Neues Gesetz in der Fleischindustrie "Jetzt müssen wir für das Geld doppelt so schnell arbeiten"

Nach den massenhaften Corona-Infektionen im vergangenen Jahr sollte ein neues Gesetz in der Fleischindustrie "gründlich aufräumen". Seit Anfang Januar ist das sogenannte Arbeitsschutzkontrollgesetz in Kraft. Doch für die Beschäftigten hat sich bisher nicht viel geändert, wie diese berichten. Nun streiken sie erstmals seit vielen Jahren wieder.

Ein Mann arbeitet in der Fleischfabrik
Früher seien 200 Stunden im Monat normal gewesen, berichten mehrere Mitarbeiter eines Schlachthofs. Das dürfen sie jetzt nicht mehr. Doch nun würden die Bänder schneller laufen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als wir sie an einem Supermarkt in Weißenfels treffen, steigt sie schnell zu uns ins Auto. Niemand soll sehen, dass sie mit Journalisten spricht. Agata ist Ende 50. Eine kleine Frau, kräftige Hände. Die Polin arbeitet hier seit einigen Jahren im Schlachtbetrieb der Firma Tönnies. Eigentlich heißt Agata anders, doch sie will unerkannt bleiben. Eine Sache hat sich also schon einmal nicht geändert: Wer in der Fleischindustrie über die Arbeitsbedingungen spricht, macht das aus Angst vor Konsequenzen nur anonym.

Die Situation der Beschäftigten in der Fleischbranche war jahrzehntelang prekär. Viele Unternehmen sagen selbst, dass sie in Deutschland kaum noch Mitarbeiter finden. Subunternehmer brachten Menschen an die Fließbänder, ein Großteil von ihnen aus Osteuropa. Diese sogenannten Werkvertragsfirmen verdienten an den Arbeitern – durch massenhaft unbezahlte Überstunden oder überteuerte Mieten für heruntergekommene Wohnungen. Wer sich beschwerte, flog raus. Erst als sich im vergangenen Sommer Hunderte in den Schlachthöfen mit Corona infizierten, wurde die Lage der Arbeiter öffentlich diskutiert.

Nach Corona-Ausbrüchen neue Regelungen eingeführt

Er wolle "in der Fleischindustrie gründlich aufräumen", kündigte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) daraufhin an. Mitte Dezember verabschiedete der Bundestag das "Arbeitsschutzkontrollgesetz", schon zwei Wochen später galten die Änderungen. In Betrieben mit mehr als 50 Mitarbeitern sind seit Anfang dieses Jahres Werkverträge und Leiharbeit verboten, die Mitarbeiter müssen direkt angestellt werden. Auch für die Unterkünfte der Mitarbeiter sind die Unternehmen zuständig. Außerdem sollen mindestens fünf Prozent der Betriebe pro Jahr kontrolliert werden. Knapp vier Monate sind seit dem vergangen. Wird das Gesetz umgesetzt?

Agata zeigt uns ein Schreiben. Die knapp zehn Seiten auf Deutsch habe sie zwar nicht verstanden, aber trotzdem unterschrieben, als der Chef der Subunternehmerfirma sie dazu aufforderte. Seit Anfang des Jahres bekommt sie nun Gehaltsabrechnungen von Tönnies. Immerhin – bei ihrer alten Firma habe es das nicht gegeben, sagt sie.

Tönnies hat nach eigenen Angaben seit September deutschlandweit etwa 6.000 Menschen übernommen, allein in Weißenfels mehr als 1.000. Das heißt, die Hälfte der jetzt etwa 2.200 Mitarbeiter war vorher bei Werkvertragsfirmen beschäftigt. Andere Unternehmen sind weniger transparent. Die Wolf Wurstspezialitäten GmbH mit einem Werk im thüringischen Schmölln antwortet auf Anfrage von MDR exakt lediglich, man setze die Bestimmungen des Gesetzes um. Wie viele der 506 Mitarbeiter neu eingestellt wurden, will man nicht sagen.

Festanstellung: ja. Bessere Bedingungen: nein.

Die Neueinstellungen zu überprüfen ist bisher kaum möglich, die Bundesagentur für Arbeit erhält die Beschäftigungszahlen erst ein halbes Jahr später. Doch Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe (BGN) und Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) haben den gleichen Eindruck: Zum Jahresbeginn seien die meisten Arbeitnehmer der Fremdfirmen zu den Auftraggebern gewechselt. Nur seien die Auswirkungen für die Mitarbeiter durchwachsen.

In Schmölln erzählt eine Frau vor dem Werk der Wolf Wurstspezialitäten, sie habe bisher als Leiharbeitnehmerin gearbeitet. Ihr Stundenlohn: 10,40 Euro. Nun müsse Wolf sie ja selbst einstellen. 10,10 Euro sei das Angebot gewesen. Die Firma Wolf bestreitet die Summe, will die korrekte Zahl aber nicht nennen.

Agata in Weißenfels berichtet, es würde jetzt sehr auf die Arbeitszeit geachtet. 200 Stunden im Monat, was früher normal war, dürfe sie jetzt nicht mehr arbeiten. Allerdings: Die Bänder würden jetzt schneller laufen, damit man in der kürzen Zeit die gleiche Menge Arbeit schaffe wie vorher. Besser sei das nicht. "Der Stundenlohn ist im Vergleich zu dem, was wir beim Subunternehmer bekommen haben, besser", sagt Agata.

Aber das Tempo ist verrückt, die Leute können ihre Hände kaum so schnell bewegen.

Agata Mitarbeiterin im Schlachthof der Firma Tönnies

"Für das Geld, das wir jetzt bekommen, müssen wir doppelt so schnell arbeiten." Andere Mitarbeiter erzählen das Gleiche. Auch ihr Vorarbeiter sei der gleiche wie beim Subunternehmer, sagt Agata. Er sei ja auch übernommen worden.

Tönnies bestreitet das. Schriftlich heißt es vom Unternehmen, man habe wegen Corona die Abstände zwischen Arbeitsplätzen vergrößert: "Daher kann es an einigen Stellen zu geringeren Mitarbeiter-Zahlen am Band kommen. Die Bänder schneller laufen zu lassen wäre daher auch nicht praktikabel, da es nicht zu schaffen wäre. Überstunden sind im gesetzlichen Rahmen durchaus möglich und werden von den Mitarbeitern teils auch gewünscht, um mehr Geld zu verdienen."

Gewerkschaft: Druck auf Mitarbeiter wird erst nach Jahren sinken

Solche Schilderungen kennt Szabolcs Sepsi aus den vergangenen Monaten. Sepsi ist verantwortlich für die Fleischbranche im Gewerkschaftsprojekt "Faire Mobilität", berät Beschäftigte auf ihren Muttersprachen. "Aus unserer Sicht ist dieses Gesetz natürlich erst einmal die Grundlage für echte Verbesserungen. Die Grundlage in dem Sinne, dass die großen Schlachthöfe und Wursthersteller die Verantwortung nicht mehr abgeben können. Das ist durchaus ein großer Schritt."

"Aber klar ist natürlich, dass sich die Unternehmenskultur nicht von heute auf morgen ändern wird", so Sepsi. "Und dass die Vorgesetzten in der Produktion sich nicht von heute auf morgen zu besseren Menschen verwandeln." Es werde Jahre dauern, bis sich etwas am Druck auf die Mitarbeiter oder am Umgang mit ihnen ändere.

Auch das zweite große Thema, die Wohnungen, werde die Gewerkschaften noch einige Jahre begleiten, findet Sepsi. Generell würden die großen Unternehmen die Wohnungen zwar übernehmen und auch renovieren. Tönnies gibt beispielsweise an, deutschlandweit 700 Wohnungen und Häuser gekauft oder gemietet zu haben. In Weißenfels sind es allein vom kommunalen Wohnungsunternehmen 120 Mietverträge, bestätigt die WVW. Nun würde sukzessive renoviert. Doch die Kosten für die Mitarbeiter der Fleischindustrie bleiben.

Das Geschäft mit den Wohnungen

Agata hat einen Mietvertrag von Tönnies erhalten. Kosten für ihren Platz im Zweibettzimmer in Weißenfels: 190 Euro. Vorher habe sie 110 Euro bezahlt, sagt sie. Belegen kann sie das aber nicht, vom Subunternehmer habe sie weder Verträge noch Abrechnungen bekommen. Die Mieterhöhung versteht sie nicht, denn an der Wohnung habe sich nichts geändert. "Wir haben natürlich nach wie vor Wohnungen, die im Grunde im alten Zustand sind, und auch die Mieten sind im Großen und Ganzen gleich hoch geblieben", bestätigt Szabolcs Sepsi. "Es ist nach wie vor Gang und Gebe, dass man 180, 200 Euro pro Person zahlt für ein Bett im Zweibettzimmer, bei sechs Menschen in einer Dreizimmerwohnung. Die Mieten sind nach wie vor üppig für ländliche Verhältnisse. Das ist natürlich auch ein sehr lukratives Geschäft."

Blick auf ein Wohnhaus
Agata bezahlt für ihren Platz im Zweibettzimmer in Weißenfels 190 Euro pro Monat - ein üppiger Preis für den ländlichen Raum, sagt ein Gewerkschafter. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sein Fazit: Das Gesetz allein wird es nicht richten. "Das, was die Branche bislang gemacht hat mit den Subunternehmern, war mitnichten normal. Es sind quasi rechtsfreie Räume entstanden, wo wir keine Betriebsräte hatten, keine Mitbestimmung. Und das Arbeitsschutzkontrollgesetz macht nicht mehr und nicht weniger als diese rechtsfreie Räume abzustellen", so Sepsi. Wie sich Arbeitsbedingungen jetzt ändern, hänge auch von Mitarbeitern und Gewerkschaften ab. In erster Linie müssten die Löhne steigen. Seit 2018 gibt es keinen Branchenmindestlohn mehr, und die Tarifverhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern liegen gerade auf Eis, weil die Arbeitgeber statt den von der NGG geforderten 12,50 Euro nur 10,50 Euro zahlen will. Gerade mobilisiert die Gewerkschaft zu Streiks, in den ersten Schlacht- und Zerlegebetrieben war es schon soweit - zum ersten Mal, seit mehr als zwei Jahrzehnten.

Quelle: MDR exakt

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 21. April 2021 | 20:15 Uhr

8 Kommentare

wer auch immer vor 14 Wochen

Ob Großschlachtbetrieb, Spargelstecher, Erdbeerpflücker usw., der moderne Sklave ist nicht mehr schwarz.
Das Wohl der Lebewesen, ob Mensch oder Tier, wird untergeordnet, unter dem großen Stapel Geld.

part vor 14 Wochen

Am preiswertesten ist es gar kein Fleisch mehr zu essen und keine vierbeinigen Fleischfresser zu halten. Zudem wird dadurch die grüne Lunge unseres Planeten geschont, wo massenhaft Regenwälder für Sojafelder sterben müssen, um die Massenproduktion von Tieren in Europa zu sichern. Die Arbeiter am Band sind die armen Schweine in der letzten Kette der Ausbeutung durch Fleischbarone und Großgrundbesitzer. Aber Fleischfresser sterben früher und bekommen schneller Alterserkrankungen, so rächt sich die Natur nachträglich...

Bernd_wb vor 14 Wochen

Das mit den Preiserhöhungen sehe ich kritisch denn es würde auch die Betriebe treffen die Qualität anbieten. Könnte passieren dass sich manche Qualität nicht mehr leisten könnten. Problem aus meiner Sicht erhöht Deutschland die Standards gehen die Firmen ins Ausland. Aus meiner Sicht müsste die Herkunft des Fleisches noch besser gekennzeichnet werden und Betriebe die Qualität selbst vermarkten wollen brauchen Unterstützung

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