"Ich bin relevant" Hallenserin fotografiert Selbstständige im Lockdown

Luise Kotulla
Bildrechte: Alexander Kühne

Eigentlich fotografiert sie Babybäuche und Hochzeiten, doch durch Corona ist etwas Anderes in den Fokus von Fotografin Anja Grothe gerückt: Selbstständige wie sie, die ihrer Berufung nicht mehr nachkommen dürfen. Von ihnen macht sie kostenlos Fotos für ein Projekt, das sie ihr Herzensprojekt nennt. Und das ist mittlerweile viel größer geworden, als sie sich hätte vorstellen können.

Vier Portraits auf Staffeleien
Viele Portraits hat Anja Grothe bereits geschossen und bearbeitet, nur wenige Shootings stehen noch aus. Bildrechte: Luise Kotulla

Systemrelevant oder nicht systemrelevant – das ist die Frage und das Ärgernis, die die Hallenserin Anja Grothe zu ihrem Foto-Projekt inspirierten. Im Februar hatte sie von einer Fotografen-Kollegin gelesen, die die Klassifizierung als "systemunrelevant" derart wichtig nahm, dass sie an ihrer Berufung zweifelte. Ihre Arbeit empfand sie plötzlich als wertlos.

Nachts konnte Anja Grothe nicht schlafen, grübelte über die Kollegin und andere Freunde, die kreative Berufe haben und voll in ihren Jobs aufgingen – die nun aber kaum wiederzuerkennen waren ohne ihre Arbeit als Sänger, Schauspieler oder Barkeeper. "Da habe ich gesagt, mir reicht es jetzt, ich bin als Fotografin auch Künstlerin und ich möchte diese Möglichkeit nutzen, all den Menschen eine Stimme und ein Gesicht zu geben und ihnen zu zeigen, dass wir auch relevant sind", sagte Anja Grothe MDR SACHSEN-ANHALT.

Eine Frau mit offenem Haar und Fotoapparat in den Händen
Anja Grothe arbeitet als selbstständige Fotografin und hat sich deshalb auch selbst in ihr Foto-Projekt aufgenommen. Bildrechte: Luise Kotulla

Anja Grothe Die gebürtige Hallenserin ist 36 Jahre alt, hat einen vierjährigen Sohn und eine knapp einjährige Tochter. Momentan ist sie in Elternzeit. Anja Grothe hat Medien- und Kommunikationswissenschaften studiert und fotografiert vor allem Kinder, Familien und Hochzeiten. Seit zwei Jahren arbeitet sie hauptberuflich als Fotografin. Ihr jetziges Fotoprojekt ist kostenfrei für die Protagonisten und ein reines "Herzensprojekt".

Schwarz, als trügen sie Trauer

Dunkler Hintergrund, dunkle Kleidung, ganz minimalistisch – seit Anfang März lichtet die 36-Jährige jede Woche etwa drei Leute ab. Manche weinen vor ihrer Kamera, fast alle schütten ihr ihr Herz aus. Sprechen über Schulden, die sie machen mussten, über Kommentare wie: "Was bist du für ein Selbständiger, wenn du nicht mal ein Jahr überstehen kannst." Fast alle können sich finanziell nur über Wasser halten, weil sie einen Partner mit einem sicheren Job haben.

Ein Mann mit Shaker blickt ernst in die Kamera.
Bar-Inhaber und Barkeeper André Hamann ist wegen des Lockdowns frustriert. Sein Foto findet er gelungen. Bildrechte: Anja Grothe Fotografie

So geht es auch André Hamann, Inhaber einer Bar mitten in Halle. Er erzählt frustriert nach dem Shooting im Fotostudio von Anja Grothe: "Ich lebe von meiner Frau. Ich bin jeden Tag arbeiten und bringe keinen Cent nach Hause." Trotzdem schließt er jeden Tag wieder die Tür zum "Lujah" auf, arbeitet am Hygienekonzept und mixt sogar Cocktails – denn er verkauft "Locktails", die sich die Kunden mitnehmen können oder geliefert bekommen.

Ein Mann mit Schürze steht an einen Tresen gelehnt in einer Bar.
André Hamann in seiner leeren Bar, dem "Lujah". Bildrechte: Luise Kotulla

Durch die Kurzarbeit konnte er wenigstens einen Barkeeper und zwei Köche behalten, sagt er, doch viele langjährige Mitarbeiter hätten sich fachfremd etwas Neues suchen müssen. "Man sieht die Leere, man fühlt es, es tut schon von Tag zu Tag immer mehr weh, inzwischen ist es über ein halbes Jahr. Und man verliert immer mehr gute Mitarbeiter", sagt André Hamann.

Zwei von mehr als 30 Portraits

Ein Mann mit Schürze und Messern blickt ernst in die Kamera.
Event-Koch und Caterer Mario Rühs Bildrechte: Anja Grothe Fotografie
Ein Mann mit Schürze und Messern blickt ernst in die Kamera.
Event-Koch und Caterer Mario Rühs Bildrechte: Anja Grothe Fotografie
Eine Frau mit Fotoapparat blickt ernst in die Kamera.
Fotografin Anja Grothe Bildrechte: Anja Grothe Fotografie
Alle (2) Bilder anzeigen

Viele wollen beim Projekt dabei sein

Eine Frau fotografiert einen Mann mit Maske, Schürze und Shaker.
Die Portraitierten bringen alle ein Accessoire mit, das sie häufig bei ihrer Arbeit verwenden. Bildrechte: Luise Kotulla

Der Bar-Inhaber und Fotografin Anja Grothe kennen sich seit mehr als zehn Jahren, als sie während ihres Studiums einen Kurzfilm im "Lujah" gedreht hatte – damals war André Hamann noch Angestellter in der Bar. "Wenn ich jemanden anschreibe und gern dabei hätte, bekomme ich so gut wie immer ein 'Ja' und sofortige Bereitschaft", erzählt Anja Grothe stolz.

Mittlerweile melden sich auch fremde Leute bei ihr und fragen, ob sie dabei sein können. Fast 30 Portraits sind es nun samt Interview mit jedem Portraitierten. Bis auf einen arbeiten alle in Halle.

Es ist sehr viel schneller gewachsen, als ich es mir tatsächlich hätte erträumen können.

Anja Grothe Selbstständige Fotografin aus Halle
Eine Frau mit Notizbuch
Zu jedem Foto entsteht auch ein Interview, das die studierte Kommunikationswissenschaftlerin führt. Bildrechte: Luise Kotulla

"Ich möchte mit den Fotos zeigen, dass es ganz viele Menschen gibt, die derzeit durch den Begriff ‚systemrelevant‘ unter den Tisch fallen, die aber für unsere Gesellschaft, für unseren Wohlfühlfaktor und das Glücksgefühl, das wir alle brauchen, ganz wichtig sind", fasst Anja Grothe zusammen. Sie setzt das Foto-Projekt in ihrer Elternzeit um und bekommt es nur gestemmt, weil ihr Partner und Großeltern den Rücken freihalten. "Es ist sehr viel schneller gewachsen, als ich es mir tatsächlich hätte erträumen können." Lediglich fünf oder sechs Fotos hatte sie geplant, nun werden es wahrscheinlich 40. Mit den Bildern will sie sich selbst und anderen Mut machen, dass sie auch diese beruflich schwierigen Monate überstehen.

Wo die Fotos zu sehen sind Anja Grothe veröffentlicht Fotos und Interviews auf ihrer Homepage anja-grothe-fotografie.de/herzensprojekt sowie bei Facebook und Instagram. Sie plant auch eine Ausstellung mit den Bildern, sobald es wieder möglich ist. Erster Ausstellungsort wird vermutlich das Neue Theater in Halle. Dort arbeitet der Portraitierte, den sie zu allererst fotografiert hatte – ein befreundeter Theaterschauspieler.

Luise Kotulla
Bildrechte: Alexander Kühne

Über die Autorin Luise Kotulla arbeitet seit 2016 als freie Mitarbeiterin bei MDR SACHSEN-ANHALT. Schwerpunkte der gebürtigen Hallenserin sind Themen aus dem Süden Sachsen-Anhalts, rund um engagierte Menschen und Probleme vor Ort. Außerdem ist sie für MDR um 4 als Fernsehredakteurin unterwegs. Bevor sie zum MDR kam, hat sie beim Stadtfernsehen TV Halle gearbeitet. Sie studierte Geschichte, Medienwissenschaft und Online-Journalismus in Halle und Großbritannien. Ihre Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt liegen in und um Halle, im Burgenlandkreis und im Harz.

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Die Rollläden sind an einem geschlossenen Friseursalon heruntergelassen. Bildrechte: dpa

MDR/Luise Kotulla

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 09. Mai 2021 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

ElBuffo vor 6 Wochen

"Systemrelevant" hätte natürlich auch das Zeug zum Unwort des Jahres gehabt. Diejenigen, die den Wohlstand erzeugen sind für das System unrelevant, während die Wohlstandsverbraucher dafür umso relevanter sind.

Erichs Rache vor 6 Wochen

Ich würd mal behaupten, diese Bilder werden für unsere Kinder Dokumente der Zeitgeschichte ...

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