Arbeitslosenzahlen und Arbeitsmarkt in Sachsen-Anhalt Fragen und Antworten


Wie wird die Arbeitslosigkeit gemessen?

Einmal pro Monat gibt die Bundesagentur für Arbeit die neue Statistik zur Arbeitslosigkeit heraus. Die Daten selbst werden von den regionalen Arbeitsagenturen und Jobcentern erhoben. In Deutschland ist gesetzlich festgelegt, wer als arbeitslos gilt. Laut Definition sind es erwerbsfähige Personen ab 15 Jahren, die keine Arbeit haben oder weniger als 15 Stunden pro Woche arbeiten, eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung suchen und für einen Job sofort verfügbar sind. Generell nicht als arbeitslos angesehen werden dagegen Schüler, Studenten und Rentner, auch im erwerbsfähigen Alter. Zudem müssen sich die Betroffenen bei den Behörden persönlich arbeitslos gemeldet haben. Wann genau die jeweils neuen Arbeitslosenzahlen veröffentlicht werden, ist hier einsehbar.


Wie aussagekräftig ist die Arbeitslosenzahl?

Fakt ist: Die Arbeitslosenquote erfasst längst nicht alle Erwerbslosen. Durch Gesetzesänderungen hat sich die Zählung häufig geändert – meist so, dass die offiziellen Arbeitslosenzahlen sanken. In der Statistik fehlen beispielsweise diejenigen, die durch Instrumente der Arbeitsmarktpolitik gefördert werden oder Personen ab einem bestimmten Alter. Dabei handelt es sich um die Gruppe der Unterbeschäftigten. Außerdem gibt es noch die sogenannte stille Reserve – das sind jene, die dem Arbeitsmarkt zwar nicht zu Vergfügung stehen, ihm aber unter bestimmten Umständen zur Verfügung stehen würden.

Die Zahl der Unterbeschäftigten wird im monatlichen Report zum Arbeitsmarkt bekanntgegeben, die stille Reserve wird vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zumindest geschätzt. Das Problem: Diese Zahlen werden meist nicht in einem Atemzug mit den offiziellen Zahlen genannt. Stefan Theuer vom IAB Sachsen-Anhalt/Thüringen sagt dazu dem MDR: "In der Öffentlichkeit diskutiert wird die Quote. Nur mit dieser trägt man der komplexen Situation auf dem Arbeitsmarkt aber nicht Rechnung".


Was sind Unterbeschäftigte?

In der Arbeitslosenstatistik tauchen diejenigen nicht auf, die durch Instrumente der Arbeitsmarktpolitik gefördert werden. Das betrifft die Fort- und Weiterbildung genauso wie Trainings- und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Wer einen Ein-Euro-Job hat oder einen Gründungszuschuss erhält, ist damit offiziell nicht arbeitslos.

Nicht erfasst werden außerdem alle Personen ab einem Alter von 58 Jahren, die mindestens seit zwölf Monaten Arbeitslosengeld II beziehen und in dieser Zeit keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung angeboten bekommen haben.

Zusätzlich streicht die Arbeitsagentur alle aus der Statistik, die eine Vermittlung erschweren, weil sie krankgeschrieben sind oder ihre Pflichten bei der Jobsuche nicht erfüllen. Sie alle fallen in die Kategorie der Unterbeschäftigten. Neben der Arbeitslosenquote taucht in der Statistik deshalb immer eine zweite Zahl auf, und zwar die Unterbeschäftigung. Sie wird berechnet, indem man die offizielle Arbeitslosenquote und die Zahl der Unterbeschäftigten im engeren Sinne addiert.


Was ist die stille Reserve?

Neben den offiziell Arbeitslosen und Unterbeschäftigten gibt es noch die Gruppe der stillen Reserve. Dabei handelt es sich um diejenigen, die sich nicht bei Arbeitsagentur oder Jobcentern melden, aber noch eine Bindung zum Arbeitsmarkt aufweisen. Ihre Zahl lässt sich folgerichtig nur schätzen und taucht in der offiziellen Statistik der Bundesagentur nicht auf.

Zur stillen Reserven gehören beispielsweise Ehepartner, die keiner Beschäftigung nachgehen. Oft sind es auch Jugendliche oder junge Erwachsene, die weder ein Leistungsanspruch noch ein Vermittlungsangebot erwarten. Aber auch Rentner und Erwerbsunfähige können Teil der stillen Reserve sein. Entscheidend für die Eingruppierung ist, dass sie unter besseren Bedingungen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stünden. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung schätzte den deutschlandweiten Anteil der stillen Reserve im Jahr 2018 auf 344.000 Personen.


Sind Vergleiche mit älteren Arbeitsmarktzahlen möglich?

Vor Corona hieß es oft, in Thüringen herrscht die geringste Arbeitslosigkeit seit den 90er-Jahren. Doch ist dieser Vergleich zulässig? Durch Gesetzesänderungen wurde die Zählung oft geändert. Die heutige Arbeitslosenzahl ist damit kaum mit früheren vergleichbar. In den Nullerjahren flossen noch Erwerbslose in die Arbeitsmarktstatistik ein, die jetzt als Unterbeschäftigte gelten. In der Folge sank die Arbeitslosigkeit, da viele Erwerbslose aus der Statistik fielen.

Nur in wenigen Fällen führten Gesetzesänderungen dazu, dass die Arbeitslosenzahlen in der amtlichen Statistik stiegen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Hartz-IV-Reform, da ab 2005 die erwerbsfähigen Sozialhilfeempfänger in die Statistik einbezogen wurden. Laut Bundesagentur für Arbeit (BA) erhöhte dieser Hartz-IV-Effekt die Arbeitslosenzahl damals um etwa 380.000.

Für Analysen lassen sich diese Änderungen im Grunde berücksichtigen. Dabei gilt: Je regionaler man Zahlen vergleichen will, desto schwieriger wird es. "Durch Gebietsreformen hat sich viel geändert", sagt Stefan Theuer vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Sachsen-Anhalt/Thüringen. Zudem weist er darauf hin, dass in Ostdeutschland erst mit Beginn der Neunzigerjahre eine zuverlässige statistische Erhebung entwickelt wurde, um valide Zahlen zu liefern.

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