Idee aus Weißenfels Architekt will konventionellen Bau mit Häusern aus Stroh revolutionieren

Ein Mann mittleren Alters und mit kurzem Haar schaut in die Kamera
Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

Werner Ehrich hat sich auf gesunde Architektur spezialisiert. Naturmaterialien wie Holz, Lehm und Stroh haben ungeahnte Vorteile für Mensch und Umwelt. Allen voran Stroh, das als Abfallprodukt in der Landwirtschaft anfällt, könnte viele Probleme lösen.

Zwei Männer auf einem Dach eines Strohhauses
Werner Ehrich (l.) und ein Student präsentieren stolz ein halb fertiges Strohhaus. Bildrechte: Werner Ehrich

Wenn Werner Ehrich Bundeskanzler wäre, wären die meisten Ziele der aktuellen Bundesregierung schnell erreicht. Klimaneutralität bis 2050? Klar! Die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen reduzieren? Kein Problem! 400.000 Wohnungen pro Jahr bauen? Einfach! Der Architekt aus Weißenfels hat für alle genannten Probleme die Lösung parat: Stroh.

Stroh ist leicht – damit zu bauen ist schwer

Strohhaus-Workshop
Werner Ehrich will mit Stroh viele Probleme lösen. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

Das Erweckungserlebnis hatte er vor 15 Jahren. Durch Zufall erfuhr er, dass in dem Ökodorf Sieben Linden in der Altmark ein Strohhaus gebaut werden sollte. Zuerst war er skeptisch, nahm dann aber doch am Hausbau teil. "Da nimmt man das Stroh und presst es – und dann kann man da eine Wand daraus machen? Ist ja Wahnsinn! Da muss ich irgendetwas mit machen", dachte sich der Diplom-Ingenieur der Architektur.

Weitere Projekte folgten. Doch schnell merkte er, dass die herkömmliche Strohbauweise einige Probleme mit sich bringt. Dabei wird ein Holzständerwerk errichtet, das mit Kleinballen aus Stroh gefüllt wird. Doch Kleinballen werden in der Landwirtschaft kaum mehr hergestellt, nur noch die großen Rollen- und Quaderballen.

Der größte Feind ist Wasser

Außerdem dauert das Füllen des Holzständerwerks mit den Kleinballen recht lange. Außerdem man ist auf gutes Wetter angewiesen. "Wenn ein Regenschauer kommt, ist die ganze Baustelle damit beschäftigt, das Stroh trocken zu halten. Das kostet unglaublich viel Zeit und macht auch wirklich keinen Spaß", erzählt Werner Ehrich MDR SACHSEN-ANHALT. Im schlimmsten Fall schimmelt das Stroh und muss auf den Kompost.

Das Zeitproblem musste also gelöst werden. Als Werner Ehrich an einem Feld voller Quaderballen vorbeifuhr, dachte er: "Das sind große Bausteine! Ist doch eine Schande, dass die verbrannt werden!" Erste Bauversuche mit den Großballen folgten, doch er merkte schnell, dass die Passgenauigkeit nur mit einem festen Holzrahmen erreicht werden kann.

Die Lösung sind Fertigelemente

Strohhaus-Workshop
Bei dem Workshop lernten die Studenten einen ihnen eher unbekannten Baustoff kennen: Stroh. Bildrechte: MDR/Alexander Kühne

So entwickelte er Module, die wetterunabhängig in einer Halle vorgefertigt und dann auf der Baustelle in Windeseile zusammengesetzt werden können. Die Außenseite ist mit Kalk verputzt und damit regenfest. "So schafft man jeden Tag ein Geschoss, danach ist man mit dem Stroh durch und wetterunabhängig", erzählt der gelernte Zimmermann.

Soweit die Theorie, die in der Praxis Ende März getestet werden sollte. Mit angehenden Bauingenieuren und Architekturstudenten baute er in einem Workshop erst die Module und dann eine kleine eingeschossige Baustellenunterkunft. Und obwohl die Studenten keine Handwerker sind, stand der Rohbau schon nach einem Wochenende und das Dach konnte aufgesetzt werden.

Studenten lernen bei dem Workshop viel dazu

Kaum vorstellbar, wie schnell wirkliche Profis damit fertig gewesen wären! Die Studenten sind jedenfalls von dem Strohhaus überzeugt. "Stroh ist ein Werkstoff, der in den Lehrbüchern nicht existiert. Du lernst halt nix über so geile Materialien, die in der Natur schon so vorkommen", erzählt der angehende Bauingenieur Lukas Boller.

Stroh übertrumpft herkömmliche Baustoffe

Dabei sind die Vorteile enorm. "In der Landwirtschaft fallen jedes Jahr mindestens fünf Millionen Tonnen Stroh an. Damit kann man 300.000 Einfamilienhäuser bauen – und das mit einem Abfallstoff, der klimapositiv ist", erzählt Werner Ehrich. Damit wären die von der Bundesregierung angestrebten 400.000 Wohnungen fast erreicht.

Stroh bindet viel Kohlendioxid und dämmt gut

Zwei Männer auf einem Dach eines Strohhaus.
Strohhäuser kommen nicht nur für Wohnbauten infrage. Bildrechte: Werner Ehrich

Während beim konventionellem Bau alleine die Herstellung von Zement für zwei Prozent der Treibhausgase verantwortlich ist, wird bei einem Strohhaus Kohlendioxid (CO²) der Atmosphäre entzogen. "Ein Kubikmeter Stroh bindet 88 Kilogramm CO², das sind etliche Tonnen pro Einfamilienhaus", erzählt Werner Ehrich. Damit wäre ein großer Schritt in Richtung Klimaneutralität getan, denn auch die Dämm-Eigenschaften von Stroh entsprechen fast denen von Styropor. Man wäre also wieder etwas unabhängiger von Erdöl.

Studenten helfen, Strohelemente zu verbessern

Die Einsatzgebiete beschränken sich dabei nicht nur auf den Bau von Einfamilienhäusern. "Öffentlicher Bau, Bürogebäude, Gewerbebau – ist alles machbar, wenn der politische Wille da wäre", erzählt Werner Ehrich. Der Workshop mit den Studenten war ein gelungenes Experiment. Jetzt weiß er, an welchen Ecken und Kanten er seine Elemente noch verbessern muss. Wenn das erledigt ist, möchte Werner Ehrich ein Start-up gründen. Dann sieht man vielleicht bald öfter Stroh statt Beton auf den Baustellen.

MDR (Alexander Kühne, Gero Hirschelmann)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 05. April 2022 | 19:00 Uhr

22 Kommentare

LORENZ vor 40 Wochen

Stroh als Baustoff wird immer mehr in den Fokus rücken, wie der Beitrag beweist. Als in Taucha ansässige Firma, die eben solche Holz-Stroh-Bau-/ Dämmelemente herstellt, können wir sagen, dass die Kostenparität zum Massivbau gegeben ist. Im Dämmbereich rechnen wir aufgrund der besseren Rohstoffverfügbarkeit (Erdgas und Erdöl werden bei der Styroporherstellung verwendet) und Rückbaufähigkeit ebenfalls mit stärkerer Nachfrage. Man wird nicht umhin kommen, auf schnell regenerative Rohstoffe (z.B. Hanf, Stroh) zu setzen - nicht nur im Bau!

Copper vor 40 Wochen

Sicherlich aus einem gewissen Grund. Solange das preislich keinerlei Vorteile sondern nur Nachteile bietet wird es dafür nie einen Markt geben. Außer vielleicht für reiche Öko-Fetischisten die sich damit ein gutes Gewissen kaufen. Ich finde die Idee keineswegs schlecht jedoch bestimmt der Markt nun mal den Erfolg eines Produkts und nicht das Gewissen.

hilflos vor 40 Wochen

Ich finde das toll. So stelle ich mir einen bauworkshop vor für mittelalterliche Lehmbauweise oder Wohnungsbau in Afrika. Allerdings dürfte Stroh zukünftig knapp werden, denn wenn durch den Ukraine Krieg schon Kaffee und Palm Fett knapp wird, muß es bei Stroh erst recht reinknallen. Vielleicht sollte er mal einen Wohnblock testen, um für dem Wiederaufbau bereit zu sein. Einfamilienhäuser in Deutschland sind lt. SPD bauministerin eh out

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