"Bitte sprechen Sie nach dem Piep" Der lange Weg zur Psychotherapie

Wer psychisch erkrankt ist und professionelle Hilfe sucht, muss sich oft gedulden. Die Wartelisten in der Psychotherapie sind lang. Die Corona-Pandemie hat die Lage noch verschärft. Gut jeder dritte Suchende muss nach einer aktuellen Umfrage unter Psychotherapeuten mehr als sechs Monate auf eine Therapie warten. In Sachsen-Anhalt kommen dabei nur rund 22 Therapeutinnen und Therapeuten auf 100.000 Menschen. Das Land ist damit Schlusslicht. Warum ist die Lage so prekär?

Dunkelhaarige Frau mit Brille guckt nicht in die Kamera. Auf einem grell-gelbem Streifen stehen die Worte Psyche muss warten.
Wer einen Platz für eine Psychotherapie sucht, muss sich meist lange gedulden. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Bundesweit beträgt die Wartezeit auf einen Therapieplatz im Schnitt rund zwanzig Wochen. Zwanzig Wochen, die sich Suchende – je nach Wohnort und Behandlungsform – vom ersten Anruf in einer psychotherapeutischen Praxis bis zum Start der Behandlung gedulden müssen. Die Corona-Pandemie hat die Nachfrage nach ambulanter Psychotherapie zudem noch erhöht, wie eine Umfrage der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung vom Januar 2021 ergab. Ihr zufolge hätten nur zehn Prozent der Anfragenden innerhalb eines Monats einen Therapieplatz erhalten, knapp vierzig Prozent mussten länger als sechs Monate warten.

Suche nach Therapieplatz wird selbst zur Belastung

Viel Zeit für Jemanden, der akut Hilfe braucht, denn psychische Erkrankungen wie Angststörungen, Suchterkrankungen oder Depressionen klingen nicht – wie etwa eine Erkältung – einfach von selbst wieder ab. Eine Betroffene aus Magdeburg, die anonym bleiben möchte, kann sich noch gut an die Suche erinnern:

Man bekam gesagt, man solle, trotz akuter Probleme, anderthalb Jahre warten. Oder im Notfall bei Suizidgedanken den Krankenwagen rufen. Jedes Mal aufs Neue die Gedanken, wie schlimm ist es heute bei mir? Halte ich doch noch durch?

Sie habe die Therapieplatzsuche aufgeben, aber auch ihre Lebensziele, sagt sie. "Ich lebe jetzt einfach damit, dass ich nie ein produktives und erfolgreiches Mitglied der Gesellschaft sein werde."

Therapieplatz nach anderthalb Jahren

Louisa aus Weißenfels hat anderthalb Jahre nach einem Therapieplatz gesucht.
Louisa aus Weißenfels hat anderthalb Jahre nach einem Therapieplatz gesucht. Bildrechte: MDR/Dennis Weißflog

Auch Louisa aus Weißenfels hat lange nach einem Therapieplatz gesucht. Die 25-Jährige leidet unter einer Depression, hat sich zeitweise in eine Klinik einweisen lassen. "Ich habe die Suche als sehr belastend empfunden. Ich kam aus der Klinikphase und war gefestigt."

Erst nach anderthalb Jahren und mehr als dreißig Anrufen fand sie ihre Psychotherapeutin – zwanzig Kilometer vom Wohnort entfernt. "Wenn ich in meiner Tiefpunktphase einen Therapeuten hätte suchen müssen, ich wüsste nicht, ob ich es geschafft hätte", gibt sie zu bedenken.

Zu wenig Therapieplätze = zu wenig Praxen?

Im Schnitt kommen in Sachsen-Anhalt auf 100.000 Menschen rund 22 Therapeutinnen und Therapeuten. Sachsen-Anhalt ist damit Schlusslicht; in anderen Bundesländern liegt die Zahl fast viermal höher. Das Stichwort lautet Kassensitz. Wer einen hat, kann seine angebotenen Therapiestunden über die gesetzlichen Krankenkassen abrechnen.

Was ist ein Kassensitz?

Kassensitze müssen Ärztinnen und Ärzte bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) beantragen oder von niedergelassenen Kolleginnen oder Kollegen, die in Rente gehen, übernehmen. Die Anzahl von Kassensitzen in einem Gebiet bestimmt die KV. Somit kann es vorkommen, dass Gebiete "gesperrt" sind, wenn in dieser Region der Bedarf gedeckt ist. Dann dürfen keine weiteren Ärztinnen oder Ärzte, die gesetzlich versicherte Patienten behandeln wollen, dort eine Praxis eröffnen.

Wie viele Therapeutinnen und Therapeuten sich wo niederlassen dürfen, wird über die sogenannte Bedarfsplanungsrichtlinie berechnet. Im Gemeinsamen Bundesausschuss beraten dazu Vertreter der gesetzlichen Krankenkassen, Psychotherapeutinnen und -thrapeuten, die Kassenärztlichen Vereinigungen und Patientenverbände. Der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), Dietrich Munz, kritisiert: "Es rächt sich jetzt, dass die Krankenkassen seit Jahren die Zulassung einer ausreichenden Anzahl von psychotherapeutischen Praxen blockieren."

Um Betroffenen schneller zu helfen, wurde 2017 die sogenannte Psychotherapie-Richtlinie reformiert. Zudem wurden in den vergangenen Jahren bundesweit rund 800 neue Sitze geschaffen. Ein Gutachten empfahl hingegen dreimal so viele Kassensitze.

Das hat sich durch die Reform der Psychotherapie-Richtlinie 2017 geändert

  •  Akutbehandlung für dringende Fälle
  • Schnellerer Zugang zur psychotherapeutischen Praxis mit der Einführung einer psychotherapeutischen Sprechstunde
  • Verpflichtende telefonische Erreichbarkeit von Praxen: 200 Minuten pro Woche
  • Terminservicestellen, die Termine für Sprechstunden, Akutbehandlungen und Therapie-Sitzungen vermitteln
  • Vereinfachte Verfahren beim Abrechnen von Gruppentherapie und Vereinfachung beim Erstellen von Gutachten

Ein Blick in eine psychotherapeutische Praxis

Psychotherapeutin Annelene Frey in ihrer im Jahr 2020 in Sangerhausen eröffneten Praxis.
Psychotherapeutin Annelene Frey in ihrer im Jahr 2020 in Sangerhausen eröffneten Praxis. Bildrechte: MDR/Dennis Weißflog

Auf einen der neugeschaffenen Plätze hat sich Annelene Frey aus Sangerhausen beworben. Die Verhaltenstherapeutin eröffnete ihre Praxis im Oktober 2020. "Das Telefon klingelte sofort heiß und ich hatte in der ersten Woche quasi alle meine Termine vergeben", erzählt sie. Sie führt eine von zwei Psychotherapiepraxen in der Kleinstadt, eine dritte soll im Sommer hinzukommen.

Der Landkreis Mansfeld-Südharz gilt damit als ausreichend versorgt. Davon merkt Psychotherapeutin Frey jedoch nicht viel. Ihre Warteliste musste sie mittlerweile komplett schließen. Neue Patientinnen und Patienten nimmt sie nicht mehr auf. Sie bekäme Reaktionen wie: "Anderthalb Jahre Wartezeit – in der Zeit habe ich mich schon von der Brücke geschmissen." Für sie als Therapeutin mit helfenden Anspruch sei das eine ziemliche Belastungsprobe.

Schnelle Diagnose, aber späte Therapie?

Hat die Reform also nichts gebracht? Doch, meint Florian Lanz, Pressesprecher der gesetzlichen Krankenkassen. Deutschland sei im internationalen Vergleich gut aufgestellt. Die Versorgungslage werde Jahr für Jahr besser.

Ein Mann im Hemd und Jackett im Interview.
Florian Lanz, Pressesprecher der gesetzlichen Krankenkassen, sagt, die Versorgungslage werde besser. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wir haben mittlerweile fast so viele Psychotherapeuten und therapeuten wie niedergelassene Hausärztinnen und Hausärzte. Und: Wir haben Terminservicestellen, die auch für Psychotherapeuten zuständig sind. Diese haben die gesetzliche Verpflichtung, jedem innerhalb von vier Wochen einen Ersttermin zu besorgen", sagt Lanz. Die Rahmenbedingungen seien da, sie müssten genutzt werden. Beim Ersttermin klärt der Psychotherapeut oder die Psychotherapeutin ab, ob der Betroffene eine psychische Erkrankung hat, eine Psychotherapie benötigt oder ob andere Angebote wie Beratungsstellen stattdessen besser geeignet sind.

Tatsächlich haben sich die Wartezeiten auf ein erstes Gespräch ein Jahr nach der Reform von 12,5 Wochen auf 5,7 Wochen verkürzt . Eine psychotherapeutische Sprechstunde sichert allerdings nicht automatisch einen Therapieplatz. Therapeutin Annelene Frey sagt, es sei eine Herausforderung, jemanden nur einmal in der Sprechstunde zu sehen: "Ich weiß nicht, ob das im Endeffekt nur eine Vortäuschung ist oder eine Farce, welche die wirkliche prekäre Versorgungslage ein bisschen verschleiern soll." Darauf würden sich viele Krankenkassen auch ausruhen.

Gegenseitige Gespräche zum Mut machen

Louisa hat in ihrer Zeit in der Klinik gemerkt, dass ihr Gespräche in der Gruppe Mut machten. Im vergangenen Jahr hat sie deswegen eine Selbsthilfegruppe gegründet, speziell für junge Leute – weil es in ihrem Umkreis schlicht keine gab. Vier der acht Mitglieder haben auch nach einem Therapieplatz gesucht. Einige mittlerweile einen gefunden.

Hier bekommen Sie Hilfe

Bei akuter (Suizid)-Gefahr rufen Sie die 112 oder fahren Sie in die Notfall-Ambulanz einer Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Kliniken in Ihrer Nähe finden Sie bei der Deutschen Depressionshilfe.

Weitere Anlaufstellen und Beratungsangebote:

Quelle: MDR exactly/Michaela Reith, Cornelia Winkler

Dieses Thema im Programm: exactly | 04. Juli 2021 | 11:00 Uhr

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