Orte aus den Verkehrsnachrichten Rippach kämpft: Der Verfall darf nicht gewinnen

Es gibt Orte, die sind eigentlich nur im Verkehrsfunk präsent. Rippach mit seiner Anbindung an die A9 und die A38 gehört dazu. Doch wie sieht es wirklich in der ebenso berühmten wie unbekannten Gemeinde aus? Ein Besuch bei Goethe, Napoleon, dem Ortsbürgermeister – und "Weßely's".

Ortseingangsschild Rippach
Rippach ist keine Liebe auf den ersten Blick. Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

"Rippach ist jetzt nicht unbedingt mein schönster Ortsteil." Die Suche nach den kleinen und großen Denk,- Merk- und Sehenswürdigkeiten des Ortsteils der Stadt Lützen im Burgenlandkreis beginnt durchwachsen. Doch Hans-Joachim Fuhrmann relativiert seine Aussage schnell. "Nee, es lohnt sich schon, mal vorbeizukommen und einen Blick zu werfen", sagt der Ortsbürgermeister von der SPD am Telefon: "Wir treffen uns am Weßely's."

Autobahnen in Form eines Kleeblatts

Viadukt Rippachtal
Ein Viadukt überspannt das Rippachtal. Die zugehörige Bahnstrecke wurde schon 1999 stillgelegt. Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

Rippach? Rippach? Rippachtal! Seit der Eröffnung des gleichnamigen Autobahnkreuzes im Oktober 1997 steht der Ort wie kaum ein Zweiter für das Phänomen, durch den Verkehrsfunk berühmt, aber eben nicht wirklich bekannt zu sein. Denn zwar vereinigen und trennen sich hier Autobahn 38 und Autobahn 9 in Form eines Kleeblatts. Doch Anschlüsse gibt es auf dem Gebiet der Gemeinde (Manche mögen sagen: Zum Glück!) nicht, die nächsten Auf- und Abfahrten finden sich in Weißenfels, Bad Dürrenberg und Lützen-Süd.

27 Kilometer nur im Burgenlandkreis: Das ist die Rippach

Schilfrohr steht in einer mit Wasser gefüllten Senke
Schilf gab Rippach seinen Namen. Bildrechte: dpa

Die Rippach entspringt in Kistritz, einem Ortsteil von Krauschwitz im Burgenlandkreis. Auf gut 27 Kilometern Länge durchfließt der kleine Fluss unter anderem Teuchern, Taucha (Hohenmölsen) sowie – Überraschung! – Rippach. Er mündet bei Dehlitz in die Saale und verlässt somit nicht den Burgenlandkreis. Der Name Rippach – früher Ridebach – ist vom althochdeutschen Riot bzw. dem mittelhochdeutschen Riet abgeleitet, was nichts anderes als Schilfrohr bedeutet. Die Rippach ist also ein Schilfrohrbach.

Zwischen Instandsetzungarbeiten und Goethes "Faust"

Stand 2020 donnern täglich 110.000 Pkw und Lkw an Rippach vorbei. Zwar macht es Hans-Joachim Fuhrmann "schon ein bisschen stolz", dass der Name seines Ortes regelmäßig am Ende der Radionachrichten erwähnt wird. Doch damit ist Rippach auch eingeklemmt zwischen den berühmten "Instandsetzungarbeiten" und einem weiteren schweren Unfall. Da nützt es auch nichts, dass Napoleon 1813 im ehemaligen Gasthof "Zum weißen Schwan" übernachtet hat und Goethe im ersten Teil seines "Faust" Rippach in Vers 2.189 erwähnt.

Überall Rippach – wenn man schnell genug bremst

Also auf nach Rippach, einen Ortsteil von Rippach, ins Tal der Rippach, quer über das Kreuz Rippbachtal! Der Gedenkstein für einen französischen Marschall könnte interessieren, eine, nein zwei romanische Kirchen sind besuchsbereit, den "Weißen Schwan" gibt es immer noch – und Hans-Joachim Fuhrmann wartet am "Weßely's".

Ein altes Gasthofgebäude
Historisches Gebäude: Der Gasthof "Weißer Schwan" wurde 1733 erbaut. Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann
Ein kleiner Weg, gesäumt von Mauern und Häusern
Jeder Weg ist ein Weg nach draußen: Rippach ist ein – wohlwollend gesagt – kleiner Ort. Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

Doch vorher gilt es, schnell zu bremsen. Wer das nicht tut, hat das Örtchen schneller wieder verlassen, als man "Rippach" sagen kann. Denn mit "klein" ist Rippach nur unzureichend beschrieben: Es ist winzig. Immerhin bietet die Dorfmitte neben zwei schläfrigen Katzen und einem wild bellenden Hund auch einen Parkplatz. Vor dem Gespräch mit Ortsbürgermeister Fuhrmann am geheimnisvollen "Weßely's" steht ein Rundgang an – vorbei an im Wind wehender Wäsche, hinweg über propper gepflasterte Gehwege, an Dreiseitenhöfen und geduckten Einfamilienhäusern entlang.

Erinnerung an einen französischen Marschall

Gedenkstein Rippach
Am Ortsrand erinnert ein Gedenkstein an den französischen Marschall Bessière, der hier 1813 kurz vor der Schlacht von Großgörschen fiel. Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

Raus aus dem Dorf heißt in Rippach: Ich gehe mal ein paar Schritte. Und schon steht der neugierige Gast vor einer restaurierten Stele, die an Jean-Baptiste Bessières erinnert. Der französische Marschall war einer der Lieblinge von Napoleon. Auf einem Erkundungsritt im Vorfeld der Schlacht bei Großgörschen zerschmetterte ihm eine Kanonenkugel den Brustkorb – während sein Kaiser im "weißen Schwan" residierte.

Im Dorf zu beobachten sind: einiger Leerstand neben fast putzigen Backsteinhäuschen, müde gähnende Hoftore neben säuberlich geschnittenen Rasenflächen. Auffällig viele Bänke säumen die Straßen und neben jeder Bank steht ein Papierkorb. Überhaupt: Die öffentliche Hand scheint sich in Rippach mit einer etwas hilflos anmutenden, aber gerade deswegen auch beeindruckenden Gründlichkeit – die Bänke, die Papierkörbe, der gemähte Rasen – gegen den Verfall zu stemmen.

Ein Treffen am "Weßely's" – wo sonst?

Womit Hans-Joachim Fuhrmann ins Spiel kommt. Der Ortsbürgermeister wartet verabredungsgemäß vor dem "Weßely's". Der Laden – das Geheimnis ist gelüftet – ist nicht schwer zu finden, klammert er sich doch am Ortseingang an die durchführende Bundesstraße 87, die zwischen Weißenfels und Lützen eine Landesstraße ist und die Nummer 188 verpasst bekommen hat.

Ein Laden, davor eine Frau
Grit Weßely ist stolz auf ihren Laden. Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

Hans-Joachim Fuhrmann wird mit Reiner Scharf, seinem Stellvertreter als Ortsbürgermeister, vom Wind fast gegen die Wand gedrückt – direkt vor "Weßely's". Warum man sich gerade hier trifft? Wo sonst? Rippach ist nicht groß genug für zwei Versammlungsorte.

Ortsbürgermeister Fuhrmann ärgert sich

Ein älterer Mann schaut in die Kamera
Hans-Joachim Fuhrmann sieht die Probleme von Rippach – und will sie lösen. Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

Und Fuhrmann legt los. Ja, Wegzug und Tod seien die Probleme, mit denen Rippach zu kämpfen habe. Seine Hand geht nach oben und weist erst nach links, dann nach rechts: Überall stehen Häuser und Gehöfte, die auf neue Nutzer warten. "Ich ärgere mich sehr über diesen Zustand", sagt der 70-Jährige.

Wenn man dem Kommunalpolitiker zuhört, könnte man meinen, Rippach sei in der vergangenen Jahren vorsätzlich ausgehungert worden. Post, Sparkasse, Geldautomat: Alles weg. Die Bahnlinie nach Leipzig: 1999 eingestellt. Immerhin kann man auf dem ehemaligen Gleiskörper mit dem Rad bis zum Kulkwitzer See fahren. Das wiegt die Verluste aber wohl kaum auf.

Ortsbürgermeister Fuhrmann packt zu

Aber sich nur zu ärgern, ist nicht der Ansatz Fuhrmanns. Er will machen – und er macht. Dass Rippach noch lebt, ist auch sein Verdienst. Die bemerkenswerte Sauberkeit des Ortes – die Bänke, die Papierkörbe, der gemähte Rasen – ist ihm zu verdanken.

Auch die technische Infrastruktur – Straßen, Wege, Wasser, Telefon und Internet – ist hier überall auf dem neuesten Stand.

Hans-Joachim Fuhrmann Ortsbürgermeister Rippach

Und fast bruchlos geht das Lamento in einen Lobgesang über. Das ist vielleicht kein Wunder, denn seit 1986 bestimmt Fuhrmann die Geschicke Rippachs, erst als hauptamtlicher Bürgermeister, seit 1992 als Ehrenamtler. Wie kann man da im Jammer verharren?

Mit Grundschule und Kita in die Zukunft

Ein älterer Mann schaut in die Kamera
Reiner Scharf ist stolz auf ein Bauprojekt gleich nebenan. Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

Denn Rippach ist nicht gleich Rippach, gibt es doch noch die Ortsteile Großgöhren, Kleingöhren sowie Pörsten. Und da wächst die Hoffnung: "Immerhin können wir eine Grundschule, eine Kita und einen Hort bieten", so Fuhrmann. Und Scharf ergänzt: "In Großgöhren haben wir ein Neubaugebiet mit 26 Einfamilienhäusern ausgewiesen, hochgezogen und erfolgreich vermarktet."

Es gibt viele Gemeinden in der Region, denen es deutlich schlechter geht.

Reiner Scharf Stellvertretender Ortsbürgermeister Rippach

Fuhrmann und Scharf setzen in der Zukunft auf den Ausbau des Radtourismus. Die Lage der ehemals selbstständigen Gemeinde sei hervorragend. Und vielleicht, nach Corona, kommt auch das Vereinsleben wieder in Gang.

Dann zieht es eventuell auch Städter an den Rand der ihnen bekannten Welt, wie es in Großgöhren schon zu beobachten war. Dort haben sich "einige Leipziger" niedergelassen, um der Pendelei den Vorzug vor der Großstadthektik zu geben. Und wenn dann der seit 15 Jahren währende Kampf um besseren Lärmschutz gewonnen wird ... Fuhrmann seufzt: "Das ist eine lange Geschichte."

Verkehr im Radio: "So bleiben wir im Gespräch"

Und der Verkehrsfunk? Fuhrmann lächelt: "Da haben wir Glück gehabt. Das Autobahnkreuz sollte ja zuerst nach Pörsten benannt werden." Dass nun Rippach immer wieder im Zusammenhang mit Unfällen, Sperrungen und Staus genannt wird, sei zwar "manchmal nicht schön". Aber: "So bleiben wir im Gespräch – und in Erinnerung."

Beim Abschied bereden die beiden Männer noch schnell den Termin der nächsten Ortschaftsratssitzung. Auch das zeigt liebenswert deutlich, wie sich die beiden Rentner jeweils verstehen: als jemand, der Verantwortung übernimmt, auch wenn es aussichtslos scheint, als Rettungsanker, als Fixpunkt für Engagement und Ansprechpartner für Probleme und Problemchen.

"Weßely's": Die ganze Region profitiert

Und damit rein ins "Weßely's". Das kleine Geschäft war von Hans-Joachim Fuhrmann als erster Anlaufpunkt am Morgen für Brötchen und Zeitungen angekündigt worden, Reiner Scharf spricht vorher sogar von einer "Nachrichtenzentrale". Beide sind glücklich darüber, dass der Laden immer noch durchhält: "Die Leute kommen aus Pörsten, Kleingöhren, Großgöhren, Sössen, Stösswitz und sogar Röcken, um hier kleine und große Einkäufe zu erledigen."

Brötchen, Pakete, Wäsche: Alles aus einer Hand

Mathias Weßely grinst: "Ich weiß oft mehr, als ich ich eigentlich wissen will." Zusammen mit seiner Frau Grit betreibt er einen Dorfladen, der nicht nur einziger Treffpunkt ist, sondern auch Ersatz – für eigentlich alles. Hier gibt es Waren des täglichen Bedarfs vom Kasten Bier bis zur Schuhcreme, eine Theke mit täglich frischer Wurst ("Wir haben da einen guten Fleischer in Naumburg."), selbst gebackene Brötchen und Kuchen sowie Obst und Gemüse.

Ein Mann und eine Frau in einem kleinen Laden
Grit und Mathias Wesely sind in Rippach Mädchen und Junge für einfach alles. Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

Doch das ist lange nicht alles. Bockwurst ("Nicht in der Mikrowelle erhitzt, sondern sanft im Wasserbad.") und selbstgemachte Buletten ("Alleine deswegen kommen viele hierher.") gibt es, Post wird entgegengenommen, man kann sich Kopien machen lassen, auch als Annahmestelle für Wäsche fungiert "Weßely's". Kurz: Der Laden kompensiert viele Dienstleistungen, die in den vergangenen Jahren weggebrochen sind.

Kein simpler Tante-Emma-Laden

Insofern geben sich Fuhrmann und Scharf "unfassbar" glücklich, dass Mathias Weßely, Kaufmann in zweiter Generation, trotz vieler Widrigkeiten bisher weitermacht. Denn sein Geschäft ist nicht nur ein simpler Tante-Emma-Laden. Im "Weßely's" verlaufen die kommunikativen, materiellen und auch emotionalen Kraftfelder von Rippach.

Ein Wappen an einem alten Gebäude
Steht leer und verfällt: Früher war der Gasthof Weißer Schwan" das Zentrum von Rippach. Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

Wenn sich die Dorfbewohner früher an der Linde vor dem "Weißen Schwan" trafen, so hat der kleine Laden diese Aufgaben jetzt übernommen. Von Klatsch und Tratsch über den überaus wichtigen Lieferservice ("Wer hier auf dem Land nicht mobil ist, hat es schwer.") bis zu dem besten Landbrot der Gegend: Mathias und Grit Weßely sind für all das zuständig – sie versorgen und integrieren.

Hoffnung auf bessere Zeiten

Leicht ist das nicht. Es kommen nicht unbedingt weniger Kunden, aber sie kaufen weniger ein. "Gerade der Januar war echt schwach", so Mathias Weßely. Insofern hofft er – genau wie Ortsbürgermeister Fuhrmann – auf bessere Zeiten. Noch denkt der 58-Jährige nicht daran zu resignieren. Seine Mission ist es eben nicht nur, für den Unterhalt der Familie zu sorgen: Er hält mit "Weßely's" auch die soziale Gemeinschaft, das Dorf zusammen. Grit, seine Frau, drückt dem auch gleich ihr Siegel auf: "Meine Hand für mein Produkt." Damit meint sie die Wurst genau so wie die Bestimmung, Rippach Halt und einen Anlaufpunkt zu bieten.

Ein Aufkleber mit Schrift
Ein Motto bei "Weßely's", dass exemplarischer nicht sein könnte: Aufzugeben ist keine Option. Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

Fuhrmann und "Weßely's": zwei gute Seelen aus und für Rippach. Das erinnert an Goethe und seinen "Faust": "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, Die eine will sich von der andern trennen." In Rippach ist das anders: Die guten Seelen arbeiten für- und miteinander statt gegeneinander. Das ist eine ebenso fragile wie derzeit alternativlose Konstruktion, die ihre Wirkungsmächtigkeit jeden Tag aufs Neue beweisen muss.

Zwei Kraftquellen, die auch Glück brauchen

Ein Schild mit Schrift
Am "Weißen Schwan" erinnert eine Tafel an das berühmte Faust-Zitat. Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

Wie heißt es in Goethes "Faust"? "Ihr seid wohl spät von Rippach aufgebrochen?" Nein, spät war es nicht. Und es wurde auch nicht mit "Herren Hans noch erst zu Nacht gespeist". Die Gespräche entschädigen aber dafür. Und der Besuch im jetzt vielleicht ein bisschen bekannteren Rippach und seinem malerischen Tal – dessen Kraftquellen Hans-Joachim Fuhrmann und "Weßely's" viel Glück zu wünschen ist. Mut macht das Tandem allemal.

Ortsausgangsschild Rippach
Auf Wiedersehen, Rippach! Ganz bestimmt! Bildrechte: MDR/Gero Hirschelmann

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MDR (Gero Hirschelmann)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 04. Februar 2022 | 06:00 Uhr

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