Ebenfalls vorzeitig geimpft Impfaffäre in Halle: CDU entsetzt über Lüge des Landtagsabgeordneten Schachtschneider

Als Anfang Februar die vorzeitige Corona-Impfung von Halles Oberbürgermeister Wiegand bekannt wurde, war die Empörung groß – auch von Seiten der CDU im halleschen Stadtrat. Nun haben Ermittlungen der Staatsanwaltschaft aufgedeckt, dass auch ein CDU-Stadtrat und Landtagsabgeordneter vorzeitig geimpft worden ist – obwohl er das bislang offenbar verneint hatte. Die Parteispitze ist empört, der CDU-Kreisverband prüft Konsequenzen.

CDU-Fahne vor dem Konrad -Adenauer Haus 2 min
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Führende Vertreter der CDU in Sachsen-Anhalt haben sich entsetzt über das Verhalten ihres Parteikollegen Andreas Schachtschneider aus Halle gezeigt. Parteichef Sven Schulze sprach am Mittwoch von einer "schweren menschlichen Enttäuschung". Schulze sagte MDR SACHSEN-ANHALT, Schachtschneider hätte im Februar nach Bekanntwerden der Impfaffäre mehrere Gelegenheiten gehabt, seine vorzeitige Impfung einzuräumen. Das habe er offenbar bewusst nicht getan.

Schachtschneider bereits Ende Januar geimpft

Hintergrund ist ein Bericht, wonach auch Schachtschneider Ende Januar vorzeitig gegen das Coronavirus geimpft worden war. Das hatte am Dienstagabend die Mitteldeutsche Zeitung aufgedeckt. Dem Bericht zufolge war Schachtschneiders vorzeitige Impfung bei Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in der Impfaffäre von Halle bekannt geworden. Schachtschneider hatte der Mitteldeutschen Zeitung daraufhin erklärt, am 25. Januar einen Anruf vom Leiter des Impfzentrums bekommen zu haben. Er habe sich seinerzeit spontan entschieden, das Angebot anzunehmen. Mit der Frage, ob ihm eine Impfung bereits zugestanden hätte, will Schachtschneider sich nicht befasst haben. Die Antwort ist: Nein, hätte sie nicht.

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Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) 10 min
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MDR AKTUELL Sa 20.02.2021 08:17Uhr 09:47 min

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Kritik an Schachtschneider kam auch von Marco Tullner. Sachsen-Anhalts Bildungsminister ist Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes in Halle. Tullner sagte MDR SACHSEN-ANHALT am Mittwoch, er sei noch immer "schockiert". Er habe sich darauf verlassen, dass Schachtschneiders Aussagen Anfang Februar der Wahrheit entsprochen hätten. Tullner hatte kurz nach Bekanntwerden der halleschen Impfaffäre das Gespräch zu den CDU-Stadträten in der Saalestadt gesucht – und anschließend per Twitter verkündet, keiner seiner Parteifreunde habe "ein wie auch immer geartetes Impfangebot des Oberbürgermeisters" angenommen. Nach dieser Darstellung hat Schachtschneider offenbar gelogen.

Der 60 Jahre alte Schachtschneider zählt in der CDU-Landtagsfraktion nicht zu denen, die sich häufig in der Öffentlichkeit zu Wort melden. In den Landtag kam er zweimal als Nachrücker – zunächst 2015, ein zweites Mal im Januar dieses Jahres. Schachtschneider war seinerzeit für den Abgeordneten Daniel Szarata nachgerückt, der inzwischen Oberbürgermeister von Halberstadt ist. Im Landtag sitzt er in den Ausschüssen für Finanzen und für Landesentwicklung und Verkehr. Schachtschneider ist gebürtiger Hallenser, seit 2002 Mitglied der CDU und nach eigenen Angaben seit mehr als zehn Jahren Stadtrat an der Saale.

Erneute Kandidatur für den Landtag fraglich

Für die Landtagswahl am 6. Juni hatte die CDU Schachtschneider bereits vor Wochen als Direktkandidaten aufgestellt. Der 60-Jährige soll erneut in Wahlkreis 35 Halle I antreten. Ob es dabei bleibt, ist angesichts der Entwicklungen seit Dienstagabend mindestens ungewiss. CDU-Kreischef Tullner sagte, die Angelegenheit gebe der CDU gewiss keinen Rückenwind. Es gehe um Glaubwürdigkeit.

Bildungsminister Marco Tullner
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Die Glaubwürdigkeit, die wir als Konsequenz von anderen eingefordert haben, müssen wir auch bei uns selbst leben und dieselben Maßstäbe bei uns selbst anwenden.

Marco Tullner Vorsitzender des CDU-Stadtverbands Halle

Die CDU-Kreisspitze in Halle kündigte an, in einer Sondersitzung am Mittwochabend über mögliche Konsequenzen zu beraten. Kreischef Tullner sagte MDR SACHSEN-ANHALT, er erwarte eine hitzige Diskussion, wolle der Entscheidung des Vorstandes aber nicht vorgreifen. Zunächst sei eine Erklärung von Schachtschneider fällig, erklärte Tullner. Zuvor wird der hallesche Stadtrat in einer nicht-öffentlichen Sitzung über eine mögliche vorübergehende Suspendierung von Oberbürgermeister Wiegand beraten.

MDR/Stephan Schulz, Luca Deutschländer

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 07. April 2021 | 12:00 Uhr

10 Kommentare

july_762 vor 2 Tagen

Pech für den, der keine Beziehung hat, schlimm wenn Eltern immer noch nicht geimpft sind, erst gab es keinen Impfstoff, dann hat man nur Heime und keine betreuten Wohnen geimpft und nun sitzt die Mutti im Rollstuhl und kann Dank Pflegekasse nicht transportiert werden, wie sagte man uns am Telefon, das grenzt schon an schwerer Körperverletzung, aber es kam ja auf ein paar Spritzen nicht an...., man darf nicht alt und krank werden, nicht in dieser Gegend von Sachsen- Anhalt...., aber mit 84 hat man ja alles erreicht, was wollen sie denn noch...., haben sie noch Eltern und wünschen sie sich das für sie....

RP im Osten vor 3 Tagen

Wenn Herr Schachtschneider tatsächlich gelogen hat (die Impfung ist aus meiner Sicht nicht das Hauptproblem), wird seine weitere Kandidatur zum Landtag (egal ob als Spitzenkandidat im Wahlkreis oder "nur" als Listenkandidat) der CDU vermutlich zahlreiche Stimmen kosten.

Burgfalke vor 3 Tagen

Zumindest im Süden kann man das allgemeine Versagen aller (!) Parteien sehr gut beobachten. Federführend ist da stets die CDU!!! Warum eigentlich? Die anderen Parteien haben sich ihr faktisch "unterworfen".
Erst wurde wegen fehlender Studien das Impfen von A bei über 65jährigen abgelehnt, jetzt werden nur noch die über 60jährigen damit geimpft (zumindestens in NMB). Der mögliche "Verlust" entlastet die Rentenkassen. Als es besonders viele Möhren, Cubaorangen usw. gab und andere Dinge knapp waren, wurden zu DDR- Zeiten stets empfohlen diese erstgenannten Produkte zu verzehren. Sind hier eventuell Vergleiche zu ziehen?

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