Wildes Parken, Sachschäden und Gefahren Machtlos an der Autobahn: Kleine Gemeinden und das Lkw-Chaos

Parkplatzmangel an der Autobahn? Der Geheimtipp jedes Lkw-Fahrers: Gewerbegebiete. Doch dort wird es immer voller. Mehr als 20 Gemeinden wehren sich nun. Geteiltes Leid ist halbes Leid – denn die Verzweiflung wächst.

Ein Schild mit einem Lkw im runden Kreis vor dem Parkplatz eines großen Einkaufszentrums
Bildrechte: MDR/Mandy Ganske-Zapf

Wenn Europas Handelsverkehr Pause macht, dann unerlaubterweise vor Nancy Hoppes Nase. Sie arbeitet da, wo Lkw-Fahrer parken, obwohl sie das nicht dürfen: in den schmalen Straßen des Gewerbegebiets am ElbePark. Das liegt einen Steinwurf von der A2 entfernt, einer der wichtigsten Ost-West-Achsen. Für Lkw-Fahrer ist die Strecke ein Zuhause auf Zeit, das sie häufig genug bis ins Umland ausdehnen. Nancy Hoppe weiß das genau, weil sie täglich damit beschäftigt ist, die Strafzettel dagegen zu verteilen. Oder die Fahrer wegzuschicken. Stoisch macht sie das, um wenigstens irgendetwas zu tun, aber es hat wenig Wirkung. Gefühlt, "wenn wir 35 Lkw verjagt haben, kommen 40 neue". Egal, woher: ob Polen, Lettland, Rumänien oder von inländischen Speditionen.

Es gleicht einem Katz- und Mausspiel, das – wie hier – mittlerweile viele Gemeinden am Hals haben: Lkw-Chaos im Gewerbegebiet. Doch es mehren sich die Stimmen, das nicht länger mitzumachen.

Steine auf eine Grünfläche, im Hintergrund ein schiefer Laternenmast und mehrere zusammengeschobene Einkaufswagen
Einer der guten Tage: Nur vereinzelt Lkw in den Straßen. Die verbogene Laterne zeugt von den schlechteren. Wie die Gemeinde sagt, kommt es immer wieder zu Schäden. Bildrechte: MDR/Mandy Ganske-Zapf

Müll und Straßenschäden

Das Grundproblem ist nicht neu. Seit Jahren eint die Anrainer an den Autobahnen, lauter Dörfer und Kleinstädte, das sie unfreiwillig zum Schauplatz einer europaweiten Entwicklung im Güterverkehr werden: mit umgefahrenen Straßenlaternen, Müll und kaputten Gehwegen als direkte Folgen vor ihrer Haustür. Die Zukunft verheißt bislang auch nichts Gutes: Das Bundesverkehrsministerium prognostiziert eine Zunahme des Lkw-Güterverkehrs bis 2030 um rund 39 Prozent. Schon jetzt fehlen nach Landesangaben allein in Sachsen-Anhalt ungefähr 700 Lkw-Parkplätze an den Autobahnen.

An ihren Rändern sind es nun zahlreiche Bürgermeister und Gemeindevertreter, die nicht länger Leidtragende sein wollen. Mehr als 20 Gemeinden haben sich daher zur Interessengemeinschaft Autobahn zusammengeschlossen und wollen gehört werden. Beim Land, vor allem aber beim Bund, wo die Federführung für den Bau neuer Lkw-Parkplätze liegt, und wo die Gesetze gemacht werden, die ihnen effektiv helfen würden – glauben die Vertreter der Interessensgemeinschaft.

Die Interessengemeinschaft Autobahn

Vernetzt haben sich folgende Städte und Gemeinden: Hohe Börde, Kabelsketal, Barleben, Flechtingen, Sülzetal, Bernburg, Niedere Börde, Burg, Obere Aller, Möckern, Landsberg, Lützen, Teuchern, Wethautal, Eisleben, Braunsbedra, Sangerhausen, Goldene Aue, Ilberstedt, Quedlinburg, Thale, Wernigerode

Zahnlose Tiger: Aufklärung, Knöllchen, Schilderwald

Was ist so schwierig, dass sie sich nicht mehr anders zu helfen wissen? Das Kernproblem: Es ist den Bürgermeistern und Ordnungsämtern in all den Jahren nicht gelungen, ein wirksames Mittel zu finden, damit Lkw-Fahrer sich gar nicht erst in die Gewerbegebiete aufmachen. Schilder konnten sie nicht aufhalten, kein Parkverbot, kein Einfahrtverbotsschild, sofern die Straße noch Platz bot, keine Findlinge am Straßenrand, die das Einparken verhindern sollen, keine Barken als Absperrung, seien sie grau, weiß oder quietschrot, nichts. Beispiele dafür liefert Nancy Hoppe vom ElbePark an der A2.

Lkw-Chaos im Gewerbegebiet Reden hilft? Manchmal

An einem Autobahnrastplatz sind die Dächer vieler, eng einander stehender Lkw zu sehen, die hinter Strauchbewuchs hervorlugen
Wenn an der Autobahn die Parkplätze nicht mehr ausreichen, fahren viele Lkw-Fahrer in ein nahegelegenes Gewerbegebiet ... Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
An einem Autobahnrastplatz sind die Dächer vieler, eng einander stehender Lkw zu sehen, die hinter Strauchbewuchs hervorlugen
Wenn an der Autobahn die Parkplätze nicht mehr ausreichen, fahren viele Lkw-Fahrer in ein nahegelegenes Gewerbegebiet ... Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Lkw fährt eine Straße in einem Gewerbegebiet entlang, vorbei an eine Reihe abgeparkter Lkw
... um dort weiter nach einem Parkplatz für die Nacht oder ihre vorgeschriebene Pause zu suchen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Zwei Frauen in Warnweste, auf einer steht Ordnungsamt, stehen am Fürherhaus eines Lkw-Fahrers und schauen zu ihm auf
Anika Abram und Jacqueline Schaaf vom Ordnungsamt wissen das. Sie sind dort regelmäßig für Kontrollen unterwegs. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Straßenschild, auf dem Parken verboten ausgewiesen ist, Pkw ausgenommen
Standardmäßig gibt es zwar ein Schild, das auf das geltende Parkverbot hinweist. Geparkt wird trotzdem. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Lkw steht auf einem Gehweg, zwei Frauen mit Warnwesten stehen vorn am Führerhaus und schauen hoch
Anika Abram und Jacqueline Schaaf reden mit den Fahrern, um verständlich zu machen, dass Parken verboten ist. Sie hoffen, dass wenigstens einige Fahrer beim nächsten Mal nicht wieder herkommen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Stumpf einer abgebrochenen Laterne steht schief. Daneben parkt ein Lkw, ein Teil davon ist auf dem Bild zu sehen.
Denn, was für die Gemeinde ärgerlich ist: Sie hinterlassen häufig Spuren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Zwei Frauen in Warnweste, auf einer steht Ordnungsamt, stehen am Fürherhaus eines Lkw-Fahrers und schauen zu ihm auf
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Blick ins Kabelsketal an der A9 sieht nicht viel anders aus: Die Ordnungsamtsmitarbeiterinnen Anika Abram und Jacqueline Schaaf sind unterwegs auf ihrer Route, Lkw säumen den Straßenrand. Jacqueline Schaaf zu einem der Fahrer: "Sie dürfen hier eigentlich nicht stehen, sie stehen in einer Parkverbotszone für Lkw. Ihre Fahrtzeit ist um? Für das nächste Mal: Nicht wieder hierherstellen. Ok?" Der letzte Strohhalm, nach dem sie hier greifen, ist der Erziehungseffekt. Denn mit Verwarn- beziehungsweise Bußgeldern haben sie es mittlerweile aufgegeben, heißt es. Der Grund: hoher Aufwand, geringer Ertrag, wenig Effekt.

Sie dürfen hier eigentlich nicht stehen, sie stehen in einer Parkverbotszone für Lkw. Ihre Fahrtzeit ist um? Für das nächste Mal: Nicht wieder hierherstellen. Ok?

Jacqueline Schaaf, Ordnungsamtsleiterin Kabelsketal

All die Maßnahmen werden von Fahrern entweder übersehen oder links liegen gelassen, so wirkt es.

Porträtaufnahme eines Mannes
Sieht die Kosten wachsen: Bürgermeister Steffen Kunnig Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was auch teuer wird. Im Kabelsketal hat Bürgermeister Steffen Kunnig schätzen lassen, dass er rund 670.000 Euro bräuchte, um Schäden zu beheben. Pro Jahr zahle die Gemeinde 80.000 Euro für die Müllbeseitigung.

Doch wer mit Fahrern spricht, versteht zugleich, dass ein Gewerbegebiet einen Ausweg bietet, wenn auf Autobahnrastplätzen nichts mehr geht. Oft nach langem vergeblichen Suchen, ratlos und gefrustet. Die Leute in den Ämtern sagen, sie verstünden das sogar.

Warum nicht eine Straße sperren? Spoiler: Es ist kompliziert

In der Hohen Börde kann nicht jeder nachvollziehen, wie es zu dieser Machtlosigkeit im Umgang damit kommt. Dieter Dähnhardt schaut sich das seit ein paar Jahren an und kann sich nur die Haare raufen. Jedenfalls ist er drauf und dran, als er seine Sicht der Dinge erklärt.

Ein Mann im Porträt, hinter ihm zeigt sich verschwommen das Eingangsportal zu einem großen Einkaufszentrum
Würde Straßen zur Not vollständig sperren: Ortsbürgermeister Dieter Dähnhardt. Bildrechte: MDR/Mandy Ganske-Zapf

Dähnhardt ist Ortsbürgermeister des am ElbePark anliegenden Ortsteils und seine Sorge gilt besonders seiner Freiwilligen Feuerwehr. Die hat nämlich genau hier, direkt an den oft zugeparkten Zufahrtsstraßen, ihren Sitz. Ginge es nach Dähnhardt, würde er gern zwei Straßen einfach dicht machen. Ganz generell, als Zu- und Ausfahrten für die Rettungsfahrzeuge. Das Ordnungsamt hat diese Variante bisher ausgeschlossen. Es sei erwogen worden, aber viel zu kompliziert und mit hohen Kosten und Folgeproblemen verbunden, heißt es von dort.

Und sonst? Mit der Kralle anrücken und das Fahrzeug festsetzen? Da haben sie in der Hohen Börde Skrupel: Was wenn der Fahrer Frischware geladen hat und sie deswegen verdirbt?

Rastplätze sind jeden Abend hoffnungslos überfüllt. 30 min
Rastplätze sind jeden Abend hoffnungslos überfüllt. Bildrechte: MDR/André Strobel

Exakt - Die Story Mi 29.09.2021 20:45Uhr 29:50 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Neubau von Parkflächen? "Hohe Widerstände vor Ort"

Vertreter der Interessengemeinschaft Autobahn in Hoher Börde und Kabelsketal zeigen sich überzeugt: Es braucht mehr kostenfreie Parkplätze direkt an den Autobahnen und zwar schneller, als sie bisher gebaut werden. Und Bußgelder müssten höher ausfallen. Was im Ausland gang und gäbe sei – mit hohen Strafen vor zu schnellem Fahren abzuschrecken – müsse es hier andersrum fürs Falschparken geben. Nancy Hoppe formuliert es so:

Es muss eine Abgrenzung geben zwischen Pkw und Lkw und bei den Lkw-Fahrern muss einfach ein Tatbestand her, der ein bisschen höher ist – und in der Kasse weh tut. Damit man merkt, dass das nicht rechtens ist, was hier passiert.

Nancy Hoppe, Ordnungsamt Hohe Börde

Ein entsprechendes Positionspapier schickte die Interessengemeinschaft an das Bundesverkehrsministerium. Das erklärte, Baugenehmigungen würden wegen der "hohen Widerstände vor Ort" über Jahre dauern. Und: 17.300 Stellflächen seien schon gebaut worden – seit 2008. Geholfen hat diese Antwort weder der Hohen Börde, noch dem Kabelsketal.

Aufgeben wollen sie nicht, doch zu spüren ist: Die, die sich hier gemeinsam wehren, wirken mindestens so verzweifelt, wie viele der Lkw-Fahrer, die sich zu ihnen ins Gewerbegebiet flüchten.

André Strobel
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über André Strobel André Strobel wurde 1984 in Schönebeck geboren, aufgewachsen ist er in Barby an der Elbe. Seit 2010 arbeitet er für MDR SACHSEN-ANHALT, wo er vor allem über Kultur, Gesellschaft und Sport berichtet. Neben seinen Berichten für Fernsehen und Online arbeitet er hin und wieder auf für MDR-Redaktionen in Leipzig. Bevor Strobel zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat er in Hamburg Angewandte Medienwirtschaft studiert - und in dieser Zeit viele Praktika gemacht, unter anderem bei Sport1 (damals doch DSF), RTL Nord und sportdigital.tv. Anschließend hat bei einer Münchner TV-Produktionsfirma volontiert. Mag das Wandern im Harz, die Abgeschiedenheit der Altmark und ist besonders großer Fan der Elbauen - vor allem in seiner Heimatstadt Barby.

Mandy Ganske-Zapf
Bildrechte: MDR/André Plaul

Über Mandy Ganske-Zapf Mandy Ganske-Zapf arbeitet seit März 2014 als freie Mitarbeiterin bei MDR SACHSEN-ANHALT. Sie schreibt vor allem Nachrichten für die Online-Redaktion und ist ab und an im Radio zu hören. Darüber hinaus schreibt sie Texte und Reportagen für Medien in Deutschland und Österreich, entweder zu Themen aus Sachsen-Anhalt oder aber aus Russland. Nach Sachsen-Anhalt gekommen ist sie 2008, anschließend hat sie mehrere Jahre als Redakteurin für die Volksstimme im schönen Landkreis Börde gearbeitet. In ihrer Wahlheimat Magdeburg ist sie am liebsten an Seen und am Elbufer unterwegs und mag Ausflüge ins Saale-Unstrut-Gebiet und in die Weiten der Altmark.

Quelle: MDR/mg

Dieses Thema im Programm: Exakt – Die Story | 04. November 2020 | 20:45 Uhr

24 Kommentare

maheba vor 46 Wochen

Grundsätzlich stimmt das. Aber die Logistikbranche ist nunmal für die Fahrer verantwortlich. Soll diese doch genügend Parkplätze und Übernachtungsmöglichkeiten bauen und betreiben. Der Gesetzgeber regelt und gibt nur den Rahmen vor (Pausen, Lenkzeiten, Wochenarbeitszeiten, ...). Dies gibt es ja auch in anderen Transportbranchen (Piloten übernachten auch nicht im Flugzeug oder Lokführer auf der Lok.

Wenzel vor 46 Wochen

Welchen ersten Eindruck hätten wohl extraterretrische Besucher von unserem Planeten? Wahrscheinlich würden sie Autos für die vorherrschende Lebensform halten, denn alle anderen Lebensformen müssen sich hier dieser unterordnen. Das ist unser grundlegendes Problem. Wo Maschinen mehr Resourcen beanspruchen als etwas Lebendiges sind nicht nur Parkplätze knapp. Eigentlich sollten Maschinen das Leben der Lebendigen lebenswerter machen. "Eigentlich" impliziert aber schon, dass das nicht so ist.

Leachim-21 vor 46 Wochen

@Harka2: dann stellt sich jedoch die Frage warum diese Parteien immer noch gewählt werden und warum dann die Grünen bei 17-20% liegen. dann könnte man ja zu dem Schluss kommen das die Bürger sich nicht informieren und somit ihnen es egal ist.

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