Antisemitismus Ein Jahr nach dem Anschlag von Halle: Gedenken ist nicht genug

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Ein Jahr nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle und dem Tod zweier Menschen gedenkt die Stadt den Betroffenen. Doch wie nachhaltig wirkt das gegen Antisemitismus und Rassismus? Eine Einschätzung von einem Gedenktag, der nicht reicht.

Eine Mauer wurde mit Strichmännchen bemalt.
Mit Kreide haben Menschen in Halle am Gedenktag Zeichen gesetzt. Doch um wirklich gegen Antisemitismus und Rassismus einzustehen, ist das noch nicht genug. Bildrechte: MDR/Sebastian Mantei

Es ist nach 11 Uhr, als ich am 9. Oktober 2020 meine Wohnung in Halle verlasse, um zum Gedenken auf den Marktplatz zu gehen. Vor einem Jahr hat ein bewaffneter Mann in Halle die Synagoge angegriffen und zwei Menschen getötet. Um 12:01 Uhr sollen die Glocken der Stadt läuten – und die Menschen schweigen.

Ich hatte geplant, früher loszugehen. Konnte ich aber nicht. Ich hatte die Befürchtung, von Halle, von meinen Nachbarn enttäuscht zu werden. Dass sich viel zu wenige mit diesem Tag, dem antisemitischen Anschlag, überhaupt beschäftigen würden. Und diese Befürchtung will ich nicht bestätigt sehen. Mit einem flauen Gefühl im Magen gehe ich los.

Doch gleich in der Nähe hat das Landesnetzwerk der Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (LAMSA) einen Stand aufgebaut. Davor malen drei Personen mit Kreide Figuren auf den Gehweg, die sich an den Händen halten. Eine Menschenkette der Corona-Zeit. In einigen Läden auf dem Weg in die Innenstadt hängen hellblaue Plakate, auf denen zum Beispiel "Wir gedenken" steht. Schlicht, eine kleine Geste – und gerade deshalb so eine schöne Idee. Ich fühle mich besser.

Polizei und Presse

Drei Frauen malen mit Kreide etwas auf den Boden.
Mit Kreide gegen Hass – Gedenken auf dem Marktplatz Halle. Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

Auf dem Marktplatz sind nicht bedeutend mehr Menschen unterwegs als an einem gewöhnlichen Tag – ganz anders als beim Gedenkkonzert für die Opfer des Anschlags. Der Marktplatz war voll gewesen. Dafür sind viele Medienvertreter und Polizisten unterwegs. Ich zähle allein fünf Kamerateams und etwa zehn Polizeiwagen.

Auch auf dem Markt entstehen mehr und mehr Kreidemenschen. Und Schriftzüge, die sich gegen Terror, Antisemitismus, Rassismus und für Frieden und Menschenwürde aussprechen. "Wenn’s regnet, ist das alles wieder weg", bemerkt eine Frau. Es nieselt leicht.

"Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen?"

Kurz nach dem Mittagsglockenschlag beginnt das Carillon auf dem Roten Turm zu spielen. Das Lied heißt Hevenu Shalom Alechem – Wir wollen Frieden für alle. Die Menschen auf dem Platz vor der Marktkirche schweigen. Kurz denke ich, dass sogar die Straßenbahnen stehen bleiben, aber das ist nicht so. Die zwei Minuten Stille sind schnell vorbei. Ich schaffe es in der Zeit bei weitem nicht, alle Gedanken in Ruhe zu Ende zu denken, die ich in dem Moment im Kopf habe.

Eine violette Linie auf dem Boden um das Geoskop Halle. Darauf steht "Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen?"
"Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen?" steht um das Geoskop. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Mit dem Ausklang des jüdischen Lieds kommt wieder Bewegung in die verharrten Menschen auf dem Marktplatz. Die Menge löst sich rasch auf. Ich gehe zum Geoskop. Dort stehen einige Kerzen und Blumen. Ein Meer wie im vergangenen Jahr ist es aber nicht. Doch in diesem Jahr ist um das Geoskop eine violette Linie auf dem Boden gezogen. Auf ihr steht: "Wie haben Sie sich gefühlt? Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen?"

Eigentlich beziehen sich die beiden Fragen auf den Anschlagstag. Ich beziehe sie jedoch unwillkürlich auf diesen Gedenktag, auf die Kreide-Menschenkette, die Schweigeminuten, das Glockenläuten, die Kränze vor Synagoge und Kiezdöner. Auf das "ein Jahr danach".

Und ich denke: Das ist doch nicht genug. Das verändert doch nachhaltig viel zu wenig.

Begegnungen schaffen

Menschen stehen und sitzen unter einem Pavillion.
Liveübertragung der Demokratiekonferenz am Steintor. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke

Nach dem Anschlag am 9. Oktober 2019 habe ich zu jüdischem Leben in Sachsen-Anhalt recherchiert. Bis dahin kannte ich keinen deutschen Juden. So geht es vermutlich sehr vielen. Am Steintor höre ich kurz bei der Liveübertragung der Demokratiekonferenz zu, wie eine Jüdin vom Programm "Meet a Jew" erzählt, auf Deutsch "Triff einen Juden". Sie sagt, selbst wenn sich sämtliche Jüdinnen und Juden in Deutschland an dem Programm beteiligen würden, würde es Jahrzehnte dauern, um alle Schulklassen einer Jahrgangsstufe zu besuchen.

Dabei wäre ein Kennenlernen so wichtig. Im Unterricht über den Holocaust zu sprechen, scheint nicht zu reichen, um antisemitische Vorurteile abzubauen. So sehen das auch einige andere Menschen auf dem Marktplatz.

Es reicht anscheinend nicht, in der Schule darüber aufzuklären, sondern man muss ganz aktiv Berührungspunkte schaffen zwischen verschiedenen Religionen, zwischen verschiedenen Menschen. Damit Leute verstehen, dass 'anders' nicht bedeutet, dass das falsch ist oder schlecht.

Rebekka Föste, Besucherin der Gedenkminute

So erleben Menschen in Halle den Gedenktag "Es ist schön, dass hier Leute sind und zeigen: Wir sind da."

Betroffenheit, Hilflosigkeit, Erschütterung – Menschen, die zum Gedenktag auf den Marktplatz in Halle kommen, erzählen, wie sie den Tag erleben.

Junge Frau in schwarzer Kleidung mit Baskenmütze auf dem Marktplatz in Halle
Henrike Luise Schmidt, 22 Jahre
"Ich fühle mich betroffen und unruhig. Die Gedenkminute war sehr bewegend, aber ich habe das gebraucht. Ich hatte heute einfach das Gefühl, etwas tun zu müssen. Wir haben versucht auf dem Marktplatz Kerzen zu sammeln und an der jüdischen Gemeinde war auch ganz viel los. Das ganze Paulusviertel hatte die bunten Wimpel aufgehängt, um eine offene Gesellschaft darzustellen."
Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé
Junge Frau in schwarzer Kleidung mit Baskenmütze auf dem Marktplatz in Halle
Henrike Luise Schmidt, 22 Jahre
"Ich fühle mich betroffen und unruhig. Die Gedenkminute war sehr bewegend, aber ich habe das gebraucht. Ich hatte heute einfach das Gefühl, etwas tun zu müssen. Wir haben versucht auf dem Marktplatz Kerzen zu sammeln und an der jüdischen Gemeinde war auch ganz viel los. Das ganze Paulusviertel hatte die bunten Wimpel aufgehängt, um eine offene Gesellschaft darzustellen."
Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé
Mittelalter kurzhaariger Mann mit HFC-Schal auf dem Marktplatz in Halle
Marcel Wald, 32, Verkäufer, Streetworker und Seelsorger
"Ich habe heute mehrere HFC-Fans zum Marktplatz begleitet, die Kevin L. kannten. Später gehen wir zur Synagoge und zum Kiez-Döner und danach zum HFC-Sportplatz. Der Anschlag vor einem Jahr wirkt immer noch in den Menschen nach. Das merkt man. Heute ist ein schwerer Tag."
Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé
Junge Frau mit langen, blonden Locken und roter Jacke
Rebekka Föste, 21 Jahre
"Es werden in Deutschland immer noch viele Juden täglich schikaniert und belästigt. Man kann es gar nicht in Worte fassen, wie schlimm das ist. Man fühlt sich einfach hilflos. Gerade führt Corona wahrscheinlich auch dazu, dass sich nicht alle Leute auf die Straße trauen und das sagen, was sie sagen wollen. Das ist schade. Aber es ist schön, dass hier Leute sind und zeigen: Wir sind da."
Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé
Kurz- und weißhaarige Frau mit gepunkteter Jacke
Corinna Lippmann, 75 Jahre
"Ich habe das Gefühl, dass die Menschen alle wieder in den Alltag zurückgegangen sind. Viele nehmen die Tat nicht mehr wahr und schieben es einfach zur Seite. Das schockiert mich sehr. Ich war in der Kirche. Ich habe die Gedenkminuten angesehen und musste weinen. Mich hat das so erschüttert. Es geht nicht nur um die Morde sondern um die Tat. Diese Tat, die ich nicht nachvollziehen und verstehen kann."
Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé
Blondgelockte mittelalte Frau hält eine Schild: Der blindwütige Hass ist das Ende. Der Anfang ist Unfreundlichkeit, Rücksichtslosigkeit, und 'Wir sind besser als ihr'. Ein Ende dem Anfang.
Ulrike Thomann, 58 Jahre, extra aus Freiburg angereist
"Ich wollte diese Schweigeminute aktiv mit anderen Menschen miterleben. Es war eine Gewalttat vor einem Jahr. Und meistens fangen solche Taten früher an oder machen sich bemerkbar. Es gibt also so viele Situationen, in denen wir etwas machen können."
Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé
junger Mann mit rosa Mütze auf dem Marktplatz in Halle
Zuher Jazmati, 30 Jahre, ist extra nach Halle gekommen
"Ich habe keine direkte Verbindung zu Halle, aber ich habe eine direkte Verbindung zu Menschen, die von Rassismus betroffen sind. Deshalb möchte ich mich heute hier mit den Menschen, die von Antisemitismus betroffen sind, solidarisieren."
Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé
Eine junge Frau steht vor Polizisten.
Lea Godjaly, 30 Jahre, gehört zur jüdischen Gemeinde in Halle
"Das sitzt natürlich tief. Man hat es immer noch nicht richtig verarbeitet. Es hat viele Leute betroffen, die man kennt. Man hätte niemals gedacht, dass in Halle so etwas überhaupt jemals passieren könnte.
Was ich wirklich an Halle sehr schätze, ist dieser Zusammenhalt. Die ganzen Demos, die immer stattfinden, auch gegen Rassismus. Das ist für mich wichtig. Ich liebe diese Stadt und würde auch nirgendwo anders hingehen wollen."
Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé
Eine junge Frau steht vor dem Mahnmal im Innenhof der Synagoge in Halle.
Lidia Edel, 19 Jahre, hat das Mahnmal in der Synagoge künstlerisch gestaltet
"Es ist schwer zu beschreiben, wie ich mich fühle. Da ist auf jeden Fall Trauer, aber auch Erleichterung. Da ist auch Wertschätzung, dass so viele Menschen sich dafür interessieren und auch ihre Erfahrungen erzählen. Das sind ganz viele verschiedene Eindrücke, die ich an diesem Tag erlebt habe und ich schätze es sehr, dass so viel Aufmerksamkeit diesem tragischen Tag gewidmet wird."
Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé
Ein Mann mit schwarzer Jacke und Mütze
Mohamad Esmail, 42 Jahre, lebt seit 2011 in Halle und ist selbst von Alltagsrassismus betroffen
"Leider hat sich nichts geändert. Es gibt immer noch Alltagsrassismus. Ich habe das Gefühl, das ist mehr präsent als früher. Von daher kann ich leider nicht sagen, dass es besser ist, sondern wir müssen jetzt etwas machen. Alle müssen daran arbeiten.
Ich kann Deutsch, ich arbeite seit fünf Jahren, ich habe hier studiert. Trotzdem habe ich mehrere rassistische Situationen erlebt. Ich denke mir: Okay, ich habe alles geschafft, um integriert zu sein. Aber irgendwann kapiert man: Es ist mein Aussehen, woran ich nichts ändern kann."

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 09. Oktober 2020 | 05:00 Uhr

Quelle: MDR/jh;ff
Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé
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Umleitung um die Auseinandersetzung

Zu den Gedenkveranstaltungen an der Synagoge und am Kiezdöner sind nur geladene Gäste zugelassen. Die Ludwig-Wucherer-Straße ist dafür gesperrt. Straßenbahnen werden für die Zeit umgeleitet; "wegen einer Veranstaltung", wie es auf den Anzeigetafeln an den Haltestellen umschrieben wird.

Ich habe den Eindruck: Wer sich nicht ohnehin durch den Anschlag betroffen fühlt, muss sich nicht einmal heute, am Gedenktag, damit auseinandersetzen. Schon am Rande der Innenstadt sehe ich keine Kreidesprüche und Kreidemenschenketten mehr auf dem Gehweg. Gegen Abend regnet es. Also dürfte auch die Kreide auf dem Markt nicht lange standhalten.

Aber die Zeichnungen sind eben auch nur: gesetzte Zeichen. Was an einem Gedenktag passiert – gegen Hass, für friedliches Zusammenleben – ist überhaupt nicht wichtiger als das, was an den übrigen Tagen des Jahres passiert. Das sind dann vielleicht eher die kleinen, alltäglichen Verhaltensweisen: Zivilcourage, Offenheit für vermeintlich Fremde. Ulrike Thomann, die für den Gedenktag extra nach Halle gereist ist, fasst es so zusammen:

Es war wirklich eine Gewalttat, aber Gewalttaten fangen schon früh an. Das sind schon Unfreundlichkeiten oder sich besser fühlen als andere, Ausgrenzung. Es gibt so viele Dinge, die vorher passieren – wo wir alle etwas machen können.

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT – in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 09. Oktober 2020 | 19:00 Uhr

15 Kommentare

Hallebewohner vor 26 Wochen

Der geisteskranke Täter kam aus Eisleben und nicht aus Halle. Was hat die Stadt Eisleben bisher getan um diese grausige Tat eines Bürgers ihrer Stadt aufzuarbeiten? Der Mann hat sich schließlich in Eisleben radikalisiert. Was tut man in Eisleben gegen solche Möglichkeiten der Radikalisierung im politischen und religiösen Bereich? Ich habe Wortmeldungen der Stadtoberen von Eisleben bei den Gedenkveranstaltungen in Halle vermisst!

SGDHarzer66 vor 26 Wochen

Außer ihrer Stimme im Chor der Empörungsdemokraten entnehme ich starke Defizite in puncto Grammatik. Sie bestätigen zumindest die Pisa-Studien. Ist ja auch was wert.

H.E. vor 26 Wochen

@Altmeister 50

Sie haben völlig recht und ich kann sie nur damit unterstützen.

Es wird ja immer lautstark behauptet, die Juden haben den Palästinensern das Land weggenommen. Haben sie nicht, sondern aufgrund der Idee der Kibbuzbewegung von den Palästinensern gekauft für sehr viel Geld, die sich durch das wüstenähnliche Gebiet eine goldene Nase verdienten was die Juden urbar machten. Und bereits dreimal hätten die Palästinenser einen eigenen palästinensischen Staat haben können, aber immer verworfen und zwar das erste Mal bereits ein Tag nach der Gründung von Israel durch die UNO.

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