Nach der Flut 2013 Solidarität in Sachsen-Anhalt: Wie aus Opfern nun Helfer werden

Die schlimme Lage in den Hochwassergebieten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz können viele Menschen in Sachsen-Anhalt nachfühlen: 2013 haben die Wassermassen entlang der Elbe riesige Schäden angerichtet und Menschenleben gekostet. Viele der damaligen Betroffenen wollen nun helfen.

Helfer gehen durch den Ortskern in Bad Münstereifel
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Als vor acht Jahren der Elbedeich bei Fischbeck brach, überfluteten die Wassermassen das Dorf bei Tangermünde in Minutenschnelle. Weite Teile der Region standen damals unter Wasser. Fischbecks Bürgermeister Bodo Ladwig (Die Linke) kommen die Bilder von damals wieder hoch, wenn er die Berichte aus Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen sieht: "Man hat da sicherlich Gänsehaut bekommen und das mit dem eigenen Erlebten verglichen."

Doch mit Blick auf die schweren Schäden, die das Wasser im Westen Deutschlands angerichtet hat und die vielen Menschenleben, die es gekostet hat, sagt Ladwig auch: "Was dort passiert ist, das ist gar nicht vergleichbar mit dem, was wir hier in Fischbeck erlebt haben."

Auch Bernd Witt, der damals zur Flut 2013 Bürgermeister der Verbandsgemeinde in Fischbeck war, muss bei den aktuellen Fernsehbildern an die damaligen Ereignisse denken: "Diese Erinnerungen waren sofort da." Er hoffe, dass die im Westen Deutschlands von der Flut betroffenen Menschen nun ähnliche Hilfe und Beistand fänden, wie die Menschen in Fischbeck und Umgebung damals.

"Wie ein Déjà-vu, ich fühle mit den Leuten mit"

Die Bilder von den überfluteten und zerstörten Dörfern sorgen aber auch noch weiter elbaufwärts für Fassungslosigkeit und wecken schmerzhafte Erinnerungen. So wie bei Bärbel Matthey – sie betreibt eine Familiengärtnerei im Dessauer Ortsteil Waldersee. Auch sie ist im Moment mit ihren Gedanken bei den Hochwasseropfern: "Es ist wie ein Déjà-vu, ich fühle mit den Leuten mit. Denn ich habe da alles gleich wieder vor Augen. Obwohl es dort ja noch viel schlimmer ist, als es damals bei uns war."

Bärbel Matthey hat damals nach der Flut nie an Aufgeben gedacht: "Wir haben einfach nur gedacht, wir müssen jetzt aufräumen, aufräumen und dann mal gucken." Beim Aufräumen standen sie damals auch nicht alleine da, sie hatte auch Hilfe von jungen Menschen, für die sie noch heute dankbar ist. Und sie möchte etwas zurückgeben von der Hilfe und Unterstützung, die sie selbst erfahren hat: "Wir suchen uns eine Gärtnerei und werden dann persönlich helfen."

Spendenaktion für Flutopfer

Um den Betroffenen zu helfen, haben die Fischbecker nun gemeinsam mit der Verbandsgemeinde Elbe-Havel-Land eine Spendenaktion gestartet. Inzwischen hat auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) die Menschen dazu aufgerufen, zu spenden. Haseloff sagte, die Sachsen-Anhalter könnten gut nachvollziehen, was die Menschen im Westen Deutschlands nach dem Hochwasser bewege. Zuvor hat Haseloff bereits angekündigt, dass sich das Land auch an einem Aufbaufonds beteiligen werde.

Reiner Haseloff, CDU, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, spricht nach der Bekanntgabe der ersten Prognosen auf der CDU Wahlparty.
Reiner Haseloff (Archivbild) Bildrechte: dpa

Sachsen-Anhalt wird sich solidarisch an den finanziellen Herausforderungen beteiligen.

Reiner Haseloff (CDU) Ministerpräsident Sachsen-Anhalt

Ehe die finanzielle Hilfe auf den Weg geschickt werden kann, muss in den Flutgebieten aber noch aufgeräumt werden. Deshalb sind aus Sachsen-Anhalt inzwischen dutzende Einsatzkräfte in das Katastrophengebiet gereist, um mit anzupacken. Dazu gehören auch Feuerwehren aus dem Harz. Es helfen beispielsweise Feuerwehrleute aus Blankenburg, Hüttenrode, der Stadt Oberharz, der Stadt Osterwieck, der Gemeinde Nordharz und aus Ilsenburg in den stark betroffenen Ortschaften.

Großer Benefiztag beim MDR

Mit einem Benefiz-Tag unterstützt die ARD heute die Menschen in den Hochwassergebieten Deutschlands. Wenn Sie spenden möchten, können Sie das ab 7 Uhr tun – unter der Telefonnummer (0180) 22822. Ein Anruf kostet 6 Cent pro Anruf aus dem Festnetz, mobil kann es teurer werden.

Gemeinsam mit "Aktion Deutschland hilft" – einem Bündnis deutscher Hilfsorganisationen – ruft die ARD zu Spenden auf. Höhepunkt ist heute Abend eine Live-Fernsehsendung aus Leipzig und Köln, ausgestrahlt auch im MDR unter dem Titel "Wir halten zusammen – Mitteldeutschland hilft". Mit dabei sind unter anderem Herbert Grönemeyer, Yvonne Catterfeld, Sarah Connor, Joris, Max Mutzke, Frida Gold und Die Prinzen.

Hilfseinsatz kurzfristig abgesagt

Unterdessen musste der Einsatz von Magdeburger Helfern der freiwilligen Feuerwehren am Donnerstag kurzfristig abgesagt werden. Denn die Hilfe für die betroffenen Gebiete wird auf dem Nürburgring koordiniert. Doch dort staut sich bereits eine größere Zahl an Hilfskräften, die nicht zum Einsatz kommen. Deshalb kam das Signal: Im Moment seien genügend Helfer da.

Erste Hilfslieferungen sind bereits unterwegs

Überhaupt scheint die Hilfsbereitschaft in Sachsen-Anhalt für die Betroffenen sehr groß zu sein. Im Burgenlandkreis startet diese Woche ein Hilfskonvoi mit Sachspenden. Gesammelt hat sie bedarfsgerecht die Freiwillige Feuerwehr Bad Kösen. Wie die Feuerwehr MDR SACHSEN-ANHALT mitteilte, war die Resonanz in der Bevölkerung überwältigend. Anfang der Woche habe man sich in den Hochwassergebieten erkundigt, wo was gebraucht werde. Ziel sind mehrere Orte in Nordrhein-Westfalen: Meckenheim, Dernau an der Ahr, Bad Münstereifel.

Durch eine Hilfsaktion von Zörbiger und Köthener Unternehmen sind zudem zwei Tonnen Hygieneartikel und Desinfektionsmittel in die Hochwassergebiete gebracht worden. Sascha Greiner, Chef der Werbegemeinschaft Köthen, sagte MDR SACHSEN-ANHALT, es könne überall etwas passieren. Daher sei es wichtig zu helfen.

Psychische Belastungen durch Flutkatastrophe

Doch bei all der Hilfe, die nun auf dem Weg in die Hochwasserregionen ist: Die Katastrophe dürfte viele Menschen traumatisiert haben. Studien haben gezeigt, dass Flutopfer bis zu neunmal häufiger an langfristigen psychischen Gesundheitsproblemen leiden als Personen, die noch nie eine Überschwemmung erlebt haben.

Bernd Witt, der die Flut 2013 in Fischbeck miterleben musste, kann das nur unterschreiben: "Man kann mit Geld eine Menge heilen, aber die Seele und die Psyche, die kriegt man schlecht wieder repariert."

MDR/Thomas Tasler, Jan Malte Wagener, Susanne Reh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 23. Juli 2021 | 11:50 Uhr

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