Queer auf dem Land Gelebte Akzeptanz: Wie Bianca aus Laucha in ihrer Gemeinde einen "Safe Space" fand

Ann-Kathrin Canjé
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Die evangelische Kirchengemeinde im burgenländischen Laucha ist für die 28-Jährige Bianca Zelisinski in ihrer Jugend und auch heute noch ein wichtiger Ort. Hier sang sie nicht nur im Chor und trat den Pfadfinderinnen bei, hier wurde sie als homosexuelle Frau selbstverständlich akzeptiert. Wer und was die Gemeinde für sie so besonders macht, hat sie MDR SACHSEN-ANHALT vor Ort gezeigt.

Eine junge Frau steht unter einer Regenbogenflagge an einer Kirchenmauer.
Das ist die Kirche in Biancas Heimatort Burgscheidungen. Auch hier wird die Pride-Flagge gezeigt, um sich mit der queeren Community zu solidarisieren. Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

Ein malerischer, kleiner Stadtkern im Burgenlandkreis. Gleich neben dem Rathaus liegt die Marienkirche in Laucha. Ganz doppeldeutig hängt hier am Eingang ein Schild, auf dem "offene Kirche" steht. Gemeint sind damit natürlich die Öffnungszeiten, aber diese Kirche und ihre Gemeinde sind auch besonders offen – zum Beispiel für Menschen, die nicht hetereosexuell sind. Für Menschen wie Bianca Zelisinski. Laucha und die Gemeinde sind für sie einer der prägendsten Orte ihrer Jugend.

Eine junge Frau schaut lächelnd in die Kamera.
Bianca Zelisinski vor dem Eingang der "offenen Kirche" in Laucha. Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

Mit ungefähr 13 Jahren entdeckt Bianca als Jugendliche den Kirchenchor und die Pfadfinder und Pfadfinderinnen für sich. Chorauftritte, Passionsspiel, Konfirmation – das alles erlebt sie in der kleinen Gemeinde. Heute zeigt sie auf die hölzerne, antike Empore, auf der sie damals mit ihrem Chor singt, strahlt, wenn sie im Gemeinderaum steht und erzählt, welche Feste dort gefeiert haben. Man spürt, dass sie sich hier zuhause- und wohlfühlt.

Vorbilder in der Gemeinde

Das hat gewiss auch damit zu tun, dass Bianca sich in der Gemeinde damals nicht verstellen muss. Ihr erstes Coming-out hat sie mit 16 Jahren. Ihre Freundin lernt sie in einer Schultheatergruppe kennen, will offen darüber sprechen. Ihr Freundeskreis macht das möglich. Auch als Bianca ihre Freundin mit zum Chor bringt, ist das kein Problem: "Ich habe das nie zum Thema gemacht. Ich musste das nicht sagen, sondern ich habe sie einfach mitgebracht und wir haben Händchen gehalten. Das war einfach kein Ding, weil der Kirchenmusiker hier auch offen schwul lebt."

Doch außerhalb ihres Freundeskreises und der Gemeinde sieht das anders aus. Ihren Eltern erzählt Bianca erst viele Jahre später davon, dass sie Frauen liebt – ihrer Mutter per E-Mail, während sie im Ausland lebt. Davor habe sie sich nicht getraut, erzählt Bianca heute. Auch in der Schule wäre das kein Thema gewesen, erinnert sie sich. Sie habe mitbekommen, in welcher Art Mitschülerinnen und Mitschüler über queere Themen sprechen oder es eben gar nicht thematisieren. Selbst im Unterricht habe etwa das Thema Homosexualität keinen Platz gefunden.

Eine junge Frau sitzt auf den Stufen im Altarraum einer Kirche. 1 min
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MDR FERNSEHEN Fr 06.08.2021 17:59Uhr 00:41 min

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"Also ich habe damals, glaube ich, nicht bewusst darüber nachgedacht. Aber es wird schon ein Grund gehabt haben, warum ich mich in gewissen Situationen eben nicht geoutet habe, weil ich ja schon das Gefühl hatte: Das wird nicht cool. Da habe ich mir schon Sorgen gemacht, wie darauf reagiert wird und mich bewusst dazu entschieden, das nicht öffentlich zu machen." Bianca schätzt, dass ihr dadurch aber auch viele negative Erfahrungen erspart geblieben wären. Und trotzdem: Wenn sie auf ihre Jugend zurück blickt, fällt immer wieder die Gemeinde als prägender Ort.

Was das Wort "queer" bedeutet Früher galt das Wort im Sinne der Übersetzung als "abweichend, abartig oder schräg" und wird seit den 90ern positiv umgedeutet und als Selbstbezeichnung genutzt oder etwa wenn man von nicht-heterosexuellen und nicht-cisgeschlechtlichen Menschen spricht. Wichtig: Nicht alle Menschen aus der Community nutzen diesen Begriff für sich.

Pfarrerin als besondere Vertrauensperson

Eine junge Frau und ihre Mutter schauen lächelnd in die Kamera.
Wiedersehen in Laucha: Biana Zelisinski trifft Pfarrerin Anne Wegner vor dem Pfarrhaus in Laucha. Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

Auch wenn Bianca Zelisinski mittlerweile über Studien-Stationen in Jena und Erfurt in Leipzig gelandet ist, kommt sie noch oft in ihr Dorf Burgscheidungen und in das Pfarr- und Gemeindehaus nach Laucha. Dann trifft sie auch auf Anne Wegner, die Pfarrerin der Gemeinde und eine wichtige Begleiterin, die sie seit Jugend-Chor-Tagen kennt. "Sie ist eine wichtige Ansprechpartnerin für mich zu allen Themen und ja, das ist ein Heimatgefühl für mich, Laucha, die Kirche. Und das sind Leute wie Frau Wegner."

Das ist auch zu spüren an der vertrauen Umgangsart der beiden, die sich beim Besuch des Gemeindesaals ab und an necken. Wenn Anne Wegner die Lobeshymnen auf ihre Gemeinde und ihre Person hört, wird sie ganz verlegen. Im kleinen Gemeindesaal erzählt sie davon, wie sie eine Podcast-Folge mit Biana und ihrem Kumpel Fabian gehört hat und ganz überrascht war, was ihr für sie "normales" Verhalten den jungen Menschen damals bedeutet hätte. Warum ist es ihr so wichtig ist, eine offene Gemeinde zu haben, liegt auch an ihrer Erziehung und dem Aufwachsen im damals sozialistischen Bitterfeld. Es habe sie geprägt, mitzuerleben, was es bedeute, wenn es "nicht normal ist, dass man einfach normal ist". Heute sei für sie eine Selbstverständlichkeit, dass man sich in der Gemeinde bewegen kann, egal, wen man liebe.

Eine ältere Frau schaut lächelnd in die Kamera. 2 min
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"Auch unser Musiker Robert ist hier aufgewachsen und der macht hier eine Arbeit, wo alle sich die Fingerspitzen küssen und froh sind, dass der nicht woanders hingeht. Bei Robert ist völlig klar: Der heiratet nächstes Jahr seinen Mann Ricardo. Das ist offiziell bekannt. Die Gemeinde liebt Robert so sehr, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, dass es ein Problem sein könnte, wenn jemand, der einen Mann ist, Männer liebt oder eine Frau ist, Frauen liebt oder sonstige Varianten, das ist völlig klar."

Erste Trauung von homosexuellen Paar in Laucha durch Anne Wegner

Dass Anne Wegner zu dem steht, was sie sagt, zeigt auch, dass sie schon mehrere gleichgeschlechtliche Paare getraut hat. Auch Biancas guten Freund Fabian, der 2019 mit seinem Freund als erstes homosexuelles Paar in Laucha von Pfarrerin Wegner und Pfarrer Meyknecht getraut wurde. Ein ebenfalls prägender Laucha-Moment für Bianca: Hier war sie Trauzeugin.

Sie erinnert sich, dass auch für das queere Selbstbild ihres Freundes Fabian die Gemeinde in Laucha wegweisend war: "Für ihn war das auch eine eine wichtige Situation, hier gleich mit Robert die erste schwule Person zu treffen. Das war auch eine wichtige Vorbildfunktion. Ich glaube, das hat für ihn eine große Rolle gespielt, dass er hier so akzeptiert wurde und das auch mit Kirche vereinbar war."

Heute selbst als Vorbildfunktion unterwegs

Mittlerweile arbeitet Bianca unter anderem, vielleicht auch aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen, selbst beim Jugendnetzwerk Lambda, das sich für queere Jugendliche in Sachsen-Anhalt und Thüringen engagiert. Auch in ihrer Freizeit betreut sie junge Pfadfinderinnen und Pfadfinder, so, wie sie das früher selbst einmal war. Da geht sie auch offen mit ihrer Homosexualität um, nie aufgesetzt, immer ehrlich.

Wenn Bianca auf ihre eigene Jugend zurückblickt, dann weiß sie, dass nicht alle queeren Geschichten vom Aufwachsen auf dem Land so positiv sind wie ihre. Dafür ist sie dankbar.

Eine junge Frau steht unter einer Regenbogenflagge an einer Kirchenmauer. 1 min
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Es fühlt sich für mich persönlich so an, dass ich einfach super viel Glück hatte, hier zu sein, hier diesen safe space, diese Rollenbilder zu haben.

Bianca Zelisinski

"Auch, wenn ich so andere Geschichten höre denke ich immer: Krass Bianca, du hattest so viel Glück mit Laucha und mit den Leuten um dich rum." Für Bianca steht übrigens eines jetzt schon fest: sollte sie jemals heiraten, dann in Laucha.

Trauen soll sie dann Frau Wegner. Auch, wenn sie dann schon in Rente ist.

MDR/Ann-Kathrin Canjé

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 05. September 2021 | 19:00 Uhr

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