Ausbildungen Handwerk wirbt um Studienabbrecher

MDR-Wirtschaftsjournalist Ralf Geißler
Bildrechte: Ralf Geißler

Das Handwerk sucht seit Jahren nach Nachwuchs. Allein im Kammerbezirk Halle sind in diesem Jahr 500 Ausbildungsplätze leer geblieben. Nun werben die Handwerkskammern gezielt um Studienabbrecher, da diese aufgrund ihres höheren Schulabschlusses für bestimmte Berufe besonders interessant seien.

Schornsteinfeger auf dem Dach eines Hauses
In vielen Handwerksberufen sind Ausbildungsplätze unbesetzt – auch bei den Schornsteinfegern. Bildrechte: dpa

"Jonas, wir haben heute den Schornstein zu kehren. Du siehst, dass die unterschiedlich stark benutzt sind. Aber die müssen trotzdem jeder einmal beziehungsweise zweimal im Jahr gekehrt werden. Frei weg. Du kannst." Über den Dächern von Halle zeigt Schornsteinfeger Thomas Keindorf seinem Lehrling Jonas Groth, wie man eine Esse kehrt. Der Nachwuchs legt beherzt los.

Jonas Groth macht nach einem abgebrochenen Studium eine Ausbildung zum Schornsteinfeger.
Jonas Groth macht nach einem abgebrochenen Studium eine Ausbildung zum Schornsteinfeger. Bildrechte: Handwerkskammer Halle

Dabei war es nach Jonas' Abitur nicht absehbar, dass er einmal in die Schornsteinfeger-Lehre gehen wird: "Ich hatte erst zwei Jahre studiert", sagt Jonas: "Da musste ich aber doch feststellen, dass das alles sehr theoretisch ist und dann kam Corona noch dazu und ich musste noch mehr zu Hause sitzen, noch mehr von zu Hause aus zu arbeiten, vorm Laptop zu sitzen. Das war einfach nicht das Richtige für mich."

Statt einer Universität besucht Jonas nun die Berufsschule – neben seiner praktischen Ausbildung. Seine Geschichte ist kein Einzelfall. Gezielt werben die Handwerkskammern inzwischen um Studienabbrecher. Das Potenzial ist groß. Nach Zahlen des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks brechen 27 Prozent aller Studierenden noch vor der Bachelor-Prüfung ihr Studium wieder ab.

Chance auf Leitungsfunktionen für Gymnasiasten

Heiko Fengler ist bei der Handwerkskammer Halle beauftragt, genau diese jungen Menschen anzusprechen: "Ein Studienzweifler hat ja ein entsprechendes Niveau. Also aufgrund seines höherwertigen Schulabschlusses. Das bedeutet, dass der auch im handwerklichen Betrieb, wenn er so weit ist, auch Leitungsfunktionen übernehmen kann, wenn er seine Ausbildung und vielleicht seinen Meisterabschluss absolviert hat." Das spiele für die Handwerkskammer eine entscheidende Rolle.

Vom Studienabbrecher zum Gesellen, vom Gesellen zum Meister. Das ist der Weg, den Fengler aufzeichnet. Er berät an den Hochschulen Halle, Köthen und Merseburg und erklärt, in welchen Berufen der Einstieg sich lohnt: "Wir versuchen auch im Bereich der Gesundheitsberufe, also Augenoptiker, Hörakustiker, Zahntechniker zu empfehlen, weil hier auch in den Betrieben die Anforderungen recht hoch sind. Die wünschen sich immer Bewerber mit höherwertigem Schulabschluss und das trifft ja am Ende auf die Studienzweifler zu."

Viele offene Ausbildungsplätze

Möglichkeiten gebe es viele, sagt auch Dachdecker Thomas Keindorf, der zugleich Präsident der Handwerkskammer Halle ist. Allein in seinem Kammerbezirk seien 500 Ausbildungsplätze leer geblieben. Nächstes Lehrjahr könnten Studienabbrecher vielleicht ein paar Lücken füllen.

Doch wäre es nicht klüger, die Abiturienten schon direkt am Gymnasium anzuwerben? Keindorf stimmt zu. Einige Gymnasien seien für die Beratung zu Handwerksberufen aufgeschlossen: "Aber es gibt auch leider Leiter von Gymnasien, die sagen: Unsere Schüler machen Abitur und ich will sie auf eine akademische Ausbildung vorbereiten. Da wird wenig Interesse gezeigt, dass das Handwerk oder die Wirtschaft sich in den Gymnasien vorstellen können", erzählt Keindorf.

So setzt die Kammer weiterhin aufs Anwerben vorm Hörsaal. Schornsteinfeger-Lehrling Jonas Groth ist froh über seinen Wechsel. Nach Lehre und Meisterprüfung will er seinen eigenen Kehrbezirk übernehmen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 20. Oktober 2021 | 06:13 Uhr

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