Debatte um Corona-Impfpflicht Warum eine Pflegedienst-Chefin ihre ungeimpften Mitarbeiter verstehen kann

Jana Waldeck leitet seit sieben Jahren einen Pflegedienst in Nebra im Burgenlandkreis. Sie selbst hatte Corona und ist geimpft. Zehn ihrer 30 Mitarbeitenden haben Bedenken und wollen die Impfung nicht – testen sich aber täglich vor Dienstbeginn. Ein Gespräch mit einer ungeimpften Mitarbeiterin und ihrer Chefin, die die Ängste ihrer Angestellten nachvollziehen kann.

Zwei Frauen stehen vor einer Werbetafel eines Pflegedienstes.
Elke Recknagel (links) arbeitet beim Pflegedienst von Jana Waldeck und fürchtet sich vor den Folgen einer Corona-Impfung. Ihre Chefin versteht das. Bildrechte: MDR/Paula Kautz

Frau Waldeck, wie hat Corona den Arbeitsalltag bei Ihrem mobilen Pflegedienst verändert?

Jana Waldeck, Inhaberin "Mobile Helfer mit Liebe, Wärme und Herz": Komplett. Zeitmanagement und die Belastungen – psychisch sowie körperlich – sind für die Mitarbeiter viel, viel höher geworden. Es hat sich eigentlich alles verändert.

Sie hatten sich selbst mit Corona infiziert. Außerdem sind Sie vorerkrankt.

Waldeck: Wo ich mich genau infiziert habe, kann ich nicht sagen. Es war für mich wie eine schlimme Grippe. Ich wusste nicht, dass ich es habe, sondern im Nachhinein hat es ein Antikörpertest nachgewiesen. Es war vielleicht auch besser, dass ich es zu dem Zeitpunkt nicht wusste.

Da sind auch Ängste. Ich bin vorerkrankt – ich hatte schon beidseits eine Lungenembolie und bin dadurch gefährdet gewesen. Und deswegen macht man sich da wahrscheinlich auch noch ein bisschen verrückter als alle anderen. Nachdem es dann überstanden war, war es aber keine Frage, da eine Impfung draufzusetzen.

Aber ich muss sagen, ich habe damals Astrazeneca bekommen. Und eine Woche später kam dann diese Thrombose-Gefährdung heraus – und ich bin Thrombose-gefährdet. Und deswegen kann ich auch jeden Mitarbeiter, jeden anderen Menschen verstehen, der Ängste hat. Und ich verurteile die Menschen deswegen auch nicht, ob das meine Mitarbeiter sind oder ob das andere Menschen im Umfeld sind. Da hat jeder seine Meinung und seine Ängste. Mir geht es jetzt gut.

Warum die Impfempfehlung für Astrazeneca angepasst wurde

Nach der Zulassung des Astrazeneca-Impfstoffes war es in seltenen Fällen zu schweren Thrombose-Nebenwirkungen gekommen – überwiegend bei Frauen unter 55 Jahren. Die Ständige Impfkommission empfiehlt den Impfstoff seit April 2021 daher für Menschen, die älter sind als 60. Jüngere können den Impfstoff aber weiterhin bekommen, wenn sie dies möchten.

Frau Recknagel, Sie arbeiten im Pflegedienst von Frau Waldeck. Sie sind nicht geimpft – warum nicht?

Elke Recknagel, Pflegedienstmitarbeiterin: Ich habe einfach Angst vor Folgen. So einfach muss ich das sagen. Ich weiß nicht, was mit meinem Körper passiert, wenn ich diese Impfung bekomme. Mir ging das alles viel zu schnell. Der Impfstoff war mir zu schnell auf dem Markt. Und jetzt wird alles gut – das glaube ich nicht. Vor Impfungen generell habe ich keine Angst.

Haben Sie Angst, Corona zu bekommen?

Recknagel: Sicherlich. Wir haben mit einigen Patienten zu tun, die das haben. Auch wenn wir uns schützen – Arbeitsschutzkleidung tragen und Maske und Kittel – natürlich hat man immer irgendwo die Angst. Man steht früh auf und denkt: Hoffentlich geht heute wieder alles gut. Gerade jetzt, in so einer Zeit, wo die Zahlen nach oben gehen.

Frau Waldeck, wie gehen Ihre Mitarbeiter und Patienten mit Corona bzw. der Impfung um?

Waldeck: Also Corona ist jeden Tag Thema zwischen uns Mitarbeitern, zwischen Patienten und Mitarbeitern – weil Patienten natürlich auch Ängste haben, wenn Mitarbeiter zum Beispiel nicht geimpft sind. Oder es sind Patienten nicht geimpft. Wir reden sehr, sehr viel darüber.

Für mich war es immer wichtig, dass die Mitarbeiter die Impfung auch für sich selbst machen. Es ist ja nicht nur Schutz für unsere Patienten, sondern auch für sie selbst. Wo wäge ich ab, das haben wir viel besprochen: Habe ich mehr Angst vor Corona oder habe ich mehr Angst vor der Impfung?

Vielleicht sollte man einfach Pflegekräften oder Menschen, die sich jetzt noch nicht entscheiden können, noch ein bisschen Zeit geben und nicht so viel Druck ausüben.

Jana Waldeck, Inhaberin "Mobile Helfer mit Liebe, Wärme und Herz"

Ich muss auch dazu sagen, als es noch keine Impfung gab, hat keiner gesagt: "Ich bleibe zu Hause, weil es Corona gibt." Vielleicht sollte man einfach Pflegekräften oder Menschen, die sich jetzt noch nicht entscheiden können, noch ein bisschen Zeit geben und nicht so viel Druck ausüben. Ich habe auch gemerkt: Umso mehr Druck man ausübt, umso verschlossener werden sie.

Frau Recknagel, empfinden Sie, dass Druck gemacht wird, sich impfen zu lassen?

Recknagel: Also hier arbeitsmäßig nicht, aber von außen: Ja. Ich kann den Fernseher anmachen oder das Radio und es heißt: "Lasst euch impfen, lasst euch impfen, ihr bösen Ungeimpften. Ihr seid daran schuld, wenn hier alles den Bach heruntergeht." So sehe ich das gerade. Das finde ich unmöglich.

Frau Waldeck, wenn nicht alle Mirbeiter geimpft sind: Wie schützen Sie Ihre Patienten und Angestellten vor einer Corona-Infektion?

Waldeck: Wir testen jeden, früh oder vor seiner Schicht. Das ist jetzt bei uns schon Pflicht. Die Tests stehen zur Verfügung, darum habe ich mich gekümmert. Von daher ist die Versorgung der Patienten abgesichert. Ein Test kostet zwischen 4,95 Euro und sieben Euro. Das ist nicht nur betriebswirtschaftlich ein enormer Aufwand.

Haben Sie Angst, dass mit einer Impfpflicht Mitarbeiter von Ihnen kündigen würden?

Waldeck: Ja, und das fände ich sehr schade. Ich habe so ein tolles Team und wir sind über die Zeit so schön zusammengewachsen. Ich konnte mich in der ganzen Corona-Zeit immer auf mein Team verlassen. Immer. Es gab immer eine Lösung, egal, ob jemand Corona hatte oder in Quarantäne war. Und ich fände es schade, wenn es durch eine Impfpflicht bestimmte Abbrüche geben würde.

Recknagel: Ich würde nicht kündigen, weil mir die Arbeit hier so gut gefällt. Und auch das Team und überhaupt alles. Wenn es von staatlicher Seite angeordnet wäre, dann würde ich mich wohl impfen lassen müssen. Gegen meinen Willen.

Die Fragen stellte Paula Kautz.

MDR/Paula Kautz, Luise Kotulla

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 17. November 2021 | 06:50 Uhr

64 Kommentare

Tschingis1 vor 9 Wochen

@Strolchi
Und wenn der zu Pfegende aufgrund einer Vorerkrankung oder anderes nicht geimpft werden kann, hat er demnach Schuld, wenn der Pflegende diesen infiziert?
Toll, Strolchi.

astrodon vor 9 Wochen

@Karl-W: Naja, der Impfstoff ist doch getestet - millionen-, ja sogar miliiardenfach. Worauf denn noch warten ? Wenn es brennt löscht man doch, oder prüft man erst, ob der Wassereimer ein GS-Zeichen hat ?
Die Toten von Bergamo hätte sicher liebend gern die Impfung genommen ...

hansfriederleistner vor 9 Wochen

Was nützt eine Haftung, wenn der Patient einen körperlichen Schaden nimmt? Und wie der Staat hilft sieht man im Ahrtal. Da wurde auch viel versprochen.

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