Fehlende Netzkompetenz bei Ermittlern Kriminologe: "Brauchen endlich digitale Strategie für die Polizeiarbeit"

Im Prozess zum Halle-Anschlag fielen mehrere Ermittelnde mit allzu oberflächlichen Antworten auf. Kein Einzelfall, sagt ein Cyberkriminologe. Er glaubt, der Polizei fehlt es grundsätzlich an Wissen und Strategie für die Arbeit im digitalen Raum.

Gamer vor dem Bildschirm, der langsam in Pixel übergeht.
Online-Spiele sollten bei Ermittlungen die gleiche Aufmerksamkeit genießen wie soziale Medien, fordert Thomas-Gabriel Rüdiger. Bildrechte: MDR/COllage/IMAGO-STOCK

Eine Ermittlerin des Bundeskriminalamts soll das Gaming-Verhalten des Angeklagten im Prozess nach dem Halle-Anschlag bewerten. Sie selbst spielt nicht und kennt sich auf der Plattform nicht aus. Nachfragen an den Betreiber der Spieleplattform stellt sie nicht. Ein anderer Ermittler sollte Imageboards nach Reaktionen auf den Halle-Anschlag untersuchen. Er findet entsprechende Einträge, dokumentiert sie aber nicht.

Es sind Momente wie diese, die Beobachter des Prozesses erheblich an der digitalen Kompetenz der Polizei zweifeln lassen. So wie Roland Jäger, der den Prozess für MDR SACHSEN-ANHALT begleitet. Auch der Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger teilt diese Eindrücke, erzählt er im Podcast "Was bleibt" (ab Minute 25:00)

Im Interview spricht er über …

… Gamingplattformen als Kommunikationsmittel

"Spiele werden von den Sicherheitsbehörden nicht wie soziale Medien wahrgenommen. Diesen Fakt kann man in vielen Bereichen sehen. Und das ist ein großes Problem. Man macht sich viele Gedanken über Twitter oder Facebook. Es gibt aber Studien, die zeigen, dass Menschen über Spiele in einen globalen digitalen Raum kommen. Dort werden sie dann zum Teil auch mit Kriminalität oder politischem Extremismus konfrontiert.

Trotzdem werden Spiele von vielen Sicherheitsbehörden belächelt. Wegen der oft bunten Optik, aber auch, weil es für beispielsweise einen Staatsanwalt komisch wirkt, sich aus Ermittlungsgründen eine Playstation zu holen. Man sieht es eher als ein Spielemedium und nicht als Kommunikationsmedium. Andere Länder, etwa die USA, haben schon vor einigen Jahren erkannt, dass das ein Riesenfeld ist."

Der Angeklagte Stephan B. (r) kommt zum fünften Prozesstag in den Verhandlungssaal im Landgericht. 74 min
Bildrechte: dpa, imago images/Waldmüller

... blinde Flecken in der Überwachung

"Viele, die kriminell werden, sind unter 40. Das ist so eine Hauptaltersstufe. Auch Gamer sind oft unter 40. Allein aufgrund dieser Alterszahl ist es naheliegend, dass auch Gamer mit Kriminalität und Extremismus konfrontiert werden. Trotzdem wird das Thema nicht so richtig ernst genommen und ich habe auch persönlich noch nie jemanden getroffen, der Gaming-Experte bei der Polizei ist. Das halte ich für einen großen Fehler.

Man muss immer sensibilisieren und aufklären. Man muss es – auch politisch – schaffen, die Spiele aus diesem Nimbus herauszuholen. Es sind genauso soziale Medien wie etwa Twitter oder Facebook. Allerdings hat auch die Spieleindustrie einen Anteil. Weil sie so tut, als gäbe es keine Probleme in ihrem Bereich."

Thomas-Gabriel Rüdiger
Thomas-Gabriel Rüdiger Bildrechte: imago/Future Image

Was macht ein Cyberkriminologe

Polizisten versuchen, Täter zu ermitteln und Straftaten aufzuklären. Kriminologen analysieren dagegen Ursachen, Beweggründe und Rahmenbedingungen für Kriminalität Die Cyberkriminologie versucht, das auf den digitalen Raum zu übertragen. Der weist jedoch Besonderheiten auf, weil der digital Raum global zu betrachten ist und das Strafrecht aller Nationen auf einmal gilt. Cyberkriminologen überlegen, wie Polizeiarbeit unter diesen Umständen aussehen kann.

… Gefahren für Kinder

"Die Extremisten nutzen nicht nur Spiele für Erwachsene. Sie sind auch in Spielen unterwegs, die für Kinder ab sechs Jahren freigegeben sind. Gerade da muss Polizei darauf aufmerksam machen – insbesondere, weil auch Kinder in Spielen das erste Mal mit solchen Inhalten konfrontiert werden. Welches achtjährige Kind ist denn darauf vorbereitet, wenn ein Mitspieler sich Waffen-SS nennt? Insofern kann auch die Heranführung an die Szene über die Spiele laufen. Nachgewiesen über Studien ist das nicht. Aber ich halte es nicht für unrealistisch."

… digitale Kompetenz bei der Polizei

"Ich habe schon vor Jahren gefordert, dass an allen Polizeihochschulen Medienkompetenz in einem gewissen Umfang verpflichtend vermittelt werden muss. Ich glaube, dass digitale Themen ein Drittel der Polizeiarbeit einnimmt – oder bald einnehmen wird. Die werden so relevant wie der Straßenverkehr. Deswegen muss die Forderung aufrechterhalten werden.

Es gibt aber oft das Gefühl – in der Wirtschaft genau wie bei der Polizei – dass junge Menschen, die in den Berufen nachkommen, das automatisch könnten. Weil sie ja mit dem Netz aufgewachsen sind. Deswegen glauben viele, dass es keine zusätzlichen Schulungen bräuchte. Ich halte das für ein extremes Fehlurteil. Andererseits werden junge Polizisten, die selbst spielen, jedoch nicht für diese Themen genutzt."

Rüdiger: "Virtuelle Streifen wären gut"

Der Cyberkriminologe fordert eine grundlegende Strategie für digitale Polizeiarbeit im Jahr 2030. "Die gibt es bisher nicht", so Rüdiger. Derzeit werde gerade mal ein Prozent der Beamtinnen und Beamten für die Arbeit im Netz eingesetzt. "Viel zu wenig," findet Rüdiger. "Täter haben deshalb quasi keine Strafverfolgungsangst", glaubt er. Eigentlich müsste es digitale Polizeistreifen – vergleichbar mit denen im Straßenverkehr – geben. Kapazitäten dafür gebe es jedoch nicht.

Ein weiteres Problem: "Polizeiarbeit basiert ja nicht nur auf Strafverfolgung, sondern auch auf Gefahrenabwehr. Die Gefahrenabwehr geht nur im eigenen Bundesland", erläutert der Experte. Doch eigentlich bräuchte es ein globales Sicherheitssystem, um Kriminalität im Netz wirksam zu begegnen.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 26. August 2020 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

part vor 36 Wochen

Verfassungsrechtlich besteht eine Trennung zwischen Geheimdienst und Polizei in diesem Land, die sich auch auf das Internet beziehen sollte. Bestimmte Ereignisse in den letzten Jahren lassen aber die Vermutung aufkommen, das die Geheimdienste das entschgeidente Regularium sind, welche Erkenntnisse weiter geleitet werden oder sie zum eigenen Vorteil genutzen. Die Polizeieinheiten dagen sollten besser aufgestockt werden zum Online- Geschehen und Cyber- Kriminaltät.

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