An der Überlastungsgrenze Warum immer mehr Tafeln einen Aufnahmestopp verhängen müssen

Abnehmende Spendenbereitschaft, gestiegene Energie- und Lebensmittelkosten, Geflüchtete aus der Ukraine – die Tafeln stehen zunehmend unter Druck. Und zwar so sehr, dass mittlerweile bereits jede zehnte Ausgabestelle in Sachsen-Anhalt keine neuen Bedürftigen mehr aufnehmen kann. Trotz der angespannten Lage versucht die Leiterin der Tafel in Halle den Kunden zu helfen, wo sie kann. Ein Besuch.

Raum mit Regalen und Lebensmitteln.
Zur Tafel in Halle kommen Rentner, Arbeitslose, Menschen mit Migrationshintergrund, Studierende und ukrainische Geflüchtete. Bildrechte: MDR/Annekathrin Queck

Halle-Neustadt, neun Uhr morgens: Es stehen schon viele Menschen vor dem Tor der Tafel in der Tangermünder Straße, als eine Mitarbeiterin beginnt, Nummernzettel zu verteilen. Die ersten dürfen rein. Gleich hinter dem Eingang, auf der linken Seite, ist das Büro. Dort müssen sich alle Tafelkunden ausweisen, denn wer nicht registriert ist, darf das Angebot der Tafel nicht nutzen.

Es kommen viele verschiedene Menschen hierher. Eine Rentnerin erzählt, dass sie seit acht Jahren zur Tafel gehen muss, weil das Geld nicht reicht. Eine andere Frau berichtet, dass sie durch einen Unfall nicht mehr arbeiten kann und deshalb in die Armut abgerutscht ist. Die meisten Tafelkunden sind aber sehr verschlossen und wollen ihre Geschichten lieber nicht teilen.

Eingangsbereich
Nach der Anmeldung geht es für die Tafelkunden erstmal in den Warteraum. Immer zwei bis drei Leute dürfen sich gleichzeitig mit Lebensmitteln eindecken. Bildrechte: MDR/Annekathrin Queck

Jeder feste Tafelkunde darf nur einmal die Woche kommen und zwar nur an dem Tag, der ihm zugeteilt wurde. Früher waren die Abstände größer. Da konnte es schon mal zwei oder drei Wochen dauern, ehe man wieder Lebensmittel bekam.

Jacquelin Gottschalk, die Leiterin der Tafel in Halle, hat das geändert. In ihren Augen ist es nicht nur wichtig, dass ihre Kunden regelmäßig vorbeikommen können, sondern auch, dass sie selbst entscheiden dürfen, welche Lebensmittel sie mitnehmen wollen. Das ist etwas Besonderes, denn mittlerweile geben viele Tafeln ihren Kunden vorgepackte Tüten oder Kisten mit, weil sich die Lebensmittel so leichter aufteilen lassen. Das Problem: Die Tafelkunden bekommen dann im Zweifel Dinge, die sie nicht mögen oder vertragen und schmeißen sie vielleicht weg.

Menschen sollen sich wohl fühlen

Das will Jacquelin Gottschalk unbedingt vermeiden. Ihr liegt das Wohl ihrer Kunden sehr am Herzen.

Unser Motto ist, dass der Tafelkunde nur das bekommt, was wir von der Qualität her selber kaufen würden. Der Tafelkunde soll sich hier wohlfühlen und sich nicht hinten angestellt fühlen.

Jacquelin Gottschalk, Leiterin der Tafel in Halle

Der Gang zur Tafel habe für die meisten ein sehr negatives Image und sei auch mit Scham verbunden. Deshalb ist Jacquelin Gottschalk froh, dass die meisten Kunden positiv überrascht sind, wenn sie das erste Mal zur Tafel kommen. Viele würden staunen, wie ordentlich alles sei und seien froh, selbst aussuchen zu können, was sie mitnehmen.

Weniger Spenden, größerer Andrang

Regale mit Lebensmitteln
Die Tafelkunden bezahlen einen symbolischen Beitrag für die Lebensmittel. Bildrechte: MDR/Annekathrin Queck

Seit Monaten ist die Lage schwierig bei den Tafeln. Die Spendenbereitschaft ist zurückgegangen, hohe Energiepreise und gestiegene Lebensmittelkosten belasten. Hinzu kommt, dass immer mehr Tafeln einer Doppelbelastung ausgesetzt sind, weil neben ihren regulären Kunden auch viele ukrainische Geflüchtete kommen.

Eigentlich wäre das nicht Aufgabe der Tafel, sagt Jacquelin Gottschalk, aber viele Behörden hätten die Ukrainer einfach zu den Ausgabestellen geschickt. Weil sie helfen wollte, hat sie – trotz der angespannten Lage – ein Zelt im Hof aufgestellt und versorgt die Ukrainer einmal pro Woche. Allerdings ist der Andrang so groß, dass es oft nicht für alle reicht. Jacquelin Gottschalk hat die Stadt Halle um Hilfe gebeten, bisher gibt es aber keine Unterstützung.

Tafeln sind selbst in Not

Die Tafel in Halle kann schon seit Monaten keine neuen Bedürftigen aufnehmen und musste einen Aufnahmestopp verhängen. Aktuell betrifft das jede zehnte Ausgabestelle in Sachsen-Anhalt. Weil die große Nachfrage aktuell nicht durch genug Spenden ausgeglichen werden kann, rechnet Jacquelin Gottschalk damit, dass dieser Zustand vielleicht sogar noch bis in den Herbst andauern könnte.

Ein weiteres Problem: Zwei Drittel jeder Kiste, die die Tafel aus den Supermärkten bekommt, müssen weggeschmissen werden, weil man sie einfach niemandem mehr anbieten kann. Auch die Spendenmenge aus den Supermärkten schwankt laut Jacquelin Gottschalk stark und nimmt eher ab.

Ob ehrenamtliche Hilfe, Lebensmittel- oder Geldspenden – viele Tafeln brauchen gerade dringend Hilfe.

Mehr Menschen in Armut

Wegen Inflation und steigender Energiekosten rutschen immer mehr Menschen in die Armut ab. Zur Tafel in Halle kommen neben Rentnern und Arbeitslosen auch Menschen mit Migrationshintergrund, Studierende und ukrainische Geflüchtete – weil sie von dem Geld, was sie bekommen, nicht leben können.

Aktion auf Twitter #ichbinarmutsbetroffen

Unter dem Hashtag #ichbinarmutsbetroffen, erzählen Menschen ihre Geschichten. Es geht darum, sichtbar zu machen, wie viele Menschen in Deutschland von Armut betroffen sind. So schreibt eine Nutzerin:

Aktion auf Twitter #einesorgeweniger

Der Hashtag #einesorgeweniger vermittelt zwischen Menschen, die Hilfe suchen und Menschen, die unterstützen wollen. Eine Nutzerin sucht zum Beispiel nach einem neuen Stabmixer:

Der Landesverband der Tafeln Sachsen-Anhalt fordert deshalb auch politische Schritte. Laut dem Vorsitzenden Andreas Steppuhn sollte man die Sozialsätze unbedingt erhöhen. In seinen Augen wird Armut ein immer größeres Problem, wenn die Politik nicht bald reagiert.

Ein Lichtblick ist laut Steppuhn, dass es in diesem Jahr erstmals finanzielle Unterstützung von der Landesregierung geben soll. Trotzdem wären die Tafeln aber weiterhin auf die Unterstützung aus der Bevölkerung angewiesen.

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MDR (Annekathrin Queck)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 27. Juni 2022 | 15:30 Uhr

13 Kommentare

Burgfalke vor 6 Wochen

Zu dem letzten Satz: das zu beantworten, ist fast schon "Landesverrat".

Verfehlte aktuelle Politik hat das alles noch wissentlich verschärft. Dies wird sich nicht absehbar ändern.

SusiB. vor 6 Wochen

Genau das habe ich auch gedacht. Die ganzen Hartzer und Geflüchteten bekommen doch vom Staat jede Menge Geld für Miete, Möbel, Heizung und Lebensmittel. Das müßte doch wenn man rechnen kann reichen. Die Tafeln sind doch eigentlich für diejenigen da die nichts vom Staat bekommen.

Reuter4774 vor 6 Wochen

Ich vermisse mehr Menschen, die noch denken können und Zusammenhänge erkennen können. Hier lassen sich alle mit Symptomen ablenken und hauen dumpf drauf. Welche Ursachen dahinter stecken, wo unser Steuergeld wirklich hingeht das hinterfragt hier fast Niemand? Liebe peinliche Mitbürger, die Tafeln bekommen KEINERLEI staatliche Mittel! Also bitte nicht auf die Neidschiene rein fallen und bitte mal Hirn einschalten ( wo wird unser Steuergeld denn tatsächlich verpulvert?).!

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