Schwangerschaft und Geburt Nora arbeitet als Doula – als "Dienerin der Frau"

Luise Kotulla
Bildrechte: Alexander Kühne

Eine Geburt ist einer der emotionalsten und verletzlichsten Momente im Leben einer Frau. Intensive Begleitung ist nötig, doch eine Hebamme kann das oft allein nicht leisten. Die Lücke füllen Doulas wie Nora Kremeskötter, die in Halle Frauen und Paare monatelang auf die Geburt vorbereitet und dann auch dabei ist. Übersetzt bedeutet Doula "Dienerin der Frau".

Eine Geburt kann ganz schön Angst machen, besonders, wenn man schon einmal eine schlechte Geburtserfahrung machen musste. So geht es auch Nina Conzen. Sie ist im 7. Monat schwanger und hat bereits einen zweieinhalb-jährigen Sohn. Seine Geburt war schwer, erzählt sie MDR SACHSEN-ANHALT. Deshalb habe sie sofort nach dem positiven Schwangerschaftstest für ihr Baby, das im Mai geboren werden soll, eine Doula angerufen – die 35-jährige Nora Kremeskötter.

Ihr erzählt Nina in ihrer Wohnung in Halle von ihren Ängsten. Davon, dass sie und ihr Freund Julian sehr vertrauensvoll und positiv an die erste Geburt herangegangen waren, aber die Stimmung dann gekippt ist. "Wir haben im Kreißsaal drei Hebammen erlebt, weil es unheimlich lange gedauert hat", sagt Nina. "Die Geburt ging einfach nicht weiter vorwärts. Und ich habe irgendwann einen Schmerz gespürt, wo ich gemerkt habe, dass das nicht mehr normal ist und es sich nicht so anfühlt, als ob da irgendetwas im Positiven weiter geht." Doula Nora hört genau zu, sieht, wie schwer Nina die Erinnerung fällt, bedeutet ihr, tief zu atmen.

Schmerzen, die niemand glaubt

Eine Schwangere liegt auf einer Couch, eine junge Frau hält sie an der Hüfte.
Nina hat ihre erste Geburt als sehr gewaltvoll und wenig selbstbestimmt erlebt. Doula Nora zeigt ihr Entspannungsübungen. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Das Schlimmste für Nina: Die Hebamme damals glaubt ihr nicht, dass sie unnatürlich starke Schmerzen hat, sondern vertraut der Technik. "Das war ein ziemlich krasser Moment, als ich das gecheckt habe", sagt die studierte Modedesignerin MDR SACHSEN-ANHALT. Ihr Freund Julian war zwar dabei, aber er war genauso hilflos wie Nina, der er nicht helfen konnte. Der Kaiserschnitt, der nach vielen Stunden gemacht wird, erleichtert Nina, obwohl sie ihren Sohn auf keinen Fall so auf die Welt bringen wollte. Sie und auch ihre Doula sind sich sicher: Mit einer Doula als zusätzliche Begleiterin unter der ersten Geburt wäre ihr einiges an Leid erspart geblieben.

"Wenn die Geburt sehr schwierig war, brauchen die Frauen eigentlich Zeit, um mit der Geburt umzugehen", sagt Nora Kremeskötter. Im schlimmsten Fall entsteht ein Trauma. Deswegen will sie Nina und den anderen Schwangeren, die sie begleitet, helfen, eine positive Geburtserfahrung zu machen. "Die positiven Geburtserfahrungen geben ganz viel Kraft. Die Frauen kommen in Kontakt mit ihrer ‚Urkraft‘ und kommen ganz selbstbewusst und stark da raus." Laut Nora kann auch ein Kaiserschnitt als eine sehr gute Erfahrung empfunden werden, solange die Frauen sich wirklich selbstbestimmt und selbstbewusst fühlen.

Nora hat so eine positive Sicht auf Geburt und ist überzeugter als ich, dass ich gebären kann. Das tut total gut.

Nina Conzen ist im 7. Monat schwanger

Die schwangere Nina braucht Nora, um wieder Vertrauen zu fassen. "Nora hat so eine positive Sicht auf Geburt und ist überzeugter als ich, dass ich gebären kann. Das tut total gut", sagt Nina. Zusammen mit Ninas Freund Julian arbeiten sie die erste Geburt auf und bekommen Atem- und Entspannungsübungen für die nächste  gezeigt. Nora wird bei der Geburt im Mai auch als Beschützerin dabei sein, so empfindet es zumindest Nina. Und das ist gut, denn je entspannter sie ist, desto leichter kann ihr Kind geboren werden.

Eine junge Frau mit zusammengebundenen Haaren und großem Tuch um den Hals sitzt entspannt auf einem Stuhl.
Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Nora Kremeskötter Die 35-Jährige ist gelernte Yogalehrerin und hat Philosophie, Kulturreflexion und kulturelle Praxis studiert. Sie hat drei Kinder im Alter von 12, 10 und 6 Jahren. Seit 2016 lebt sie mit ihrer Familie in Halle. Hier hat sie begonnen, selbstständig als Doula zu arbeiten und begleitet ca. 20 Paare pro Jahr vor, während und nach der Geburt. Sie gibt zudem Achtsamkeits- und Yogakurse.

Als Doula ist sie bei Hausgeburten, im Geburtshaus oder im Kreißsaal dabei, je nachdem, wo die Schwangere entbinden möchte. Sie selbst habe zwei wunderschöne Geburtserfahrungen machen dürfen. Für andere möchte sie diese Momente mitgestalten und zudem helfen, so gut wie möglich vorbereitet zu sein, um dann ohne Angst zu gebären. 650 Euro kostest ihre Begleitung insgesamt mit Hausbesuchen und 20 Tagen Rufbereitschaft rund um die Geburt.

Vertrauen auf die Intuition der Schwangeren

Eine Doula tut alles, damit es der Schwangeren bzw. der Gebärenden seelisch und körperlich gut geht. Sie beobachtet genau, hat ein umfangreiches Wissen und vor allem vertraut sie auf die Intuition der Frauen. Medizinisch greifen Doulas aber nicht ein, sie machen auch keine Untersuchungen – ersetzen auf keinen Fall die Hebamme.

Ein Paar, ihre Doula und eine Hebamme sitzen an einem Küchentisch.
Gemeinsam mit einer Hebamme (links vorn) sprechen die Doula und das Paar über Geburten. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Trotzdem haben sie bei Hebammen nicht immer einen guten Stand. "In Kliniken gibt es schon Vorbehalte", erzählt Nora Kremeskötter. Sie selbst habe sich vor anderthalb Jahren im halleschen Uniklinikum vorgestellt. Mittlerweile ist ihre Arbeit dort so anerkannt, dass sie trotz Corona mit den Paaren, die sie begleitet, in den Kreißsaal darf – als eine der wenigen Doulas in Halle. Es gibt mittlerweile auch Studien, dass es bei Begleitung mit einer Doula weniger medizinische Eingriffe braucht. Wenn es der Frau psychisch gut geht und sie sich gut aufgehoben fühlt, wirkt sich das aus.

Nicht alle Hebammen schätzen Doulas

Susanne Gonschior, eine Hausgeburtshebamme, erzählte MDR SACHSEN-ANHALT von den Vorteilen, bei einer Geburt eine Doula dabei zu haben. "Entspannend, es ist einfach schön. Ich mache das, was ich machen muss und dann ziehe ich mich wieder zurück." Sie müsse zwar regelmäßig die Herztöne beim Baby kontrollieren und den Blutdruck, Puls und teils auch die Temperatur der Frau. Aber beispielsweise könne sie der werdenden Mutter viele vaginale Untersuchungen ersparen, weil sie sie ganz anders beobachten könne. Einige Kolleginnen wollen laut der Hebamme keine Doula dabei haben. Aber Susanne Gonschior ist sich sicher: Doula und Frau würden sich zu all den Vorteilen auch viel besser kennen und eine innigere Beziehung aufbauen, als es für sie als Hebamme möglich sei.

Die Geburt war ein totaler Flow, ich war kraftvoll und am Anfang auch noch sehr entspannt.

Anja Schmidt hat im Dezember ihr zweites Kind bekommen
Eine vierköpfige Familie sitzt an einem Tisch mit ihrer Doula.
Nora besucht Anja und Sebastian, die mit ihr ein letztes Mal über die gemeinsam erlebte Geburt sprechen. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

So war es auch bei Anja Schmidt und Nora. Anja hat im Dezember ihr zweites Kind auf die Welt gebracht und neben ihrem Freund Sebastian war auch Nora dabei. "Die Geburt war ein totaler Flow, ich war kraftvoll und am Anfang auch noch sehr entspannt, deswegen hatten alle anderen das Gefühl, die Geburt ging super schnell", erzählt Anja MDR SACHSEN-ANHALT. Sie hatte sich intensiv mit Nora vorbereitet, ihren Yogakurs besucht, Achtsamkeitsübungen gemacht, meditiert. Immer in der Hoffnung, dass sich ihre weniger schöne erste Geburt nicht wiederholt.

Entspannte Geburt, entspanntes Baby

Nora erinnert sich: "Wir haben uns am Tag, bevor die Geburt losging, nochmal getroffen. Da hatte sie ganz viele Bedenken", so die Doula. Sie habe mit Anja dann "Körperarbeit gemacht und ein paar Dinge besprochen". Und dann habe kurze Zeit später die Geburt begonnen. Anjas Freund Sebastian ist Nora sehr dankbar für das Selbstbewusstsein, das sie beiden gegeben hat. Und dank der als positiv empfundenen Geburt ist auch ihr Baby entspannt. Der Kleine habe nicht einmal geschrien, als er frisch auf der Welt war, erzählt Sebastian.

Eine vierköpfige Familie lächelt in die Kamera.
Anja liebt ihr Baby und ihre ältere Tochter gleich, aber die Geburt der Älteren war weniger schön. Bildrechte: MDR/Luise Kotulla

Nora liebt es zu sehen, wie die Frauen und Paare sich entwickeln, wachsen und zu einer Familie werden. "Auch einen Raum für Heilung aufzumachen, also nach einer schwierigen Erfahrung unter Geburt, die heilen kann nach einer schönen zweiten Geburt." Das erhofft sich auch Nina, die noch knapp zwei Monate warten muss, bis ihr zweites Kind geboren wird.

Luise Kotulla
Bildrechte: Alexander Kühne

Über die Autorin Luise Kotulla arbeitet seit 2016 als freie Mitarbeiterin bei MDR SACHSEN-ANHALT. Schwerpunkte der gebürtigen Hallenserin sind Themen aus dem Süden Sachsen-Anhalts, rund um engagierte Menschen und Probleme vor Ort. Außerdem ist sie für MDR um 4 als Fernsehredakteur unterwegs. Bevor sie zum MDR kam, hat sie beim Stadtfernsehen TV Halle gearbeitet. Sie studierte Geschichte, Medienwissenschaft und Online-Journalismus in Halle und Großbritannien. Ihre Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt liegen in und um Halle, im Burgenlandkreis und im Harz.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR UM 4 | 25. Februar 2021 | 16:00 Uhr

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