Eine Betroffene berichtet Stalking: "Man hat keine Lebensqualität mehr"

Man wird verfolgt, mit Anrufen und Nachrichten terrorisiert und traut sich kaum noch vor die Tür: 1.000 bis 1.300 Stalking-Fälle registriert die Polizei in Sachsen-Anhalt pro Jahr. Dass die Täter unbekannt bleiben, ist dabei eher selten der Fall, die Aufklärungsquote ist hoch. Viele Opfer sind dennoch ein Leben lang psychisch belastet. Eine Betroffene aus dem Süden des Landes erzählt, wie schlimm das für sie ist.

Dass es bei Sandra an der Haustür klingelt, ist eine Ausnahme. Normalerweise hat Sandra – die eigentlich anders heißt, aber anonym bleiben möchte – ihre Klingel ausgestellt, um ihre Ruhe zu haben. Denn die Frau aus dem Süden Sachsen-Anhalts fürchtet sich seit fast zehn Jahren vor einem Stalker. An diesem Tag Ende Februar öffnet sie aber die Tür, um ihre Geschichte zu erzählen.

Es ist eine Geschichte, bei der alles eigentlich recht unverfänglich beginnt. 2009 lernt Sandra einen Mann kennen, es ist der Vater eines Freundes von ihrem Sohn. Für kurze Zeit haben die beiden engeren Kontakt, doch schon nach ein paar Tagen kommen Sandra erste Zweifel. Der Mann ist sehr eifersüchtig. Was dann folgt, verändert ihr Leben bis heute radikal: SMS-Terror mit primitiven Beleidigungen, zerstochene Autoreifen, andere Sachbeschädigungen. Auch heute geht die Sachsen-Anhalterin nur ungern vor die Tür – und wenn es möglich ist, dann auch nicht allein. "Mich beeinträchtigt das komplett, weil man kein Leben mehr hat", erzählt sie.

Ich bin nicht mehr so lustig, so kasperig, fröhlich und aufgeschlossen. Oder gern unter Leuten und unterwegs. Ich habe mich da zurückgezogen, weil mir eher die Ruhe gut tut, als mich mit Leuten auseinander setzen zu müssen.

Stalking-Betroffene Sandra

Viele gesundheitliche Probleme

Sandra schildert, dass sie unter Depressionen leidet, an Schlafstörungen, Schweißausbrüchen, Albträumen. Sie nimmt Medikamente, ist seit Jahren krankgeschrieben und kann ihren Job nicht mehr ausüben. Selbst ein Umzug innerhalb ihrer Stadt hat nichts gebracht. Vom Fenster aus kann sie sehen, wenn der Stalker mal wieder in der Nähe ihrer Wohnung unterwegs ist, erzählt sie. Weil sie jetzt in einer höheren Etage wohnt, werden wenigstens die Fensterscheiben nicht mehr mit Steinen eingeworfen.

Die Stalking-Betroffene ist sozial isoliert, zu vielen Menschen ist der Kontakt abgebrochen. Sie fühlt sich nicht ernst genommen. "Im Gegenteil, sie haben es dann noch ins Lächerliche gezogen mit Aussagen wie: 'Wenn es deinen Stalker nicht mehr gibt, dann wird dir was fehlen'."

Vor wenigen Wochen stirbt ihr Hund. Nun ist Sandra noch seltener draußen. "Ich habe auch schon mal angefangen zu malen. Aber da brauche ich viel Ruhe und der Kopf muss frei sein. Ich würde gern Fahrrad fahren jetzt bei dem Wetter. Aber da ist ja dann auch die Frage, wo soll ich hinfahren und wer kommt mit", so Sandra. Denn Menschen zu vertrauen, fällt ihr schwer. Sie habe Angst, dass andere in die Sache reingezogen werden, erzählt sie. Außerdem habe sie keine Lebensqualität mehr und funktioniere nur noch für zwei bis drei Leute.

Auch Auswirkungen auf die Tochter

Zu den engen Vertrauten gehört Sandras Tochter, die den Konflikt mit dem Mann ebenfalls über die Jahre hautnah mitbekommen hat. Als damals alles beginnt, ist die Tochter im Teenager-Alter. Ein Umzug in eine weiter entfernte Stadt, um dem Stalker aus dem Weg zu gehen, kommt für Sandra zu dem Zeitpunkt nicht in Frage – und auch jetzt nicht. "Da wäre ich dann allein", fürchtet sie.

Wenn Sandra den Mann sieht, hält sie dies schriftlich fest. Solche Aufzeichnungen sind wichtig für mögliche Ermittlungen. Das zuständige Amtsgericht teilt MDR SACHSEN-ANHALT auf Anfrage mit, dass es in der Vergangenheit mindestens zwei Strafverfahren gegen den Beschuldigten gegeben hat. Demnach wurde er wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe und zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. 2011 habe es außerdem ein Gewaltschutzverfahren gegeben, bei dem eine einstweilige Anordnung erlassen worden sei. Details nannte das Gericht nicht.

Was ist ein Gewaltschutzverfahren?

Das Gewaltschutzgesetz beinhaltet zivilrechtlichen Schutz vor Gewalttaten und Nachstellungen. Geschädigte müssen dabei einen Antrag bei Gericht stellen. Das Familiengericht kann bei vorsätzlicher und widerrechtlicher Verletzung der Gesundheit und der Freiheit eines Menschen sowie bei Körperverletzung Schutzanordnungen treffen. Das können befristete Kontakt- und Näherungsverbote sein (in der Regel bis zu sechs Monate).

Das Gericht teilt die Anordnungen der Polizei mit. Verstößt der oder die Beschuldigte gegen die erteilten Verbote, ist das eine Straftat.

Die involvierte Staatsanwaltschaft bestätigt ebenfalls, dass es in den letzten Jahren mehrere Verfahren gegen den Mann gegeben hat. Es seien aber auch Verfahren, die auf Anzeigen von Sandra beruhten, eingestellt worden – "entweder weil der geschilderte Sachverhalt keinen Straftatbestand erfüllte, oder weil die Tat aus anderen Gründen nicht nachweisbar war". Den Vorwurf, sie nehme die Hinweise von Sandra nicht ernst, weist die Behörde zurück.

In Schreiben der Staatsanwaltschaft aus den Jahren 2015, 2017, 2018 und 2019, die MDR SACHSEN-ANHALT vorliegen, begründet die Justiz genauer, warum sie Ermittlungen zuletzt eingestellt hat bzw. davon absah, Ermittlungsverfahren einzuleiten. Der Beschuldigte könne grundsätzlich jede öffentliche Straße und jeden öffentlichen Weg nutzen, heißt es da. Da der Mann lediglich an Sandra vorbeifahre oder -gehe und keine Anstalten mache, sie anzusprechen, lege dies den Schluss nahe, dass es sich dabei um zufällige Begegnungen handele. Für eine Nachstellung im Sinne von Paragraph 238 fehlen laut Staatsanwaltschaft tatsächliche Anhaltspunkte.

Stalking ist seit 2007 strafbar

Der Stalking-Paragraph 238 wurde 2007 ins Strafgesetzbuch eingeführt. Seitdem ist Stalking in Deutschland strafbar. Zum März 2017 wurde das Stalking-Gesetz neu geregelt. Seitdem ist Nachstellung bereits dann strafbar, wenn die Behörden feststellen, dass die Taten "objektiv geeignet" sind, das Leben der Opfer nachhaltig zu stören. Vor der Reform musste das Opfer noch nachweisen, dass sein Leben bereits beeinträchtigt war – etwa, indem es wegen der Nachstellungen umziehen oder den Job wechseln musste.

Stalking konnte also nur dann bestraft werden, wenn der Stalker das Leben eines Opfers schon "erfolgreich" beeinträchtigt hatte. Dadurch wurden Stalker nur in Ausnahmefällen verurteilt: Einer fünfstelligen Zahl von Anzeigen stand eine dreistellige Zahl an Verurteilungen gegenüber.

So wird Stalking bestraft

Stalking ist seit 2007 in Deutschland strafbar. Die juristisch genaue Bezeichnung lautet "Nachstellung". Im Strafgesetzbuch heißt es unter §238:

Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer einer anderen Person in einer Weise unbefugt nachstellt, die geeignet ist, deren Lebensgestaltung schwerwiegend zu beeinträchtigen, indem er beharrlich

1. die räumliche Nähe dieser Person aufsucht,

2. unter Verwendung von Telekommunikationsmitteln oder sonstigen Mitteln der Kommunikation oder über Dritte Kontakt zu dieser Person herzustellen versucht,

3. unter missbräuchlicher Verwendung von personenbezogenen Daten dieser Person

a) Bestellungen von Waren oder Dienstleistungen für sie aufgibt oder

b) Dritte veranlasst, Kontakt mit ihr aufzunehmen, oder

4. diese Person mit der Verletzung von Leben, körperlicher Unversehrtheit, Gesundheit oder Freiheit ihrer selbst, eines ihrer Angehörigen oder einer anderen ihr nahestehenden Person bedroht oder

5. eine andere vergleichbare Handlung vornimmt.

Bringt der Täter das Opfer (oder eine nahe stehende Person) in Todesgefahr, oder verursacht er eine schwere Gesundheitsschädigung, droht eine Freiheitsstrafe zwischen drei Monaten und fünf Jahren. Wird ein Todesfall verursacht, beträgt die Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahre.

Die Verschärfung des Gesetzes ist ein Schritt in die richtige Richtung, meint Lissy Herrmann. Sie arbeitet seit 15 Jahren in der Interventionsstelle für häusliche Gewalt und Stalking in Magdeburg und berät Betroffene. Es gebe aber immer noch Schwierigkeiten, wenn es darum gehe, persönliche Beeinträchtigungen durch Stalking nachzuweisen. "Wir haben auch Nachstellungshandlungen, die in keiner Weise gefährdend sind – Liebesbriefe, Blumensendungen – aber auch das ist Nachstellung. Und da ist es nicht für jeden so ersichtlich, dass das Handlungen sind, die schwer beeinträchtigen", erklärt Herrmann.

Ich würde mir im Interesse der Betroffenen wünschen, dass die Strafermittlungsbehörden klare Signale setzen und auch früher versuchen, einzudämmen. Es gibt ja einen großen Strafrahmen. Und auch eine Geldstrafe ist eine Strafe und setzt sicherlich ein besseres Signal als eine Einstellung des Verfahrens.

Lissy Herrmann, Interventionsstelle Magdeburg

Die Zusammenarbeit mit der Polizei schätzt die Mitarbeiterin der Interventionsstelle – und so sieht es auch das Landeskriminalamt – als positiv ein. Man tausche sich regelmäßig aus. Sie würde sich aber wünschen, dass Verfahren schneller laufen, sagt Herrmann mit Blick auf die Justiz. Die Beraterin betont in dem Zusammenhang auch, dass Richter auf das Mitwirken der Betroffenen angewiesen sind – also etwa auf Aussagen vor Gericht. Dies sei für Stalking-Opfer allerdings oft sehr schwierig. Vor allem, wenn das Stalking schon länger laufe.

Hier bekommen Stalking-Betroffene Hilfe


Übersicht der Interventionsstellen häusliche Gewalt und Stalking:

Magdeburg
Telefon: 0391 6106226
Mobil: 0176 25345132
Mail: interventionsstelle@gmx.net

Halle
Telefon: 0345 6867907
Mobil: 0176 10035262
Mail: interventionsstelle-halle@web.de

Stendal
Telefon: 03931 700105
Mobil: 0176 52115290
Mail: miss-mut.stendal@web.de

Dessau
Telefon: 0340 2165100
Mobil: 0177 7844072
Mail: intervention.dessau@spi-ost.de

Die Stalking-Betroffene Sandra hat das Vertrauen in die Behörden in den vergangenen Jahren verloren. "Man entwickelt eine Wut, man könnte heulen. Verfahren eingestellt, eingestellt, eingestellt. Man kommt aus diesem Kreislauf einfach nicht raus." Und sie steht noch vor einem weiteren Problem: Geht es nach der Deutschen Rentenversicherung, soll sie wieder zur Arbeit gehen. In einem Brief lehnt die Versicherung es ab, die Erwerbsminderungs-Rente weiter zu zahlen. Sandra erfülle dafür nicht mehr die medizinischen Voraussetzungen.

Die Sachsen-Anhalterin fühlt sich allerdings nicht in der Lage, einem Job nachzugehen. Sie ist überzeugt, dass es kein Zufall ist, wenn sich ihr Bekannter in der Nähe ihrer Wohnung aufhält. Er schaue gezielt ihre Fenster an. Nachgewiesen wurde ihm ein Gesetzesverstoß zuletzt aber nicht mehr.

Stalking-Opfer sind nicht immer gefährdet

Dass Strafverfolgungsbehörden nicht immer nachvollziehen können, was die Handlungen von Stalkern bei den Betroffenen auslösen, stellen Experten wie Lissy Herrmann von der Interventionsstelle Magdeburg immer wieder fest. Viele Verfahren würden eingestellt.

Im Juni will sich Sandra in einem nächsten Schritt selbst helfen. Dann möchte sie die vergangenen Jahre bei einem Psychologen aufarbeiten.

Über die Autorin Kalina Bunk arbeitet seit 2015 für MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online- und in der Hörfunkredaktion. Sie schreibt für mdrsachsenanhalt.de, verfasst und spricht die Nachrichten im Radio und ist als Reporterin im Land unterwegs. Aufgewachsen ist sie in Bremen. Dort und in Madrid studierte sie Kulturwissenschaft und Germanistik. Danach war sie für mehrere private Radiosender in Bremen und Berlin tätig. An der Arbeit als Redakteurin fasziniert sie, dass jeder Arbeitstag anders aussieht und dass man täglich etwas Neues dazu lernt.

Quelle: dpa, MDR/kb

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 03. März 2019 | 19:00 Uhr

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