Diskussion um die Sprache Wo Sachsen-Anhalt beim Gendern steht

Oliver Leiste
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Über den Umgang mit gendersensibler Sprache wird dieser Tage stark diskutiert. Die einen fordern sie nachdrücklich, andere lehnen die Formulierungen strikt ab. Doch auch in Sachsen-Anhalt hat eine Veränderung begonnen. Und das umstrittene Gendersternchen spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Wenn es um das Gendern von Sprache geht, wird es schnell emotional. Für viele Menschen ist es sehr wichtig, sich gendersensibel zu äußern. Andere fühlen sich bei dem Thema schnell gegängelt. Ein kleines Sternchen oder ein Doppelpunkt reichen aus, um wilde Diskussionen auszulösen.

Dann ist schnell von der "Genderpolizei" die Rede, es wird gegenseitig mit Beleidigungen gearbeitet – auch und vor allem in den sozialen Netzwerken. Doch was steckt eigentlich hinter der ganzen Debatte? Und warum regen sich so viele Menschen so furchtbar über das Thema auf?

Die Debatte bei FAKT IST! zum Nachschauen:

Der Autor des Textes hat Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch mit sechs Thesen zum Gendern konfrontiert. Die Antworten:

These 1: Die Debatte um das Gendern ist eine reine Wohlstandsdebatte. Eigentlich ist das Thema unnötig. Denn wir haben so viele wichtigere Probleme, mit denen man sich beschäftigen müsste.

Warum das Gendern wichtig ist

"Das Deutsche stellt uns von sich aus nur bedingt geschlechtsneutrale Formen zur Verfügung", erklärt Sprachwissenschaftler Anatol Strefanowitsch. "So hat sich im 19. Jahrhundert eingebürgert, dass wir über die ganze Welt so sprechen, als würde sie nur aus Männern bestehen." Im 21. Jahrhundert sei das nicht mehr angebracht, argumentiert Stefanowitsch. Die Diskussionen zu diesem Thema begannen in schon den 1970er Jahren.

Das ist Anatol Stefanowitsch

Undatiertes Foto von Prof. Dr. Anatol Stefanowitsch Professur für die Struktur des heutigen Englisch, Institut für Englische Philologie Freie Universität Berlin.
Anatol Stefanowitsch Bildrechte: dpa

Anatol Stefanowitsch hat eine Professur für Sprachwissenschaft am Institut für Englische Philologie der Freien Universität Berlin inne. Auch als Blogger und Buchautor beschäftigt er sich schon seit Jahren mit dem Thema Gendern. Stefanowitsch gründete die Intiative "Anglizismus des Jahres" und ist Vorsitzender der Jury.

In eigentlich allen Texten war das generische Maskulinum, also die männliche Form, Standard. Frauen fühlten sich davon mitunter nicht angesprochen und suchten nach alternativen Ausdrucksformen. In den zurückliegenden zehn, fünfzehn Jahren hat die Entwicklung, genau wie die Diskussion um dieses Thema, spürbar an Fahrt aufgenommen. Sie dreht sich längst nicht mehr "nur" um die Unterscheidung zwischen der männlichen und der weiblichen Form.

These 2: Die, die gendern, wollen eher abgrenzen als verbinden. Das Gendersternchen wird dabei zum Distinktionsmerkmal.

Kinder brauchen auch weibliche Vorbilder

Zudem gibt es psycholinguistische Untersuchungen, die zeigen, dass sich Kinder, aber auch Erwachsene, bei Verwendung des generischen Maskulinums in der Regel Männer vorstellen. Bei gegenderten Formen tauchen hingegen in den Vorstellungen der Probanden viel öfter auch Frauen auf.

Ines Bose, Sprechwissenschaftlerin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, sagt:

Wirkt sich gendersensibles Sprechen auf das Verständnis von Nachrichten aus? Nachrichtenradio MDR AKTUELL und die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg starten gemeinsames Forschungsprojekt. Im Bild: Sprechwissenschaftler Mirko Jugelt und Prof. Dr. Ines Bose vom Institut für Musik, Medien- und Sprechwissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (MLU)
Ines Bose und Mirko Jugelt bei der Aufnahme gendersensibler Nachrichten. Bildrechte: MDR / Mike Heerdegen-Simonsen

Wenn man als Hochschule oder Schule erreichen möchte, dass sich auch Mädchen zum Beispiel für naturwissenschaftliche Fächer bewerben, muss man dafür sorgen, dass sie sich auch mitgemeint fühlen. Wenn sie sich aber nicht angesprochen fühlen, gibt es Handlungsbedarf.

Ines Bose

Sprich, es braucht Vorbilder – und die werden eben auch über Sprache kreiert.

Das ist Ines Bose

Sprechwissenschaftlerin Ines Bose von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg forscht unter anderem zur Hörverständlichkeit im Radio. Sie gibt Trainings zu Sprache und Sprechen in Radio und Fernsehen. Derzeit arbeitet sie mit dem MDR an einem Forschngsprojekt, um herauszufinden, wie sich gendersensibles Sprechen auf das Verständnis von Nachrichten auswirkt.

Wieso Gendern so viele Menschen aufregt

Gendern ist etwas Neues und Ungewohntes. Deswegen fällt es vielen Menschen unangenehm auf. "Sprachgewohnheiten sind sehr tief verankert. Wenn an denen gekratzt wird, erzeugt das häufig Irritationen", sagt Stefanowitsch. "Man denke nur an die Rechtschreibreform in den 1990er Jahren, die ganz Ähnliches ausgelöst hat." Auch bei einer Umfrage von MDR SACHSEN-ANHALT in Halle wurden mehrfach Punkte in diese Richtung genannt. Viele Menschen regen sich offenbar über gendersensible Sprache ab, weil sie in ihren Ohren ungewohnt oder gar falsch klingt.

Christian 10 min
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Lebensniceheiten Mo 26.04.2021 00:00Uhr 09:57 min

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Zudem gibt es bestimmte politische Gruppierungen, die diese Stimmung aufnehmen und versuchen, für sich zu nutzen. "Da ist dann schnell von der 'Genderpolizei' oder der 'Sprachpolizei' die Rede. Es wird versucht, ein Feindbild aufzubauen", erläutert Stefanowitsch. Dabei gibt es derzeit keinerlei Bestrebungen, Gendersternchen oder Ähnliches außerhalb bestimmter Institutionen – etwa Behörden – verpflichtend für die Bevölkerung einzuführen.

These 3: Unhörbar und unlesbar: Gendersensible Sprache macht die deutsche Sprache kaputt.

Die Strategie hinter der Genderdebatte

Doch hinter den Diskussionen, die vor allem online geführt werden, steckt gewissermaßen eine Strategie. "Einige konservative Politiker und Politikerinnen haben das Thema für sich entdeckt, um damit Wahlkampf zu betreiben" so Stefanowitsch, der auch als Autor arbeitet.

Er erklärt: "Vor den Wahlen lässt sich das Thema sehr gut nutzen, denn Gendern ist etwas, was sehr wenig politisches Handeln erfordert. Man kann sich sehr leicht hinstellen und sagen, man sei gegen den 'Genderterror'. Das ist ein sehr bequemes Thema, um den politischen Gegner zu dämonisieren. Und das passiert auch bewusst." Die Debatte über gendersensible Sprache wird so zusätzlich befeuert.

These 4: Mit ihrer Hartnäckigkeit und ihrem universellen Anspruch beim Thema Gendern verschrecken die Aktivist*innen viele Menschen, die dem eigentlichen Anliegen – nämlich diskriminierungsfrei zu sprechen und zu schreiben – eigentlich positiv gegenüberstehen.

Gendern geht auch ohne Sternchen

Sprachliche Untersuchungen, an denen Ines Bose beteiligt war, haben ergeben, dass es schon jetzt viele verschiedene Möglichkeiten gibt, Diversität über Sprache abzubilden. Eine Studie bei Deutschlandfunk Nova ergab etwa, dass dort zwar sehr konsequent gegendert wird. Das Gendersternchen spielte in den Texten aber kaum eine Rolle. "Vielleicht ist das auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Da ist völlig offen, wie die Entwicklung weitergeht", sagt Bose.

Man kann Vorschläge machen – und die kommen ja von Aktivist*innen auch. Aber am Ende entscheidet immer eine Sprachgemeinschaft, ob sie durch den häufigen Gebrauch solcher Formen eine Art Trampelpfad schafft, den dann andere auch gehen und der dann aus Ökonomiegründen von allen gegangen wird.

Ines Bose, Sprechwissenschaftlerin

Es könne auch sein, dass das Gendern eine Sonderform bleibe, die nur von bestimmten Kreisen genutzt werde. Diese bilde dann eine Gruppenidentität, mit der man sich von anderen Gruppen abgrenzen könne. Es sei offen, in wie weit die Gesellschaft das annehmen wird, so Bose.

These 5: Gendersensible Sprache kann zu mehr Gleichberechtigung in vielen Bereichen beitragen und ist deshalb wichtig, um die aktuelle Lebenswirklichkeit zu verändern. Viele Menschen fühlen sich tatsächlich eher angesprochen.

Eine unumkehrbare Entwicklung

Doch womöglich ist die Entwicklung schon viel weiter als gemeinhin angenommen wird. "Viele Institutionen haben sich einen möglichst diskriminierungsfreien und gendersensiblen Sprachgebrauch auf die Fahne geschrieben haben, zum Teil in Leitfäden, zum Teil in Absichtserklärungen", sagt Ines Bose. Neben Kommunen, Universitäten und Hochschulen seien das Werbe- und Wirtschaftsunternehmen – auch in Sachsen-Anhalt.

"Da finde ich, wird es interessant und zeigt, dass es im Moment eine Art Mainstream ist, der doch mehr Kreise der Gesellschaft erfasst hat, als man zunächst denkt", so Bose. "Die Verhandlung von Identität ist ein Thema unserer Zeit. Und ich denke, dass das inzwischen soweit etabliert ist, dass sich das nicht komplett zurückdrehen lassen wird auf das sogenannte generische Maskulinum."

These 6: Die Veränderung hin zu gendersensiblen Sprache ist nicht mehr aufzuhalten. Nur die Form, wie diese aussehen soll, ist noch zu klären.

Oliver Leiste
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Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 bei MDR SACHSEN-ANHALT - mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Zudem ist er immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

MDR/Oliver Leiste

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | FAKT IST! | 19. Juli 2021 | 22:15 Uhr

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