Tod und Bestattung Haben Sargpflicht und Friedhofszwang in Sachsen-Anhalt bald ausgedient?

Eine junge Frau mit dunklen Haaren und Brille.
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Die Grünen fordern in Sachsen-Anhalt eine Aufhebung der Sargpflicht und die Möglichkeit, sich frei zu entscheiden, wo man bestattet werden möchte. Der Gesetzentwurf soll auf der nächsten Landtagssitzung Ende Januar diskutiert werden. Die Bestatterinnung sieht die Vorschläge kritisch.

Ein Mann steht neben einem Sarg auf dem Friedhof
Wolfgang Ruland von der Bestatterinnung sieht die Aufhebung der Sargpflicht kritisch. (Archivbild) Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT/Alisa Sonntag

Die Grünen in Sachsen-Anhalt wollen das Bestattungsgesetz reformieren. Unter anderem fordern sie, die Sargpflicht aufzuheben. Diese gelte neben Sachsen nur noch in Sachsen-Anhalt, so Fraktionschefin Cornelia Lüddemann. Konkret soll bei der Erdbestattung auch eine Bestattung in Tüchern erlaubt werden. Diese soll generell für alle Menschen, die in Sachsen-Anhalt leben, möglich sein. Bisher war die Nachfrage nach Tuchbestattungen in Sachsen-Anhalt gering. Laut einer Umfrage der Bestatterinnung des Landes wurde in den vergangenen 25 Jahren ein einziges Mal eine Tuchbestattung verlangt.

Bestattung im Leichentuch

Bei einer Bestattung im Leichentuch wird der Verstorbene statt in einen Sarg in ein Tuch aus Naturfasern gehüllt. Die Grünen wollen durch die Aufhebung der Sargpflicht eine interkulturelle Öffnung für Juden und Muslime ermöglichen.

Wenn es zu einer generellen Aufhebung der Sargpflicht käme, dann müsste der Gesetzgeber dafür Sorge tragen, dass folglich auch Feuerbestattungen ohne Sarg in Sachsen-Anhalt möglich werden, erklärt Wolfgang Ruland von der Bestatterinnung. Das sei aber aus technischen Gründen nicht möglich, da die Krematorien so gebaut sind, dass für eine Einäscherung ein Sarg benötigt wird.

Verwesung könnte sich ohne Sarg verzögern

Ruland sieht den Sarg als schützenden Raum, in dem sich die ungestörte Verwesung des Leichnams vollzieht. "Wird die Verwesung des Leichnams unterbrochen, etwa durch Luftabschluss infolge eindringenden Wassers, so bilden sich Fettwachse, die in der Folge die Verwesung soweit verzögern – oder ganz verhindern, – dass die auf deutschen Friedhöfen üblichen Ruhefristen – in Sachsen-Anhalt bis zu 30 Jahren – nicht mehr eingehalten werden können."

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Lockerung des Friedhofszwangs

Wer die Asche von Verstorbenen auf dem eigenen Grundstück, auf ausgewiesenen kommunalen Flächen oder anderen Orten mit Zustimmung des Grundstückseigentümers verstreuen möchte, soll dies nach dem Vorschlag der Grünen zukünftig tun dürfen.

Cornelia Lüddemann, Vorsitzende der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen in Sachsen-Anhalt, spricht beim 44. ordentlichen Landesparteitag von Bündnis 90/Die Grünen Sachsen-Anhalt.
Grünen-Politikerin Cornelia Lüddemann fordert mehr Freiheiten bei Bestattungen. Bildrechte: dpa

"Menschen brauchen einen Ort des Trauerns. Aber das geschieht heute oft anders als auf Friedhöfen. Warum sollen die Hinterbliebenen von einem passionierten Angler nicht an dessen Lieblingssee trauern dürfen?", so Lüddemann.

Ruland sieht die Beisetzung auf privaten Grundstücken hingegen kritisch: "In der Verwandtschaft sind sich die Angehörigen oftmals nicht einig, dadurch würde ein Teil keine Möglichkeit, keinen Ort zum Trauern erhalten, was zu Streitigkeiten und Problemen führt. Der Friedhof ist auch ein Kulturgut, welches durch solche Dinge in Frage gestellt wird."

Er befürchtet außerdem, dass es vielen eher um eine kostengünstige Entsorgung gehe, als die Asche der Verstorbenen bei sich zu haben. "Wenn es zu einer solchen Gesetzesänderung kommt, müsste eine Treuhand eingerichtet werden, die sich um die Entsorgung der Urne kümmert, wenn die Liegefrist bzw. Ruhefrist abgelaufen ist. Wir als Bestatterinnung lehnen die Aufhebung des Friedhofszwanges ab."

Bestattungsarten in Sachsen-Anhalt

In Sachsen-Anhalt sind aktuell vier Arten der Bestattung erlaubt.

  • Erdbestattung: Bei der Erdbestattung wird der Verstorbene in einem Sarg beerdigt, der anschließend in die Erde gelassen wird. Beim Kauf eines Grabes erwirbt man das Nutzungsrecht für einen bestimmten Zeitraum.
  • Feuerbestattung: Bei der Feuerbestattung wird der Sarg mit dem Verstorbenen nach der Trauerfeier eingeäschert. Dafür muss eine schriftliche Willenserklärung des Verstorbenen oder des nächsten Angehörigen vorgelegt werden. Die Urne mit den Ascheresten muss in einer Grabstelle beigesetzt werden.
  • Seebestattung: Vor einer Seebestattung muss der Leichnam eingeäschert werden. Die Asche wird in eine für Seebestattungen zugelassene Urne eingearbeitet, die aus Materialien besteht, die sich später im Meerwasser auflösen. Die Beisetzung erfolgt in der Nord- oder Ostsee.
  • Naturbestattung: Die Voraussetzung für eine Naturbestattung ist die Einäscherung. Die Urne wird in einem abgegrenzten naturbelassenen Waldgebiet beigesetzt.

Forderung nach zweiter Leichenschau

Bei der Einäscherung einer verstorbenen Person ist eine zweite Leichenschau, also die zweite Begutachtung einer Leiche durch Rechtsmediziner oder Pathologen, bereits verpflichtend. Die Grünen und die Linke fordern diese Pflicht nun auch für Erdbestattungen. Ziel sei es, dass möglichst kein Tötungsdelikt unentdeckt bleibt, erklärt die Fraktionschefin der Linken, Eva von Angern.

Bestatter Ruland befürchtet, dass durch den ohnehin schon bestehenden Ärztemangel Angehörige Stunden auf die Ausstellung des Totenscheins warten müssten, bevor ein Rechtsmediziner vor Ort wäre. Der Bestatter erachtet die zweite Leichenschau bei Einäscherung als ausreichend.

MDR (Nicole Franz), dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 04. Januar 2022 | 10:00 Uhr

7 Kommentare

Atheist vor 2 Wochen

Unglaublich,
Nachdem ich für meine Eltern Biosarg und Biourne kaufen musste und ich eine Baumbestattung auf den Friedhof auf Kostengründen vornehmen musste damit nach 3 Wochen die Biourne samt meine Eltern sich Biologisch aufgelöst haben…
Bekommen jetzt die Neubürger ein Tuch und Erdbestattung in eine spezielle Richtung und das auch noch auf Ewigkeit.
Die Grünen tun alles damit sich ihre Wähler so richtig heimisch fühlen können.

wer auch immer vor 2 Wochen

Das wäre mal eine gute Entscheidung, aber so richtig glaube ich da nicht dran.

Es gibt viele sinnlose Dinge die einige Branchen stützen.
Bsp.: biometrisches Passfoto
Kosten beim Fotografen für 4 Stück ca. 22 €.
Da wird nur ein Foto benötigt ( 3 Stück für die Tonne ) und das eine Foto wird eingescannt und man bekommt es zurück ( auch für die Tonne ).
In zig Jahren kann man diese Fotos nicht wieder verwenden.

Steffen 1978 vor 2 Wochen

Warum fordern die grünen das? Natürlich liegt das an ihrem nicht unerheblich durch migration geschaffenen Wählern
Die Regeln sollten doch bitte Landestypisch bleiben

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