Verein sucht Zeitzeugen Die Hallenser und die Sowjets: Von verunglückten Panzern und Schlupflöchern im Zaun

Mandy Ganske-Zapf
Bildrechte: MDR/André Plaul

Im Sommer vor 30 Jahren haben die sowjetischen Soldaten Halle verlassen. Auch wenn Kontakte zur Besatzungszeit strikt durch die Militärführung untersagt waren, so gab es sie doch: Begegnungen und Besuche jenseits offizieller Festlegungen. Davon blieben Geschichten, Mythen und Erinnerungen. Der Verein Zeitgeschichte(n) in Halle spürt dem nach und trifft Zeitzeugen – um ein Buch daraus machen.

Zwei Frauen an einem Tisch mit Zeitungsartikeln und Reiseführern in der Hand.
Wollen die Besatzungszeit über die konkreten Erlebnisse der Hallenser und Hallenserinnen erforschen: Anne Kupke-Neidhardt (l.) und Simone Trieder. Bildrechte: MDR/Mandy Ganske-Zapf

Die Steinkugeln sehen alle irgendwie gekittet aus. Gut, die einen vielleicht mehr als die anderen. Der Wasserturm Nord, zu dessen Fuße diese Kugeln thronen, ist auch nicht mehr der Jüngste, und er steht mitten in Halle, Straße davor, Straße dahinter. So kann er wohl immer mal zu Schaden gekommen sein. Doch eine Version hörte Anne Kupke-Neidhardt vom Verein Zeitgeschichte(n) in Halle gerade sehr oft. Und diese Version hat mit den sowjetischen Truppen zu tun, die mehr als vier Jahrzehnte in der Saalestadt waren. Genau für solche Geschichten interessiert sie sich nämlich besonders. Gemeinsam mit Autorin Simone Trieder.

Wie sah der Alltag der Sowjets in Halle aus?

Sie suchen Einblick zu gewinnen, was in Halle über die Anwesenheit der Sowjets zu erfahren ist. Vor allem zum Innenleben der früheren Kasernen. Zum harten Alltag, den die einfachen Soldaten der Roten Armee nachweislich hatten – wie sah dieser in Halle aus? Oder zu Begegnungen, die es mit Hallenserinnen und Hallensern gab. Klar ist: Viele solcher Kontakte können es nicht gewesen sein. Denn die früheren Militärstandorte, die seit dem Ende der DDR vollkommen neu belebt wurden, waren jahrzehntelang das Hoheitsgebiet der Sowjetunion. Betreten strikt untersagt. Ende am Kasernentor.

Weihnachtsaktion Kaserne Halle –Soldaten und ein Weihnachtsmann.
Bilder, die der Verein in den eigenen Reihen fand: von einer Weihnachtspaketaktion auf dem Kasernengelände nach dem Mauerfall, als die Militärstützpunkte erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich wurden. Veranstaltet wurde die Aktion vom Neuen Forum. Bildrechte: Archiv Frank Eigenfeld

Die Hallenser und die Sowjets

In Halle gab es zwei Militärstandorte der sowjetischen Streitkräfte – die offiziell seit 1989 nur noch "Westgruppe der Truppen" (WGT) hießen. Ein Standort war die "Garnison Heide", heute unter anderem der Stadtteil Heide-Süd. Der zweite Standort war in Halle-Wörmlitz. Stationiert waren in Halle rund 15.000 Soldaten, darunter waren auch die Angehörigen der höherrangigen Militärs.

Der Abzug der sowjetischen Soldaten aus Halle erfolgte im Juli 1991. Insgesamt zog sich der Truppenabzug für das Gebiet der gesamten DDR über mehrere Jahre hin und gilt als die größte Militäroperation in Friedenszeiten. Offiziell endete der Gesamtabzug aus der DDR am 31. August 1994. Parallel zog sich die WGT auch aus dem Baltikum zurück.

Den Startschuss für ihr Projekt haben Anne Kupke-Neidhardt und Simone Trieder eher zufällig gewählt, doch passt er ziemlich gut: In diesem Sommer ist es genau 30 Jahre her, dass die sowjetischen Soldaten Halle verlassen haben. Dass sie in Richtung Sowjetunion abzogen, die – das konnten die Armeeangehörigen zu diesem Zeitpunkt nicht wissen – nur kurz darauf selbst nicht mehr existieren sollte.

Damals, sagt Anne Kupke-Neidhardt, seien viele Menschen in Halle froh gewesen, dass die Soldaten endlich weg sind. Doch heute stellt sie fest: Geblieben waren sie dann doch irgendwie, in Erinnerungen, Geschichten, Gerüchten und in über Jahrzehnte weitergetragenen Mythen.

Schule, Kaserne, Wasserturm Streifzug durch Halle auf den Spuren der Sowjets

Ein Wasserturm, aufgenommen in voller Größe. Es handelt sich um den Wasserturm Nord in Halle
Der Wasserturm Nord, um den sich viele Gerüchte ranken. Bildrechte: Mandy Ganske-Zapf
Ein Wasserturm, aufgenommen in voller Größe. Es handelt sich um den Wasserturm Nord in Halle
Der Wasserturm Nord, um den sich viele Gerüchte ranken. Bildrechte: Mandy Ganske-Zapf
Zwei Frauen an einem Tisch mit Zeitungsartikeln und Reiseführern in der Hand.
Anne Kupke-Neidhardt (l.) und Autorin Simone Trieder haben mit ein paar wenigen Büchlein und dem Aufruf in der Zeitung angefangen. Was sie schon finden konnten oder zugeschickt bekamen, haben sie sorgsam eingescannt ... Bildrechte: MDR/Mandy Ganske-Zapf
Postkarte Hallenser und Sowjets
... zum Beispiel diese Postkarte, "die Hallenser von befreundeten Offiziersfamilien erhielten, nachdem diese wieder in die Sowjetunion zurückgekehrt waren", wie Anne Kupke-Neidhardt erklärt. Bildrechte: Verein Zeitgeschichte(n)
Ein Gebäude aus Backsteinen. Es handelt sich um eine Schule. Zu sehen ist die Vorderansicht, keine Kinder, keine Schilder.
Hier war früher eine Schule für Kinder der Armeeangehörigen. Heute ist das eine Integrierte Gesamtschule – fotografiert von der Kuckhoffstraße aus, die IGS am Steintor. Bildrechte: Mandy Ganske-Zapf
Ein weißes Gebäude an einer Straßenecke in Halle
Hier, in der Ludwig-Stur-Straße war früher die sowjetische Kommandantur, sagen die beiden Frauen. Bildrechte: MDR/Mandy Ganske-Zapf
Blick auf einen Schriftzug, der in die Mitte einer begrünten Verkehrsinsel gesetzt wurde. Darauf steht: Technologiepark Weinbergcampus
Im Norden von Halle gibt es heute den Technologiepark Weinberg Campus. Dort befand sich die "Garnison Heide". Bildrechte: Mandy Ganske-Zapf
Blick auf ein Gelände, auf dem Häuser stehen
Blick auf den Weinbergcampus, wo unter anderem Forschungszentren ansässig sind, aber auch Teile der Universität Halle.

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Ein Wasserturm, aufgenommen in voller Größe. Es handelt sich um den Wasserturm Nord in Halle
Um den Wasserturm Nord rankt sich ein Gerücht: Hat ein Panzerfahrer hier einmal eine der Steinkugeln beschädigt? Man erzählt sich, er soll mit dem Panzer hier verunglückt sein. Manche sagen, aus Liebeskummer. Was stimmt, was nicht? Bildrechte: Mandy Ganske-Zapf

Dazu gehört auch die Sache mit dem Wasserturm Nord und den besagten Steinkugeln. So soll dort einmal ein Panzer verunglückt sein.

"Das ist ein Beispiel, das wurde mir mehrfach am Telefon geschildert", sagt Anne Kupke-Neidhardt. Dann bekam das Gerücht schnell gemischte Facetten, die besonders zeigen, wie viel sich aus der Besatzungszeit vom Hörensagen weiterträgt. Nämlich, als sie am Telefon nachhakte, was mit dem Panzerfahrer passiert sei. Sie sagt: "Da kam von den Anrufern alles: von ‚der wurde standrechtlich erschossen‘ bis hin zu ‚nein, auf keinen Fall, der wurde ins Krankenhaus gebracht‘."

Da kam von den Anrufern alles: von ‚der wurde standrechtlich erschossen‘ bis hin zu ‚nein, auf keinen Fall, der wurde ins Krankenhaus gebracht‘.

Anne Kupke-Neidhardt, Projektleiterin beim Verein Zeitgeschichte(n) darüber, wie die Idee zum Projekt entstanden ist – und wie sie die erste Resonanz erlebt hat:

Eine Frau sitzt an einem Tisch und hält ein Büchlein mir kyrillisch geschriebem Titel in der Hand 1 min
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MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Di 31.08.2021 09:39Uhr 01:04 min

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All solche Geschichten wollen die beiden Frauen recherchieren, prüfen, soweit möglich, und – am Ende – soll ein Buch entstehen. Simone Trieder wird es schreiben. Dafür suchen sie Zeitzeugen. Im Vereinsbüro legen sie einen Zeitungsartikel auf den braunen Holztisch und zeigen den ersten schon gestarteten Aufruf zur "Russenkaserne", wie es im Volksmund heißt. 30 Anrufe gab es daraufhin, wie sie erzählen. Sie empfanden es als kleine "Lawine". Eine positive. Mit vielen Ansatzpunkten, um loszulegen.

Trieder berichtet von ersten Treffen, die es mittlerweile gab, mit der Schwester Oberin bei der Diakonie oder mit einem Kantor. Außerdem davon, als nächstes zu einer Lehrerin zu fahren. "Die mit den Schlupflöchern im Zaun", sagt sie zu Anne Kupke-Neidhardt noch.

Der Verein Zeitgeschichte(n)...

... wurde 1995 gegründet und beschäftigt sich unter anderem mit Themen aus der DDR. Herausgegeben werden Bücher und es gibt eine öffentliche Bibliothek. Dokumentationen wurden bisher beispielsweise über den 17. Juni 1953 produziert. Projektleiterin Anne Kupke-Neidhardt: "Wir arbeiten gern mit Zeitzeugen, deswegen heißen wir Verein für erlebte Geschichten."

Um das Projekt zum Truppenabzug der sowjetischen Streitkräfte aus Halle zu starten, half dem Verein zunächst eine kleine Förderung der Landesbeauftragten für die Aufarbeitung der SED-Dikatur, wie Kupke Neidhardt sagt, außerdem ein erfolgreiches Crowdfunding.

Wer von Erlebnissen und Erinnerungen berichten will, kann sich an den Verein per Email wenden unter zeit-geschichten@t-online.de oder anrufen, Telefon: (0345) 2036040

Es gibt auch die Ereignisse aus der Besatzungszeit, die schon für die gesamte DDR gut belegt sind, von Kriminalität außerhalb der Kasernen zum Beispiel, wie Simone Trieder in einigen Polizeiakten auch für Halle schon recherchieren konnte. Die bekannten, unangenehmen Seiten der Nachbarschaft zu den Truppen, seien es auch kaputte Straßen oder Diebstähle. Doch was beide Frauen wirklich überraschte: Es gab Leute, die von Kontakten berichteten, die es eigentlich nicht hätte geben dürfen, von privaten Treffen außerhalb der offiziellen Termine.

In der Ludwig-Stur-Straße in Halle: Früher die sowjetische Kommandantur, heute ein Haus für Betreutes Wohnen:

Ein weißes Gebäude an einer Straßenecke in Halle
Bildrechte: MDR/Mandy Ganske-Zapf

Doch die alten Geschichten sind nicht vergessen, auch nicht die zur Kommandantur, die der DDR-Bürgerrechtler Wolfgang Schuster einmal geprägt hat, wie Simone Trieder (im Bild hier links unten) und Anne Kupke-Neidhardt (im Bild rechts unten) erzählen:

Zwei Frauen vor der früheren sowjetischen Kommandantur in Halle. 1 min
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MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Di 31.08.2021 09:39Uhr 01:13 min

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Außerdem von Begegnungen, die sich nicht vermeiden ließen, an die sie zum Start des Projekts aber selbst noch nicht gedacht hatten. Darunter von Handwerkern, die für Reparaturarbeiten in die Kaserne gelassen worden sein sollen, oder von Musikern und gegebenen Konzertstunden dort. Alles streng reguliert, mit Passierschein. "Das ist es, was uns auch interessiert", sagt Simone Trieder. Diese Grauzone jenseits der Verbote.

Es gab diese offiziellen [Treffen] zu den hohen Feiertagen, an denen sie dann in die Kaserne gingen, ihre Matroschka und ihren Tee bekamen, oder die höheren Parteileute was zu trinken, nen Wodka. Uns interessiert aber mehr das Inoffizielle. Die Grauzone.

Autorin Simone Trieder

Auch das frühere Geschäft der Sowjets, das "Russenmagasin", ist interessant. "Meine Zeitzeugen von vergangener Woche haben dort auch Konfektion gekauft, der Mann einen Anzug, die Frau einen Hosenanzug aus grünem Samt." Am liebsten wollen sie auch Kontakte zu den Soldaten von damals knüpfen, zu früheren jungen Rekruten oder in Halle geborenen sowjetischen Kindern – die heute in Russland, in der Ukraine oder Belarus sind.

Verein will diskutieren, wie die Sowjetzeit erinnert werden soll

Das Ziel? Sowohl eine Lücke in der Regionalgeschichte zu füllen, wie Kupke-Neidhardt sagt, als auch eine Beschäftigung mit dem Thema auszulösen, mit der Frage: "Wie wollen wir an die erinnern? Wer hat welche Erinnerungen dazu? Und es sollen alle Platz finden: Die guten und die schlechten."

Doch noch stehen sie mit ihren Nachforschungen am Anfang. "Das müssen wir noch rauskriegen", ist wohl auch deshalb ein Satz, der am braunen Holztisch des Vereinsbüros mehr als einmal fällt. Auch bei der Sache mit dem Wasserturm Nord und seinen Steinkugeln.

Mandy Ganske-Zapf
Bildrechte: MDR/André Plaul

Über die Autorin Mandy Ganske-Zapf arbeitet seit März 2014 als freie Mitarbeiterin bei MDR SACHSEN-ANHALT. Sie schreibt Texte für die Online-Redaktion und ist ab und an im Radio zu hören.

Nach Sachsen-Anhalt gekommen ist sie 2008, anschließend hat sie mehrere Jahre als Redakteurin für die Volksstimme im schönen Landkreis Börde gearbeitet. Danach war sie journalistisch ein Jahr in Moskau unterwegs und ist eigentlich jedes Jahr mindestens einmal für Recherchen in Russland. Darüber schreibt sie auch Texte für deutschsprachige Medien hier und anderswo. In ihrer Wahlheimat Magdeburg ist sie am liebsten an Seen und am Elbufer unterwegs, mag außerdem Ausflüge in die Weiten der Altmark.

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MDR/Mandy Ganske-Zapf

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 30. August 2021 | 15:10 Uhr

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