuerst veröffentlicht am 03.06.2024

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 03. Juni 2024 | 17:00 Uhr

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