Gedenktag am 9. Oktober 2020 Wie Halle an den Anschlag vor einem Jahr erinnerte

In Halle ist am Freitag an den rechtsextremen Anschlag vor einem Jahr erinnert worden. Nach Glockengeläut und einer Demokratiekonferenz standen am Nachmittag die Tatorte im Blickpunkt. Dort wurden Gedenktafeln und ein Mahnmal enthüllt. Die zentrale Gedenkveranstaltung der Stadt fand in der Ulrichskirche statt. Eine Übersicht.

Auf eine Hauswand wurden die Namen der Opfer des Halle-Anschlags gesprüht.
Mit einem gedenktag wurde an den Anschlag in Halle und die beiden Getöteten erinnert. Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

  • Mit Glockengeläut, Diskussionsrunden und verschiedenen Gedenkveranstaltungen wurde am Freitag in Halle an den rechtsterroristischen Anschlag vor einem Jahr erinnert.

  • Bereits am Morgen sprach Ministerpräsident Reiner Haseloff davon, dass sich durch den Anschlag alles verändert habe.

  • Am Vormittag haben Sachsen-Anhalts Landtagspräsidentin Brakebusch und Vertreter des Zentralrats der Juden vor der Synagoge in Halle Kränze niedergelegt. Damit erinnerten sie an den rechtsextrem motivierten Anschlag vor genau einem Jahr.

  • Nachdem um 12:01 Uhr alle Kirchenglocken der Stadt leuteten und das öffentliche Leben für einige Minuten stillstand, fand im Anschluss eine Demokratiekonferenz des Landes Sachsen-Anhalt statt. Sie sollte dazu beitragen, Handlungsansätze gegen Rassismus und Antisemitismus aufzuzeigen.

  • Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Halle, Privorozki, gedachte der bei dem Anschlag getöteten Menschen.

  • Bundespräsident Frank Walter Steinmeier und der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, haben ein Mahnmal an der Synagoge und eine Gedenktafel am Kiez-Döner eingeweiht.

  • Bei der zentralen Gedenkveranstaltung in der Ulrichkirche sagte Steinmeier: "Menschenfeindlichkeit trifft nicht jeden, aber sie betrifft uns alle." Ministerpräsident Haselhoff sprach von einer Zäsur für das Land.

Glockengeläut, Kranzniederlegung, Gedenkveranstaltung Der Jahrestag des Halle-Anschlags in Bildern

Synagoge Halle
Der Tag beginnt an der Synagoge in Halle. Sie war vor einem Jahr das Ziel des rechtsextremen Terroranschlags. Bildrechte: dpa
Synagoge Halle
Der Tag beginnt an der Synagoge in Halle. Sie war vor einem Jahr das Ziel des rechtsextremen Terroranschlags. Bildrechte: dpa
Mit Plastik bedeckte Kränze stehen vor einer Mauer hinter der die Türmchen einer Synagoge zu sehen sind
Schon am Morgen wurden die Kränze geliefert, die später übergeben werden sollen. Bildrechte: MDR/Stephan Schulz
Kerzen und Blumen stehen und liegen vor einer Hauswand.
Menschen haben an der Synagoge außerdem zahlreiche Kerzen aufgestellt und Blumen niedergelegt. Bildrechte: MDR/Sebastian Mantei
Polizisten sperren eine Straße ab.
Die Polizei überwacht das Gelände rund um die Synagoge. Bildrechte: MDR/Julian Kanth
Gedenken an Anschlag in Halle
Auf dem Markplatz in Halle erinnert eine Ausstellung an den Anschlag vor einem Jahr. Bildrechte: MDR/ O. Leiste
Eine Gruppe von Menschen steht auf dem Marktplatz in Halle.
Um kurz nach 12 Uhr läuten alle Kirchenglocken der Stadt, das Leben kommt in stillem Gedenken kurz zum Erliegen. Auf dem Marktplatz treffen sich zahlreichen Menschen. Bildrechte: MDR/Julian Kanth
Polizeiautos auf dem Marktplatz in Halle
Die Polizei zeigt Präsenz auf dem Marktplatz. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke
Menschen laufen auf den Marktplatz in Halle
Für die Menschen sind mehrere Orte und Veranstaltungen geschaffen worden, um in kleineren Runden zusammen zu kommen. Damit soll laut Oberbürgermeister Bernd Wiegand die Sicherheit während der Corona-Pandemie gewährleistet werden. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke
Menschen stehen und sitzen unter einem Pavillion.
Zum Beispiel kamen die Menschen an den Steintor-Passagen zusammen. Bildrechte: MDR/Maria Hendrischke
Drei Frauen malen mit Kreide etwas auf den Boden.
Viele zeigen auch ihre Anteilnahme, indem sie Botschaften mit Kreide auf die Straßen und Wege malen und schreiben. Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé
Auf dem Boden steht "Zusammen gegen den Terror"
Die Botschaften vermitteln: Wir sind nicht allein... Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé
Ein Mann schreibt mit Kreide auf einen Gehweg.
... und zusammen stark. Bildrechte: MDR/Julian Kanth
Max Privorozki (l-r), Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Halle, Bernd Wiegand (parteilos), Oberbürgermeister von Halle, und Petra Grimm-Benne (SPD), Sozialministerin von Sachsen-Anhalt, sitzen in der Demokratiekonferenz im Stadthaus, die sich mit den Themen Rechtsextremismus und Antisemitismus beschäftigt.
Am frühen Nachmittag hat im Stadthaus eine Demokratiekonferenz stattgefunden, die sich mit den Themen Rechtsextremismus und Antisemitismus beschäftigt hat. Gäste waren unter anderem der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Max Privorozki, Oberbürgermeister Bernd Wiegand und Sozialministerin Petra Grimm-Benne. Bildrechte: dpa
Kränze stehen vor einer Hauswand.
Die Kränze vor der Synagoge sind am Nachmittag von ihren "Regenmänteln" befreit worden. Bildrechte: MDR/Sebastian Mantei
Vor einem Döner-Geschäft wurden Kränze abgelegt.
Auch vor dem Kiez-Döner, in dem vor einem Jahr Kevin S. vom Attentäter erschossen wurde, sind Kränze niedergelegt worden. Bildrechte: MDR/Julian Kanth
Eine Mauer wurde mit Strichmännchen bemalt.
An vielen Orten tauchen auch die beiden Namen der Opfer Jana L. und Kevin S. auf. Bildrechte: MDR/Sebastian Mantei
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Ein Zettel, Blumen und Kerzen liegen auf dem Boden.
Bildrechte: MDR/Ann-Kathrin Canjé

Kirchengeläut und Friedensgebet in der Marktkirche

Um 12:01 Uhr, dem Zeitpunkt der ersten Schüsse auf die Synagogentür, haben alle Kirchenglocken in Halle geläutet. Für drei Minuten kam das öffentliche Leben zum Erliegen gekommen, Bahnen und Busse hielten außerplanmäßig. Im Anschluss sprach der mitteldeutsche Landesbischof Friedrich Kramer in der Marktkirche ein Friedensgebet.

Demokratiekonferenz im Stadthaus

Um 12:30 Uhr begann im Stadthaus eine von Sachsen-Anhalts Landesregierung organisierte Demokratiekonferenz begonnen. Diese befasste sich mit aktuellen Forschungen und Strategien zur Bekämpfung von Antisemitismus und Rassismus. Unter den Teilnehmern waren der Antisemitismus-Beauftragte des Bundes, Felix Klein, sowie Edgar Franke, der Beauftragte der Bundesregierung für die Anliegen von Opfern und Hinterbliebenen von terroristischen Straftaten im Inland.

Neuer Podcast "Das Leben danach"

Am Freitag erscheint die erste Episode des MDR SACHSEN-ANHALT-Podcasts "Das Leben danach" von Marie Landes und Roland Jäger. Den Podcast finden Sie im bei uns im Netz und überall, wo es Podcasts gibt.

Mahnmal im Innenhof der Synagoge enthüllt

Am Nachmittag hat die Jüdische Gemeinde im Innenhof der angegriffenen Synagoge ein Mahnmal enthüllt. Im Zentrum des Kunstwerks steht die Tür des Gotteshauses, die am 9. Oktober 2019 den Schüssen des Attentäters standhielt. Die Tür habe standgehalten und sei dennoch ein Zeichen der Zerstörung, sagte der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, bei der Enthüllung am Freitag. Die Juden in der Synagoge hätten Todesangst ausstehen müssen und zwei Menschen hätten die Wut des Täters über sein Scheitern mit dem Leben bezahlt. "Die Einschusslöcher erinnern uns daran: Hätte der Täter bessere Waffen gehabt, wäre es zu einem entsetzlichen Blutbad gekommen."

Die Künstlerin Lidia Edel hatte aus der Tür, die vor einem Jahr den Schüssen des Attentäters standhielt, ein Denkmal gefertigt. Die Tür mit den sichtbaren Einschusslöchern wird von einer Eiche gehalten, deren Äste eine Hand darstellen. 52 silberne Blätter hinter der Tür symbolisieren die Überlebenden des Anschlags - jeweils zwei Blätter vor der Tür erinnern an die Toten und Verletzten.

Das Mahnmal im Innenhof der Synagoge in Halle
Dieses Mahnmal erinnert künftig an den Anschlag auf die Synagoge. Bildrechte: MDR/Bodo Bergmann

Gedenktafeln an Kiez-Döner und im Stadion

Schuster sagte, er sei mit gemischten Gefühlen nach Halle gereist. Die Erinnerung an den Tattag löse immer noch Schmerz aus, gleichzeitig freue es ihn, wie sehr die Gemeinde zusammenstehe und wie viele Solidaritätsbekundungen es gegeben habe. "Deutschland ist unser Zuhause", sagte Schuster weiter. Halle sei das Zuhause der hiesigen Gemeinde und der Familien und Freunde der beiden Getöteten. "Und dieses Zuhause lassen wir uns nicht nehmen!"

Neben dem Mahnmal wurden an der Synagoge auch eine Gedenktafel enthüllt und Kränze niedergelegt – etwa von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier. Im Anschluss wurde eine Gedenkplatte auf dem Bürgersteig an dem Döner-Imbiss, in dem der Attentäter einen jungen Mann erschoss, eingeweiht. Auch dort wurden Kränze niedergelegt. In der Fankurve des HFC-Stadions erinnert seit Freitag ebenfalls eine kleine Gedenktafel an den getöteten Kevin S., der ein Anhänger der Rot-Weißen war.

Menschen stehen vor Gedenk-Kränzen in einer Straße.
Auch am Kiez-Döner wurde eine Gedenktafel enthüllt. Bildrechte: MDR/Sebastian Mantei

Zentrale Gedenkveranstaltung in der Ulrichskirche

Bei einer zentralen Gedenkveranstaltung in der Ulrichskirche sagte Halles Oberbürgermeister Wiegand, jüdisches Leben sei ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft. Er gedachte der Opfer in Halle und im nahe gelegenen Wiedersdorf. Wiegand sagte, das Attentat habe eine schmerzvolle Wunde hinterlassen, die noch nicht verheilt sei.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erklärte, er empfinde Scham und Zorn darüber, dass es nötig sei, jüdische Gotteshäuser in Deutschland zu schützen und dass die antisemitischen Gewalttaten wieder zunähmen. Er verwies zudem auf zahlreiche andere rechtsextreme Gewalttaten der vergangenen Jahre und Jahrzehnte – etwa den Anschlag auf das Münchner Oktoberfest vor 40 Jahren, den Mord an Walter Lübcke und das Attentat in Hanau. Das Grundgesetz sei eine Verpflichtung für jeden Einzelnen, sich einzumischen. "Jeder und jeder muss aufstehen, wenn die Menschenwürde anderer missachtet wird."

In der Marktkirche haben am Abend außerdem noch der evangelische Landesbischof Kramer und der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige ein kurzes Abendgebet gesprochen.

Prozess gegen den Attentäter läuft

Am 9. Oktober 2019 hatte der schwer bewaffnete Attentäter versucht, in der Synagoge ein Massaker anzurichten. Als er nicht eindringen konnte, erschoss er eine Passantin und den Gast eines Döner-Imbisses und verletzte auf der Flucht ein Ehepaar schwer. Er filmte seine Taten und streamte sie live im Internet. In der Synagoge hielten sich zu dem Zeitpunkt rund 50 Teilnehmer eines Gottesdienstes auf. Am 21. Juli begann der Prozess gegen den 28-jährigen Angeklagten aus Sachsen-Anhalt.

Quelle: KNA, MDR/agz/olei/ff

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 09. Oktober 2020 | 05:00 Uhr

49 Kommentare

Mediator vor 49 Wochen

Es ist schon logisch, dass aus den Reihen derjenigen die die Gefahren des Rechtsextremismus kleinreden wollen Worte wie die ihren kommen. Die AfD hat ja auch schon versucht die Debatte weg vom Rechtsextremismus und Antisemitismus hin zu einer x-beliebigen Gewalttat zu lenken. Ich darf hinzufügen auf eine oft äußert abscheuliche und pietätlose Weise.

Bleibt für mich die Frage, warum die AfD so etwas tut. Mögliche Antworten sind ihre Nähe zu Rechtsextrmisten innerhalb und ausserhalb der Partei, antisemitische Positionen von AfD Funktionsträgern denen nur halbherzig wiedersprochen wird und immer wieder durch die Blume angedeutete Gewalt als Lösung von Konflikten. Dazu kommt, dass die AfD die gleichen Verschwörungstheorien bedient, auf die sich der Täter bezogen hat. (Umvolkung, Kampf um das Überleben des Volkes, usw)

Ralf Richter vor 49 Wochen

Doch, das ist mein Ernst !!!
Für mich hätte das Jahresgedenken wie folgt stattfinden müssen.
Die anwesenden Politiker und Vertreter der jüdischen Gemeinde veranstalten die Feier an den Gräbern der Getöteten.
So und nicht anders!

Der Matthias vor 49 Wochen

Wie sagte doch der frühere AFD-Pressesprecher Christian Lüth: "Wir können die nachher immer noch alle erschießen, das ist überhaupt kein Thema, oder vergasen, oder wie du willst, mir egal."
Wer den Zusammenhang zwischen solchen monströsen Taten wie der in Halle o. Hanau und dem geistigen Brandstifertum dieser Partei immer noch nicht erkennt (und die Aussage von Lüth war da nur ein weiterer, trauriger Höhepunkt in einer ganzen Reihe derartiger Ungeheuerlichkeiten), der ist entweder mit totaler Blindheit geschlagen oder steht politisch selber soweit rechts, dass er mit solchen Gewaltphantasien und ihren Exzessen offensichtlich keinerlei Probleme hat. Wer den geistigen Nährboden für solcherlei Taten bereitet (erinnert sei auch an den Mord an Walter Lübcke), ist inzwischen ja hinreichend bekannt, auch, was den politischen Hintergrund der Täter betrifft. Man muss nur Eins und Eins zusammenzählen können.

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