Kohleausstieg Mann arbeitet 40 Jahre im Kraftwerk Deuben: Was die Abschaltung für ihn bedeutet

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Früher ein Motor der DDR-Wirtschaft, heute verschrien als Dreckschleuder: In Deuben im Burgenlandkreis geht im Dezember eines der letzten Braunkohlekraftwerke Sachsen-Anhalts vom Netz. Axel Pötzsch ist dort seit mehr als 40 Jahren beschäftigt. Was passiert nach dem Ende des Kraftwerks mit ihm und seinem Heimatort?

Wie gut Axel Pötzsch seinen Arbeitsplatz vom heimischen Garten aus sehen kann, hängt von der Jahreszeit ab. Im Sommer, wenn die Bäume grün sind, ist es nur eine weiße Rauchsäule, die über den Wipfeln hinter dem Gartenzaun schwebt. Erst im Herbst und Winter, wenn die Blätter gefallen und die Äste kahl sind, kommt der riesige Schornstein zum Vorschein, aus dem die Rauchwolken aufsteigen. Er gehört zum Industriekraftwerk Deuben im Burgenlandkreis, dem – gemessen an der Leistung – zweitgrößten Braunkohlekraftwerk Sachsen-Anhalts.

Deutschlands ältestes Braunkohlekraftwerk geht vom Netz

Axel Pötzsch
Axel Pötzsch arbeitet seit 1978 im Industriekraftwerk Deuben. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Axel Pötzsch arbeitet seit 43 Jahren in dem Kraftwerk. Beinahe sein ganzes Leben hat er in Sichtweite der Schornsteine verbracht. In der Straße, in der der 60-Jährige heute mit seiner Frau lebt, ist er auch aufgewachsen. Schon in seiner Kindheit gehörten die Rauchwolken über Deuben zum Bild des Ortes.

Bis heute sind sie so prägend, dass manche Deubener behaupten, an ihrer Form und Richtung das Wetter voraussagen zu können. Doch das Ende des Kraftwerkes ist besiegelt: Am 8. Dezember wird die Rauchwolke über Deuben für immer verschwinden – weil Deutschlands ältestes Braunkohlekraftwerk nach 85 Jahren Betrieb vom Netz geht.

Überraschendes Ende für Mitarbeitende in Deuben

Die Mibrag (Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft), die das Kraftwerk in Deuben betreibt, hatte auf Grundlage des von der Bundesregierung beschlossenen Kohleverstromungsbeendigungsgesetzes (KVBG) an einem Auktionsverfahren für die vorzeitige Stilllegung von Kraftwerkskapazitäten teilgenommen und einen Zuschlag erhalten.

Anfang des Jahres erfuhren Axel Pötzsch und seine Kolleginnen und Kollegen von der bevorstehenden Schließung. "Wir wussten, dass das Kraftwerk irgendwann stillgelegt wird, aber dass es dann so schnell ging, hat uns überrascht", sagt Pötzsch, der gerne noch 45 Dienstjahre erreicht hätte. Nun hat er seine letzte Schicht am 7. Dezember.

Anpassungsgeld und Ruhestand oder neue Jobs

Rund 200 Mitarbeitende sind derzeit noch im Deubener Kraftwerk sowie der angeschlossenen Staub- und Brikettfabrik beschäftigt. Diejenigen von ihnen, die wie Pötzsch bei der Stilllegung zwischen 58 und 63 Jahre alt sind, werden mit sogenanntem Anpassungsgeld abgefunden und können in den Ruhestand wechseln. Für jüngere Mitarbeitende will die Mibrag andere Jobs im Unternehmen finden.

Das Kraftwerk Deuben

Das Industriekraftwerk in Deuben ist seit 1936 in Betrieb und hat eine Nennleistung von 67 Megawatt. Damit es es das zweitleistungsstärkste noch aktive Braunkohlekraftwerk in Sachsen-Anhalt. Der hier produzierte Strom wird vor allem verwendet, um die Maschinen im nahegelegenen Tagebau Profen anzutreiben. Lediglich Überschüsse werden in das öffentliche Stromnetz eingespeist.

Außerdem versorgt das Kraftwerk einige Gemeinden in der Umgebung mit Fernwärme. Nach der Stilllegung des Kraftwerks übernimmt das ebenfalls von der Mibrag betriebene Industriekraftwerk in Wählitz die Versorgung des Tagebaus Profen mit Strom sowie der betreffenden Gemeinden mit Fernwärme.

Kaum jemand spürt den langsamen Niedergang der Braunkohle und den damit verbundenen Strukturwandel stärker als Axel Pötzsch, seine Kolleginnen und Kollegen und die Menschen in Deuben. Mehr als 10.000 Menschen arbeiteten zu DDR-Zeiten im "VEB Braunkohlenwerk Erich Weinert Deuben" sowie den angeschlossenen Industriewerken und Tagebauen, erinnert sich Axel Pötzsch. Braunkohle war der Treibstoff der DDR-Wirtschaft, die Anlagen und Kraftwerke liefen unter Volllast, auf die Natur wurde keine Rücksicht genommen.

Pötzsch zeigt Fotos, auf denen der Hof seines Hauses von einer zentimeterdicken Kohlestaubschicht bedeckt ist: Alltag im Deuben der 1980er Jahre.

Es roch oft nach faulen Eiern. Wenn man Wäsche waschen wollte, war es ein Lotteriespiel, ob der Wind richtig stand. Heute hat man Wetter-Apps für sowas, aber früher gab es das nicht.

Axel Pötzsch

Im September 1986 explodierte ein Kessel im Deubener Kraftwerk, mindestens sechs Menschen kamen ums Leben. Pötzsch hatte Glück, weil die Katastrophe vor seiner Schicht passierte.

Bessere Luft, weniger Arbeitsplätze

Nach der Wende wurden das Kraftwerk sowie die Brikett- und Staubfabrik modernisiert. Das Kraftwerk wurde sicherer, die Luft sauberer – aber auch die Arbeitsplätze weniger und die Straßen in Deuben leerer. Anfang der 2000er Jahre schloss die Schule im Ort, weil es nicht mehr genügend Kinder gab.

Die Natur habe sich inzwischen weitestgehend erholt, hat Axel Pötzsch beobachtet: "Heute gibt es hier Insekten, die kannte ich früher gar nicht." Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Zwischen 2016 und 2019 stieß das Kraftwerk laut der Deutschen Emissionshandelsstelle noch immer mehr als 700.000 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr aus.

2015 musste Kraftwerk wegen Protesten evakuiert werden

Im Jahr 2015 protestierten rund 100 Aktivistinnen und Aktivisten von Greenpeace gegen Kohleverstromung und das Kraftwerk Deuben, das die Umweltschutzorganisation als das "schlechteste Kraftwerk Deutschlands" bezeichnet. Als sie mit einem Ballon als symbolischem Korken den Schornstein blockieren wollten, musste das Kraftwerk teilweise evakuiert werden.

Kraftwerk Deuben historische Aufnahmen
Das Deubener Kraftwerk auf historischen Aufnahmen aus den 1980er Jahren. Die Fotos stammen aus dem Privatarchiv von Axel Pötzsch. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Axel Pötzsch kann sich noch gut an den Tag erinnern. Er war nicht im Dienst, ging aber trotzdem zum Kraftwerk, um mit den Demonstrierenden zu diskutieren. Jeder könne auf der Straße protestieren, aber dass die Aktivistinnen und Aktivisten damals auf dem Kraftwerksgelände Mitarbeitende gefährdet hätten, dafür habe er kein Verständnis, sagt Pötzsch.

Emotionaler Abschied mit Tränen

Dass das Kraftwerk, das seinen Heimatort und ihn persönlich so geprägt hat, in dreieinhalb Monaten Geschichte sein wird, betrachtet Axel Pötzsch "mit einem lachenden und einem weinenden Auge." Er sei zufrieden mit dem finanziellen Ausgleich durch das Anpassungsgeld und freue sich auf den Ruhestand, weil er nach mehr als 40 Jahren im Kraftwerk ohnehin ein paar Wehwehchen habe, sagt Pötzsch. So gehe es den meisten seiner älteren Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls vom Anpassungsgeld profitieren. Der 7. Dezember, sein letzter Arbeitstag, werde für ihn wohl sehr emotional.

Dann werden bestimmt ein paar Tränen fließen.

Axel Pötzsch

Seine persönliche Zukunft ist gesichert, doch darüber hinaus sind für Axel Pötzsch noch viele Fragen offen: Was passiert zum Beispiel mit dem Kraftwerksgelände hinter seinem Garten? Was soll in Zukunft aus seinem Heimatort Deuben werden? Schon jetzt gebe es viel Leerstand, auch seine Kinder seien längst weggezogen, nach Norddeutschland. Und wie könne es sein, dass von den Geldern, die der Bund zur Bewältigung des Strukturwandels bereitstellt, der Naumburger Dom saniert wird, aber in Deuben bislang nichts ankommt?

Bürgermeister von Teuchern setzt auf Bildung

Einer derjenigen, die Antworten auf diese Fragen finden müssen, sitzt rund sechs Kilometer entfernt vom Deubener Kraftwerk im Rathaus von Teuchern. Marcel Schneider ist parteilos und seit 2018 Bürgermeister der Einheitsgemeinde Teuchern, zu der Deuben gehört. Auch er sei Anfang des Jahres von der Nachricht überrascht worden, dass das Kraftwerk in Deuben schon in diesem Dezember stillgelegt werden soll, berichtet Schneider.

Viele Menschen hätten Sorge, dass sich die Mibrag komplett aus der Region zurückziehen werde. Immerhin hat das Unternehmen angekündigt, bis Anfang 2022 400 seiner 1.700 Stellen abzubauen. "Wir haben viele offene Arbeits- und Lehrstellen in der Region, so dass ich nicht glaube, dass jemand lange arbeitslos bleibt", sagt Schneider.

Um die Zukunft der Gemeinde zu sichern, will der Bürgermeister auf Bildung setzen. "Die wesentliche Voraussetzung für die Ansiedlung von Unternehmen ist, dass es genügend Fachkräfte gibt. Deswegen müssen wir in Bildung investieren", sagt Schneider. Dies sei allerdings bisweilen nicht so einfach. Schneider plant etwa, eine neue Grundschule in der Gemeinde zu eröffnen. Die Fördermittel aus dem Topf zur Bewältigung des Strukturwandels dürften jedoch nicht ohne Weiteres für Schulen ausgegeben werden.

Auf dem Weg zum lebenswerten Wohnort?

Als kleine Gemeinde wie Teuchern sei man zudem teilweise schlicht personell überfordert gewesen, die mit bürokratischem Aufwand verbundenen Fördermittelanträge zu stellen und zu bearbeiten. Schneider hat in seinem Rathaus daher extra eine Stelle für diese Aufgaben ausgeschrieben.

Marcel Schneider, Bürgermeister von Teuchern
Marcel Schneider (parteilos) ist der Bürgermeister von Teuchern. Bildrechte: MDR

Teuchern will er in Zukunft zu einem lebenswerten Wohnort gerade auch für junge Familien entwickeln. Tatsächlich ist das Geburtensaldo der gesamten Gemeinde bereits seit einigen Jahren positiv. Schon jetzt profitiere die Gemeinde außerdem vom Neubau der Ortsumgehung Weißenfels und dem Ausbau der Bundesstraße 91.

Auf welchen Ausblick aus seinem Garten sich Axel Pötzsch in Zukunft einstellen muss, kann auch Marcel Schneider noch nicht sagen. "Wir wollen eine sinnvolle Nachnutzung des Kraftwerksgeländes in Deuben, von dem künftig keine Lärm- und Schmutzbelästigung mehr ausgehen soll", meint er. Interessierte Unternehmen gebe es bereits, doch welche das sind, will der Bürgermeister nicht verraten. Nur so viel: Derzeit liefen die Gespräche mit der Mibrag.

Tradition soll bewahrt werden

Axel Pötzsch sagt, er glaube trotz der Beteuerungen aus der Politik nicht daran, dass von den Fördermitteln etwas in Deuben ankommt. "Ich befürchte, wenn die Mibrag weg ist, wird der Ort noch mehr verfallen", sagt er. Wünschen würde er sich, dass leerstehende Ruinen abgerissen werden und wieder mehr junge Menschen nach Deuben ziehen.

Außerdem sollte das Bergbaumuseum des Ortes Fördermittel bekommen, findet Pötzsch. Wichtig sei, das Andenken an die Braunkohletradition Deubens zu bewahren, auch wenn das Kraftwerk längst abgeschaltet ist. Pötzsch überlegt, selbst ehrenamtlich bei dem Museum mitzuarbeiten, wenn er im Ruhestand ist.

Ein Ausstellungsstück, das er dann beisteuern könnte, stellt er gerade fertig: Für die Kollegen aus seiner Schicht hat Pötzsch ein Fotobuch zusammengestellt – voll mit Erinnerungen aus den gemeinsamen Jahrzehnten im Kraftwerk.

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Über den Autor Lucas Riemer arbeitet seit Juni 2021 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Der gebürtige Wittenberger hat Medien- und Kommunikationswissenschaft in Ilmenau sowie Journalismus in Mainz studiert und anschließend mehrere Jahre als Redakteur in Hamburg gearbeitet, unter anderem für das Magazin GEOlino.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er vor allem über kleine und große Geschichten aus den Regionen des Landes.

Mehr zum Thema: Der Kohleausstieg und seine Folgen

MDR/Lucas Riemer

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 29. August 2021 | 19:00 Uhr

10 Kommentare

Eulenspiegel vor 7 Wochen

Hallo wer auch immer
„Was aus unserer Erde weg ist ist weg.“
Und genau aus diesem Grund ist die regenerative Energie ein Schritt in die richtige Richtung. Fossile Energieträger werden verbrannt und sind vernichtet. Aus Asche wird keine Kohle mehr. Die Sonne wird aber weiter scheinen und der Wind wird weiter wehen.

Eulenspiegel vor 7 Wochen

Hallo August
Ich denke wir müssen beides tun.
Wir müssen uns auf den Klimawandel einstellen und wir müssen alles tun um die Ursachen des selbstgemachten Klimawandels abzustellen. Denn sonst wird der Klimawandel zur Klimakatastrophe. Ich denke wir stehen da in der Verantwortung gegenüber der nachfolgenden Generationen. Und diese Verantwortung wiegt schwer.

Eulenspiegel vor 7 Wochen

Hallo Ule
„Ein Windrad beansprucht für sich allein eine Grundfläche von durchschnittlich 2 bis 2,5 Km².“
Sie wollen uns also allen Ernstes erzählen das um ein Windrad sich zwangsläufig eine Fläche von über 2 km² verwüstetes, abgebaggertes und totes Land befinden muss wie bei einem Braunkohletagebau.
Wenn man keine Argumente hat.

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