Hilfe im Corona-Winter Ein Obdachloser aus Halle erzählt seine Geschichte

Paula Kautz
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Klirrende Kälte bei minus 15 Grad – Temperaturen zum Zuhausebleiben. Aber was ist mit denen, die gar kein Zuhause haben? Für Obdach- und Wohnungslose kommt neben der Corona-Pandemie noch ein besonders strenger Winter dazu. Eine Anlaufstelle für Obdachlose und Bedürftige ist die Bahnhofsmission in Halle.

Ein Mann und eine Frau in der Bahnhofsmission in Halle
Jeden Tag kommt Alfred Fechter zur Bahnhofsmission in Halle, um sich aufzuwärmen und zu frühstücken. Bildrechte: MDR/MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE

Mit zwei großen Beuteln über den Schultern klopft Alfred Fechter vormittags an die Tür der Bahnhofsmission in Halle. Leiterin Heike Müller öffnet und begrüßt ihn mit Namen. Sie kennen sich schon seit mehr als drei Jahren. Routiniert greift Alfred Fechter am Waschbecken neben dem Eingang zur Flüssigseife und wäscht sich gründlich die Hände, die blaue OP-Maske bedeckt seinen Mund und seine Nase. Dann läuft er zu einem Holztisch in der Ecke, an dem nur ein Stuhl steht. Sein Stammplatz.

Zehn Minuten zum Essen und Aufwärmen müssen reichen

Seit Corona, also seit gut einem Jahr, sind die Plätze in den Räumen der Bahnhofsmission begrenzt. Maximal vier Personen dürfen sich zeitgleich darin aufhalten. Auch die Öffnungszeiten sind kürzer: Täglich von 8:30 bis 13:00 Uhr können sich Bedürftige ein Lunchpaket und warme Getränke holen. Heike Müller bringt Alfred Fechter sein Essen und stellt es ihm auf den Tisch: Belegte Brote, frisches Gemüse und Kirschkompott. Dazu Kaffee mit Milch, wie er ihn immer trinkt.

Nur zehn Minuten hat Fechter Zeit für sein Frühstück – eine Corona-Vorschrift. Gehetzt wirkt der 55-Jährige aber nicht. "Frau Müller, was ich Ihnen noch sagen wollte", sagt er und zeigt auf seine neue rote Fleece-Jacke, "für die Sachen und alles bin ich … ", dann versagt ihm die Stimme. Er vergräbt sein Gesicht in den Händen und schnieft leise. Heike Müller geht einen Schritt auf ihn zu. Man sieht ihr an, dass sie den Impuls unterdrücken muss, Fechter am Arm zu streicheln. Die aktuelle Situation verbietet es. "Ist gut, Herr Fechter“, beschwichtigt sie ihn. "Essen Sie mal."

Zelt unter der Brücke war sein Zuhause

Mehrere Monate hat der gelernte Elektromonteur in einem Zelt gelebt. Doch dann kam das Hochwasser, noch bevor der viele Schnee ein Übernachten im Freien unmöglich machte. Die ehemalige Bleibe steht im Umland von Halle unter einer Zugbrücke. "Das ist meine Wand", sagt Fechter und meint damit einen breiten Träger der Brücke, der mit buntem Graffiti besprüht ist.

Ein Mann mit zwei Beuteln an einer mit Graffiti besprühten Brücke
Ein Leben zwischen den Schutzmauern einer Brücke. Bildrechte: MDR/MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE

An einer Stelle hängen Poster und Aufkleber. Davor steht ein windschiefes Zelt, das im Wasser versumpft. Nasse Schlafsäcke liegen davor und ein weißes Plüschpferd. Auf die Frage, warum er keine Wohnung hat, antwortet Fechter knapp, er habe sie verloren, weil sich die Nachbarn zu oft beschwert hätten. Dann sagt er, dass er in seiner Kindheit missbraucht wurde. Mehr will er dazu nicht sagen. Freunde oder eine Partnerin habe er nicht. Er sei lieber alleine. "Ich hab' meine Meinung", sagt Fechter mit Nachdruck.

Corona setzt psychisch zu

Heike Müller
Heike Müller, Mitarbeiterin der Bahnhofsmission in Halle Bildrechte: MDR/MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE

Die Mitarbeitenden der Bahnhofsmission kennen ihre Gäste meistens gut. Bei Alfred Fechter haben sie beobachtet, dass er im vergangenen Corona-Jahr psychisch abgebaut hat. Heike Müller fügt hinzu, dass er einen Betreuer habe. Fechter habe "Ticks", die es für sein Umfeld schwierig machten. Er sei ein Einzelgänger. Offenbar will Alfred Fechter deshalb auch nicht mit anderen in einem Zimmer im Notquartier für Obdachlose schlafen. Fechter erzählt, dass er sich nun jeden Abend eine neue Bleibe suche. Zuletzt habe er sich nachts im Vorraum einer Bankfiliale aufgehalten – und sei dann rausgeworfen worden.

Essen zum Mitnehmen und frische Masken

Bevor Fechter die Bahnhofsmission wieder verlassen muss, bringt ihm Heike Müller eine kleine Plastiktüte. Dort kann er die restlichen belegten Brote hineintun. Außerdem bekommt er eine Flasche Wasser und eine neue OP-Maske. Mehrfach bedankt er sich bei der Leiterin. Seit Corona seien die Menschen noch dankbarer geworden, stellt Müller fest. Für den Winter ist die Bahnhofsmission gewappnet: Dicke Wintersachen und Schlafsäcke stehen zur Abholung bereit. Dann begleitet Müller Alfred Fechter zur Tür: "Bis morgen", sagt sie. "Bis morgen", sagt Fechter leise und geht mit seinen zwei Plastikbeuteln bepackt wieder auf den Bahnhofsvorplatz. Wo sein nächstes Ziel ist, weiß er noch nicht.

So wird Obdachlosen in Halle geholfen

Die Stadt Halle stellt für Obdachlose mehr Möglichkeiten bereit, sich aufzuwärmen. Wie MDR SACHSEN-ANHALT erfuhr, dürfen sich Obdachlose beim Haus der Wohnungshilfe im Böllberger Weg länger aufhalten. Normalerweise müssen sie die Notunterkunft morgens verlassen. Wegen der niedrigen Temperaturen dürfen sich die Frauen und Männer nun aber auch tagsüber aufwärmen und bekommen heiße Getränke. Außerdem wurden zwei zusätzliche Container mit insgesamt sieben Schlafplätzen aufgestellt.

Auch die Bahnhofsmission in Halle ist auf den kalten Winter eingestellt. Leiterin Heike Müller sagte MDR SACHSEN-ANHALT, es seien noch genügend warme Jacken und Schlafsäcke vorrätig, die sich Bedürftige kostenlos abholen könnten. Jeden Tag packt die Bahnhofsmission bis zu 50 Lunchpakete. Denn in den Räumen der Mission selbst dürfen sich wegen der Corona-Pandemie nur maximal vier Personen zeitgleich aufhalten. Müller stellt sich darauf ein, dass in den kommenden Tagen noch mehr Verpflegung ausgegeben wird.

Nach Informationen von MDR SACHSEN-ANHALT gibt es im Haus der Wohnungshilfe in Halle mehr als 130 Schlafplätze für Menschen ohne Dach über dem Kopf.

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Paula Kautz
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über die Autorin Paula Kautz arbeitet seit Sommer 2018 bei MDR SACHSEN-ANHALT für den Hörfunk. Hauptsächlich ist sie in der Nachrichten-Redaktion und auch für das Regionalstudio in Halle tätig. Bevor die gebürtige Hallenserin zum MDR kam, machte sie Abstecher nach Barcelona und das Allgäu. Während ihres Journalistik-Studiums an der Universität Leipzig arbeitete sie für das Lokalradio mephisto 97.6 und absolvierte unter anderem Praktika bei der Deutschen Presseagentur und dem MDR. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt ist das Bodetal im Harz.

MDR/Olga Patlan

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 09. Februar 2021 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

ossi1231 vor 42 Wochen

Aber wird nicht gesagt #WirHabenPlatz ???

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