Catcalls of Halle Kreidetexte, Instagram und ein Verein: Wie Frauen deutschlandweit gegen Belästigung kämpfen

Seit anderthalb Jahren kämpfen junge Frauen aus Halle gegen Belästigungen, indem sie diese mit Kreide auf die Straße schreiben. Knapp 90 Vorfälle – sogenannte Catcalls – haben sie so öffentlich gemacht, zahlreiche weitere liegen noch auf Halde. Mithilfe eines Vereins wollen die Frauen nun auch deutschlandweit gegen Catcalls vorgehen.

Sechs Frauen in Halle engagieren sich gegen beinahe alltägliche sexuelle Belästigungen – die sogenannten Catcalls. MDR SACHSEN-ANHALT hat zwei von ihnen getroffen. Über Instagram teilen den Aktivistinnen von "Catcalls of Halle" überwiegend Frauen mit, was ihnen – meist auf offener Straße – widerfahren ist: hinterherpfeifen, dumme Sprüche, aber auch ungewollte und unangenehme Berührungen.

Gerade vor Diskotheken wie der Schorre sind oft Aussagen zu hören wie: "Geiler Arsch" oder "Wenn du dich so anziehst, musst du dich nicht wundern, wenn du vergewaltigt wirst", berichtet eine der Aktivistinnen. Und ergänzt:

So etwas darf nicht sein. Jede kann sich kleiden, wie sie möchte und wie sie sich wohlfühlt. Und niemand hat das Recht, sie deswegen auf diese Art und Weise anzusprechen.

Doch die Übergriffe passieren längst nicht nur nachts oder im Umfeld von Clubs. "Die meisten Catcalls erleben die Betroffenen am hellichten Tag, irgendwo in der Stadt. Und im Sommer häufiger als im Winter, weil da viele Frauen kürzere Kleidung tragen. Aber im Grunde passiert so etwas jeden Tag", erzählt eine Vertreterin der Gruppe.

Start im Februar 2020

Die Frauen von "Catcalls of Halle" sammeln diese Erfahrungen und gehen regelmäßig los, um diese Erlebnisse mit Kreide auf die Straße zu schreiben. So werden die Übergriffe für viele sichtbar. Und bei manchem setzt vielleicht ein Umdenken ein, hoffen die Aktivistinnen.

Angefangen haben zwei der Frauen im Februar 2020. Inzwischen sind sie zu sechst. Dem Instagram-Account folgen knapp 1.700 Menschen. Und schon 85 Mal haben die Frauen Übergriffe auf die Straße gebracht. "Ankreiden" nennen sie diese Aktionen. Knapp 30 weitere Fälle sind derzeit noch offen. Diese sollen in den kommenden Wochen aufgemalt werden.

Vor einigen Wochen sorgte eine Aktion für besonders viel Aufmerksamkeit. Gleich an acht Orten in Halle hatten die Frauen Übergriffe aufgeschrieben. Innerhalb weniger Tage bekamen sie so 400 neue Followerinnen – und knapp 20 weitere Vorfälle gemeldet. Normalerweise sind es etwa drei pro Woche.

Anti-Catcall-Initiativen gründen Verein

Doch allein das Ankreiden reicht den Frauen nicht mehr. Inzwischen denken sie größer und hoffen, dass sich noch weitere Menschen in ihrer Gruppe engagieren. Ein nennenswerter Erfolg dieser Bemühungen: Vor kurzem haben ähnliche Gruppen aus gut 50 deutschen Städten beschlossen, einen Verein zu gründen. "Chalk Back Deutschland" soll er heißen. Ziel ist die gegenseitige Vernetzung der Initiativen vor Ort. Zugleich ist es als Verein möglich, Spenden anzunehmen, um so noch mehr Aufmerksamkeit zu erzielen oder um bei rechtlichen Streitigkeiten finanziell abgesichert zu sein.

Schon vor gut einem Jahr wurde zudem eine Petition gestartet. Sie will erreichen, dass die Catcalls strafbar werden. Gut 70.000 Menschen haben unterschrieben, inzwischen wird sie vom Bundestag geprüft. Auch die Aktivistinnen aus Halle unterstützen dieses Anliegen. Sie glauben, dass durch eine Gesetzesänderung viel mehr erreicht werden als durch bloßes Aufmerksam machen.

Belästigungen sind Alltag

Und wie aktuell ihr Anliegen ist, zeigt sich noch während des Gesprächs mit MDR SACHSEN-ANHALT. Denn während der Aufnahme auf der Peißnitz beobachtet Reporter Andreas Manke, wie einige Jugendliche einer jungen Frau hinterherpfeifen. Die Betroffene schildert das Erlebte anschließend so:

Das war sehr unangenehm. So geht das gerade im Sommer ständig. Man trägt etwas Kurzes, fühlt sich gut und dann passiert etwas. Da will man sofort wieder nach Hause und die Sachsen wechseln, weil man sich unangenehm fühlt. Aber das kann ja nicht die Lösung sein.

Passantin, die belästigt wurde

Sagt die Frau. Und unterstützt auch das deshalb das Engagement von "Catcalls of Halle".

MDR/Andreas Manke, Oliver Leiste

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 11. August 2021 | 07:30 Uhr

16 Kommentare

Karl Schmidt vor 16 Wochen

@Atheist:
Was wollen Sie denn ständig mit DDR-Zuständen? Wo spilten Sie denn mit, dass es Ihnen in der immer wieder von Ihnen gelobten DDR so gut ging?

Eventuell ist ja heutzutage Nordkorea eine Alternative für Sie.
Allerdings sollten Sie nicht davon ausgehen, dass Sie dort Ihre kostenfreie Corona-Impfung erhalten hätten, so wie bei Ihnen in Bayern, Lach.

Atheist vor 16 Wochen

Wir DDR Frauen konnten FKK,Gleichberechtigung, uns billig und kurz Scheiden lassen, anziehen was wir wollten ( Außer Westjeans) über unseren Bauch selbst entscheiden, brauchten keinen Versorgungsausgleich, kein Trennungsunterhalt...
Was wollen diese Frauen die im Grunde in Versorgungsehe leben aber angeblich Frei von Sexualisierung sein wollen,
Das sind Typen die nach wie vor davon ausgehen das der Mann die Tür aufhält und das Essen bezahlt.

DanielSBK vor 16 Wochen

Man muss sich mal überlegen, es wird über Frauensexismus und Ausländerfeindlichkeit geschrien ... und derweil führt die deutschen Plattencharts auf Nummer 1 der "Künstler"
"Farin Bang mit dem Album: Asozialer Marokkaner" an..
einfach nur ekelhaft.

Mehr aus dem Raum Halle und Leipzig

Sport

Rolf Allerdissen, Rene Holzhammer, Thomas Kalisch, Benny Tröllmich und Hund Apryl (v.l.n.r.) präsentieren den längsten weißen Stock der Welt. mit Video
Rolf Allerdissen, Rene Holzhammer, Thomas Kalisch, Benny Tröllmich und Hund Apryl (v.l.n.r.) präsentieren den längsten weißen Stock der Welt. Bildrechte: Pia Siemer

Mehr aus Sachsen-Anhalt

Ein buntes Buch steht aufgeklappt in einer Touristinformation. 1 min
Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT
08.12.2021 | 14:22 Uhr

Zum 1000-jährigen Jubiläum von Stendal ist ein Wimmelbuch mit Motiven der Stadt entstanden. Auf vier kunterbunten Seiten können die Kleinsten die Hansestadt entdecken. Das Buch ist in der Touristinformation erhältlich.

MDR S-ANHALT Di 07.12.2021 19:00Uhr 00:47 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/stendal/stendal/video-wimmelbuch-verkauf-start-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video