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Nicht erst seit CoronaPersonalmangel in der Pflege: Kein Impf-, sondern ein Organisations-Problem

von Uli Wittstock, MDR SACHSEN-ANHALT

Stand: 08. Februar 2022, 14:50 Uhr

Nicht erst seit Corona wird im Pflege-Bereich über fehlende Fachkräfte geklagt. Vor dem Hintergrund der Impfpflicht für Pflegekräfte hat die Debatte an Schärfe zugenommen. Allerdings zeigen die Vergleiche mit anderen Ländern, dass Deutschland nicht zu wenig Pflegekräfte hat – dafür aber zu viele Krankenhäuser. Die Pflegekräfte sind also falsch verteilt, weil das deutsche Gesundheitswesen ökonomische Schieflagen produziert. Was das für Sachsen-Anhalt bedeutet:

Wer sich als Politiker so richtig unbeliebt machen will, der muss nur mal Änderungen in der örtlichen Gesundheitsversorgung ankündigen. Es reicht schon aus, die Verlegung einer einzigen Station in Erwägung zu ziehen, um massiven Protest vor Ort zu erzeugen. Die Demonstrationen der letzten Monate in Ballenstedt, Genthin, Havelberg oder Zeitz machen deutlich, wie sensibel die Menschen auf mögliche Veränderungen in der medizinischen Versorgung reagieren.

In Halle oder Magdeburg gab es solche Proteste bislang nicht. Also scheint es in den Großstädten keine Überkapazitäten an Krankenhausbetten zu geben. Von Schließungs-Plänen jedenfalls ist bislang nichts bekannt geworden. Die Krankenhausstruktur ist offenbar sehr unterschiedlich ausgebaut. Das bestätigt auch die Wissenschaft. "In einigen Städten und Regionen Deutschlands haben wir, zum Teil fußläufig voneinander entfernt, die gleichen medizinischen Angebote", sagt Professorin Gabriele Meyer, Direktorin des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle (MLU). Das liegt aber nicht daran, dass dort die Menschen häufiger an den gleichen Krankheiten leiden, sondern an den überkommenden Strukturen des Gesundheitswesens.

Medizinischer Fortschritt und veraltete Strukturen

Als die Coronapandemie ausbrach, überraschte die Stadt Halle mit der Mitteilung, man verfüge in der Stadt bundesweit über die meisten Krankenhausbetten pro Einwohner. Dennoch verzeichnet die Stadt Halle derzeit mehr als doppelt so viele Coronatote als beispielsweise Magdeburg, was deutlich zeigt, dass sich die Anzahl der Betten in Krankenhäusern nicht unbedingt auf den Gesundheitszustand der Menschen auswirken muss. Allerdings sind die Corona-Zahlen nur bedingt für einen solchen Vergleich geeignet, denn der Zufall kann hier statistisch nicht ausgeschlossenen werden.

Generell gilt jedoch, dass der medizinische Fortschritt für immer kürzere Klinikaufenthalte sorgt, zumal ein großer Teil von Eingriffen inzwischen auch ambulant erfolgen kann. Allerdings laufe die Krankenhaus-Planung weit hinter diesen Entwicklungen her, so die Beobachtung von Professorin Gabriele Meyer: "Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern haben wir in den deutschen Krankenhäusern ein viel zu hohes Patienten-Aufkommen. Es werden also zu viele Patienten mit einem zu hohen Umschlag in den Krankenhäusern versorgt."

Die Probleme sind allerdings schon länger bekannt und werden unter der sperrigen Überschrift "Krankenhausstrukturreform" seit Jahrzehnten debattiert. So mancher vermutet hinter diesem Begriff den Versuch, mit neoliberalen Ideen das Gesundheitswesen schlanker und marktorientierter aufzustellen. Doch von solchen Vorstellungen ist Gabriele Meyer weit entfernt. Ihr geht es nämlich nicht ums Geld, sondern um die Menschen, die im medizinischen Bereich arbeiten.

Wir haben eigentlich viele Pflegende im Vergleich zu anderen europäischen Ländern. Aber wir haben ein zu hohes Fall-Aufkommen in den Krankenhäusern, und dadurch haben wir ein Hamsterrad, das äußerst beanspruchend und ermüdend ist. Wenn dann noch so eine Situation wie die Coronapandemie hinzukommt, mit Unsicherheiten in den Krankenhäusern und hohem und sofortigem Fortbildungs-Bedarf sowie Infektionsgeschehen und Quarantäne bei den Pflegenden, dann ist die Pflegepersonal-Ausstattung extrem gefährdet.

Prof. Dr. Gabriele Meyer | Direktorin des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle

Professorin Gabriele Meyer Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Keine Verschwendung von Fachkräften

Nun ist nicht erst seit Corona bekannt, dass die Lobbyarbeit im medizinischen Bereich außerordentlich wirksam ist. Das zeigt sich unter anderem auch in der Art, wie die Gesundheits-Kosten aufgeteilt werden. Dazu forscht Dr. Anja Bieber, ebenfalls Pflegewissenschaftlerin am Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft der MLU Halle. "Wenn man sich die Verteilung der Gesundheits-Ausgaben anschaut, dann zeigt sich, dass bei unseren Nachbarländern die Ausgaben ähnlich hoch sind, bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt. Aber es gibt auch gravierende Unterschiede. Von den Gesundheits-Ausgaben entfällt bei unseren Nachbarn ein höherer Anteil auf die Langzeit-Pflege. Das bedeutet, mal salopp gesagt, man bekommt in Deutschland ohne Weiteres ein neues Hüft- oder Kniegelenk. Aber wer sich dann nachfolgend darum kümmert, also bei den pflegerischen Dingen, da zeigen sich dann die Unterschiede sehr scharf."

Anja Bieber ist Pflegewissenschaftlerin am Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft der MLU Halle. Bildrechte: MDR

An solchen Beispielen wird deutlich, dass ein hoher Anteil an Krankenhausbetten in einer Region nicht mit guter medizinischer Versorgung gleichzusetzen ist. Professorin Meyer ist Mitglied im "Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen", ein Gremium, welches das Bundesgesundheitsministerium politisch berät. Aus Sicht von Gabriele Meyer sind die notwendigen Schritte klar: "Diskutiert wird hierzulande schon sehr lange. Jetzt müssen wir die Krankenhäuser besser sortieren und einige umbauen zu kommunalen Gesundheits-Zentren und dafür andere als Maximal-Versorger besser ausstatten. Vor allem auch mit Blick auf die Personal-Ressourcen, denn wir können es uns nicht mehr leisten, Fachkräfte in alten Strukturen zu verschwenden."

Liegt die Zukunft in der Roboter-Pflege?

Derzeit versuchen viele Pflegeeinrichtungen in Sachsen-Anhalt, die zunehmende Lücke bei den Fachkräften durch Zuwanderung zu lösen. Dies ist aber wohl eher der Versuch, auf die Verhältnisse zu reagieren, ohne die Ursachen in den Blick zu nehmen. Im aktuellen Koalitionsvertrag von CDU, SPD und FDP findet sich der Satz: "Eine Diskussion über die Schließung einzelner Krankenhäuser wird von Seiten des Landes nicht geführt." Was allerdings nicht ausschließt, dass Städte und Landkreise diese Diskussion ebenso führen könnten, wie die privaten Anbieter im Land.

Folgt man den Experten in ihren Argumenten, dann wäre wohl so eine Debatte auch zwingend notwendig, um das Gesundheitssystem zukunftsfest zu machen. Nach jüngsten Zahlen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung hat Sachsen-Anhalt die ältesten Einwohner in Deutschland. Dass die Personal-Engpässe in Medizin und Pflege alsbald überwunden sein könnten, scheint vor diesem Hintergrund eher unwahrscheinlich zu sein. Und so rät Marco Langhof, Chef des IT-Verbandes Sachsen-Anhalt zu einer klaren Neuorientierung, denn was da als demografischer Wandel beschrieben wird, ist inzwischen keine Theorie mehr.

Die Zahl derer, die aus dem Berufsleben ausscheiden, kann nicht durch beruflichen Nachwuchs ausgeglichen werden, selbst bei steigendem Verdienst. Digitalisierung in der Medizin müsse dringend in den Mittelpunkt der Überlegungen rücken, so Langhof.

#MDRklärt Gesundheitswesen: Das passiert, wenn Sie nicht geimpft sind

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MDR (Maximilian Fürstenberg) Bildrechte: MDR/Max Schörm

Wenn wir uns anschauen, womit ein Pfleger seinen Arbeitstag verbringt, dann müssen wir doch fragen, wie viel der Arbeitszeit er direkt am Menschen verbringt. Wenn wir mal den Bereich der Dokumentation uns anschauen, oder das Essen auszutragen, kann es dafür auch Robotik-Lösungen geben. Wenn man sich weltweit umschaut, dann gibt es dafür Lösungen. Da müsste man jetzt umsteuern und nicht nur sagen, wir geben dem Personal mehr Geld.

Marco Langhof | Chef des IT-Verbandes Sachsen-Anhalt

Bislang allerdings gilt die Gesundheits-Branche in Deutschland nicht als sonderlich digitalaffin. Schon beim Versuch, einen Arzttermin online zu buchen, scheitert man bei den meisten Praxen, da die einen solchen Service nicht anbieten. Ob der sich weiter verschärfende Fachkräftemangel zu einem Umbau des Gesundheitssystems in Sachsen-Anhalt führen wird, ist also keineswegs ausgemacht.

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MDR (Uli Wittstock)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 08. Februar 2022 | 12:00 Uhr

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