Interview Welche Folgen die Corona-Pandemie für Obdachlose in Halle hat

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Ausgerechnet die, die ohnehin wenig oder nichts haben, trifft die Corona-Pandemie häufig besonders stark. Heiko Wünsch erlebt das täglich bei seiner Arbeit. Der Leiter der Wärmestube der Stadtmission in Halle erklärt im Interview, worunter arme und wohnungslose Menschen in der Pandemie leiden – und was die Politik künftig ändern muss.

Wärmehaus Halle
Das Wärmehaus der Stadtmission in Halle ist eine Anlaufstelle für wohnungs- und obdachlose Menschen in der Saalestadt. Bildrechte: Heiko Wünsch

Etwa 30 bis 40 Menschen kommen täglich in die Wärmestube der Evangelischen Stadtmission in Halle. Die meisten von ihnen stecken in schwierigen Lebenssituationen, viele haben keine Wohnung oder sind obdachlos. Bei Heiko Wünsch und seinem Team finden sie Unterstützung – auch während der Corona-Pandemie, die viele arme Menschen besonders hart getroffen hat.

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Wünsch, wie können Sie den Menschen helfen, die in die Wärmestube der Stadtmission Halle kommen?

Heiko Wünsch: Zu uns kommen Menschen in prekären Lebenssituationen, vor allem obdachlose, wohnungslose und arme Menschen. Sie können bei uns duschen, barrierefrei zur Toilette gehen, etwas essen und ihre Wäsche waschen. Es stehen Computer mit Internetanschluss zur Verfügung, um erreichbar zu sein für Ämter und potenzielle Arbeitgeber.

Darüber hinaus gibt es hier einen Raum zum Treffen, eine Notkleiderkammer, die Leute können Tageszeitungen lesen, Radio hören und fernsehen. Außerdem gehört eine Sozialberatungsstelle zu unserem Angebot. Mit der helfen wir Menschen, die aus dem System gefallen sind, bei Behördengängen, um eine existenzielle Grundversorgung wiederherzustellen. Wir vermitteln bei Bedarf auch den Kontakt zu anderen Fachberatungsstellen oder Frauenhäusern.

Heiko Wünsch 1 min
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MDR FERNSEHEN Mi 11.08.2021 17:48Uhr 00:56 min

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Welche Folgen hatte die Corona-Pandemie für die Menschen, die zu Ihnen kommen?

Gerade für die Obdachlosen war der Lockdown eine Extremsituation. Fast alle Tageseinrichtungen waren von heute auf morgen zu. Die Mitarbeitenden der Behörden, die dafür zuständig sind, den Menschen ihre Leistungen auszuzahlen, waren plötzlich im Homeoffice. Obdachlose ohne Handy und ohne Internet hatten also überhaupt keine Möglichkeit, Kontakt zu den Ämtern aufzunehmen. Bei uns in der Sozialberatung hat der Ansturm dadurch stark zugenommen.

Auch die Tafel in Halle hatte geschlossen, es gab also keine Lebensmittellieferungen mehr. Wir haben dann von Spenden Lebensmittelgutscheine gekauft, die im Supermarkt eingelöst werden konnten. Dazu kommt: Normalerweise vergibt das Jobcenter Gutscheine für Sprach- und Integrationskurse an ausländische Menschen. Auch das ist während der Pandemie auf der Strecke geblieben. Die Integration leidet also ebenfalls.

Zur Person: Heiko Wünsch Heiko Wünsch ist gelernter Werkzeugmacher. Nach der Wende studierte er Erziehungswissenschaften in Chemnitz. Bevor er die Leitung der Wärmestube in Halle übernahm, arbeitete er unter anderem in England und den Niederlanden.

Wie konnten Sie den Ansturm bewältigen?

Wir hatten das große Glück, dass uns viele Menschen unterstützt haben, die wegen des Lockdowns nicht arbeiten oder studieren konnten. Wir hatten eine unglaubliche Nachfrage nach ehrenamtlicher Tätigkeit. Das hat uns sehr unterstützt in dieser Zeit. Inzwischen sind viele der Helferinnen und Helfer aber an die Uni oder in ihre Jobs zurückgekehrt, sodass das ehrenamtliche Engagement wieder zurückgegangen ist.

Wie hat sich die Pandemie auf die Hilfsangebote im Wärmehaus ausgewirkt?

Wir mussten unsere Einrichtung zu Beginn der Pandemie komplett schließen und haben schnell auf Notbetrieb umgestellt. Hilfe gab es dann direkt an der Tür. Seitdem wir wieder öffnen dürfen, müssen wir auf die Hälfte der Sitzplätze verzichten, damit die Abstandsregeln eingehalten werden können. Wir haben deshalb zunächst Obdach- und Wohnungslose vorrangig bedient. Menschen, die eigentlich eine Wohnung haben, aber trotzdem in prekären Verhältnissen leben, durften erstmal nicht rein. Inzwischen sind wir zu einem rollierenden System übergegangen. Wenn Leute draußen stehen und rein wollen, fragen wir die, die schon länger da sind, ob sie ihre Plätze freimachen.

Ein weiteres Problem war die Netzwerkarbeit. Kurz vor der Pandemie wurde in Halle eine neue Arbeitsgruppe zum Thema Armut und Wohnen geschaffen, in der die wichtigen Protagonisten und Organisationen an einem Tisch saßen. Das hat sehr gut funktioniert, um sich gegenseitig zu unterstützen, ist dann aber plötzlich weggefallen, weil viele Beratungsstellen Personal abgezogen haben. Wir waren vollkommen auf uns gestellt und konnten nicht mehr weitervermitteln zu anderen Hilfestellen – obwohl die Menschen ja trotzdem weiterhin Briefe der Behörden bekommen haben, die sie beantworten sollten.

Nutzen jetzt andere Menschen die Angebote der Stadtmission als vor der Pandemie?

Neu zu uns kommen seit der Pandemie vor allem EU-Bürger, die eigentlich zum Arbeiten nach Deutschland gekommen sind und keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben, weil sie noch keine fünf Jahre in das deutsche Sozialsystem eingezahlt haben. Viele von denen haben in der Gastronomie oder Produktion gearbeitet und durch Corona ihre Jobs verloren. Die hingen von einem auf den anderen Tag total in der Luft und standen teilweise vor der Obdachlosigkeit.

Diese Gruppe von Menschen, um die wir uns kümmern, wurde einfach vergessen. Das ist in meinen Augen ein Skandal.

Heiko Wünsch

Hat die Politik die Belange von armen und obdachlosen Menschen während der Pandemie denn ausreichend berücksichtigt?

Nein. Ich habe mich sehr geärgert, dass niemand auf die Idee gekommen ist, uns irgendwie mit einzubeziehen. Diese Gruppe von Menschen, um die wir uns kümmern, wurde einfach vergessen. Das ist in meinen Augen ein Skandal. Aber Obdach- und Wohnungslose haben keine Lobby. Immerhin: Einige Kommunalpolitiker aus Halle von Linken, SPD, Grünen und Freien Wählern haben Kontakt zu uns aufgenommen. Bei denen haben wir darum geworben, im Stadtrat auch an die Belange der Obdachlosen in der Pandemie zu denken.

Haben Sie konkrete Verbesserungsvorschläge?

Man hätte uns während des Lockdowns zum Beispiel Turnhallen zur Verfügung stellen können, um unter Einhaltung der Abstandsregeln die medizinische Versorgung und eine warme Mahlzeit am Tag sicherzustellen. Die Schulen waren ja ohnehin geschlossen. Außerdem fehlt jemand, der sich für die Belange der Obdachlosen verantwortlich fühlt. In Westdeutschland gibt es traditionell Obdachlosenselbstvertretungen. Diese Art von Selbstbewusstsein haben die Betroffenen hier im Osten nicht.

Was muss passieren, damit sich die Lage von armen und obdachlosen Menschen in Halle künftig verbessert?

Nicht nur in Berlin und Frankfurt werden Menschen mit wenig Einkommen immer mehr an den Rand gedrückt, auch in Halle passiert das. Die Mietpreisentwicklung hier ist Wahnsinn für unsere Verhältnisse. Umso mehr braucht es ein vernünftiges Gesamtkonzept, um das Problem Wohnungslosigkeit anzugehen. Mit welcher Perspektive werden Menschen denn in Obdachlosenunterkünften geparkt? Ich würde mir stattdessen zum Beispiel mehr Wohnangebote mit sozialpädagogischer Unterstützung wünschen. Die Würde des Menschen ist unantastbar, und dazu gehört die Wohnsituation.

Die Fragen stellte Lucas Riemer.

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Über den Autor Lucas Riemer arbeitet seit Juni 2021 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Der gebürtige Wittenberger hat Medien- und Kommunikationswissenschaft in Ilmenau sowie Journalismus in Mainz studiert und anschließend mehrere Jahre als Redakteur in Hamburg gearbeitet, unter anderem für das Magazin GEOlino.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er vor allem über kleine und große Geschichten aus den Regionen des Landes.

MDR/Lucas Riemer

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