Eigenbaukombinat Halle Computer von gestern fürs Lernen von heute

Seit einem Jahr lernen Sachsen-Anhalts Schülerinnen und Schüler vor allem von zu Hause. Doch vielen Familien fehlt noch immer die nötige Technik – trotz der Förderprogramme vom Land. Einer Initiative aus Halle dauert das zu lange. Sie macht ehrenamtlich alte Computer wieder fit.

Ein Mann mit einem roten Mundschutz trägt einen  alten Computer.
Daniel Havlik und seine Mitstreiter reparieren in Halle alte Computer, um sie Schülerinen und Schülern zur Verfügung zu stellen. Bildrechte: MDR/ Daniel Tautz

Der Transporter vom Eigenbaukombinat ist ordentlich gefüllt: Auf der Ladefläche reiht sich Computer an Computer – 25 Stück, klobig-schwarz und ordentlich verstaubt. Eine Firma aus Halle hat sie schon vor ein paar Jahren ausrangiert. Am Eselsbrunnen sollen sie jetzt in ihren zweiten Lebensabschnitt starten.

Daniel Havlik springt auf die Ladefläche und klemmt sich einen PC unter den linken, einen unter den rechten Arm. Mit schnellen Schritten wuchtet er die Technik ins Künstlerhaus "Goldener Pflug", die Stufen hinauf in die Werkstatt des Vereins. Rechterhand stapeln sich alte Computermonitore, linkerhand türmt Havlik die eingetroffenen Rechner aufeinander.

Er schnappt sich eine der Kisten und steckt den Netzstecker ein. Erst ein seichtes Surren, dann ein kräftiges Dröhnen. "Der muss ordentlich kühlen", stellt der Software-Entwickler fest. "Sowas ist halt leider eher nicht geeignet fürs Wohnzimmer."

Vielen Familien fehlt die Technik

Doch genau da sollen die Computer später hin: zu Schülerinnen und Schülern, die fürs Lernen zu Hause kaum Technik besitzen. Das Eigenbaukombinat in Halle hat sich dafür der Initiative "Hey Alter!" angeschlossen – ein Netzwerk, das es mittlerweile in mehr als 20 deutschen Städten gibt.

Gemeinsam mit neun anderen Ehrenamtlichen bastelt Daniel Havlik jetzt in Halle an alten PCs rum. Schraubt sie auf, löscht die Festplatten, stattet sie mit Webcams, WLAN-Sticks und den nötigen Programmen aus.

Auch Achim Schellenberg hilft ihm an diesem Nachmittag. "Von Technik hab ich echt nicht viel Ahnung", sagt der 38-Jährige und lacht auf. Dafür kenne er die Probleme bei den Schülerinnen und Schülern. Achim weiß von Familien, die einen einzigen Laptop hin- und herreichen müssen. Und von denen, die erst gar keinen besitzen. 

Als Erzieher im Schulhort hat er deshalb im Herbst eine kleine Umfrage gestartet. "In meiner Einrichtung waren es circa 80 Prozent, bei denen kein Laptop vorhanden ist. Da ist es mit der Austattung jetzt nicht so, dass man sagen könnte: Die meisten haben schon was."

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Mangelnde Ausstattung trotz großer Fördertöpfe

Ganz so schlecht sieht es laut Sachsen-Anhalts Bildungsministerium nicht aus. Genaue Erhebungen zur technischen Ausstattung gebe es aber nicht. Das Land verweist hingegen auf ein großes Förderprogramm vom vergangenen Sommer: Für insgesamt 15 Millionen Euro haben Sachsen-Anhalts Schulen Laptops und Tablet-Computer kaufen können; genauer gesagt 45.000 Stück. Aber das reicht nur für ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen. Außerdem bemängeln viele Schulen Lieferengpässe und bürokratische Hürden.

Auch Achim Schellenberg vom Eigenbaukombinat wünscht sich mehr Unterstützung für die Schülerinnen und Schüler. "Insgesamt sind die Sachen noch ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Bedarfe sind deutlich höher." Ein weiterer Kritikpunkt: Die geförderte Technik wird von den Schulen nur an die Kinder verliehen. Die Computer vom Eigenbaukombinat sollen die Schülerinnen und Schüler behalten können.

Stilisierte Personen sitzen an Tischen mit PCs oder Tablets. Dazu der Schriftzug: "Was ist digitale Bildung?" 1 min
Bildrechte: MDR/MEDIEN360G

Verein sammelt Spenden

Rechner für Rechner schrauben Daniel Havlik und Achim Schellenberg die Geräte auseinander. Sie schieben die Kabel beiseite und pusten dicke Staubflocken von den Festplatten. Klar, die Geräte seien nicht die neuesten. "Aber mit ein paar Modifikationen und Erweiterungen werden die den Schülerinnen und Schülern echt helfen", sagt Havlik.

Dafür ist der Verein auf Geldspenden angewiesen. Jeden Dienstag nehmen sie außerdem ab 16:30 Uhr am Eselsbrunnen alte Laptops, Computer und Monitore entgegen.

Schulen und Lehrer können Bedarf anmelden

In einer anderen Ecke der Werkstatt türmen sich noch mehr Geräte auf. "Fertig" steht auf dem A4-Zettel, der darüber an der Wand hängt. Fertig zum Ausliefern. Das Eigenbaukombinat will die Rechner aber nicht selbst verteilen. "Das soll dann über die Schulen, Eltern und Lehrer laufen", sagt Schellenberg. "Die kennen die Schüler und wissen, wer gerade den dringendsten Bedarf hat."

Schon in den nächsten Wochen sollen die ersten Rechner zu Hause bei Schülerinnen und Schülern surren – auch wenn manche der Computer älter sind, als die Kinder und Jugendlichen selbst.

Ist das Pandemie-Jahr für Kinder und Jugendliche verlorene Zeit? Darüber diskutieren ein Student, eine Sozialforscherin, ein Mitglied der Kinderkommission des Bundes und Sachsen-Anhalts Bildungsminister in der Sendung "Fakt ist":

Über den Autor Daniel Tautz ist im zauberhaften Halle aufgewachsen – nach der Schule zog es ihn trotzdem erstmal nach Berlin. Im Studium der Medienwissenschaften beschäftigte er sich vor allem mit Fake News, für Zeit Online kümmerte er sich parallel um wahrhaftige Nachrichten.

Wie man Geschichten für alle Medien umsetzt, hat er beim Volontariat an der electronic media school gelernt. Dort ist er für den rbb quer durch die Hauptstadt und Brandenburg getingelt – für zwei Stationen aber auch durchs MDR-Gebiet. Jetzt ist er zurück von der Spree an die Saale und als Reporter in Sachsen-Anhalt unterwegs.

MDR, Oliver Leiste

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 16. März 2021 | 13:45 Uhr

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