Zahlen gestiegen Antisemitismus im Netz: "Reines Gedenken an Shoah reicht nicht"

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Für die Stadt Halle und das Land Sachsen-Anhalt war der 9. Oktober 2019 eine Zäsur. Gut zwei Jahre nach dem antisemitischen Attentat flammen Antisemitismus und Judenhass wieder auf – überall in Deutschland, besonders in den sozialen Netzwerken. Was können wir dagegen tun? Bei einer Podiumsdiskussion in Halle wurde jetzt nach Antworten gesucht.

Kuppel der Synagoge in Halle.
In Deutschland breitet sich Antisemitismus mehr und mehr aus. Die Zahl der Straftaten steigt, die der Hasskommentare in sozialen Netzwerken ebenfalls. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/Winfried Rothermel

Sie wird bewacht. Auch an diesem Abend. Vor der halleschen Synagoge steht ein Streifenwagen der Polizei. Wie an jedem Tag seit dem 9. Oktober 2019. In der Stadt an der Saale haben sie sich daran längst gewöhnt. Dass die Polizeipräsenz vor der Synagoge nötig ist, offenbart allerdings ein Problem: das von Antisemitismus und Judenhass, in einer Gesellschaft, in der sich beides schon der Geschichte wegen eigentlich verbietet.

Mehrere Menschen stehen bei einer Podiumsdiskussion in der Ulrichskirche in Halle.
In der Ulrichskirche in Halle ist am 25. Oktober über Wege gegen Antisemitismus im Netz diskutiert worden. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Ein paar Hundert Meter Luftlinie weiter steht Carsten Ovens auf der Bühne der Ulrichskirche von Halle und heißt die Gäste willkommen. Die Frauen und Männer im Publikum, unter ihnen Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Sachsen-Anhalt und Abgeordnete des Landtags, sitzen auf weit auseinander stehenden Stühlen. Sie sind hergekommen, um Wege gegen Antisemitismus im Netz zu diskutieren. Ovens stellt sich als Geschäftsführer der Organisation "Elnet" vor – einer Gruppe, die nach eigenen Angaben dafür eintritt, die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel zu fördern.

Antisemitismus im Netz breitet sich aus

Dazu gehört, sich gegen den wieder ausbreitenden Antisemitismus zu engagieren – online wie offline. Denn die Zahlen, die Ovens mitgebracht hat, sprechen eine deutliche Sprache. Eine Studie der EU-Kommission hatte zuletzt gezeigt, dass sich der über soziale Medien verbreitete Antisemitismus in der Corona-Pandemie massiv ausgebreitet hat. Dafür waren zwischen Januar 2020 und März 2021 276 deutschsprachige Kanäle und Accounts beobachtet und ausgewertet worden. Zuletzt hatten auch Zahlen des Bundeskriminalamtes deutlich gemacht, dass die Zahl antisemitischer Straftaten in Deutschland wächst – und mit ihr das Problem.

Sensibilisieren, "dass wir ein Problem haben"

Was also tun? Carsten Ovens sagt, dass es zunächst darum gehen müsse, zu sensibilisieren, "dass wir ein Problem haben." Das zu tun, ist an diesem Abend in Halle Aufgabe des deutsch-israelischen Publizisten Arye Sharuz Shalicar. Er, bekannt für markige Worte, berichtet auf der Bühne nun von täglichen Hassbotschaften, die er auf Facebook, Twitter und Co. bekommt, darunter Bedrohungen. Am Nachmittag hatte Shalicar in einem Workshop in Halle schon Methoden gegen Antisemitismus im Netz diskutiert.

Schriftsteller Arye Sharuz Shalicar
Bildrechte: dpa

Die allermeisten Antisemiten sind in ihrem Leben noch nie einem Juden über den Weg gelaufen.

Arye Sharuz Shalicar deutsch-israelischer Schriftsteller

Nun schlägt Shalicar Töne an, die viele wohl als mindestens unkonventionell bezeichnen würden. Der 44-Jährige, aufgewachsen im Berliner Wedding, erzählt, dass er sich gelegentlich auf das Niveau von Pöblern und Antisemiten begibt – und zurückpöbelt. Daraus seien schon gute Unterhaltungen entstanden, erzählt er. "Nur zu sperren und zu blockieren, hilft nicht", sagt Shalicar. "Wenn wir das tun, kommt am nächsten Morgen der nächste."

Die politische Bildung fehlt

Sarah Einzel von der der Grünen Jugend bringt die fehlende politische Bildung als eine der Ursachen für Hass, Hetze und Antisemitismus im Netz ins Gespräch. Im Burgenlandkreis, wo Einzel aufgewachsen ist, sei das ein echtes Problem. Reiner Haseloff steht einige Meter weiter und nickt. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident hat sich rund um den Jahrestag des antisemitischen Anschlags von Halle zuletzt wieder vorwerfen lassen müssen, zu wenig für die Überlebenden getan zu haben. Die Kritik ist auch an diesem Abend zu hören, aus dem Mund von Igor Matviyets, dem Vorsitzenden der AG für Migration und Vielfalt der Landes-SPD.

Ungeachtet dessen, dass Haseloff und der hallesche Bürgermeister Egbert Geier die Kritik zurückweisen, kann man dem Ministerpräsidenten eines gewiss nicht vorwerfen: Dass er nicht wieder und wieder darum bemüht ist, zu versöhnen, Antisemitismus zu verachten, die Bedeutung kultureller Vielfalt zu betonen. Haseloff tut das auch an diesem Abend. Und er sagt, dass es im ländlichen Raum zu tun gibt. Dass Menschen mitgenommen werden müssen, dass es Orte zum Zusammenkommen geben muss.

Wir können uns ausdenken, was wir wollen: Wenn wir den Tross nicht dahin bekommen, wo wir meinen, dass er sein muss, werden wir keinen Erfolg haben.

Reiner Haseloff Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt

Haseloffs Landesregierung hat als Reaktion auf das Attentat im Oktober 2019 ein Programm aufgesetzt, das sich für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus in Sachsen-Anhalt einsetzen soll. Neulich erst wurde die erste Stunde in jüdischem Religionsunterricht angeboten, ebenfalls in Halle.

Und während Haseloff an diesem Abend die von Experten kritisch diskutierte These vertritt, dass der Staat mehr rechtliche Möglichkeiten benötigt, um gegen Hass, Hetze und Antisemitismus im Netz vorzugehen, bringt Bernd Schlömer einen weiteren Aspekt in die Debatte. Der FDP-Mann ist seit wenigen Wochen neuer Staatssekretär in Sachsen-Anhalt. Zuständigkeit: Digitalisierung. Schlömer setzt auf mehr qualifiziertes Personal. In der Polizei. Und in der Strafverfolgung.

Besser geschulte Beamte im Staatsapparat

Es dürfe nicht sein, dass BKA-Beamte die Codes der rechtsextremistischen Szene nicht erkennen, kritisiert Schlömer – exakt das war im Prozess gegen den inzwischen verurteilten Halle-Attentäter der Fall gewesen. "Wir müssen Beamtinnen und Beamte schulen", sagt Schlömer. "Und wir müssen Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften bilden, die Hass, Hetze und Antisemitismus verfolgen", sagt der groß gewachsene Mann. All diese Forderungen gibt es schon lange, in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen oder Bayern auch entsprechende Staatsanwaltschaften. In Sachsen-Anhalt nicht.

Der Schriftsteller Arye Sharuz Shalicar kommt nun noch einmal auf die fehlende Bildung zu sprechen. Dass es bei den meisten Jugendlichen grassierende Wissenslücken gebe, merke er bei Auftritten in Schulen immer wieder, sagt er und erzählt von einem Beispiel: "Wenn ich in der Schule frage, wer einen Juden kennt", sagt Shalicar, "bleiben die Arme von 99 Prozent der Jugendlichen unten. Wenn ich frage, wer schon einmal Negatives über Juden gehört hat, gehen die Arme dieser 99 Prozent nach oben."

Jugendliche in die KZ-Gedenkstätten schicken

Die Schilderung von Shalicar ist eindringlich. Er sagt: "Das reine Gedenken an die Shoah reicht nicht. Jugendliche müssten KZ-Gedenkstätten besuchen. Schickt sie mit diesem Trauma aber nicht gleich wieder nach Deutschland", sagt er in die Richtung von Ministerpräsident Haseloff und dem halleschen Bürgermeister Geier. "Lasst sie das neue Leben in Israel kennenlernen."

Es sind nun gut anderthalb Stunden vergangen und Carsten Ovens hat wieder das Wort. Der Geschäftsführer von "Elnet" zitiert zum Abschluss noch einen jüdischen Freund. Der habe, sagt Ovens, neulich nur einen einzigen Wunsch geäußert: dass seine Kinder in ein unbewachtes Gebäude gehen können, ohne zigfache Sicherung. Vor der halleschen Synagoge steht auch zu diesem Zeitpunkt ein Streifenwagen.

MDR/Luca Deutschländer

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 26. Oktober 2021 | 05:00 Uhr

50 Kommentare

Jana vor 4 Wochen

@ule
Jetzt machen sie sich aber lächerlich!
Wenn man Dinge vergleicht, dann sollte man auch die Größenordnungen benennen!

Welche Nation hat denn außer Deutschland in Konzentrationslagern Millionen von Juden abgeschlachtet? Das relativiert ihre Aussage, dass es Antisemitismus ja nicht nur in Deutschland gibt doch gewaltig!

Ansonsten ist es wohl eine dreiste Lüge, dass "ein großer Teil dieser [am Holocaust beteiligten] Menschen [.]dafür auch zur Rechenschaft gezogen." wurden."

Bei diesem Verbrechen haben hunderttausende wenn nicht Millionen Deutsche mitgemacht und davon profitiert. Zur Rechenschaft wurde nur ein sehr sehr kleiner Teil davon gezogen. Der Rest lebte unbehelligt weiter und erhielt durchaus Rentenzahlungen für Mordtaten im Dritten Reich.

Warum wohl versucht die deutsche Justiz noch schnell vor deren Ableben einem Dutzend Greisen den Prozess wegen ihrer Beteiligung am Holocaust zu machen? Hier geht es darum erstmalig solche Beteiligungen abzuurteilen.

Jana vor 4 Wochen

Antisemitismus im Netz äußert sich in vielen Formen. Eine typische Erscheinungsform sind die zahlreichen Verschwörungstheorien, bei denen eine dunkle Macht im Hintergrund die Fäden in der Hand hält. Im Nazionalsozialismus hat man wenigstens offen benannt, gegen wen man da Hass geschürt hat. Heutige Neonazis und ihre Unterstützer sind aber leider nicht mehr am Äußeren zu erkennen. Statt Bomberjacke tragen sie gerne mal Tweedsakko.

Diese Leute setzen auf die Dummheit der Menschen die sie beeinflussen. Wer kein Wissen besitzt, dem kann man alles einreden, auch dass der Zweite Weltkrieg angeblich nur ein Fliegenschiss war, obwohl Deutschland die Ermordung etlicher Millionen Menschen zu verantworten hatte.

Jesus Riesenspargel vor 4 Wochen

Eigentlich furchtbar, dass überhaupt argumentiert werden muss über die Daseinsberechtigung von Glaubensrichtungen. Ein offenbar seit Jahrhunderten unausrottbares Grundübel der Menschheit, anders kann man es nicht sagen. Basierend letztendlich immer auf Vorurteilen. Schlimm.

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