Kürzungsdebatte Uni in Halle vor Beschluss von massivem Sparpaket

Die einschneidenden Sparpläne der Universität in Halle stehen kurz vor dem uni-internen Beschluss. Nun soll der Uni-Senat der Martin-Luther-Universität zu einer vorerst finalen Sitzung zusammenkommen, um über Personal- und Strukturveränderungen abzustimmen. Grund ist die chronische Unterfinanzierung. Ein vom Rektorat vorgelegter Entwurf sieht die Streichung von mehr als 3.000 Studienplätzen und mehr als 20 Professuren vor. Einige Studiengänge könnten wegfallen.

Wie sieht die Zukunft der Universität in Halle aus? Diese Frage wird derzeit sehr kontrovers diskutiert. Die Landesregierung pocht auf die Einhaltung der finanziellen Vorgaben. Da die Kosten für das Personal den größten Posten im Haushalt einer jeden Hochschule ausmachen, heißt das für das Rektorat: Stellenabbau auf allen Ebenen. Wie das geschehen soll, soll nun der Senat beschließen. Mitarbeiter und Studenten befürchten einen Kahlschlag und organisieren Proteste. MDR SACHSEN-ANHALT beantwortet die wichtigsten Fragen.

Warum muss die Uni Halle sparen?

Im Haushalt der Universität fehlen aktuell 17 Millionen Euro. Über das Warum gibt es unterschiedliche Meinungen. Das Wissenschaftsministerium sagt: Diese Kosten sind aufgelaufen, weil in den letzten acht Jahren die Hochschule personell über ihre Verhältnisse gelebt hätte. Das Rektorat sagt: Die Uni ist seit Jahrzehnten chronisch unterfinanziert – und: Sie könne gar nicht sparen, ohne die Struktur auf Kosten ihrer Attraktivität zusammenzustreichen.

Ist dieser Konflikt neu?

Nein, der begleitet die Uni seit der Neuformierung nach der Politischen Wende. Zuletzt drohte ihr – wie auch anderen Hochschulen des Landes – 2014 gehöriger Aderlass. Geo-, Sport-, Medien- und Kommunikationswissenschaften oder Informatik standen auf der Kippe. Seinerzeit verhinderten lautstarke Proteste den Kahlschlag. Land und Hochschulen einigten sich dann aber in Bernburg darauf, notwendigen Strukturänderungen mehr Zeit zu geben. Die Frist dieses "Bernburger Friedens" sei nun abgelaufen, rechnet das Wissenschaftsministerium vor.

Wie sehen nun die Sparpläne 2022 konkret aus?

Fakultäten und Institute sollen zusammengelegt, bereits vakante Professorenstellen nicht wieder besetzt oder neu definiert werden nach dem Motto: Aus zwei mach eins. Betroffen sind dabei fast alle Bereiche wie Agrarwissenschaften, Biochemie, Pharmazie und Politikwissenschaften. Damit verringert sich auch die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter. Und natürlich stehen einige Orchideenfächer wie Indologie oder Japanologie oder Altertumswissenschaften auf der Abschussliste, die meist nur wenige Studenten vorweisen können. Unterm Strich würde es nach diesem Hochschulentwicklungsplan das Aus für 25 Professoren, 250 wissenschaftliche Mitarbeiter und damit auch den Wegfall von 4.000 Studienplätzen bedeuten.

Was befürchten die Studierenden?

Eine Universität lebt von ihrer Vielfalt, wird diese eingeschränkt, verliert eine Hochschule klar an Attraktivität. Solche Veränderungen bringen zudem viel Unsicherheit ins Studium. Unter anderem hinsichtlich der Abschlussarbeiten, wenn nicht klar ist, ob das ausgesuchte Thema auch weiterhin im Profil bleibt. Denn geht ein Professor, nimmt er auch meist sein Forschungsgebiet mit. 

Welche Folgen hätte das für die Stadt Halle?

Handfeste ökonomische Folgen, die Stadt wird weniger Zweitwohnsitzsteuer einnehmen, die Kneipen und Klubs werden es spüren, wie auch die Kinos, Theater und Museen. Und es werden dadurch auch weniger von den jungen, innovativen Leuten in der Stadt bleiben, um hier ihre berufliche Zukunft zu finden. 

Gibt es noch einen Ausweg?

Wohl kaum, denn das zuständige Ministerium pocht auf die Einhaltung der Zielvereinbarung und lehnt jede weitere Budgeterhöhung ab. Da bleibt dem Senat wohl nur übrig, in den sauren Apfel zu beißen und dem Papier zuzustimmen.

Und dann stimmt die Kasse der Uni Halle wieder?

Nicht sofort, denn bis diese ganzen Personalpläne umgesetzt sind, vergehen wohl Jahre. Professoren sind unkündbar, und auch die wissenschaftlichen Mitarbeiter sind nicht einfach vom Hof zu jagen. Als die Ingenieurswissenschaften in den 2000er-Jahren nach Magdeburg abgegeben werden mussten, dauerte es 15 Jahre, bis auch tatsächlich der letzte Professor seiner Art in Ruhestand ging.

Das heißt, dass auch in Zukunft erst einmal zusätzliches Geld aus dem Landes-Etat nach Halle fließen muss. Lediglich die Studentenzahlen könnten sofort gedrückt werden. Bestimmte Angebote wird es dann bereits im Herbstsemester nicht mehr geben und für weitere Studienfächer könnten die Zugangszahlen drastisch beschränkt werden.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 06. April 2022 | 19:00 Uhr

15 Kommentare

Denkschnecke vor 42 Wochen

Dann müssen wir leider die Physik-Fakultäten in Deutschland schließen - die Physik zählt bundesweit zu den eher wenig nachgefragten Studiengängen. Elektrotechnik meines Wissens auch. Prima Idee, danke!

Denkschnecke vor 42 Wochen

Was fehlt Ihnen denn jetzt? Die Naturwissenschaftler und Ingenieure oder die Nachwuchskräfte?
Das IPCC zitiert in seinem Bericht haufenweise naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse, die in den meisten Fälle unter der Mitwirkung von Doktoranden und Post Docs, also genau dem wissenschaftliche erbracht werden.
Im Vorstand werden Sie wohl auch in keinem größeren Unternehmen Nachwuchskräfte finden.

Ratio vor 42 Wochen

Ich glaube bisher ist nicht allen deutlich geworden, was die Einsparungen bedeuten. Im übrigen ist die MLU kein Loch in das man Geld reinwirft und es verschwindet für immer- jeder Euro kommt in irgendeiner Form zweifach zurück (wissenschaftlich belegt)!
Bereits jetzt ist die Realität, dass im künftigen Semester keine Studienplätze für das Sozialkunde Lehramt mehr vergeben werden können. Wohingegen dass Land doch immer über den Lehrermangel klagt ?
#Moderndenken steht auf den Autobahnen bei der Einfahrt nach Sachsen-Anhalt. Demnächst dann aber ohne politische Bildung, denn durch die Sparmaßnahmen können in den nächsten Jahren mindestens 240 Sozialkunde-Lehrer weniger ausgebildet werden. Wenn das politischer Wille ist, dann kann sich in der Landesregierung auch keiner mehr wundern, warum das rechte und linke Parteienspektrum immer stärker wird.

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