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Sachsen-AnhaltKampf um Fachkräfte: Öffentlicher Dienst konkurriert mit Wirtschaft

15. Juni 2024, 17:44 Uhr

Sachsen-Anhalts Landesverwaltung hat rund 500 ausgeschriebene Stellen nicht besetzt. Das ist das Ergebnis einer kleinen Anfrage der Linken im Magdeburger Landtag. Schlechtes Personalmanagement, kritisieren die Linken. Auch Sachsen-Anhalts Wirtschaft blickt kritisch auf die Situation, allerdings aus einem anderen Grund: Das Einzige, was wachse, sei der öffentliche Dienst, während der produktive Teil der Wirtschaft schrumpft. Uli Wittstock über eine Debatte, die wohl an Schärfe zunehmen wird.

500 Stellen, das entspricht in Sachsen-Anhalt der Mitarbeiterzahl eines größeren Mittelständlers. So viele Stellen blieben in der Landesverwaltung im letzten Jahr unbesetzt – das ist das Ergebnis einer Kleinen Anfrage von Kristin Heiß, Finanzpolitikerin in der Landtagsfraktion der Linken. Für Heiß zeigt sich darin ein grundlegendes Problem: "Es gibt eine hohe Fluktuation von Personal im Land und es dauert sehr lange, bis neues Personal überhaupt eingestellt wird." Neueinstellungen könnten mitunter bis zu acht Monate dauern, weswegen so mancher Bewerber wieder abspringen würde.

Finanzpolitikerin Kristin Heiß (Die Linke) kritisiert unter anderem, dass es lange dauert, Mitarbeiter im öffentlichen Dienst einzustellen. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Landesverwaltung von Sachsen-Anhalt – ein Sanierungsfall?

Inzwischen hat sich offenbar herumgesprochen, dass die Stimmung innerhalb der Verwaltung nicht die beste ist. Für Kristin Heiß mehren sich die Anzeichen, dass es grundlegende Probleme gibt: "Woran liegt das denn, dass die Leute sehr lange krank sind? Es gibt Kollegen, die einen Burn-out haben oder auch einen Bore-out." Während Burn-out der Folge einer Überlastung ist, steht der Begriff Bore-out für das Gegenteil: Es betrifft Menschen, die am Arbeitsplatz an Langeweile und Unterforderung leiden.

Woran liegt das denn, dass die Leute sehr lange krank sind? Es gibt Kollegen, die einen Burn-out haben oder auch einen Bore-out.

Kristin Heiß | Landtagsabgeordnete Die Linke

Aus Sicht der Finanzpolitikerin sind das Folgen eines Leitungsproblems: "Ich habe den Eindruck, dass in der Landesverwaltung nicht bekannt ist, wer da wo was macht. Natürlich gibt es einen Geschäftsverteilungsplan und es gibt Organigramme, aber das wurde schon lange nicht mehr überprüft." Derzeit gebe es nicht einmal Tätigkeitsbeschreibungen für alle Stellen im Landesdienst, so Heiß. Es sei dringend notwendig, die Landesverwaltung neu aufzustellen: "Das tut aber keiner, weil das eine unangenehme Aufgabe ist. Und das möchte weder der Finanzminister machen noch irgendein Fachminister, der ja für das jeweilige Ministerium verantwortlich ist."

Wettbewerb um Fachkräfte: Wirtschaft beklagt unfaire Verhältnisse

Auch Sachsen-Anhalts Wirtschaft fordert eine Neuaufstellung der Verwaltung. Thomas Brockmeier ist Hauptgeschäftsführer der IHK Halle und lehrt als Honorarprofessor an der dortigen Universität unter anderem Wettbewerbsrecht. Sein Fazit mit Blick auf Sachsen-Anhalts Landesdienst: "Wir können nicht mehr von fairen Wettbewerbsregeln reden."

Wir können nicht mehr von fairen Wettbewerbsregeln reden.

Thomas Brockmeier | Hauptgeschäftsführer IHK Halle

Der Hauptgeschäftsführer der IHK Halle, Thomas Brockmeier, kritisiert unfaire Bedingungen im Wettbewerb um Fachkräfte. (Archivbild) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Brockmeier spricht vom Wettbewerb um Fachkräfte. Lange Zeit gab es eine Art Lohnabstandsgebot zwischen öffentlicher Verwaltung und privater Wirtschaft: "Das war eine informelle Übereinkunft. Öffentlicher Dienst heißt mehr Sicherheit und ein bisschen weniger Druck, ohne jetzt polemisieren zu wollen. Dafür gab dann aber auch etwas weniger Geld." Doch dieses System sei nunmehr ins Rutschen gekommen, kritisiert Brockmeier, besonders stark in Ostdeutschland, wo die überwiegend kleine und mittelständische Industrie bei den Lohnkosten nicht mithalten kann.

Brockmeier: Gehaltsstufen im öffentlichen Dienst setzen Wirtschaft unter Druck

Für Thomas Brockmeier steht fest, dass die Gehaltsstufen des öffentlichen Dienstes selbst gut zahlende Bereiche der Wirtschaft unter Druck setzen: "Sehen Sie sich mal die Tarifabschlüsse in den letzten drei, vier Jahren an, dann werden sie aber blass. Selbst Sparkassen, die zu den gut zahlenden Unternehmen zählen, würden Personal an die öffentliche Hand verlieren.

Im Durchschnitt verdient man Brockmeier zufolge im öffentlichen Dienst in Sachsen-Anhalt bei vergleichbarer Tätigkeit bis zu zwanzig Prozent mehr im Vergleich zur gewerblichen Wirtschaft. Allerdings sei klar, dass auch die öffentliche Hand qualifiziertes Personal brauche. Brockmeier ist kein Revoluzzer, der mit Feuer und Schwert die Verwaltung ausräuchern würde: "Wir haben einen ganz engen Kontakt zu Bürgermeistern und Landräten und wissen, dass die händeringend nach Fachleuten suchen." Es gehe nun darum, kritisch zu hinterfragen, welche Verwaltung welche Aufgaben übernimmt und welche Aufgaben möglicherweise entfallen könnten.

Unternehmen aus Magdeburg: IT-Fachkräfte haben Lust auf große Projekte

Allerdings gibt es auch Firmen in Sachsen-Anhalt, die nicht über Fachkräftemangel klagen. Eines davon ist das Magdeburger KI-Unternehmen Polarith. Geschäftsführer Martin Kirst nennt als wesentlichen Grund nicht das Geld, sondern die Arbeit: "Wer im Bereich IT tätig ist, will nicht in der nächstbesten Desktop-Applikation landen oder für Büros Verwaltungsanwendungen programmieren. Die haben Lust auf große Projekte."

Martin Kirst vom Magdeburger Unternehmen Polarith meint, dass auch die Aufgaben in einem Unternehmen für Fachkräfte relevant sind. Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Solche bietet die Firma Polarith, die mit 14 IT-Experten unter anderem große Seehäfen betreut. Zudem biete die kleine Firma mehr Entscheidungsspielraum und weniger Hierarchien, sodass die Beschäftigten zufriedener seien, auch wenn das Gehalt etwas unter dem des öffentlichen Dienstes liege. Blickt man jedoch auf die Struktur der Wirtschaft in Sachsen-Anhalt, dann ahnt man, dass solche Beispiele eher selten sein dürften. 

Aufgabenkritik als Herausforderung für Sachsen-Anhalts Verwaltung

Politisch dürften Kristin Heiß von den Linken und Thomas Brockmüller von der IHK Halle-Dessau nicht sehr oft einer Meinung sein, aber mit Blick auf Sachsen-Anhalts Landesverwaltung gibt es durchaus Übereinstimmungen. Die Verwaltung brauche eine Aufgabenkritik, um sich für die Zukunft besser aufzustellen, so Kristin Heiß. Auch Thomas Brockmeier hält eine grundlegende Neubewertung öffentlicher Aufgaben für zwingend notwendig.

Und in einem weiteren Punkt sind sich beide einig: Bevor mit großem Aufwand die Digitalisierung vorangetrieben wird, oder Personallücken mit künstlicher Intelligenz aufgefüllt werden, sei es nötig, die Abläufe zu reformieren. Denn ein schlechter Verwaltungsvorgang werde nicht dadurch besser, dass er nun mit künstlicher Intelligenz umgesetzt wird.

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MDR (Uli Wittstock, Maren Wilczek)

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 15. Juni 2024 | 17:00 Uhr

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