Onlineportal "Du bist Halle" zur Wiegand-Impfung "Das ist für uns nicht glaubwürdig"

Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand wurde vorzeitig gegen Corona geimpft. Das hat viel Kritik ausgelöst. Lokaljournalist Daniel Baumann vom Onlineportal "dubisthalle.de" im Interview, welche Fakten ihm vorliegen und ob sich Bernd Wiegand im Amt halten kann.

Ein Mann mit Brille und Winterjacke steht vor Halles Ratshof.
Daniel Baumann ist Lokaljournalist beim Online-Nachrichtenportal "dubisthalle.de". Er verfolgt die Entwicklung und Entscheidungen von Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand seit Jahren. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Baumann, wie bewerten Sie den "Impfskandal" in Halle?

Skandal ist für mich ein zu aggressives Wort. Einen Skandal kann man es nennen, wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen und klar ist: Ja, Oberbürgermeister Bernd Wiegand hat sich durch sein Amt vorsätzlich Vorteile verschafft. Dann wäre es ein Skandal, der eventuell auch strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen könnte.

Was ich jedoch schon heute bemängele, und dies auch in einem Kommentar auf unserer Seite deutlich gemacht habe, sind zwei Dinge, bei denen es vor allem um die Kommunikation geht:

  1. Bernd Wiegand, der sich immer wieder "Transparenz" und "Offenheit" auf die Fahne schreibt, hat diese beiden Prinzipien bezüglich seiner Kommunikation, gerade bei einem solch auch moralisch sensiblen Thema kläglich missachtet.
  2. Spätestens nach Bekanntwerden der Vorgänge hätte er proaktiv weiter aufklären und nicht nur das Fehlen eben einer solchen proaktiven Öffentlichkeitsarbeit in der Vergangenheit bedauern müssen.

Wie konnte es dazu kommen?

Wenn von Anfang an mit offenen Karten gespielt worden wäre, hätte es viel weniger Diskussionen im Allgemeinen und insbesondere negativer Art gegeben. Dann würden wir jetzt nicht über einen Skandal reden. Dann hätten wir Anfang oder Mitte Januar über die Eingruppierung von Amtsträgern in eine höhere Prio-Gruppe diskutiert, um im Zweifelsfall Impfdosen, salopp gesagt, vor dem Müll zu retten. Ich glaube kaum, dass es dann einen solchen Aufschrei gegeben hätte, wie wir ihn jetzt erleben.

Welche Rolle spielt Oberbürgermeister Bernd Wiegand dabei?

Die Hauptrolle, zumindest wenn es um seine eigenen Entscheidungen geht. Dabei muss man allerdings, und da lege ich Wert darauf, zwischen der Privatperson Bernd Wiegand und dem Oberbürgermeister der Stadt Halle unterscheiden. In seiner Funktion sieht er ja auch die Begründung für die Impfung außerhalb der Reihe, daher kann ich seiner Argumentation, die Impfung sei Privatsache, nicht folgen. Denn mit seinem Amt als Oberbürgermeister verlässt er den geschützten, privaten Raum und die Öffentlichkeit hat gewisse Informationsrechte bezüglich seiner Entscheidungen.

Logo - Ein abstraktes, rotes Smiley
Das Logo von "dubisthalle.de" Bildrechte: dubisthalle.de

dubisthalle.de Daniel Baumann ist einer von zwei Mitarbeitern vom Onlineportal "dubisthalle.de". Im März 2016 ist die Seite online gegangen und war für Baumann und seinen Kollegen Enrico Seppelt, dessen Seite es ist, ein sehr zeitaufwändiges Hobby. Seit einem halben Jahr arbeiten beide in Vollzeit für das Nachrichtenportal, das sich über Werbung finanziert. Ihre vorherigen Vollzeitstellen haben sie dafür gekündigt.

Sie kennen Stadtpolitiker, Journalisten usw. Was hören Sie von ihnen zum Thema?

Sagen wir es so: Die Zahl derer, die dem ganzen kritisch gegenüber stehen, ist deutlich in der Mehrheit. Das reicht von bereits kommunizierten Rücktrittsforderungen über persönliche Anfeindungen, die meiner Meinung nach der absolut falsche Ansatz und auch unangebracht sind, bis hin zu der Befürchtung eines bleibenden Imageschadens für die Stadt.

Stadtrat Halle
Halles Stadtrat tagt monatlich im Stadthaus (Archivbild). Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Beim Stadtrat muss man die öffentliche Empörung etwas differenzierter betrachten. Viele Stadträte zeigten sich in den vergangenen Tagen nach Außen hin überrascht. Das grundsätzliche Angebot der Impfung ist den Fraktionsvorsitzenden durch den OB in einer Sitzung unterbreitet worden. Diese haben es schließlich ihren Fraktionen, also den Stadträten, mitgeteilt. Und zehn Stadträte verschiedener Fraktionen haben mitgeteilt, sie würden sich impfen lassen.

Auch wenn jetzt viel Empörung aus einzelnen Fraktionen zu hören ist – allen Fraktionen war die Verfahrensweise bekannt. Und sie hätten sich ab dem Zeitpunkt der Information durch die Vorsitzenden öffentlich äußern können. Dies haben sie unterlassen. Die jetzige Empörung nach Aufdeckung der Impfungen ist meiner Ansicht nach daher nicht glaubwürdig.

Welche Fragen müssen jetzt geklärt werden?

Das, worum es jetzt prioritär geht, ist aktive Aufklärung. Nicht auf die Fragen warten, denn die werden kommen, sondern sich selbst die Fragen stellen und mit den Antworten offensiv an die Öffentlichkeit gehen.

Ein paar davon sind:

  • Wer wurde wann über die Möglichkeit, sich auf eine Liste setzen zu lassen, die eine vorzeitige Impfung möglich macht, informiert?

  • Wussten diese Personen, dass die Öffentlichkeit nicht, oder zumindest nicht zeitnah, über die Existenz einer solchen Liste informiert wird?

  • Wenn die Impfdosis aus dem Kontingent für das Diakoniekrankenhaus stammt, wie in der Pressekonferenz am Montag gesagt wurde, war es wirklich nicht möglich, einen der rund ein Drittel zu diesem Zeitpunkt nicht geimpften Mitarbeiter zu erreichen?

Bernd Wiegand hatte sich bereits vor einigen Tagen in einer Pressekonferenz auf unsere Nachfrage hin dazu geäußert, warum er geimpft wurde und nicht die noch nicht geimpften medizinischen Mitarbeiter. "Das war auch meine erste Frage", meinte Wiegand zur Antwort. Es habe aber tatsächlich so kurzfristig niemanden gegeben. Angesichts der Tatsache, dass zum Diakonie-Komplex mehrere Einrichtungen gehören, ist das für uns nicht glaubwürdig.

Der Verwaltung liegen also Namen und Telefonnummern von Impfwilligen der höchsten Kategorie vor.

Daniel Baumann "dubisthalle.de"-Redakteur

Uns haben aber auch andere Fragen umtrieben. Denn die Stadt Halle hat alle Personen über 80 Jahren angeschrieben. Über 4.000 Menschen haben sich daraufhin schon bei der Stadt gemeldet. Der Verwaltung liegen also Namen und Telefonnummern von Impfwilligen der höchsten Kategorie vor. "Das könnte man so machen", sagte Wiegand in der PK auf Nachfrage hin. Warum das bisher offenbar nicht gemacht wurde, erschließt sich uns nicht.

Durch die Impfung wird Halles Oberbürgermeister auch überregional wahrgenommen. Welchen Führungsstil hat er?

Stadtansicht von Halle
Bernd Wiegand spaltet mit seiner Politik die Meinungen in der Stadt. Bildrechte: imago images / Steffen Schellhorn

Von streitbaren Teilen der Hallenserinnen und Hallenser wird er oft als "König Bernd" bezeichnet, was schon einiges aussagt, zumindest über die Außenwirkung seines Führungsstils. Wiegand ist ausgebildeter Mediator. Leider lässt er genau diese Eigenschaft in seinem Agieren als Oberbürgermeister oft vermissen. Das hat in der Vergangenheit immer wieder zu Disputen geführt. Er wirkt manchmal etwas hölzern und der ein oder andere wird ihn gar als arrogant bezeichnen. Letzteres ist, aus meiner Erfahrung, aber die falsche Charakterisierung.

Fachlich besitzt er, als Verwaltungsfachwirt und promovierter Rechtswissenschaftler, mit Sicherheit nicht die schlechtesten Voraussetzungen um eine Stadt zu führen. Während seiner politischen Laufbahn in Halle gab es, was wohl unvermeidbar ist, immer wieder Streitpunkte und Entscheidungen, die sowohl die politischen Kräfte in der Stadt als auch die Bevölkerung gespalten haben, ja diese teilweise gegen ihn aufgebracht haben.

Es gibt Rücktrittsforderungen an Bernd Wiegand. Was meinen Sie, kann er sich im Amt halten?

Rücktrittsforderungen gegen ihn sind ja nichts Neues. Sein Umgang mit dem Stadtrat, mit Mitarbeitern, der Rauswurf des Chefs der Ansiedlungsgesellschaft. Immer wieder haben sich die Ratsfraktionen geäußert und Konsequenzen gefordert. Passiert ist aber nichts, was wohl auch an einer gewissen Zerstrittenheit im Rat liegt. Ich glaube daher schon, dass Bernd Wiegand auch dieses Kapitel übersteht. Es wird jedoch ein Knacks zurückbleiben.

Das Interview führte Luise Kotulla.

MDR, Luise Kotulla

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 08. Februar 2021 | 19:00 Uhr

7 Kommentare

nasowasaberauch vor 41 Wochen

Herr Wiegand hat seinen Auftrag als OB nur falsch interpretiert. Statt dafür zu sorgen, dass die ü80 in diesen Fall informiert und in die Lücke springen, füllt er und Seinesgleichen selber diese vermeintliche Lücke aus. Ob nun dieser Personenkreis wirklich vorrangig geimpft werden muss ist sehr fragwürdig, weil medizinisches Personal, Pflegepersonal , Feuerwehr und Polizei im Gegensatz dazu nicht am Schreibtisch arbeiten kann. Der Gesetzgeber hat bei der Impfverordnung eine Lücke gelassen, die von den Vordränglern mit Unmoral ausgefüllt wurde. Abwahlverfahren anstrengen. Der Rat muss es beschließen und 30% der Bürger müssen ihre Stimme zur Abwahl geben, dann ist er Geschichte.

s14153 vor 41 Wochen

Im Prinzip fände ich das sogar richtig, so lange das Virus noch nicht ausgerottet ist. Wenn alle Menschen es fertig gebracht hätten, lediglich 3 Wochen keinen Kontakt bzw. nur Kontakt mit Schutz zu haben, wäre das Virus schon tot. Ist doch eigentlich beschämend für uns.

MiSt vor 41 Wochen

@ Erna
"Nunmehr nehmen die 10 (?) Vordrängler also erneut 10 Impfdosen weg, ..."

Um die Erstimpfung nicht wertlos zu machen sollten sie tatsächlich auch die Zweiimpfung bekommen. Dies dann allerdings auch verbunden mit disziplinarischen Folgen. Beamte auf Zeit wie OB Wiegand und alle anderen im öffentlichen Dienst beschäftigte Vordrängler sollten sofort von ihrer derzeitigen Tätigkeit entbunden und zur Entlastung gefährdeter aber ungeimpfter systemrelevant Dienstleistender an "vorderster Front" eingesetzt werden. Das Arbeiten mit den eigenen Händen imKrankenhaus, in Alten- und Pflegeheimen, Obdachlosen- oder Flüchtlingsunterkünften, bei Feuerwehr oder Rettungsdienst, im öffentlichen Nahverkehr oder im Lebensmittelmarkt lehrt dann vielleicht auch ein wenig Demut. Wenn ihr eigentlicher Impftermin dann ran ist, können sie ja in ihre vorherige Tätigkeit zurückkehren.

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