Bekämpfung von Antisemitismus Neue Meldestelle will Antisemitismus in Sachsen-Anhalt aufdecken

Bedrohungen, Beleidigungen, Hass: Jüdinnen und Juden in Sachsen-Anhalt erfahren im Alltag Diskriminierung. Eine neue Informationsstelle in Halle will nun die Dunkelziffer antisemitischer Vorfälle in Sachsen-Anhalt erfassen – und sichtbar machen.

Ein Mann steht am Eingang der Neuen Synagoge in Dresden
Jüdinnen und Juden in Sachsen-Anhalt, denen im Alltag Antisemitismus begegnet, können diese Vorfälle nun melden. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

In Sachsen-Anhalt hat die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) am Standort Halle die Arbeit aufgenommen. Schon seit 2019 wurde das Projekt vorbereitet, das vom Land Sachsen-Anhalt finanziell unterstützt wird. Zwei Mitarbeitende beginnen nun, antisemitische Vorfälle aus der Perspektive von Betroffenen zu dokumentieren.

Betroffene sowie Zeuginnen und Zeugen können der RIAS jeden antisemitischen Vorfall über ein Onlineportal selbst melden. Die Meldungen werden dann von den RIAS-Mitarbeitenden ausgewertet. Die Meldenden bleiben dabei nach Angaben der Stelle anonym und können selbst bestimmen, wie der Fall weiter bearbeitet wird.

2020: 87 antisemitische Straftaten in Sachsen-Anhalt

Ziel der Meldestelle RIAS ist es, die Arbeit von Sicherheitsbehörden wie der Polizei zu ergänzen. Unter politisch motivierter Kriminalität erfasst das Innenministerium Sachsen-Anhalt bereits antisemitische Straftaten. Im Jahr 2020 sind demnach 87 antisemitische Straftaten in Sachsen-Anhalt verzeichnet worden. Überwiegend handelte es sich dabei laut Innenministerium um Volksverhetzungen (53 Fälle), Propagandadelikte (15 Fälle) und Sachbeschädigungen (neun Fälle).

Im Vergleich zum Jahr 2019 ist die Zahl der antisemitischen Straftaten in Sachsen-Anhalt gestiegen. 2019 sind 70 Taten registriert worden, 2020 also 17 Fälle mehr.

Meldestelle will antisemitische Vorfälle im Graubereich erfassen

Die neue Meldestelle RIAS in Sachsen-Anhalt will nach bundesweit gleichen Standards nun ergänzend dazu vor allem solche Fälle von Antisemitismus erfassen, die in einem Graubereich unterhalb der Schwelle der Strafbarkeit liegen. Dazu zählen zum Beispiel ironisch formulierte, antisemitische Online-Kommentare. Die RIAS will die Dunkelziffer antisemitischer Vorfälle sichtbar machen, unter anderem durch Jahresberichte.

Antisemitismus: Krankheit der Gesellschaft

Schwere, international beachtete antisemitische Taten wie der Terroranschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober 2019 seien nur die Spitze des Eisbergs, sagt der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Halle, Max Privorozki. Sie entstünden in einem antisemitischen Gesellschaftsklima, das zahlreiche kleine, kaum bekannte, aber dennoch verletzende antisemitische Vorfälle hervorbringe. Privorozki vergleicht Antisemitismus mit einer Krankheit der Gesellschaft. Er erhofft sich von der Arbeit der neuen Meldestelle eine "gute Diagnostik" des Antisemitismus. Dadurch könnten gute Ansatzpunkte gefunden werden, um nicht nur die Symptome des Antisemitismus, sondern auch seine Ursachen zu bekämpfen.

Der Ansprechpartner für jüdisches Leben in Sachsen-Anhalt, Wolfgang Schneiß, fasst die Aufgabe von RIAS so zusammen: "Es geht um Sichtbarkeit von Vorfällen, die im Dunkeln liegen, es geht um Hilfe für die Betroffenen. Es geht auch darum, für Staat und Gesellschaft bessere Möglichkeiten für Bekämpfung und Prävention aufzuzeigen." Träger der neuen Recherche- und Informationsstelle ist die Diakonie Mitteldeutschland.

MDR/Maria Hendrischke

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 29. April 2021 | 19:00 Uhr

23 Kommentare

Eulenspiegel vor 30 Wochen

„Neue Meldestelle will Antisemitismus in Sachsen-Anhalt aufdecken“
Und was lese ich hier für Kommentare?
Also ich habe den Eindruck hier haben einige Leute richtig Angst davor das hier mal der Antisemitismus aufgedeckt wird.
Da wird diese Meldestelle mit dem Bespitzelungssystem der DDR gleich gesetzt. Oder da wird klar gesagt das soll ich mit meinen Steuergelder bezahlen.
Man sieht wie wichtig diese Meldestelle doch ist.

ule vor 30 Wochen

@ Simone

Dabei ist mir unbegreiflich, dass wenn das Leben der Juden in Deutschland so unerträglich (gefährlich) sein soll, warum denn in den vergangenen Jahren, mehrere 10.000 Juden nach Deutschland eingewandert sind. Allein in Berlin dürften es aktuell mehr als 30.000 zugewanderte Juden geben. Nicht wenige von Ihnen ersuchen nach einer deutschen Staatsbürgerschaft.

Zum besseren Verständnis der Gesamtproblematik, wäre es wünschenswert, wenn der MDR über die Entwicklungsabsichten des Judentums in Deutschland berichten würde.
Dabei stehen nicht der Rabbiner und die jüdische Gemeinde im Mittelpunkt, sondern die Zuwanderung allgemein und deren Auswirkungen auf das gesellschaftliche Gefüge und die Kultur.

Solange es unsereins untersagt wird, darüber zu denken und zu sprechen, solange wird es auch Misstrauen geben.
Und wer Misstrauen mit Feindschaft gleichsetzt, der sollte sich selbst mal überprüfen, ob er bereit ist ...

Frieden geht nur mit Handschlag- nicht aber mit Order und Zwang

ossi1231 vor 30 Wochen

Sie meinen also Kritik an George Soros unter Antisemitismus sublimieren zu müssen?
Sind etwa alle Juden George Soros? Sind etwa laae und nur Juden Finanzoligarchen?
Und wenn Sie und oder der MDR ensthaft über die Vorgänge von Halle reden und sich schreibend austauen wollen dann bitte gern!

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