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Knochen im Haar, Zahnlücken und riesige, schielende Augen: So werden im Freizeitpark schwarze Menschen dargestellt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Freizeitpark

Werden in einer Bahn für Kinder rassistische Vorurteile bedient?

von Jana Merkel und Matthias Pöls

Stand: 15. Mai 2021, 05:00 Uhr

Ist eine Eisenbahn für Kinder in einem Freizeitpark in Memleben rassistisch? Neben den Schienen stehen halbnackte, schwarze Menschen, die einen weißen Forscher kochen, um ihn zu verspeisen. Ein empörter Gast sagt: dieses Bild aus Zeiten des Kolonialismus sei "zutiefst beleidigend". Der Betreiber des Parks in Memleben nennt die Darstellung "lustig" und den Rassismus-Vorwurf lächerlich.

Die Szene mit dem Kochtopf fällt sofort auf: Eine Figur eines dunkelhäutigen Afrikaners, hat Knochen im Haar, Zahnlücken und riesige, schielende Augen. Es ist eine von mehreren Figuren der so genannten "Kongo-Bongo-Gebimmelbahn" im Erlebnistierpark in Memleben in Sachsen-Anhalt. Für einige der Besucher ist diese Darstellung von schwarzen Menschen aus Afrika blanker Rassismus.

Im vergangenen Sommer – als die Vergnügungsparks noch nicht wegen Corona geschlossen hatten – hat Volker Weyel an MDR exakt geschrieben. Er hatte den Freizeitpark mit seiner Familie besucht. "Es war insbesondere unsere Tochter, die das zuerst entdeckt hatte und hellauf entsetzt war", berichtete er damals. Seine Frau stammt aus Uganda. "Das ist zutiefst beleidigend und abwertend, weil hier Menschen nicht als Menschen, sondern als Menschenfresser wahrgenommen werden."

Es sei eine ganz üble Präsentation von rassistischen Vorurteilen, sagt Volker Weyel. Er hat deshalb an den Geschäftsführer des Parks geschrieben und diesen gebeten, die Figuren zu entfernen. Eine Antwort vom Park hat er nicht erhalten.

Klassisches Ausflugsziel für Kinder

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Kannibalen-Bahn: Alltagsrassismus im Freizeitpark

Mitte September war MDR exakt in Memleben – einem kleinen Ort in der Gemeinde Kaiserpfalz im Süden von Sachsen-Anhalt. Die Afrika-Bahn steht direkt hinter dem Eingang. Laut Werbung kann damit eine "Reise durch das Land der Kannibalen" unternommen werden. Im Rest des Freizeitparks gibt es viele Tiere, vom Tiger bis zum Minischwein, dazu Spielplätze und Karussells. Es ist ein klassisches Ausflugsziel für Familien.

Doch offenbar stören sich die meisten Besucher nicht an den überzeichneten Figuren der Afrika-Bahn. "Genau dieses Nicht-Auffallen ist das Problem mit Alltagsrassismus", erklärt Soziologin Katharina Warda. Einer ihrer wissenschaftlichen Schwerpunkte ist das Thema Rassismus. MDR exakt hat ihr Bilder aus Memleben geschickt. Sie erkennt darin rassistische Vorstellungen, die noch aus der Kolonialzeit im 19. Jahrhundert stammen.

Warda: Rassistische Vorstellungen aus der Kolonialzeit

Weil wir solche Bilder schon seit über 100 Jahren kennen, merken wir oft gar nicht, dass sie rassistisch aufgeladen sind.

Katharina Warda | Soziologin

"Rassismus – ursprünglich im Kolonialismus –  funktioniert auf die Weise, dass wir uns als weiße, überlegene, zivilisierte Kultur darstellen", erklärt Katharina Warda. So wie es auch in der Darstellung der besagten Afrika-Bahn in Memleben geschehe. "Der schwarze Mann wird als unzivilisiert, tierhaft, unmenschlich dargestellt." Auch das Thema Kannibalismus werde im Rahmen dieser rassistisch und kolonial geprägten Afrika-Bilder immer wieder mit dem Kontinent und seinen Bewohnern verknüpft. Das Ganze habe allerdings nichts mit Afrika zu tun, sondern "man bedient sich hier an ganz alten, festen Rassismen."

Katharina Warda empfindet diese Art der Darstellung auch ganz persönlich – sie ist selbst eine Person of Colour – als verletzend. "Doch vor allem ist es ermüdend", sagt die Soziologin, die in Wernigerode geboren wurde. Nach dem Motto: "Puh, immer noch? Warum stört sich keiner daran?", fragt sie.

Betreiber: Debatte über Rassismus im Alltag ermüdend

An den Figuren entlang der Bahn werde er nichts verändern, erklärt der Geschäftsführer des Parks in Memleben, Uwe Gehrmann, Anfang Oktober. Erst vor drei Jahren habe er sie hier aufbauen lassen. Den Rassismus-Vorwurf finde er lächerlich, denn das Ganze sei lustig gemeint. "Das ist einfach nur frei erfunden und lustig, dass man es anschauen kann und sagen: ‚Oh, guck mal.‘." 

"Ich selbst sehe das nicht so", erwidert Uwe Gehrmann auf die Vorwürfe. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch genau davon fühlen sich nicht-weiße Menschen herabgewürdigt. Auf die Frage, ob er das nachvollziehen könne, antwortet Uwe Gehrmann: "Es kann sein, dass jemand so reagiert. Aber ich selbst sehe das eben nicht so." Er empfindet die Diskussion über Rassismus im Alltag offenbar als abgehoben. "Hat mal jemand die ganz normalen Menschen in Deutschland gefragt? Die belächeln das doch. Und das ist hier genau das Gleiche."

"Die Diskussion um Rassismus ist doch meistens sehr aufgeladen oder wird nur in bestimmten Kreisen geführt", erklärt Katharina Warda. "Wir alle reagieren in vielen Situation tatsächlich rassistisch, ohne dass wir es wissen und ohne dass wir es wollen." Das Problem fange jedoch an, wenn man darauf hingewiesen wird und diese Hinweise dann ignoriere oder rassistische Aussagen als Bagatelle abtue. "Diese Ignoranz ist meiner Meinung nach ein Riesenproblem und Motor dafür, dass Rassismus sich so weiter stark erhalten kann in unserer Gesellschaft." Rassismus beginne nicht erst bei Übergriffen auf Menschen nicht-weißer Hautfarbe, sondern bereits bei so alltäglichen Dingen wie einem Fahrgeschäft in einem Freizeitpark.

Debatte um Zoo Leipzig und Umgang mit Geschichte

Seitdem der Mord an George Floyd in Minnesota (USA) weltweit für Aufsehen sorgte und die Black-Lives-Matter-Bewegung erneut auf die Straßen brachte, wird an vielen Orten über Rassismus diskutiert. Seit ein paar Wochen muss sich auch der Zoo Leipzig mit der Frage auseinandersetzen, ob er angemessen mit seiner kolonialen Vergangenheit umgeht. Dort hat es in der Zeit des Kolonialismus sogenannte "Menschenschauen" mit Gefangenen aus Afrika gegeben.

Das Ganze ist Teil einer größeren Debatte in der Messestadt in Sachsen, die knapp 100 Kilometer von Memleben entfernt ist. Oberbürgermeister Burkhard Jung soll dem Stadtrat in den kommenden Monate Vorschläge unterbreiten, wie Leipziger Kolonialgeschichte historisch erforscht wird und in einem Konzept zur Erinnerungskultur kritisch verankert werden kann. Dabei geht es allerdings um mehr als nur den Zoo. Eine Debatte, die in Memleben offenbar noch nicht geführt wird.  

Quelle: MDR exakt

MDR exakt

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