Grundschule Wegfall Halbjahreszeugnisse: So stark werden Lehrer dadurch entlastet

Das Bildungsministerium stellt Grund- und Förderschulen seit diesem Schuljahr frei, ob sie ihren Erst- und Zweitklässlern Halbjahreszeugnisse ausstellen. Sie können durch Lernbilanzen ersetzt werden. Aus Sicht von Berufsverbänden entlastet das Lehrer stark und hat keine Nachteile für die Schülerinnen und Schüler.

Lehrer verteilt Zeugnisse an seine Schüler
In den Grundschulen im Land könnte es künftig Halbjahresbilanzen statt -zeugnisse geben. Bildrechte: imago images / Horst Rudel

Ein Wegfall des Halbjahreszeugnisses für Erst- und Zweitklässler kann sachsen-anhaltischen Lehrerinnen und Lehrern nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sehr viel Zeit ersparen. Wie GEW-Landesvorstand Ingo Doßmann MDR SACHSEN-ANHALT auf Nachfrage vorrechnete, müssten Lehrer pro Zeugnis ungefähr zwei Stunden Arbeit einplanen. Bei 23 Schülern ergebe ein Verzicht auf die Halbjahreszeugnisse mindestens eine Einsparung von 46 Arbeitsstunden, so Doßmann.

Angesichts des Lehrermangels im Land ist diese Zeitersparnis aus Sicht der Lehrer-Berufsverbände notwendig. Auf Betreiben der GEW, des Lehrerhauptpersonalrats und des Grundschulverbands stellt das sachsen-anhaltische Bildungsministerium den Grund- und Förderschulen daher seit diesem Schuljahr frei, statt Halbjahreszeugnisse sogenannte Halbjahresbilanzen für Erst- und Zweitklässler auszustellen.

GEW: Halbjahresbilanzen sind Zeugnissen vom Aufbau her ähnlich

Diese Bilanzen seien mit deutlich weniger zusätzlichem Aufwand verbunden als Zeugnisse, erklärte GEW-Vorstand Doßmann. Denn die Halbjahresbilanzen seien nichts anderes als Protokolle der ohnehin zwischen November und Januar regulär stattfindenden Elterngespräche. Die darauf fußenden Lernbilanzen können entweder in Berichtsform oder per Kreuzchen in einer Tabelle ausgestaltet sein.

"Sie sind vom Aufbau her den Zeugnissen durchaus ähnlich", so Doßmann. "Die Einschätzungen auf Zeugnissen und auf den Halbjahresbilanzen beruhen immer auf Lernbeobachtungen und Tests. Daraus ableitend erfolgt die Einschätzung des Kindes." Neben einer Entlastung der Lehrer habe man trotzdem eine gezielte pädagogisch aussagekräftige Einschätzung für die Eltern sicherstellen wollen. Das sei mit der Halbjahresbilanz gelungen, betonte der GEW-Vorstand.

Grundschulverband: "Zeugnisse stellen doppelte Arbeit dar"

Auch der Grundschulverband Sachsen-Anhalt sieht einen erheblichen Mehrwert darin, in der Interaktion und in Elterngesprächen Lernfortschritte zu besprechen und weitere individuelle Ziele zu benennen. "Dies ist bereits Praxis und verbindlicher pädagogischer Alltag", sagte die Vorstandsvorsitzende Thekla Mayerhofer. "Ballast" und doppelte Arbeit stellten hingegen die Zeugnisse dar, welche überflüssig seien. "Durch die Ablösung derselben durch die Halbjahresbilanzen fallen diese Dopplung und der Mehraufwand endlich weg", so Mayerhofer.

Zu hoffen sei allerdings, dass wirklich ab diesem Schuljahr die Halbjahresbilanzen flächendeckend eingesetzt werden dürften. Die Entscheidung darüber liegt bei den einzelnen Schulen.

Landeselternrat noch skeptisch gegenüber Bilanzen

Auch der Chef des Landeselternrats, Matthias Rose, begrüßt Halbjahresbilanzen hinsichtlich der Vorteile für die Lehrer. "Aus unserer Sicht ist es eine Entlastung, weil Lernentwicklungsgesprächsprotokolle ohnehin angefertigt werden müssen, der Zusatzaufwand für die Zeugnisse entfällt", machte auch er deutlich.

Ob die Bilanzen auch als Zeugnisersatz taugen, sei dagegen heute schwer zu bewerten. Es komme auf die konkrete Ausführung an. Insbesondere für Eltern, die unzureichende Deutschkenntnisse haben, seien die derzeitigen Vorlagen eine hohe Hürde, "hier wäre ein Zeugnis sinnvoll, das mit geringen Deutschkenntnissen einfacher zu erfassen ist", so Rose.

MDR (Moritz Arand, Daniel Salpius)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 08. November 2022 | 22:00 Uhr

14 Kommentare

dossi vor 2 Wochen

Bei der Einschulung haben die Kinder einen Entwicklungsunterschied von 1,5 Jahren! Das Lesen und Schreiben soll zum Halbjahr Klasse 2 abgeschlossen sein. Eine Zensierung in der 1. Klasse wäre für viele Kinder völlig demotivierend und kann auch deren Fleiß nicht würdigen. Das ist der klare Vorteil einer verbalen Einschätzung.

Anni22 vor 2 Wochen

Ein Tipp, wenn es offiziell keine Noten gibt, dann machen Sie sich Inoffizielle. Dann dürfte es auch möglich sein, zu schreiben , xy ist gut in Mathe oder hat Schwächen beim Lesen. Kopfnoten für Fleiß, Betragen, Ordnung sind auch hilfreich ....

K.P vor 2 Wochen

Die Bedeutung eines Zeugnisses liegt doch darin, eine Einschätzung zu den schulischen Kompetenzen Ihrer Kinder zu erhalten und zu erfahren, wo sie Unterstützung benötigen und wie diese gelingen kann. In diesem Sinne ist eine verbale Einschätzung klarer als "stupide" Noten. Eine Zensur sagt lediglich, ob ein Fach "gut beherrscht" wird oder nicht und kann dabei keine nähere Auskunft darüber geben, welche Inhalte gut erfasst und angewendet werden können.
Im Hinblick auf die neuen Entwürfe gibt es konkrete Kriterien, über die Sie als Eltern sehr präzise Rückmeldung bekommen. Es scheint so, als ob einige Leser davon ausgehen, die Kreuze würden durch die Lehrer willkürlich innerhalb von Sekunden in die Tabelle eintragen werden. Dabei bedeutet es sehr viel Vorarbeit und intensiver Lernstandsdiagnostik, um sich genau auf die eine jeweilig zutreffende Einschätzung festzulegen. Schön wäre, wenn davon ausgegangen wird, dass jeder seinen Job bestmöglich ausübt, was Energie und Zeit beansprucht.

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